Der Medicus
- Автор: Гордон Ной
- Год: 1990
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Der Medicus». Краткое содержание книги:
Der Medicus
Roman
Titel der Originalausgabe »The Physician«
Copyright © 1986 by Noah Gordon
Aus dem Amerikanische übersetzt
Von Willy Thaler
Auf dem Weg kamen sie an einem Leichenwagen vorbei. Die beiden kräftigen Totengräber, deren Gesichter dichter verschleiert waren als bei einer Frau, hielten an, um den kleinen Leichnam eines Kindes, den man am Straßenrand zurückgelassen hatte, aufzuheben. Auf dem Wagen lagen drei Leichen von Erwachsenen, ein Mann und zwei Frauen.
Im Gemeindehaus stellten sie sich als die Ärzteabordnung aus Isfahan vor und wurden von einem kräftigen, militärisch aussehenden und einem alten, entkräfteten Mann angestaunt. Beide hatten so lange nicht geschlafen, daß ihre Gesichter schlaff und ihre Augen entzündet waren.
»Ich bin Debbid Kafiz, der kelonter von Schiras«, stellte sich der Jüngere vor. »Und das ist Hakim Isfari Sanjar, unser letzter Arzt.« »Warum sind Eure Straßen so leer?« fragte Karim. »Wir waren vierzehntausend Seelen«, antwortete Hafiz. »Als die Seldschuken kamen, flüchteten sich weitere viertausend in den Schutz unserer Mauern. Nach Ausbruch des Schwarzen Todes floh ein Drittel aller Bewohner von Schiras aus der Stadt, darunter alle Reichen und die gesamten Honoratioren, die dem kelonter und seinen Soldaten gern die Bewachung ihres Eigentums überließen. Fast sechstausend sind gestorben. Alle jene, die noch nicht erkrankt sind, hocken in ihren Wohnungen und beten zu Allah - Er ist barmherzig! -, daß sie verschont bleiben mögen.« »Wie behandelt Ihr sie, Hakim ?« fragte Karim. »Gegen den Schwarzen Tod gibt es kein Mittel«, gestand der alte Arzt. »Ein Arzt kann nur hoffen, den Sterbenden etwas Trost zu bringen.« »Wir sind noch keine Ärzte«, erklärte Rob,
»sondern erst Studenten, die von ihrem Lehrer Ibn Sina zu Euch geschickt wurden, und wir werden Eure Anweisungen befolgen.«
»Ich gebe Euch keine Anweisungen, Ihr werdet tun, was Ihr könnt«, sagte hakim Isfari Sanjar rauh. »Ich gebe Euch nur einen Rat: Wenn Ihr am Leben bleiben wollt, so wie ich, müßt Ihr jeden Morgen zum Frühstück ein Stück in Weinessig getauchtes Röstbrot essen, und jedesmal, wenn Ihr mit jemandem sprecht, müßt Ihr zuerst einen
Schluck Wein trinken.« Rob wurde klar, daß das, was er für die Anzeichen von Altersschwäche gehalten hatte, in Wirklichkeit vorgeschrittene Trunkenheit war.
Aufzeichnungen der Medizinerabordnung aus Isfahan:
Wenn diese Zusammenfassung nach unserem Tod gefunden wird, wird derjenige, der sie Abu Ali al-Hussein Ihn Abdullah Ihn Sina, Arzt aller Ärzte, am maristan in Isfahan, überbringt, großzügig belohnt werden. Gegeben am 16. Tag des Monats Rabia I, im 41 j.Jahr nach der Hedschra.
Wir sind seit vier Tagen in Schiras, während denen allem 24} Menschen gestorben sind. Die Pest beginnt als leichtes Fieber, gefolgt von Kopfschmerzen, manchmal sehr schweren. Das Fieber steigt, und kurz danach tritt eine krankhafte Veränderung, für gewöhnlich bubo genannt, m der Leiste, in emer Achselhöhle oder hinter einem Ohr auf. Im Pestbuch werden solche bubos erwähnt, von denen hakim Ihn al-Khatim aus Andalusien meinte, daß sie vom Teufel stammen und immer die Form einer Schlange aufweisen. Die hier beobachteten sind nicht schlangenförmig, sondern rund und voll wie die krankhafte Veränderung eines Geschwürs. Sie können so groß wie eine Pflaume werden, aber die meisten haben die Größe einer Linse. Oft erbricht der Kranke Blut, was immer daraufhinweist, daß der Tod unmittelbar bevorsteht. Die meisten Opfer sterben innerhalb von zwei Tagen nach Auftreten eines bubo. Einige wenige haben Glück, weil das bubo eitert. Wenn dieser Fall eintritt, ist es so, als würde ein schlechter Saft aus dem Patienten entweichen, der dann vielleicht gesundet.
