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Der Medicus

Электронная книга - «Der Medicus». Краткое содержание книги:

Noah Gordon
Der Medicus
Roman

Titel der Originalausgabe »The Physician«
Copyright © 1986 by Noah Gordon

Aus dem Amerikanische übersetzt
Von Willy Thaler
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Was die Färbung betraf, lehrte Ibn Sina seine Schüler, den Urin mit dem Blick eines Künstlers für seine Farbpalette zu betrachten. Einundzwanzig Farbabstufungen von fast Farblos über Gelb, dunklen Ocker, Gelbrot und Braun bis zu Schwarz zeigten die verschiedenen Kombinationen von contenta oder unaufgelösten Bestandteilen an. Warum all dieses Getue über Pisse? dachte Rob müde. Laut fragte er: »Warum ist der Urin denn so wichtig?«

Ibn Sina lächelte. »Er kommt aus dein Körperinneren, wo sich wichtige Dinge abspielen.« Der Arzt aller Ärzte las ihnen einen Ausschnitt aus den Schriften Galens vor, in dem es hieß, daß die Nieren die Organe seien, die den Urin absonderten:

Jeder Schlächter weiß das aufgrund der Tatsache, daß er jeden Tag die Lage der Nieren und die der Harnröhre -

Ureter genannt - sieht, die von jeder der beiden Nieren in die Blase führt, und wenn er die Anatomie betrachtet, schließt er daraus, was der Zweck der Nieren ist und welchen Vorgängen diese dienen.

Die Vorlesung brachte Rob in Harnisch. Ärzte sollten sich nicht mit Schlächtern beraten oder anhand von toten Schafen und Schweinen

lernen müssen, wie Menschen gebaut sind. Wenn es so verdammt wichtig war zu wissen, was in den Körpern von Männern und Frauen vorging, warum schauten sie dann nicht in Männer und Frauen hinein? Wenn man Qandrassehs mullahs bei der Paarung oder einer Sauferei fröhlich vergessen konnte, warum wagten dann die Ärzte nicht, sich über die heiligen Männer hinwegzusetzen, um ihr Wissen zu erweitern ? Niemand sprach von ewiger Verstümmelung oder Wiedererweckung der Toten, wenn ein islamischer Gerichtshof einem Gefangenen den Kopf abschnitt oder den Bauch aufschlitzte.

Früh am nächsten Morgen kamen zwei von Khuffs Palastwächtern mit einem von Maultieren gezogenen Wagen in die Jehuddijeh, um Rob abzuholen.

»Seine Majestät wird heute Besuche abstatten, Herr, und fordert Eure Anwesenheit«, meldete einer der Soldaten.

Was jetzt? fragte sich Rob.

»Der Stadthauptmann ersucht Euch um Eile.« Der Soldat räusperte sich verlegen. »Vielleicht wäre es besser, wenn der Herr seine besten Kleider anlegt.«

»Ich trage meine besten Kleider«, erwiderte Rob. Sie ließen ihn hinten im Wagen auf einigen Reissäcken Platz nehmen und hasteten mit ihm davon.

Sie verließen die Stadt in einer wahren Verkehrskolonne, die aus Höflingen zu Pferde und in Sänften bestand.

Dazwischen fuhren die verschiedensten Wagen, die Geräte und Vorräte beförderten. Trotz seines einfachen Gefährts fühlte sich Rob königlich, denn er war noch nie über frisch geschotterte und mit Wasser besprengte Straßen gefahren. Jener Teil der Straße, auf dem, wie die Soldaten erzählten, nur der Schah reiste, war mit Blumen bestreut.

Die Fahrt endete vor dem Haus von Rotun ben Nasr, einem General der Armee. Der entfernte Vetter des Schahs war Ehrenvorsitzender der madrassa. »Das ist er«, sagte einer der Soldaten zu Rob und zeigte auf einen strahlenden, redseligen, affektierten, dicken Mann. Der stattliche Besitz umfaßte ausgedehnte Ländereien. Die Belustigung des Schahs begann in einem weitläufigen, gepflegten Garten, in dessen Mitte ein großer Marmorbrunnen plätscherte. Rund um das Becken waren Teppiche aus Seide und Goldfäden ausgebreitet worden, die mit

reich bestickten Kissen übersät waren. Diener eilten überall mit Tabletts umher, die mit Zuckerwerk, Bäckereien, parfümierten Weinen und anderen duftenden Getränken beladen waren. Außerhalb eines Tores an der Längsseite des Gartens bewachte ein Eunuch mit blankem Schwert ein drittes Tor, das zum Harem führte. Nach mohammedanischem Gesetz durfte nur der Herr des Hauses die Gemächer der Frauen betreten, und jeder männliche Eindringling mußte damit rechnen, daß ihm der Bauch aufgeschlitzt wurde. Somit hielt sich Rob gern vom dritten Tor entfernt und wanderte aus dem Garten hinaus auf einen angrenzenden offenen Platz voller Tiere, Adeliger, Sklaven, Diener und einem Heer von Gauklern und anderen Unterhaltungskünstlern, die alle zugleich übten.

