Der Medicus
- Автор: Гордон Ной
- Год: 1990
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
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Der Medicus
Roman
Titel der Originalausgabe »The Physician«
Copyright © 1986 by Noah Gordon
Aus dem Amerikanische übersetzt
Von Willy Thaler
Ihre zunehmende Vertrautheit war angenehm, und auch der lange Ritt wäre erfreulicher gewesen, wenn ihnen der hakim Fadil nicht während der Ruhepausen immer wieder aus dem Pestbuch vorgelesen hätte, das Ibn Sina ihm anvertraut hatte. Das Buch enthielt Hunderte von Vorschlägen, und die verschiedenen Kapazitäten behaupteten alle, sie wüßten, wie man die Seuche bekämpft.
Schließlich kamen sie überein, die von ihrem Lehrer vorgeschlagene Lebensweise zu befolgen und alle anderen Ratschläge zu vergessen. Während einer Rast am achten Tag las Fadil aus dem Buch vor, daß von fünf Ärzten, die den Schwarzen Tod während der Seuche in Kairo bekämpft hatten, vier an der Krankheit gestorben waren.
Stille Melancholie herrschte, während sie weiterritten, als hätten sie erfahren, daß ihr Schicksal besiegelt war.
Am nächsten Morgen kamen sie zu einem kleinen Dorf und erfuhren, daß es Nardiz hieß und daß sie den Bezirk Anshan bereits betreten hatten. Die Dorfbewohner behandelten sie voll Respekt, als der hakim Fadil verkündete, daß sie Ärzte aus Isfahan seien, die Alä Shahansha entsandt habe, um den von der Seuche Befallenen zu helfen.
»Bei uns gibt es keine Pest, Hakim«, sagte der Dorfvorsteher dankbar, »aber aus Schiras erreichen uns Gerüchte von Tod und Leiden.« Obwohl sie bei der Weiterreise aufmerksam achtgaben, sahen sie nur gesunde Menschen. In einem Gebirgstal bei Naksh-i-Rustam kamen sie zu großen, in den Fels gehauenen Gräbern. Es waren die Ruhestätten von vier Generationen persischer Könige. Dort, mit dem Blick über das vom Wind gepeitschte Tal, ruhten seit fünfzehnhundert Jahren Darius der Große, Xerxes, Artaxerxes und Darius II.
Seither waren zahllose Kriege, Seuchen und Eroberer gekommen und wieder im Nichts verschwunden. Während die vier Mohammedaner zum zweiten Gebet anhielten, standen Rob und Mirdin bewundernd vor einem der Gräber und lasen die Inschrift:
ICH BIN XERXES DER GROSSE KÖNIG, DER KÖNIG DER KÖNIGE, DER KÖNIG ÜBER LÄNDER
UND VIELE VÖLKER, DER KÖNIG DES GROSSEN WELTALLS, DER SOHN VON DARIUS, DEM
ACHAEMENIDEN.
Schließlich kamen sie zu einem schönen Besitz, einem prächtigen Haus inmitten bebauter Felder. Es schien verlassen zu sein, aber sie stiegen trotzdem ab. Nachdem Karim laut und lange geklopft hatte, wurde ein Guckloch in der Mitte der Tür geöffnet, und ein Auge starrte sie an. »Verschwindet!«
»Wir sind eine Abordnung von Ärzten aus Isfahan auf dem Weg nach Schiras«, sagte Karim.
»Ich bin Ishmael, der Kaufmann. Ich kann Euch sagen, daß in Schiras nur mehr wenige Menschen am Leben sind. Vor sieben Wochen kam ein Heer von Seldschuken nach Anshan. Die meisten von uns flohen vor ihnen mit Frauen, Kindern und Tieren in die Mauern von Schiras. Die Seldschuken belagerten uns. Doch da die Pest bereits unter ihnen ausgebrochen war, gaben sie nach wenigen Tagen die Belagerung auf. Aber bevor sie abzogen, schössen sie die Leichen von zwei an der Pest gestorbenen Soldaten mit einem Katapult in die überfüllte Stadt. Sobald sie abgezogen waren, beeilten wir uns, die beiden Leichen aus der Stadt hinauszuschaffen und zu verbrennen, aber es war zu spät. Der Schwarze Tod trat unter uns.«
Erst jetzt fand der hakim Fadil die Sprache wieder. »Ist es eine schreckliche Seuche?«
»Man kann sich nichts Schlimmeres vorstellen«, antwortete die Stimme hinter der Tür. »Manche Menschen scheinen gegen die Krankheit unempfindlich zu sein, wie ich es, Allah - dessen Barmherzigkeit überreich ist - sei Dank, war. Aber die meisten, die sich innerhalb der Mauern von Schiras befanden, sind tot oder liegen im Sterben.« »Was ist mit den Ärzten von Schiras?« fragte Rob. »Es gab noch vier Ärzte und zwei Baderchirurgen in der Stadt, alle anderen Nichtsnutzigen waren geflohen, sobald die Seldschuken abzogen. Die beiden Bader und zwei Ärzte halfen den Menschen, bis auch sie starben, und das ging schnell. Ein Arzt lag mit der Krankheit darnieder, und nur ein einziger Arzt war übriggeblieben, um die Kranken zu behandeln, als ich selbst vor zwei Tagen die Stadt verließ.« »Dann scheint es, daß wir in Schiras dringend gebraucht werden«, stellte Karim fest.