Jesse ben Benjamin Student
Das Gefängnis hatte man in ein Pesthaus umgewandelt, nachdem die Gefangenen freigelassen worden waren. Es war mit Toten, Sterbenden und frisch Erkrankten überfüllt. Es waren so viele, daß es unmöglich war, einen von ihnen zu behandeln. Die Luft barst vom Stöhnen und Schreien, vom Gestank nach blutig Erbrochenem, ungewaschenen Körpern und menschlichen Exkrementen. Nachdem Rob sich mit den anderen drei Studenten beraten hatte, ging
er zum kelonter und ersuchte darum, die Zitadelle benutzen zu dürfen, in der Soldaten untergebracht waren.
Seinem Wunsch wurde stattgegeben, und er ging im Gefängnis von einem Patienten zum anderen, beurteilte sie und faßte sie bei der Hand.
Die Botschaft, die dabei übermittelt wurde, war im allgemeinen schrecklich: Der Lebenskelch fast eines jeden war zu einem Sieb geworden.
Die Sterbenden wurden in die Zitadelle gebracht. Da es sich dabei um die Mehrzahl der Opfer handelte, konnten die noch nicht dem Tod Geweihten an einem sauberen und weniger überfüllten Ort gepflegt werden.
In Persien war Winter, das bedeutete kalte Nächte und warme Nachmittage. Die Bergspitzen glänzten vor Schnee, und am Morgen brauchten die Studenten Schaffellmäntel. Über dem Paß schwebten immer mehr schwarze Geier.
»Eure Leute werfen Leichen die Schlucht hinunter, statt sie zu verbrennen«, meldete Rob dem kelonter.
Kafiz nickte. »Ich habe es verboten, aber Ihr habt wohl recht. Das Holz ist knapp.«
»Jede Leiche muß verbrannt werden, ohne Ausnahme«, erkärte Rob entschieden, denn dies war eine Forderung, die Ibn Sina unnachgiebig vertrat. »Ihr müßt alles Erforderliche unternehmen, damit es auch bestimmt geschieht.«
An diesem Nachmittag wurden drei Männer geköpft, weil sie Leichen die Schlucht hinuntergeworfen hatten, und die Hinrichtung erhöhte die Zahl der Toten. Das hatte Rob nicht gewollt, und Hafiz war ängstlich.
»Woher sollen meine Männer das Holz nehmen? Alle unsere Bäume sind fort.«
»Schickt Soldaten in die Berge, damit sie Bäume fällen«, schlug Rob vor.
»Sie würden nicht mehr zurückkommen.«
Also beauftragte Rob den jungen Ali, Soldaten in die verlassenen Häuser zu führen. Die meisten Gebäude waren aus Stein, aber sie hatten hölzerne Türen, hölzerne Fensterläden und dicke Deckenbalken. Ali ließ die Männer das Holz herausreißen und -brechen, und außerhalb der Stadtmauern prasselten wieder die Scheiterhaufen.
Die Studenten versuchten, Ihn Sinas Anweisungen zu befolgen und durch vorgehaltene essiggetränkte Schwämme zu atmen, aber die Schwämme behinderte sie bei der Arbeit, weshalb sie sie bald wegwarfen. Sie folgten dem Beispiel von dem hakim Isfari Sanjar, würgten jeden Tag in Weinessig getauchtes Röstbrot hinunter und tranken reichlich Wein. Manchmal waren sie bei Einbruch der Nacht so betrunken wie der alte Medicus.
Wenn Mirdin zu tief ins Glas geschaut hatte, erzählte er ihnen von seiner Frau Fara und seinen kleinen Söhnen David und Issachar, die darauf warteten, daß er wohlbehalten nach Isfahan zurückkehrte. Er sprach sehnsüchtig vom Haus seines Vaters am Arabischen Meer, wo seine Familie die Küste bereiste und Zuchtperlen aufkaufte.
»Ich mag dich«, gestand er Rob. »Wie kann jemand wie du mit meinem schrecklichen Vetter Arieh befreundet sein?«
Nun verstand Rob Mirdins anfängliche Zurückhaltung. »Ich bin kein Freund von Arieh. Arieh ist ein Scheißkerl.«
»Das ist er, ein Scheißkerl, genau das!« rief Mirdin, und sie lachten beide herzlich.
Der schöne Karim erzählte Geschichten über seine Eroberungen und versprach, für den jungen Ali das schönste Paar Titten im Östlichen Kalifat ausfindig zu machen, sobald sie nach Isfahan zurückkehrten. Karim lief jeden Tag durch die Stadt des Todes. Überall umgab sie der Tod, doch sie waren jung und lebendig, und sie versuchten, ihr Entsetzen zu verdrängen, indem sie so taten, als seien sie unempfindlich und nicht ansteckbar.
Aufzeichnungen der Medizinerabordnung aus Isfahan: Niedergeschrieben am 28. Tag des Monats Rabia I, im 413. Jahr nach der Hedschra.
Aderlassen, Schröpfen und Purgieren zeitigen wenig Wirkung. Der Zusammenhang zwischen den bubos und dem Tod ist bemerkenswert, denn es erweist sich, daß der Patient wahrscheinlich überlebt, wenn das bubo aufbricht oder seine grüne, übelriechende Absonderung ausscheidet.