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Der Medicus

Электронная книга - «Der Medicus». Краткое содержание книги:

Noah Gordon
Der Medicus
Roman

Titel der Originalausgabe »The Physician«
Copyright © 1986 by Noah Gordon

Aus dem Amerikanische übersetzt
Von Willy Thaler
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Möglicherweise kommen viele durch das erschreckend hohe Fieber ums Leben, das das Fett ihrer Körper frißt.

Aber wenn die bubos aufbrechen, fällt das Fieber jäh, und die Genesung beginnt.

Nach dieser Beobachtung haben wir uns bemüht, die bubos zum Reifen zu bringen, damit sie sich öffnen, indem wir Umschläge von Senf und Lilienknollen, von Feigen und gekochten Zwiebeln, die wir zerstoßen und mit Butter vermischt hatten, aufgelegt haben. Manchmal haben wir die bubos aufgeschnitten und sie wie Geschwüre behandelt, dies aber mit geringem Erfolg. Oft werden diese Schwellungen teils infolge der Krankheit und teils, weil die Wirkung der Zugmittel zu stark ist, so hart, daß man sie mit keinem Instrument aufschneiden kann. Wir haben auch versucht, sie mit Ätzmitteln auszubrennen, aber ohne Erfolg. Viele Patienten sind vor Schmerzen rasend gestorben und manche sogar während der Operation, so daß man uns nachsagen könnte, daß wir diese armen Kreaturen zu Tode gequält haben. Einige wurden jedoch gerettet. Sie wären vielleicht auch ohne uns am Leben geblieben, aber es bringt uns Trost zu glauben, daß wir einigen wenigen helfen konnten.

Jesse ben Benjamin Student

»Ihr Leichenfledderer!« schrie der Mann. Seine beiden Diener ließen ihn unsanft auf den Boden des Pesthauses fallen und flüchteten, zweifellos um sich seine Habseligkeiten anzueignen. Dergleichen war schon fast alltäglich angesichts der Seuche, die die Seelen ebenso schnell verdarb wie die Körper. Kinder mit bubos wurden von ihren vor Angst wahnsinnigen Eltern im Stich gelassen. Drei Männer und eine Frau waren an diesem Morgen geköpft worden, weil sie Plünderer waren, und ein Soldat wurde geschunden, weil er eine Sterbende vergewaltigt hatte. Karim, der die Soldaten die Häuser, in denen es Pestfälle gegeben hatte, mit Eimern voll Kalktünche reinigen ließ, behauptete, daß alle Laster grassierten und daß er Zeuge von unzähligen sexuellen Ausschreitungen geworden sei; offenbar klammerten sich viele mit fleischlicher Wildheit ans Leben.

Kurz vor Mittag schickte der kelonter, der das Pesthaus nie selbst betrat, einen blassen, zitternden Soldaten, der Rob und Mirdin auf die Straße holen sollte. Kafiz roch an einem mit Gewürzen gespickten Apfel, um die Krankheit abzuwehren. »Ich kann Euch mitteilen, daß die Zahl der Toten gestern auf siebenunddreißig zurückgegangen ist«, berichtete er triumphierend. Es war ein eindeutiger Fortschritt, denn am schlimmsten Tag in der dritten Woche nach Ausbruch der Seuche waren zweihundertsiebzig Menschen gestorben. Kafiz erzählte ihnen, daß Schiras nach seiner Zählung 801 Männer, 502 Frauen, 3 193 Kinder, 566

männliche und i 417 weibliche Sklaven, 2 syrische Christen und 32 Juden verloren habe.

Rob und Mirdin tauschten einen verständnisvollen Blick aus, denn ihnen war nicht entgangen, daß der kelonter die Opfer in der Reihenfolge ihrer Bedeutung aufgezählt hatte.

Der junge Ali kam die Straße herunter. Merkwürdigerweise wollte der Junge an ihnen vorbeigehen, ohne sie zu bemerken. Da rief Rob seinen Namen. Als er zu Ali trat, sah er, daß seine Augen verändert waren. Und als er Alis Kopf berührte, erschreckte ihn die wohlbekannte Hitze. Mein Gott! »Ali«, sagte er freundlich, »du mußt jetzt mit mir ins Haus kommen.«

Sie hatten schon viele Menschen sterben sehen, aber als sie miterlebten, wie rasch die Krankheit von Ali Rashid Besitz ergriff, fühlten Rob, Karim und Mirdin die Schmerzen des Jungen mit. Von Zeit zu Zeit krümmte sich Ali in einem plötzlichen Anfall zusammen, als hätte ihn etwas in den Magen gebissen. Er erschauerte zuckend vor Qual, und sein Körper verkrampfte sich zu seltsam verkrümmten Stellungen. Sie wuschen ihn mit Essig, und am frühen Nachmittag faßten sie wieder Hoffnung, denn er fühlte sich beinahe kühl an. Aber es war, als hätte das Fieber sich gesammelt, und als ein neuerlicher Anfall erfolgte, war er noch heißer als zuvor, seine Lippen platzten auf, und er verdrehte die Augen, bis nur noch das Weiße sichtbar war.

