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Der Medicus

Электронная книга - «Der Medicus». Краткое содержание книги:

Noah Gordon
Der Medicus
Roman

Titel der Originalausgabe »The Physician«
Copyright © 1986 by Noah Gordon

Aus dem Amerikanische übersetzt
Von Willy Thaler
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Bei Hinda, der Händlerin auf dem Judenmarkt, kaufte er drei mesusas, die kleinen, hölzernen Röhrchen, welche winzige, zusammengerollte Pergamente mit Zitaten aus der Heiligen Schrift enthielten. Sie gehörten zu seiner Tarnung. Er befestigte sie an den rechten Pfosten seiner Türen, nicht weniger als eine Handbreite vom oberen Rand, so wie die mesusas in den jüdischen Häusern von Tryavna angebracht gewesen waren.

Einem indischen Tischler beschrieb er, was er wollte, indem er Skizzen auf die Erde zeichnete, und der Mann fertigte ihm ohne Schwierigkeiten einen groben Tisch aus Olivenholz und einen Stuhl aus Kiefernholz im europäischen Stil an. Von einem Kupferschmied erstand Rob ein paar Küchengeräte. Sonst befaßte er sich kaum mit dem wenig gepflegten Haus, so daß er genausogut in einer Höhle hätte wohnen können. Der Winter stand bevor. Die Nachmittage waren noch heiß, aber die Nachtluft, die durch die Fenster drang, wurde rauh und kündigte den Wechsel der Jahreszeit an. Er fand auf dem armenischen Markt mehrere billige Schaffelle und schlief zufrieden unter ihnen. An einem Freitagabend überredete ihn sein Nachbar Jakob ben Rashi, der Schuhmacher, zum Sabbatessen zu ihm zu kommen. Es war ein bescheidenes, aber gemütliches Haus, und Rob genoß zunächst die Gastfreundschaft. Naoma, Jakobs Frau, bedeckte ihr Gesicht und sprach den Segen über die Wachskerzen. Die dralle Tochter Lea trug eine schmackhafte Mahlzeit aus Flußfischen, gedünstetem Geflügel, pilaw und Wein auf. Lea hielt den Blick zumeist sittsam gesenkt, lächelte jedoch Rob einige Male an. Sie war im heiratsfähigen Alter, und ihr Vater machte zweimal während des Essens vorsichtige Andeutungen über ihre beträchtliche Mitgift. Man schien allgemein enttäuscht zu sein, als Rob sich bald zu seinen Büchern zurückzog und sich dankend verabschiedete.

Sein Leben verlief nach einer festen Ordnung. Tägliche religiöse Übungen waren für den Studenten der madrassa obligatorisch. Die Juden durften ihren eigenen Gottesdienst besuchen, weshalb Rob jeden Morgen zur Synagoge ging, die Haus des Friedens hieß. Die Vormittage waren mit Vorlesungen in Philosophie und Religion, die er mit grimmiger Zielstrebigkeit besuchte, und mit einer Unmenge von medizinischen Kursen ausgefüllt. Er machte Fortschritte in der persischen Sprache, doch es kam immer

wieder während einer Vorlesung vor, daß er gezwungen war, nach der Bedeutung eines Wortes oder einer Redewendung zu fragen. Manchmal gaben ihm die anderen Studenten eine Erklärung, oft freilich auch nicht.

Eines Morgens erwähnte Sajjid Sa'di, der Philosophielehrer, das gash-tagh-daftaran. Rob beugte sich zu Abbas Sefi, der neben ihm saß. »Was ist das gashtagh-daftaran?«

Aber der dicke Medizinstudent warf ihm nur einen ärgerlichen Blick zu und schüttelte den Kopf.

Jemand stieß Rob in den Rücken. Als er sich umdrehte, sah er Karim Harun auf dem steinernen Sitz hinter und über ihm. Karim grinste. »Eine Schule von alten Schreibern«, flüsterte er. »Sie haben die Geschichte der Astrologie und der frühen persischen Wissenschaft aufgezeichnet.« Der Sitz neben ihm war frei, und er zeigte darauf. Rob wechselte den Platz. Von nun an sah er sich um, sooft er eine Vorlesung besuchte; wenn Karim anwesend war, saßen sie nebeneinander.

Der liebste Teil des Tages war ihm der Nachmittag, an dem er im maristan arbeitete. Das wurde in seinem dritten Monat an der Schule, als er an die Reihe kam, die Patienten zu untersuchen, noch besser. Der Aufnahmevorgang setzte ihn wegen seiner Kompliziertheit in Staunen, doch al-Juzjani zeigte ihm, wie es gemacht wurde. »Hör gut zu, denn das ist eine wichtige Aufgabe!« »Ja, Hakim.« Er hatte sich angewöhnt, al-Juzjani immer gut zuzuhören, denn er hatte bald gemerkt, daß der Chirurg neben Ibn Sina der beste Arzt am maristan war. Einige Studenten hatten ihm verraten, daß al-Juzjani zwar die längste Zeit seines Lebens Ibn Sinas Assistent und Mitarbeiter gewesen war, daß er jedoch aus eigener Machtbefugnis sprach.

