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Die Saat des goldenen Löwen. Das Lied von Eis und Feuer 04

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Die Saat des goldenen Löwen. Das Lied von Eis und Feuer 04 von George RR Martin.
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Catelyn bemerkte es nicht, als der Gesang irgendwann endete. Stunden waren vergangen, und doch erschienen sie ihr wie ein Herzschlag, da stand Brienne schon an der Tür. »Mylady«, verkündete sie leise, »es ist Mitternacht.«

Es ist Mitternacht, Vater, dachte sie, und ich muss meine Pflicht tun. Sie ließ seine Hand los.

Der Kerkermeister war ein verstohlener Mann mit aufgeplatzten Äderchen an der Nase. Er saß über einen Krug Bier gebeugt vor den Resten einer gebratenen Taube und war ziemlich betrunken, beäugte sie jedoch misstrauisch. »Bitte um Verzeihung, Mylady, aber Lord Edmure hat befohlen, niemand dürfe den Königsmörder ohne schriftliche Erlaubnis von ihm besuchen, und zwar mit Brief und Siegel.«

»Lord Edmure? Ist denn mein Vater bereits gestorben, und niemand hat es mir mitgeteilt?«

Der Kerkermeister leckte sich die Lippen. »Nein, Mylady, nicht dass ich wüsste.«

»Öffne mir die Zelle, oder du kommst mit hinauf in Lord Hosters Solar und wirst ihm erklären, wieso du dich mir widersetzt hast.«

Er senkte den Blick. »Wie Mylady wünschen.« Die Schlüssel waren an den metallbeschlagenen Ledergürtel gekettet, den er um den Bauch trug. Murmelnd suchte er nach dem richtigen zur Zelle des Königsmörders.

»Geh zurück zu deinem Bier und lass uns allein«, befahl Catelyn. Von einem Haken in der niedrigen Decke hing eine Öllampe. Catelyn nahm sie herunter und drehte die Flamme hoch. »Brienne, sorgt dafür, dass ich nicht gestört werde.«

Brienne nickte, stellte sich vor der Zelle auf und legte die Hand auf das Heft ihres Schwertes. »Mylady braucht nur zu rufen, wenn sie mich braucht.«

Catelyn drückte die schwere Tür aus Holz und Eisen mit der Schulter auf und trat in die faulige Dunkelheit. Dies hier waren die Eingeweide von Schnellwasser, und so roch es auch. Altes Stroh knisterte unter den Füßen. Die Wände waren von Salpeter verfärbt. Durch den Stein hörte sie das ferne Rauschen des Trommelsteins. Das Licht der Lampe zeigte in einer Ecke einen Eimer, der von Unrat überlief, und eine zusammengesunkene Gestalt in der anderen. Der Krug mit Wein stand unberührt auf dem Boden neben der Tür. So viel zu diesem Plan. Ich sollte dankbar sein, dass der Kerkermeister ihn nicht selbst getrunken hat.

Jaime hob die Hände und verbarg sein Gesicht. Die Ketten um seine Handgelenke klirrten. »Lady Stark«, sagte er mit einer Stimme, die heiser war, da sie so lange nicht benutzt worden war, »ich befinde mich leider nicht im passenden Zustand, um Euch zu empfangen.«

»Seht mich an, Ser.«

»Das Licht schmerzt in meinen Augen. Einen Moment bitte.« Jaime Lennister war seit der Nacht, in der man ihn im Wisperwald gefangen hatte, keine Rasur mehr gestattet worden, und ein verfilzter Bart bedeckte das Gesicht, das einst dem der Königin so sehr geähnelt hatte. Im Lampenlicht leuchteten die Barthaare golden und gaben ihm etwas von einem großen gelben Tier, das selbst in Ketten noch Erhabenheit ausstrahlte. Sein ungewaschenes Haar fiel strähnig und wirr auf die Schultern, die Kleidung verfaulte ihm am Körper, sein Gesicht war bleich ausgezehrt … und trotzdem waren die Kraft und die Schönheit dieses Mannes unverkennbar.

»Offensichtlich habt Ihr keinen Geschmack an dem Wein gefunden, den ich Euch geschickt habe.«

»Solch plötzliche Großzügigkeit erschien mir verdächtig.«

»Ich kann Euch jederzeit den Kopf abschlagen lassen. Warum sollte ich Euch vergiften?«

»Der Tod durch Gift kann wie ein natürlicher Tod aussehen. Schwieriger beweisen ließe sich die Behauptung, mein Kopf wäre mir unvermittelt vom Hals gefallen.« Er blinzelte vom Boden zu ihr hinauf, und seine katzengrünen Augen gewöhnten sich langsam ans Licht. »Ich würde Euch bitten, Platz zu nehmen, doch Euer Bruder hat es leider abgelehnt, mir einen Stuhl zu bringen.«

