Der Medicus
- Автор: Гордон Ной
- Год: 1990
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
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Der Medicus
Roman
Titel der Originalausgabe »The Physician«
Copyright © 1986 by Noah Gordon
Aus dem Amerikanische übersetzt
Von Willy Thaler
»Alle vierundsechzig sind abgebildet, Herr«, warb der Buchhändler. Rob hatte nicht die geringste Ahnung, was mit den vierundsechzig gemeint war. Er wußte nur, daß es gegen das Gesetz des Islam war, Bilder von der menschlichen Gestalt zu verkaufen oder zu besitzen, denn der Qu'ran besagte, daß Allah - Er sei gepriesen! - der einzige Schöpfer des Lebens war. Aber das Buch fesselte Rob, und er kaufte es. An einem Getränkestand wurde ihm von einem weibischen Kellner ein Lustknabe angeboten. Er winkte aber lieber einer gut instandgehaltenen Kutsche, auf deren Tür eine Lilie gemalt war. Drinnen war es dunkel. Eine Frau wartete, bis die Maultiere die Kutsche in Bewegung setzten, bevor sie sich regte.
Bald sah er sie so gut, um erkennen zu können, daß der füllige Körper gut auch ihn zur Welt gebracht haben könnte. Während des Aktes fand er sie angenehm, denn sie war eine ehrliche Hure; sie täuschte keine Leidenschaft oder angebliches Vergnügen vor, sondern betreute ihn sanft und geschickt. Nachher zog die Frau an einer Schnur, um dem Zuhälter auf dem Kutschbock die Beendigung des Beischlafs anzuzeigen, worauf dieser die Maultiere zügelte.
»Bring mich nach der Jehuddijeh«, rief Rob. »Ich werde die Zeit bezahlen.«
Sie lagen bequem in der schwankenden Kutsche. »Wie heißt du?« fragte er.
»Lorna.« Sie war erfahren genug, um nicht nach seinem Namen zu fragen.
»Ich bin Jesse ben Benjamin.«
»Sei gegrüßt, Dbimmi!« Sie berührte schüchtern die angespannten Muskeln in seinen Schultern. »Warum sind sie wie Seilknoten? Wovor hast du Angst, ein großer junger Mann wie du?«
»Ich fürchte, ich bin ein Ochse, wenn ich ein Fuchs sein müßte.« Er erwiderte ihr Lächeln.
»Du bist kein Ochse, das habe ich gemerkt«, antwortete sie trocken.
»Was machst du hier?«
»Ich studiere am maristan, um Medicus zu werden.«
»Ah. Wie der Arzt aller Ärzte. Meine Kusine ist Köchin bei seiner ersten Frau, seit er in Isfahan weilt.«
»Kennst du den Namen seiner Tochter?« fragte er.
»Es gibt keine Tochter, Ibn Sina hat keine Kinder. Er hat zwei Frauen, Reza, die Fromme, die alt und krank ist, und Despina, die Häßliche, die aber jung und schön ist, aber Allah - Er sei gepriesen! - hat keine von beiden mit Nachkommen gesegnet.«
»Ich verstehe.«
Er nahm sie noch einmal gemächlich, bevor die Kutsche in der Jehuddijeh ankam. Dann dirigierte er den Kutscher bis zu seiner Tür und bezahlte gut dafür, daß er dank dieser Frau wieder fähig war, hineinzugehen, seine Lampe anzuzünden und sich seinen besten Freunden und schlimmsten Feinden, den Büchern, zu stellen.
Die Belustigung des Schahs
Er befand sich in einer großen Stadt inmitten von Menschen, lebte aber dennoch einsam. Jeden Morgen kam er mit den anderen Studenten
zusammen, und jeden Abend verließ er sie wieder. Er wußte, daß Karim, Abbas und noch einige in Zellen innerhalb der madrassa untergebracht waren, und er nahm an, daß Mirdin Askari und die anderen jüdischen Studenten irgendwo in der Jehuddijeh wohnten, aber er hatte keine Ahnung, wie ihr Leben außerhalb der Schule und des Krankenhauses verlief. Vermutlich weitgehend wie das seine, ausgefüllt mit Lesen und Lernen. Er war zu beschäftigt, um sich seiner Einsamkeit bewußt zu werden.
Nur zwölf Wochen lang blieb Rob damit betreut, neue Patienten ins Krankenhaus aufzunehmen, dann wurde ihm eine Aufgabe zugeteilt, die er haßte: Die diensttuenden Studenten waren abwechselnd an den Tagen, an denen vom kelonter Urteile vollstreckt wurden, ans islamischen Gericht befohlen.
