Der Medicus
- Автор: Гордон Ной
- Год: 1990
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
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Der Medicus
Roman
Titel der Originalausgabe »The Physician«
Copyright © 1986 by Noah Gordon
Aus dem Amerikanische übersetzt
Von Willy Thaler
Eine Stunde später kehrte der Schah huldvoll lächelnd zurück. Khuff verließ das dritte Tor, gab ein unauffälliges Zeichen, und das Festmahl konnte beginnen.
Die schönsten weißen Teller wurden auf Brokatdecken gestellt. Vier verschiedene Brotarten und acht verschiedene pilaws wurden gebracht, letztere in so großen Silberschüsseln, daß eine einzige für alle Gäste gereicht hätte. Der Reis besaß in jeder Schüssel eine andere Farbe und ein anderes Aroma, je nachdem er mit Safran, Zucker, Pfeffer, Zimt, Gewürznelken, Rhabarber, Granatapfelsaft oder Zitronensaft zubereitet worden war. Auf vier riesigen Tranchierbrettern lagen jeweils zwölf Hühner, auf zweien geschmorte Antilopenlenden, auf einem war auf dem Rost gebratenes Schaffleisch angehäuft, und vier weitere hatte man mit ganzen Lämmern beladen, die auf dem Spieß zart, saftig und knusprig gebraten worden waren. Bader, Bader, wie schade, daß du nicht hier sein kannst! dachte Rob. Für jemanden, der von einem solchen Meisterkoch gelernt hatte, schmackhafte Speisen zu würdigen, hatte Rob in den letzten Monaten viel zu oft nur hastig spartanische Mahlzeiten zu sich genommen, um sich dem Studieren widmen zu können. Jetzt seufzte er und kostete alles mit Lust und Liebe.
Als die langen Schatten m Dämmerung übergingen, befestigten die Sklaven große Fackeln auf dem Rückenpanzer lebender Schildkröten und zündeten sie an. Vier übergroße Kessel wurden aus der Küche auf Stangen herangeschleppt. Einer war angefüllt mit Hühnereiern, die zu einer Creme geschlagen worden waren, einer enthielt eine nahrhafte klare Suppe mit Krautern, einer war mit kleingehacktem Fleisch gefüllt, das mit scharfen Gewürzen versehen worden war, und der letzte enthielt dicke Scheiben von gebratenem Fisch, den Rob zwar nicht kannte, dessen Fleisch aber weiß und locker war und so köstlich schmeckte wie Forelle.
Aus der Dämmerung wurde Dunkelheit. Nachtvögel schrien. Sonst hörte man nur leises Gemurmel, Rülpsen sowie das Zerreißen und Kauen von Speisen. Denn sie aßen noch immer. Es gab eine Platte mit Wintersalat, in Lake eingelegtes Wurzelgemüse und eine Schüssel Sommersalat, darunter römischer Lattich und bitteres, scharfes Grünzeug, das er noch nie gekostet hatte. Ein tiefer Suppennapf wurde vor jeden gestellt und mit süß-saurem Scherbett gefüllt. Nun trugen Diener Ziegenschläuche mit Wein und Becher herbei sowie Teller mit Bäckereien, Honignüssen und gesalzene Pistazien.
Rob saß allein und trank den guten Wein. Er sprach nicht, noch wendete sich jemand an ihn, er beobachtete und lauschte mit der gleichen Neugierde, mit der er das Essen gekostet hatte. Sobald die Ziegenschläuche geleert waren, wurden volle gebracht; der Vorrat aus dem Lagerhaus des Schahs war unerschöpflich. Gäste standen auf und entfernten sich, um sich zu erleichtern oder zu erbrechen. Einige waren vom Trinken blöd und schlapp.
Schließlich wurde dem Schah übel. Dann verlor er das Bewußtsein und wurde zu seinem Wagen getragen.
Danach schlich sich Rob davon. Es schien kein Mond, und der Weg vom Besitz Rotun ben Nasrs zurück zur Stadt war schwer zu finden. Aus tiefem, erbittertem Ungehorsam ging Rob auf der für den Schah reservierten Straßenseite und blieb einmal stehen, um langsam und voll Befriedigung auf die ausgestreuten Blumen zu pissen. Mitten in Isfahan hielt Rob an und setzte sich auf die niedrige Mauer. Er betrachtete diese seltsamste aller Städte, in der der Qu'ran alles verbot und die Menschen doch alles begingen. Ein Mann durfte bis zu vier Frauen haben, aber die meisten Männer waren bereit, ihr Leben aufs Spiel zu setzen, um mit fremden Frauen zu schlafen, während Alä Shahansha offen herumhurte, mit wem immer es ihm gefiel. Der Prophet hatte das Trinken von Wein als Sünde verboten, doch das gesamte Volk verlangte nach Wein, ein großer Teil der Bevölkerung trank übermäßig, und der Schah besaß ein riesiges Lagerhaus mit den erlesensten Jahrgängen.