»Ich kann sehr wohl stehen.«

»Könnt Ihr das? Ihr seht schlecht aus, muss ich sagen. Obwohl das vielleicht nur an dem Licht hier unten liegt.« Er war an Handgelenken und Knöcheln gefesselt, und jede Schelle war mit den anderen verbunden, sodass er weder bequem stehen noch liegen konnte. Die Knöchelketten waren an der Wand befestigt. »Genügt Euch das Gewicht meiner Armbänder, oder seid Ihr gekommen, um weitere hinzuzufügen? Ich kann hübsch damit rasseln, wenn Ihr mögt.«

»Ihr habt Euch das selbst zuzuschreiben«, erinnerte sie ihn. »Wir haben Euch die Bequemlichkeit einer Zelle im Turm gewährt, wie es Eurer Geburt und Eurem Stand entspricht. Das habt Ihr uns mit einem Fluchtversuch vergolten.«

»Eine Zelle ist eine Zelle. Gegenüber mancher unter Casterlystein erscheint diese wie ein Garten im Sonnenlicht. Eines Tages werde ich sie Euch vielleicht zeigen.«

Falls er eingeschüchtert ist, verbirgt er es gut, dachte Catelyn. »Ein Mann, der an Händen und Füßen gefesselt ist, sollte einen höflicheren Ton anschlagen, Ser. Ich bin nicht gekommen, um mich bedrohen zu lassen.«

»Nein? Dann sicherlich, um Euch mit mir zu vergnügen? Es heißt, Witwen werden ihrer leeren Betten schnell müde. Wir von der Königsgarde schwören, niemals zu heiraten, aber ich denke, mit dem, was Ihr braucht, kann ich dennoch dienen. Schenkt uns etwas Wein ein und legt dieses Kleid ab, dann werden wir sehen, ob ich dazu noch im Stande bin.«

Catelyn starrte angewidert auf ihn hinunter. Hat es jemals zuvor einen so wunderschönen und gleichzeitig so abstoßenden Mann gegeben? »Wenn Ihr das in Gegenwart meines Sohnes sagt, wird er Euch dafür töten.«

»Nur solange ich die hier trage.« Jaime Lennister rasselte mit seinen Ketten. »Wir wissen doch beide, dass Euer Sohn sich fürchtet, sich mir im Zweikampf zu stellen.«

»Mein Sohn ist vielleicht noch jung, solltet Ihr ihn allerdings für einen Narren halten, so habt Ihr Euch sehr geirrt … und mich dünkt, Ihr wart nicht so schnell mit solchen Herausforderungen bei der Hand, als Ihr eine Armee hinter Euch wusstet.«

»Haben sich die alten Könige des Winters auch hinter den Röcken ihrer Mütter versteckt?«

»Langsam ermüdet mich dies Gerede, Ser. Es gibt einige Dinge, die ich wissen muss.«

»Warum sollte ich Euch irgendetwas sagen?«

»Um Euer Leben zu retten.«

»Glaubt Ihr, ich fürchte den Tod?« Das amüsierte ihn.

»Besser wäre es. Eure Verbrechen werden Euch einen Platz in der tiefsten der Sieben Höllen einbringen, wenn die Götter Gerechtigkeit kennen.«

»Welche Götter meint Ihr, Lady Catelyn? Die Bäume, die Euer Gemahl angebetet hat? Wie gut haben sie ihm gedient, als meine Schwester ihm den Kopf abschlagen ließ?« Jaime kicherte. »Falls es Götter gibt, warum ist die Welt dann so voller Leid und Ungerechtigkeit?«

»Weil es Menschen wie Euch gibt.«

»Es gibt keine Menschen wie mich. Es gibt nur mich.«

Nichts als Arroganz und Stolz und der hohle Mut eines Verrückten. Mit ihm verschwende ich nur meine Zeit. Wenn er je einen Funken Ehre besessen hat, ist er längst erloschen. »Da Ihr Euch nicht mit mir unterhalten wollt, mag es so sein. Trinkt den Wein oder pisst hinein, mir ist es gleichgültig.«

Ihre Hand lag bereits auf dem Türgriff, da sagte er: »Lady Stark.« Sie drehte sich um und wartete. »In diesem feuchten Loch rostet wohl alles ein, selbst mein gutes Benehmen. Bleibt, und Ihr werdet Eure Antworten bekommen … zu einem Preis.«

Er besitzt keinerlei Schamgefühl. »Gefangene haben keine Preise zu verlangen.«

»Oh, meiner wird sehr bescheiden sein. Euer Kerkermeister erzählt mir nur gemeine Lügen, und noch dazu lügt er schlecht. Einmal sagt er, Cersei sei bei lebendigem Leib gehäutet worden, am nächsten Tag ist es mein Vater. Beantwortet meine Fragen, dann werde ich das Gleiche mit Euren tun.«

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