Robs Magen revoltierte, als er zum erstenmal ins Gefängnis zurückkam und an den carcans vorbeiging. Ein Wächter führte ihn zu einem Verlies, in dem sich ein Mann stöhnend hin und her warf. An der Stelle, an der sich die rechte Hand des Gefangenen befinden sollte, war ein grober, blauer Lappen mit einer Hanfschnur an den Stumpf gebunden, über dem der Unterarm schrecklich angeschwollen war. »Kannst du mich hören? Ich heiße Jesse.« »Ja, Herr«, murmelte der Mann. »Wie heißt du?« »Ich bin Djahel.«
»Wie lange ist es her, seit sie dir die Hand abgeschlagen haben?« Der Mann schüttelte verwirrt den Kopf. »Zwei Wochen«, antwortete der Wächter an seiner Statt. Rob nahm den Lappen ab und fand eine Einlage aus Pferdemist. Als Baderchirurg hatte er oft gesehen, daß Mist auf diese Weise verwendet wurde, aber er wußte, daß dies selten vorteilhaft und meist schädlich war. Er warf die Einlage weg.
Der Unterarm war hinter der Amputationsstelle mit einer weiteren Hanfschnur abgebunden. Infolge der Schwellung hatte sich die Schnur in das Gewebe eingeschnitten, und der Arm begann bereits schwarz zu werden.
Rob schnitt die Schnur durch und wusch den Stumpf langsam und sorgfältig. Er rieb ihn mit einer Mischung aus Sandelholz und Rosenwasser ein, bedeckte ihn anstelle des Mistes mit Kampfer, so daß Djahel zwar stöhnte, aber Erleichterung empfand.
Das war aber auch schon der beste Teil dieses Tages, denn er wurde von den Verliesen zum Gefängnishof geführt, wo die Bestrafungen begannen.
Sie spielten sich genauso ab, wie er sie während seiner Gefangenschaft hier erlebt hatte, nur daß er, während er im carcan gehangen hatte, sich in Bewußtlosigkeit hatte flüchten können. Jetzt stand er starr zwischen den mullahs, die Gebete sangen, während ein muskulöser Wächter ein übergroßes Krummschwert hob. Der Gefangene, ein Mann mit aschgrauem Gesicht, der wegen Anstiftung zum Verrat und Aufruhr verurteilt worden war, wurde gezwungen, niederzuknien und die Wange auf den Block zu legen.
»Ich liebe den Schah! Ich küsse seine geheiligten Füße!« schrie der kniende Mann in einem vergeblichen Versuch, das Urteil abzuwenden, doch niemand antwortete ihm, und das Schwert sauste herab. Der Schlag war sauber geführt, und der Kopf mit den vor Angst und Qual hervorquellenden Augen rollte bis vor einen carcan.
Die sterblichen Überreste des Hingerichteten wurden fortgeschafft, dann wurde einem jungen Mann, der mit der Frau eines anderen ertappt worden war, der Bauch aufgeschlitzt. Diesmal benutzte der Scharfrichter einen langen, schlanken Dolch, mit dem er den Bauch von links nach rechts aufschnitt, so daß die Gedärme des Ehebrechers rasch herausquollen.
Zum Glück gab es keine Mörder, die gestreckt, gevierteilt und dann ausgelegt worden wären, um von Hunden und Aasgeiern gefressen zu werden.
Ein Dieb, der noch sehr jung war, beschmutzte sich vor Angst und Schmerz, als ihm die Hand abgeschlagen wurde. Es stand zwar ein Krug mit heißem Pech bereit, aber Rob brauchte ihn nicht, denn die Wucht des Schwertschlages verschloß den Stumpf, den Rob nur waschen und verbinden mußte.
Bei einer dicken, weinenden Frau war die Arbeit unangenehmer. Sie war verurteilt worden, weil sie sich zum zweitenmal über den Qu'ran lustig gemacht hatte, und ihr wurde die Zunge herausgeschnitten. Das rote Blut spritzte hervor, während sie heiser und wortlos schrie, bis es Rob gelang, die Blutgefäße abzuklemmen.
Ein wilder Haß auf die mohammedanische Justiz und Qandrassehs Gerichtshof begann sich in ihm zu regen.
»Das ist eines eurer wichtigsten Werkzeuge«, erklärte Ibn Sina den Medizinstudenten feierlich. Er hielt ein Uringlas hoch, das seit den Römern matula genannt wurde. Es war glockenförmig und hatte einen breiten, gebogenen Rand, um den Urin aufzufangen. Ibn Sina hatte einem Glasbläser beigebracht, die matulae für seine Ärzte und Studenten herzustellen.
Rob wußte längst, daß etwas nicht stimmte, wenn der Urin Blut oder Eiter enthielt, Ibn Sina aber hatte bereits zwei Wochen lang nur über den Urin vorgetragen.
War er dünn oder ölig? Die feinen Abstufungen des Geruchs wurden beurteilt und besprochen. Wies süßlicher Duft auf Zucker hin? Oder kreidiger Geruch auf das Vorhandensein von Steinen? Roch er infolge einer verzehrenden Krankheit säuerlich? Oder scharf nach Gras, weil jemand Spargel gegessen hatte? Floß der Harn reichlich, bedeutete das, daß der Körper die Krankheit hinausschwemmte. Floß er spärlich, konnte das bedeuten, daß inneres Fieber die Säfte des Organismus austrocknete.