Georgs Sorggen um die Vergangenheit
- Автор: Faktor Jan
- Год: 2010
- Язык: немецкий
- Год: Kiepenheuer & Witsch
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «Georgs Sorggen um die Vergangenheit». Краткое содержание книги:
— HRADSCHIN? Wo ist hier die Burg? We don't see any castle here. Can you help us?
Das Problem unseres schönen Stadtteils bestand nicht darin, daß man uns die Burg weggenommen hätte. Unser Problem war, daß am» Boulevard der Verteidiger des Friedens «eine Metrostation mit dem — auf die amtliche Bezeichnung unseres ganzen Viertels bezogenen — Namen» Die Hradschiner «gebaut worden war. Diese Station lag allerdings auf der flußabgewandten Seite der Burg, weit unterhalb der eigentlichen Burganhöhe. Außerdem wurden die Aussteigenden auf dem so eindrucksvoll verbreiteten» Boulevard «erst einmal in die vollkommen falschen Richtungen orientiert — also dorthin, wo die Burg eben NICHT lag. Und die Burg konnte man von hier beim besten Willen auch nicht sehen. Was man nach dem Auftauchen aus dem Untergrund sah, waren mehrere Bus- und Straßenbahnhaltestellen, dieser Anblick war allerdings trügerisch. Bergauf zur Burg führten von diesem Knotenpunkt aus nicht nur keine Schienen, sondern auch keine anderen Verkehrswege; alle vorhandenen Querstraßen waren längst verbarrikadiert. Die Burg lag im Grunde nicht weit weg und war zu Fuß einigermaßen gut erreichbar — theoretisch jedenfalls. In unserer Gegend irrten also ständig Touristen umher, die ihre Stadtpläne in den Händen hielten und versuchten, sie nach Norden auszurichten. Sie drehten sich dabei wiederholt um ihre Achse, kämpften auf den kaputten Bürgersteigen mit ihrem Gleichgewicht und störten. Manche liefen erfolglos umher und sahen wiederholt zum Himmel in der Hoffnung, dort die riesigen Türme des Veitsdoms zu entdecken. Die Burg und der Dom befanden sich dabei südlich von ihnen, verborgen hinter Häusern und den Bäumen unserer Parks. Viele der Touristen gerieten in Verzweiflung. - BURG — CASTLE — CASTELLO — CASTILLO?
Unter den Burgsuchenden hatte auch unser Zentralkneipier zu leiden. Es war derselbe Mann, der sich Sorgen um mich gemacht hatte, ich könnte zum Biersäufer werden. In der Nähe der Metrostation gab es selbstverständlich keine öffentlichen Toiletten, und die fremdländischen Orientierungsläufer mußten irgendwann — streßgeladen, wie sie waren — auch pinkeln gehen. Der Kneipier sah ihnen ihre gutgefüllten Harnblasen sofort an. Diese Leute hatten einen speziell fragenden Blick, hielten einen Stadtplan in der Hand und liefen leicht schuldbewußt auf seine Kneipe zu. Wenn er diese Nur-Pissen-Woller sah, fackelte er nicht lange und verscheuchte sie möglichst schon in seinem Vorgarten. Ob sie vielleicht auch essen oder trinken wollten, war zweitrangig — er mochte diese herumhetzenden Ausländer einfach nicht. Er fühlte sich von ihnen von vornherein beleidigt, da diese Leute sein gemütliches Gartenlokal nicht würdigen, sondern im Grunde nur weiterziehen wollten — zur Burg eben. Man sah den Mann oft, wie er aus der Kneipentür hinausgerannt kam und auf Deutsch und Englisch brüllte:
— NEIN! HIER NICHT! — DETS ENAF! NOU PISS! NOU DABBEL-JÜ-SI! WIR SIND EINE GASTSTÄTTE!
Von den meisten Menschen unbemerkt, kreuzte während meiner Kindheit ein pensionierter Straßenpflasterer durch Prag, der sich auf das Ausbessern kleinflächiger Bürgersteigschäden spezialisiert hatte. Offenbar konnte er den Anblick von kaputten Bürgersteigen nicht ertragen und wollte sich partout nicht zur Ruhe setzen. Ob er wenigstens für die sensibleren Prager ein Begriff war, weiß ich nicht — für mich war er es auf alle Fälle. Die verlotterte Stadtverwaltung war bei der Beschäftigung mit sich selbst und beim hausinternen Herumgequatsche schon immer ausreichend gefordert, die Stadt wurde nach Möglichkeit sich selbst überlassen. Neben der dauernd von neuem zerfallenden historischen Bausubstanz auch noch alle Prager Bürgersteige in Schuß zu halten, sogar kleinste Schäden kontinuierlich beseitigen zu lassen war einfach zu viel verlangt. Die Bürgersteigpflasterung bestand zu allem Unglück aus kleinen rosafarbenen und bläulichen Steinen und sollte bestimmte historische Muster aufweisen. Der alte Einzelkämpfer fuhr auf eigene Faust mit seinem Handwagen tagaus, tagein herum, legte die kaputten Stellen frei, füllte sie mit seiner speziellen Sand-Kalk-Mischung, belegte sie mit den Piastersteinen, klopfte dann mit gezielten kurzen Schlägen auf jedes einzelne dieser Steinchen und ließ nach und nach die beschädigten Mosaikmuster neu entstehen. Wenn er sich vom Boden zu erheben begann, dauerte es eine Weile das Strecken seiner Knie fiel ihm schwer. Wenn er sich wieder aufgerichtet hatte, sah man ihm seine Schmerzen auch deutlich an. Am Ende stampfte er die reparierten Stellen mit einer hölzernen Handramme fest. Sand, Kalk, Wasser und einen Vorrat an Pflastersteinen hatte der Mann in seinem Wägelchen immer dabei. Irgendwann gab es den Mann, der unser auseinanderfallendes Prag geflickt hatte, leider nicht mehr. Nach dem Einmarsch der Russen hätte eine derartige Epiphanie sowieso nicht ins Straßenbild gepaßt. Dieser Mann war für mich immer ein Vorbild, und er blieb es auch.