»Du mußt die ganze Geschichte des Kranken aufzeichnen, und bei der ersten Gelegenheit wirst du sie ausführlich mit einem älteren Arzt besprechen.«

So wurde also jeder Kranke nach seiner Beschäftigung, seinen Gewohnheiten, nach ansteckenden Krankheiten, an denen er gelitten hatte, sowie nach Atem-, Magen- und Harnbeschwerden gefragt. Der Patient mußte die gesamte Kleidung ablegen, und die körperliche Untersuchung umfaßte auch eine gehörige Prüfung von Speichel, Erbrochenem, Urin und Exkrementen; auch der Puls wurde gemessen, und man versuchte, anhand der Wärme der Haut festzustellen, ob der Patient Fieber hatte.

Al-Juzjani zeigte ihm, wie er mit je einer Hand gleichzeitig über beide Arme des Patienten, dann über beide Beine, dann über beide Seiten des Körpers streichen mußte, damit jedes Gebrechen, jede Schwellung oder andere Unregelmäßigkeit erkannt wurde, weil sie sich anders anfühlte als das normale Glied oder die normale Seite. Er zeigte ihm auch, wie er mit den Fingerspitzen scharf und kurz auf den Körper des Patienten klopfen mußte, um vielleicht ein abnormales Geräusch zu bemerken und auf diesem Weg eine Krankheit zu entdecken. Vieles davon war für Rob neu und merkwürdig, aber er wurde rasch mit der Routine vertraut, und er fand sich leicht zurecht, weil er schon jahrelang Patienten untersucht hatte.

Seine schwierigste Tageszeit begann am frühen Abend, wenn er in sein Haus in der Jehuddijeh zurückkehrte, denn da begann der Kampf zwischen dem Bedürfnis zu studieren und dem Bedürfnis zu schlafen. Aristoteles erwies sich dabei als weiser alter Grieche, und Rob lernte, daß ein fesselnder Gegenstand das an sich unangenehme Studium zu einem Vergnügen machen konnte. Dies war eine bedeutsame Entdek-kung, vielleicht die einzige, die ihm ermöglichte, so verbissen zu arbeiten, wie es notwendig war, denn Sajjid Sa'di schrieb ihm bald vor, Plato zu lesen; und al-Juzjani trug ihm so nebenbei, als solle er ein Stück Holz ins Feuer legen, auf, die zwölf Bücher über Medizin in der »Historia naturalis« des Plinius zu lesen - »als Vorbereitung für die Lektüre des gesamten Galen im nächsten Jahr«. Rob mußte auch ständig den Qu'ran auswendig lernen. Je mehr er seinem Gedächtnis zumutete, desto gereizter wurde er, zumal das Buch aus Wiederholungen bestand und voller Anschuldigungen gegen Juden und Christen war.

Aber er gab nicht auf. Er verkaufte den Esel und das Maultier, damit er keine Zeit mehr für sie aufwenden mußte. Er aß seine Mahlzeiten schnell und ohne Vergnügen; der Leichtsinn hatte keinen Raum in seinem Leben.

Jeden Abend las er, bis er nicht mehr konnte, und es gelang ihm, winzige Mengen Öl in seine Lampe zu gießen, damit sie von selbst erlosch, wenn sein Kopf auf seine Arme sank und er am Tisch über seinen Büchern einschlief. Jetzt wußte er, warum Gott ihm

einen großen, kräftigen Körper und gute Augen gegeben hatte, denn sein Bemühen, ein Gelehrter zu werden, strengte ihn bis zur Grenze seiner Leistungsfähigkeit an.

Eines Abends, als er nur noch wußte, daß er nicht mehr studieren konnte und ausspannen mußte, floh er aus dem Häuschen in der Jehuddijeh und stürzte sich in das Nachtleben des nächstgelegenen maidan.

Er war die weiten Plätze der Stadt gewöhnt, wie sie ihm tagsüber erschienen: von der Sonne ausgedörrte, freie Räume, auf denen nur wenige Leute umhergingen oder schlafend im Schatten lagen. Doch er stellte fest, daß diese Plätze bei Nacht kühl und lebendig wurden und daß auf ihnen ausgelassene Feste unter den Männern des einfachen Volkes stattfanden.

Rob blieb an einem mit Fackeln beleuchteten Bücherstand stehen, wo der erste Band, den er sich ansah, eine Sammlung von Zeichnungen enthielt. Jede Skizze zeigte im Grunde das gleiche: Mann und Frau, die geschickt in den verschiedenen Stellungen des Liebesaktes abgebildet waren, Stellungen, die ihm nicht einmal in seinen kühnsten Träumen eingefallen wären.

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