Die Saga von Garth und Torian
- Автор: Хольбайн Вольфганг, Winkler Dieter
- Год: 1985
- Язык: немецкий
- Жанр: Фэнтези
Электронная книга - «Die Saga von Garth und Torian». Краткое содержание книги:
Als Amme...
Torian wurde übel. Seine Knie begannen zu zittern, so heftig, daß er sich an der Tischkante festhalten mußte, um nicht zu stürzen. »Nichts war Zufall«, fuhr die Magierin fort. »Wir haben den Sturm beschworen, und wir haben euch den Weg zu der Höhle gewiesen.«
»Sie gehört mit zu den Katakomben, nicht wahr?« murmelte Torian. Wieder erfaßte ihn Schwindel. Es war einfach zuviel. Er konnte, er wollte dies alles nicht wissen, versuchte selbst jetzt noch verzweifelt, die Augen vor der Wahrheit zu verschließen. Er empfand nicht einmal mehr Staunen, als er sich die wahre Größe des unterirdischen Labyrinths vorzustellen versuchte. Immerhin lag die Höhle fast zwei Meilen von Armar entfernt.
»Aber warum alles?« murmelte er. »Warum... warum nicht irgendein Tier?«
»Es geht nicht nur um die Brut«, erklärte Boron sanft. Er sprach jetzt ganz leise, in fast väterlicher Art. »In einem Tierkörper würde sie heranwachsen und irgendwann schlüpfen. Sicher auch im Körper irgendeines Menschen. Wir... haben lange auf jemanden wie dich gewartet. Dein Geist ist stark, Torian Carr Conn. Stärker als der der meisten anderen. Auf seine Art so stark wie der unsere, wenn deine Begabungen auch gänzlich anderer Art sind.«
Torian lachte bitter. Es klang wie ein Schrei. »War ich... gutes Zuchtmaterial?« fragte er böse.
Boron ignorierte seine Frage. »Dein Bewußtsein ist stark genug, dies zu verhindern«, fuhr er ungerührt fort. »Die Brut wird in dir selbst aufgehen. Was du bisher verspürt hast, war erst ein Bruchteil der Macht, über die du einst verfügen wirst. Eine Macht, die stärker als die unsere sein wird, denn jeder von uns hat einen Teil seiner Kraft an die Blutspinne abgegeben. Seit Jahrzehnten warten wir auf jemanden, der geistig stark genug ist, diese Kraft zu beherrschen. Du hast bewiesen, daß du es kannst. Um dies zu erproben, schickten wir unsere Diener. Sie sollten dich angreifen, um die Macht der Spinne zu wecken.«
»Und wenn ich nicht stark genug gewesen wäre?« fragte Torian. Die Gedanken wirbelten wild in seinem Kopf durcheinander.
»Hätten sie dich getötet.« Boron sagte es ohne einen Funken von Gefühl in der Stimme. »Wahrscheinlich denkst du jetzt daran, diese Macht gegen uns einzusetzen. Versuche es nicht. Du wirst dich entscheiden müssen, und diese Entscheidung wird endgültig sein. Hast du dich einmal für uns entschieden, gibt es kein Zurück mehr. Aber du wirst es nicht bereuen. Wir werden diese Welt wieder beherrschen. Die alten Zeiten werden zurückkommen. Wir sind nur noch wenige, keine tausend und über ganz Caracon verstreut, aber eines Tages werden wir wieder eine starke Rasse sein. Es liegt an dir, ob du dann an unserer Seite herrschen willst. Du wirst reicher und mächtiger als jeder andere Mensch sein.«
Torian schwieg noch, als Boron geendet hatte. Seine Kehle war wie zugeschnürt. Es dauerte lange, bis er sich so weit gefaßt hatte, daß er die Frage stellen konnte, die ihm auf der Zunge brannte. »Und wenn ich mich weigere?«
»Es wäre besser, du würdest es nicht tun«, antwortete einer der Magier. »Alles wäre einfacher, wenn du uns freiwillig helfen würdest, aber wir brauchen nur die Macht in dir, nicht deinen Verstand. Bevor wir ein Risiko eingingen, würden wir dein Bewußtsein auslöschen. Selbst als lallender Idiot wärest du für uns noch von Nutzen. Überlege es dir.«
Das Portal wurde geöffnet. Zwei Jünger packten Torian. Er wehrte sich nicht.
»Schafft ihn fort!« befahl Boron.
Ein weiteres Mal wurde Torian überrascht, als er sah, wohin man ihn brachte. Es war kein finsteres Verlies, wie er erwartet hatte, sondern ein großer, beinahe schon komfortabel eingerichteter Raum, der von mehreren Fackeln erleuchtet wurde. Was freilich nichts daran änderte, daß auch das nobelste Gefängnis letztlich nichts anderes als ein Gefängnis blieb.
Einer seiner unheimlichen augenlosen Begleiter streckte fordernd die Hand aus.
Torian begriff den Sinn der Geste. Er zögerte, verwarf den Gedanken an Widerstand aber sofort wieder. Er könnte die beiden Cra’thal ohne große Schwierigkeiten überwältigen – aber was würde ihm das wohl nutzen? Von den Magiern, die jeden Fluchtversuch sofort vereiteln würden, ganz abgesehen, hätte er sich schon nach wenigen Schritten in diesem Labyrinth hoffnungslos verirrt. Die Katakomben der Letzten Nacht waren ein Gefängnis, das keine Mauern brauchte.