Der Allgemeinheit wurde in den siebziger Jahren etwas ganz anderes zum Staunen geboten. Besser gesagt — zum Glotzen, Anhimmeln und Nichtfassenkönnen. Es war nichts Göttliches, es waren ganz irdische Trupps konzentrierterschwedischer Bauarbeiter. Die Schweden haben uns im Dreißigjährigen Krieg unglaubliche Schätze aus der eigentlich uneinnehmbaren Prager Burg geklaut, da sie von einem verräterischen Mönch hineingelassen worden waren — und haben uns die geraubten Kostbarkeiten nie wieder zurückgegeben. Vielleicht als eine kleine Entschädigung boten sie uns jetzt etwas anderes an. Auf den Baustellen konnte der tschechische Mann, ausnahmsweise auch die tschechische Frau, Dinge sehen, die man im Sozialismus bis dahin noch nie gesehen hatte.
Große und komplizierte Gebäudekomplexe konnte die sozialistische Bauwirtschaft nicht mehr eigenständig bewältigen — in einem vernünftigen Zeitrahmen jedenfalls. Sicher wollte man mit der Vergabe dieser Großaufträge verhindern, daß im Zentrum der Hauptstadt jeder sehen konnte, was auf einer einheimischen Baustelle alles passierte — oder eben nicht passierte. Man ließ also für teure Devisen die Schweden kommen — und ihre Zulieferer, also tschechische Firmen, bezahlte man ebenfalls mit harten Devisen. Was sich unsere Wirtschafts- und Parteikapitäne damit eingehandelt hatten, ahnten sie nicht. An vielen Orten, in vielen Büros stand oft die Arbeit still, weil die Belegschaft RICHTIGE ARBEIT SEHEN WOLLTE. Man ließ alles stehen und liegen und wanderte während der Arbeitszeit zu den Baustellen. Diese wurden regelrecht belagert, Menschen hielten sich dort stundenlang auf, standen wie festgenagelt an den Zäunen und schauten zu. Nach und nach wechselten sich dort ganze Menschentrauben ab, und wenn irgendwo ein besonders erstaunlicher Arbeitsvorgang gestartet wurde, verlagerten sich die Beobachtungstrupps einfach am Zaun entlang — in einer geschlossenen Formation wie ein Bienenschwarm.
Was hinter dem Zaun vor sich ging, war wirklich kaum zu fassen. Die Schweden arbeiteten überhaupt nicht hastig, trotzdem unglaublich effektiv. Nichts stand still, alle Arbeiten schlossen sich nahtlos an die vorherigen an — und am nächsten Tag war der Bau wieder sichtbar vorangeschritten. Deswegen mußte man auch jeden Tag wenigstens einmal vorbeigeschaut haben. Die Schweden waren bald sichtlich genervt — kamen sich hinter dem Bauzaun wie zur Schau gestellte Exoten vor.
Das Tempo, mit dem die neuen Kaufhäuser im Stadtzentrum wuchsen, gehörte für die Tschechen zu einer Art Weltwunder. Auf den tschechischen Baustellen geschah trotz der Präsenz vieler geschickter Hände monatelang manchmal gar nichts — obwohl dort auch viele Arbeiter in Bewegung gehalten wurden und nachprüfbar irgend etwas taten. Manche von ihnen standen natürlich auch manchmal herum, manche rauchten pausenlos, andere aßen oder warteten auf irgendwelches Material, das bis auf weiteres nicht lieferbar war. Trotzdem — an sich waren diese Leute natürlich nicht faul, sie machten sich tagtäglich ihre Gedanken, was sie als nächstes anpacken könnten; und wenn dann ihre Stunde kam, legten sie auch los. Wirklich Tag für Tag ihres baulichen Berufslebens. In welchem schwarzen Loch ihre Arbeit verschwunden war, blieb letzten Endes schleierhaft — oft sicher auch für sie selbst. Als Außenstehender konnte man ewig darüber grübeln — bis man irgendwann feststellte, daß auf manchen Baustellen überhaupt keine Änderungen des bereits Erreichten zu entdecken waren. Manchmal realisierte man erst mit einer Verspätung, daß sich deswegen überhaupt nichts tat, weil alle Arbeiter komplett abgezogen worden waren. Warum dann plötzlich nur diejenigen wiederkamen, die erst einmal nichts zu tun hatten, erfuhr man auch wieder nicht. Schon am Rohbau größerer Gebäudekomplexe wurde quälend lange herumgewerkelt, anschließend wurden diese Monsterklötze unendlich lange in ihrem Inneren ausgebaut — und man sah von außen wieder keine Fortschritte. Vor allem diese Feinarbeiten konnten sich mehrere Jahre hinziehen. Als manmit dem Innenleben der Bauten endlich fertig war, ging es schon wieder mit den Reparaturen und Ausbesserungen am nicht ausreichend geschützten Äußeren des Rohbaus los. Die strengen sozialistischen Winter hatten den in der Zwischenzeit nicht beheizten Geisterbauten sowieso schwer zugesetzt. Kurze Zeit nachdem diese Gebäude bezogen worden waren, sah man ihnen schon die ersten Zerfallserscheinungen an und empfand tiefste Schadenfreude.