Rob dachte über dieses Rätsel, das Persien hieß, nach, und als der Muezzin vom Minarett der Freitagsmoschee rief, ging er auf unsicheren Beinen unter einem perlgrauen Himmel nach Hause.
Die Abordnung
Ibn Sina war daran gewöhnt, daß der fromme Imam Qandrasseh Verderben prophezeite. Er konnte den Schah nicht beeinflussen, hatte aber seine Ratgeber mit zunehmender Schärfe darauf hingewiesen, daß Weintrinken und Unzucht die Vergeltung durch eine Macht, die über dem Thron stehe, bringen würden. Zu diesem Zweck hatte der Großwesir Nachrichten aus dem Ausland gesammelt und Beweise dafür vorgelegt, daß Allah - allmächtig ist Er! - auf der ganzen Erde die Sünder bestrafte.
Das schlimmste Anzeichen für Allahs Mißfallen kam von den königlichen Astrologen, die mit großer Sorge berichteten, daß es innerhalb von zwei Monaten zu einer Konjunktion der drei bedeutendsten Planeten, Saturn, Jupiter und Mars, im Zeichen des Wassermanns kommen würde. Sie stritten über das genaue Datum des Ereignisses, waren sich aber über seine Bedeutung einig. Selbst Ibn Sina hörte sich die Neuigkeit ernst an, denn er wußte, daß schon Ptolemaios über die von der Konjunktion des Mars und des Jupiter ausgehende Bedrohung geschrieben hatte.
Es war also alles längst vorherbestimmt, als Qandrasseh an einem strahlenden Morgen Ibn Sina kommen ließ und ihm mitteilte, daß in Schiras, der größten Stadt im Gebiet von Anshan, eine Seuche ausgebrochen sei.
»Welche Seuche?«
»Der Schwarze Tod«, antwortete der Imam.
Ibn Sina wurde blaß, hoffte aber, daß der Imam unrecht hatte, denn der Schwarze Tod hatte Persien schon dreihundert Jahre lang verschont. Aber sein Verstand befaßte sich sofort mit dem Problem. »Man muß sofort Soldaten auf der Gewürzstraße hinunter beordern, um alle Karawanen und Reisenden, die vom Süden kommen, zurückzuschik-ken. Und wir müssen eine Abordnung von Medizinern nach Anshan entsenden.«
»Wir bekommen nicht gerade viel Steuern aus Anshan«, gab der Imam zu bedenken, aber Ibn Sina schüttelte den Kopf. »Es liegt in unserem eigenen Interesse, die Krankheit einzudämmen, denn der Schwarze Tod schreitet schnell von einem Ort zum anderen fort.«
Während Ibn Sina in sein Haus zurückkehrte, beschloß er, keine Abordnung von Kollegen zu schicken, denn falls die Pest nach Isfahan kam, würden die Ärzte hier benötigt werden. Er wollte statt dessen nur einen Arzt und eine Gruppe von Studenten aussuchen. Die Notlage sollte benutzt werden, um die Besten und Stärksten zu erproben und abzuhärten. Nach kurzer Überlegung nahm Ibn Sina Feder, Tinte und Papier und schrieb: Hakim Fadil Ibn Parviz, Leiter Suleiman-al-Gamal, Student im dritten Jahr Jesse ben Benjamin, Student im ersten Jahr Mirdin Askari, Student im zweiten Jahr
Die Gruppe sollte aber auch einige der schwächsten Kandidaten der Schule enthalten, um diesen eine einmalige, von Allah gesandte Gelegenheit zu geben, ihre ungünstigen Lernergebmse vergessen zu lassen und doch noch Ärzte zu werden. Zu diesem Zweck fügte er der Liste folgende Namen hinzu: Omar Nivahend, Student im dritten Jahr Abbas Sefi, Student im dritten Jahr Ali Rashid, Student im ersten Jahr Karim Harun, Student im siebenten Jahr
Als die acht jungen Menschen versammelt waren und der Arzt aller Ärzte ihnen mitteilte, daß er sie nach Ashan schicken wolle, um die Pest zu bekämpfen, konnten sie weder ihm noch einander in die Augen sehen; es war eine Art von Verlegenheit.
»Jeder von euch muß Waffen tragen«, befahl Ibn Sina, »denn wir können unmöglich voraussehen, wie sich die Menschen verhalten werden, wenn dort die Pest ausgebrochen ist.« Ali Rashid stieß einen langen, bebenden Seufzer aus. Er war sechzehn Jahre alt, ein Junge mit runden Wangen und sanften Augen, der so viel Heimweh nach seiner Familie in Hamadhän hatte, daß er Tag und Nacht weinte und sich seinem Studium nicht widmen konnte. Rob zwang sich, sich auf die Worte Ibn Sinas zu konzentrieren: »... Wir können euch nicht sagen, wie ihr die Seuche bekämpfen sollt, denn zu unseren Lebzeiten ist sie nicht aufgetreten. Aber wir besitzen ein Buch, das Ärzte, die Seuchen an verschiedenen Orten überlebt haben, vor drei Jahrhunderten zusammengestellt haben.