So beschränkte er sich darauf, die beiden Männer so böse wie möglich anzustarren – was sie sicherlich ungeheuer beeindruckte, da sie es nicht sehen konnten –, während er einem von ihnen die Waffe überreichte. Ohne ein weiteres Wort zogen sie sich zurück. Er hörte, wie ein Riegel einrastete, nachdem sie die Tür hinter sich zugezogen hatten.
Neugierig sah er sich um. Sein Gefängnis war wirklich komfortabel – zehnmal sauberer, als es das stinkende Loch gewesen war, in dem sie in Kaams Schenke übernachtet hatten. Weiche Teppiche lagen auf dem Boden. Es gab einen mit kunstvollen Schnitzereien versehenen Tisch, auf dem ein Krug Wasser und eine Schale mit Früchten standen. Erst jetzt spürte Torian, wie hungrig und durstig er war. Mißtrauisch betrachtete er eine Frucht und biß nach kurzem Zögern hinein. Die Frucht schmeckte fremdartig, aber gut, und nachdem er den ersten Bissen hinuntergeschluckt hatte, schalt er sich selbst einen Narren. Die Magier waren sicherlich nicht darauf angewiesen, ihn zu vergiften.
In einer Ecke des Raumes stand ein bronzenes Bett mit dicken Federdecken. Darauf lag frische Kleidung; Hosen aus festem Stoff, lederne Stiefel, ein Kettenhemd, das sich überraschend leicht anfühlte, obwohl es aus festem Stahl bestand, und ein prachtvolles Cape. Die Magier verstanden zu leben, das mußte man ihnen lassen.
Torian zuckte ergeben mit den Achseln und streifte die zerschlissenen Fetzen ab, die er in letzter Zeit als Kleidung getragen hatte. Er war sich bewußt, daß die Magier ihm alles keineswegs aus Nächstenliebe boten, sondern um ihn zu ködern, aber das war ihm egal. Er wäre wirklich ein Narr, auf diese Annehmlichkeiten zu verzichten. Sollten Boron und die anderen ruhig denken, daß er sich durch ein paar freundliche Gesten auf ihre Seite ziehen ließ. Um den Preis eines Paares neuer Hosen war er jedenfalls nicht zu kaufen.
Während er sich umkleidete, betrachtete Torian die Schwellung, die sich an seiner Schulter gebildet hatte. Er betrachtete sie ohne Schrecken, sondern von einer fast wissenschaftlichen Neugier erfüllt. Die unsichtbare Wand in seinem Gehirn, die ihn bislang vor der Wahrheit geschützt hatte, war gefallen, aber dahinter war nur Leere. Der Gedanke, daß es sich bei der Schwellung um die Brut der Blutspinne handelte, die Brut, die in seinem Körper heranwuchs, war einfach zu abstrakt, als daß er ihn wirklich zu begreifen vermochte.
Torian kleidete sich neu an und ließ sich mit hinter dem Kopf verschränkten Armen aufs Bett sinken. Er hatte kaum die Hälfte von dem verstanden, was die Magier ihm erzählt hatten, aber auch das hatte genügt, sein inneres Gleichgewicht gründlich zu erschüttern. Sonderbar – am wenigsten machten ihm noch sein eigenes Schicksal und die ihm zugedachte Rolle zu schaffen. Etwas in ihm wehrte sich instinktiv dagegen, darüber nachzudenken; vielleicht als Schutz vor dem drohenden Wahnsinn, der sich in diesen Gedanken verbarg. Vielleicht hatte er auch einfach bereits aufgegeben, auf einer tieferen Ebene seines Denkens. Sein Weltbild hatte Risse bekommen, und wenn die Magier das durch die Wahl ihrer Worte bezweckt hatten – woran er nicht zweifelte –, nun, so hatten sie zumindest dieses Ziel erreicht.
Bislang war für ihn völlig klargewesen, daß er auf der richtigen Seite stand: auf der der Menschen, die gegen eine unmenschliche Gefahr aus der Vergangenheit kämpften. Die Schwarzen waren ihm als Gruppe rachsüchtiger, von Haß zerfressener Wesen von übermenschlicher Stärke erschienen; eine tödliche Gefahr für alles Lebende, die es zu bekämpfen galt. Er wußte nicht, wer den vernichtenden Krieg in grauer Vorzeit angefangen hatte, und es war ihm auch herzlich egal, aber er hatte in Rador miterlebt, mit welcher Grausamkeit die Garianer—die Menschen, korrigierte er sich in Gedanken – gewütet hatten. Eine Weile wehrte er sich gegen den Gedanken, denn er tat weh – aber er mußte zugeben, daß er nicht mehr völlig sicher war, auf der richtigen Seite zu stehen. Es war keine besonders erhebende Vorstellung, zu den bösen Jungs zu gehören, ohne es auch nur zu wissen. Aber was er gesehen hatte, waren mordgierige, brennende Barbaren gewesen, die eine hochstehende Kultur vernichteten.