Inmitten all des Geschreis und Stöhnens ging das seine beinahe unter, doch die drei Kameraden vernahmen die schrecklichen Geräusche ganz deutlich, weil die Umstände sie sozusagen zu seiner Familie gemacht hatten.

Als die Nacht kam, lösten sie sich an seinem Bett ab. Der Junge lag kraftlos auf dem zerwühlten Lager, als Rob Mirdin vor Morgengrauen ablöste. Rob ergriff Alis Hände und spürte das Dahinschwinden seiner Lebenskräfte.

Als Karim Rob ablösen wollte, war Ali bereits verschieden. Nun konnten sie sich nicht mehr einreden, daß sie unempfindlich und nicht ansteckbar waren. Es wurde ihnen klar, daß bald einer von ihnen nachfolgen würde, und allmählich begriffen sie, was wahre Angst ist.

Sie begleiteten Alis Leiche zum Scheiterhaufen, und während er verbrannte, betete jeder auf seine Weise.

An diesem Morgen wurden sie aber auch Zeugen des Umschwungs: Es war offensichtlich, daß weniger Erkrankte ins Pesthaus gebracht wurden. Drei Tage danach berichtete der kelonter, der die Hoffnung in seiner Stimme kaum unterdrücken konnte, daß nur elf Personen gestorben waren.

Als Rob am Pesthaus vorbeiging, sah er eine große Schar toter und sterbender Ratten, und er bemerkte etwas Außergewöhnliches, als er sie genauer betrachtete: Die Nager hatten die Pest, denn fast alle von ihnen wiesen eine kleine, aber unübersehbare Beule aus. Er fand eine, die vor so kurzer Zeit gestorben war, daß ihr warmer Pelz noch vor Flöhen wimmelte. Er legte sie auf einen flachen Stein und schnitt sie mit einem Messer so fachgerecht auf, als blickte ihm al-Juzjani oder ein anderer Lehrer über die Schulter.

Aufzeichnungen der Medizinerabordnung aus Isfahan: Geschrieben am 5. Tag des Monats Rabia II, im 413.Jahr nach der Hedschra:

Nicht nur Menschen, sondern auch Tiere sind gestorben. Wir haben erfahren, daß Pferde, Kühe, Schafe, Kamele, Hunde, Katzen und Vögel in Ashan an der Seuche gestorben sind. Die Untersuchung von sechs an der Pest gestorbenen Ratten hat interessante Ergebnisse gezeitigt. Die äußeren Symptome sind die gleichen wie bei den menschlichen Opfern: starrende Augen, verkrampfte Muskeln, aufgerissener Mund, heraushängende, schwärzliche Zunge, bubo in der Leistengegend oder hinter dem Ohr.

Wenn man diese Ratten untersucht, wird klar, warum die chirurgische Entfernung der Beule zumeist keinen Erfolg bringt. Die krankhafte Veränderung besitzt meist tiefe, karottenartige Wurzeln, die nach der Entfernung des sichtbaren Teils der Beule im Opfer zurückbleiben und ihr Vernichtungswerk vollenden. Als ich die Bäuche der Ratten öffnete, stellte ich fest, daß die unteren Partien aller sechs Mägen und die oberen Gedärme durch grüneGalle vollkommen verfärbt waren. Die unteren Gedärme waren fleckig. Die Leber war bei allen sechs Nagern verschrumpelt, und bei vier Ratten waren auch die Herzen geschrumpft. Treten diese Veränderungen auch an den Organen menschlicher Opfer der Seuche auf?

Student Karim Harun sagt, Galen habe geschrieben, daß die innere Anatomie des Menschen der des Schweines und des Affen stark ähnle, sich aber von der der Ratte unterscheide. Obwohl wir die kausalen Zusammenhänge des Pesttodes beim Menschen nicht kennen, können wir doch sicher sein, daß sie im Inneren vonstatten gehen und daher unserer Beobachtung entzogen sind.

Jesse ben Benjamin Student

Als Rob zwei Tage später im Pesthaus arbeitete, fühlte er ein Unbehagen, eine Schwere, eine Schwäche m den Knien, Schwierigkeiten beim Atmen und ein inneres Brennen, als hätte er zu viele Gewürze genossen. Dieses Gefühl hörte nicht auf und wurde im Lauf des Nachmittags noch stärker. Rob zwang sich, es nicht zu beachten, bis er einem Opfer ins Gesicht sah. Es war entzündet und verzerrt, die glänzenden Augen quollen dem Mann aus den Höhlen, und Rob hatte das Gefühl, daß er sich selbst sah.

Er suchte Mirdin und Karim auf. In ihren Augen las er die Antwort. Bevor er sich von ihnen zu einem Strohsack führen ließ, bestand er darauf, das Pestbuch und seine Aufzeichnungen zu holen und sie Mirdin zu übergeben.

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