»Ich habe ein großes, sauberes Haus«, erzählte der Mann, »in dem es reichlich Vorräte an Lebensrnitteln, Wein, Essig und Limonen gibt. Auch ein großes Lager an Haschisch ist vorhanden, um die Sorgen zu vertreiben. Ich würde euch dieses Haus öffnen, denn es dient meiner Sicherheit, wenn ich Heilkundige einlasse. Später, wenn die Pest abgeklungen ist, können wir zu unserem gemeinsamen Vorteil Schiras aufsuchen. Wer will meine Sicherheit mit mir teilen?« Stille trat ein.
»Ich«, meldete sich Fadil mit heiserer Stimme. »Tut es nicht, Hakim!« ermahnte ihn Rob. »Ihr seid unser Führer und unser einziger Arzt«, sagte Karim. Fadil schien sie nicht zu hören. »Ich komme zu Euch, Kaufmann.« »Ich werde auch hineingehen«, sagte Abbas Sefi. Die beiden Männer glitten von ihren Pferden. Das Geräusch einer schweren Eisenstange, die weggeschoben wurde, war zu hören. Ein blasses, bärtiges Gesicht tauchte auf, als die Tür so weit geöffnet wurde, daß die beiden Männer hineinschlüpfen konnten, dann wurde die Tür zugeschlagen und versperrt.
Die zurückgebliebenen fühlten sich wie Schiffbrüchige auf dem Meer. Karim blickte Rob an. »Vielleicht haben sie recht«, murmelte er. Mirdin sprach kein Wort, sein Gesicht war verstört und ratlos. Der junge Ali war wieder den Tränen nahe.
»Das Pestbuch«, sagte Rob, dem einfiel, daß Fadil es in einer großen Tasche an einem Riemen um den Hals trug.
Er ging zur Tür und hämmerte dagegen. »Hau ab!« rief Fadil. Seine Stimme klang erschrocken; zweifellos hatte er Angst, die Tür zu öffnen, denn dann konnten sie sich auf ihn stürzen.
»Hört mich an, Ihr Scheißkerl!« Rob war wütend. »Wenn wir Ihn Sinas Pestbuch nicht bekommen, werden wir Holz und Reisig anhäufen und an den Mauern dieses Hauses aufschichten. Und ich werde es mit Vergnügen in Brand setzen, Ihr unwürdiger Vertreter Eures Standes!«
Einen Augenblick später hörten sie, wie die Stange nochmals entfernt wurde. Die Tür ging auf, und das Buch flog heraus und fiel zu ihren Füßen m den Staub.
Rob hob es auf und bestieg sein Pferd. Er ritt lange, bis er sich entschloß, sich im Sattel umzudrehen. Mirdin Askari und Karim Harun lagen weit zurück, aber sie kamen ihm nach. Der junge Ali Rashid bildete die Nachhut und führte Fadils Packpferd und Abbas' Maultier mit.
Der Schwarze Tod
Als sie schließlich am dritten Morgen ins Tal nach Schiras hinabritten, sahen sie von weitem Rauch aufsteigen.
Die Näherkommenden trafen auf Männer, die außerhalb der Mauern Leichen verbrannten. Rob sah Dutzende von schwarzen Vögeln, die über dem Paß hinter Schiras schwebten, und nun wußte er, daß sie endlich auf die Seuche gestoßen waren.
Am Tor stand keine Wache, als sie in die Stadt einritten. »Sind die Seldschuken doch in die Stadt eingedrungen?« fragte Karim, denn Schiras wirkte geplündert. Es war eine schön angelegte Stadt aus rosa Stein mit vielen Gärten, aber überall zeigten rohe Stümpfe, wo früher große Bäume Schatten gespendet hatten, und sogar die Rosenbüsche in den Gärten waren ausgerissen worden, um damit die Scheiterhaufen für die Leichenverbrennungen zu unterhalten. Sie ritten durch menschenleere Straßen.
Da trafen sie auf einen Fußgänger. Sie schlössen ihn mit ihren Pferden ein, als er weglaufen wollte, und Rob zog sein Schwert. »Antworte, und wir tun dir nichts zuleide. Wo sind die Ärzte?«
Der Mann schlotterte vor Angst. Er hielt sich ein kleines Päckchen vor Mund und Nase, vermutlich aromatische Krauter. »Beim kelonter«, keuchte er und zeigte die Straße hinunter.