Eine Schar edler vierbeiniger Geschöpfe war hier versammelt. In jeweils zwanzig Schritt Entfernung voneinander war ein Dutzend der erlesensten Araberschimmelhengste, die er je gesehen hatte, angebunden. Ihre mutigen, dunklen Augen blickten nervös und stolz. Ihr Geschirr war einer näheren Betrachtung wert, denn vier der Zaumzeuge waren mit Smaragden, zwei mit Rubinen, drei mit Diamanten und drei mit verschiedenfarbigen Edelsteinen verziert, die Rob nicht benennen konnte. Die Pferde waren in tief herabhängende, deckenartige Schabracken aus perlenbesetztem Goldbrokat gehüllt und mit geflochtenen Kordeln aus Seide und Gold an Ringe gebunden, die an dicken, goldenen, in den Boden getriebenen Stiften befestigt waren. Dreißig Schritt von den Pferden entfernt sah er wilde Tiere: zwei Löwen, einen Tiger und einen Leoparden; jedes einzelne ein prächtiges Exemplar auf einem eigenen, großen, scharlachroten Teppich. Die Raubtiere waren auf die gleiche Weise angebunden wie die Pferde, vor jedem stand eine goldene Wasserschüssel.

In einem Gehege dahinter stand ein halbes Dutzend weißer Antilopen beisammen, deren lange Hörner - anders als bei den Hirschen in England - vollkommen gerade waren. Sie beäugten ängstlich die Großkatzen, die sie schläfrig anblinzelten.

Doch Rob verbrachte nur wenig Zeit bei diesen Tieren, er kümmerte sich kaum um all die Gladiatoren, Ringer, Bogenschützen und dergleichen, sondern lief an ihnen vorbei zu einem riesigen Geschöpf, das sofort seine Aufmerksamkeit erregte. In Reichweite von ihm blieb er stehen: Es war der erste lebende Elefant, den er sah.

Das Tier war noch massiger, als Rob erwartet hatte, und viel größer als jene Bronzestatue, die er in Konstantinopel gesehen hatte. Der Elefant war um die Hälfte höher als ein hochgewachsener Mann. Jedes seiner vier Beine glich einer dicken Säule, die in einem kreisrunden Fuß endete. Die faltige Haut schien für den Körper zu weit zu sein, war grau und von großen rosa Flecken übersät, die wie Flechten auf einem Felsen aussahen. Der gewölbte Rücken war höher als die Schulter, und vom Rumpf baumelte ein dickes Seil von Schwanz mit ausgefranstem Ende. Im Verhältnis zum riesigen Kopf erschienen die rosa Augen winzig, obwohl sie gar nicht so klein waren. Auf der schrägen Stirn befanden sich zwei kleine Höcker, als würden dort Hörner erfolglos versuchen durchzubrechen. Die sanft schwingenden Ohren waren beinahe so groß wie der Schild eines Kriegers, aber das hervorstechendste Merkmal dieses außergewöhnlichen Geschöpfes war seine Nase, die sich gleich einer riesigen Schlange dem Betrachter entgegenwölbte.

Der Elefant wurde voi> einem feingliedrigen Inder betreut, der eine graue Tunika und dazu einen weißen Turban, eine weiße Schärpe und eine weite Hose trug. Auf Robs Frage sagte er, er heiße Harsha und sei der mahout oder Elefantenwärter. Der Elefant sei Alä-al-Dawlas persönliches Reittier im Kampf und heiße Zi, die Abkürzung für Zi-al-Quarnayn, der Zweihörnige, zu Ehren der gefährlichen, vorstehenden Zähne, die gebogen und so lang waren, wie Rob groß war, und aus dem Oberkörper des Ungeheuers herausragten.

»Wenn wir in die Schlacht ziehen«, erzählte der Inder stolz, »trägt Zi einen eigenen Panzer, und an seinen Stoßzähnen sind lange, scharfe Schwerter befestigt. Er ist für den Kampf geschult, und wenn Seine Exzellenz auf seinem trompetenden Kriegselefanten angreift, lassen dessen Anblick und dieser Laut das Blut jedes Feindes erstarren.« Der mahout ließ die Diener ununterbrochen Eimer mit Wasser bringen. Diese wurden in ein großes Goldgefäß geleert, aus dem das Tier Wasser in seine Schlangennase saugte, das es dann in seinen Mund spritzte.

Rob blieb beim Elefanten, bis ein Wirbel von Trommeln und Zimbeln die Ankunft des Schahs verkündete, dann kehrte er mit den anderen Gästen in den Garten zurück. Alä Shahansha trug im Gegensatz zu den Gästen, die wie für einen

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