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Georgs Sorggen um die Vergangenheit

Электронная книга - «Georgs Sorggen um die Vergangenheit». Краткое содержание книги:

Georg wächst in einer der schönsten Wohngegenden Prags in einem summenden Frauenhaushalt auf. Leider zur Zeit des politischen Terrors, der überirdischen Atomtest und später des brutal unterdrückten Reformversuchs von '68. Umstellt von seinen vielen Tanten mit Kriegstraumata, dem tyrannischen Onkel ONKEL und der überstrahlend-schönen Mutter hält er an seiner Überzeugung fest, unter der Schirmherrschaft eines gewissen Heiligen eine helle Zukunft zu finden — trotz der totalitären Verhältnisse, der zerfallenden Prager Bausubstanz und der familiären Zwänge.
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— Die Ingenieure verkommen klamottenmäßig immer mehr, merkst du das? Kaufen sich aus Solidarität nur die häßlichste Konfektion — nur weil sie von ähnlichen Reißbrett-Ingenieuren entworfen wurde. Und darunter tragen diese Leute vorzugsweise syrische Unterhosen, Hodenquetscher aus Nahost, wetten? Sie achten gar nicht auf ein ingenieurmäßiges Auftreten, kennen keine Berufswürde.

— Und was sie mit ihren Glatzen immer anstellen — typische Ingenieurfuzzis, die sich ihre Kopfhaut beim Nachdenken versengt haben. Neuerdings schmeißen sich diese Leute ihre strähnigen Seitenhaare über die kahlen Schädel bis zum nächsten Ohr rüber — von einer Seite auf die andere, kleben sich die Strähnen oben auf der Haut auch noch fest, angeblich mit Fotokleber oder Eiweiß. So ein Glatzkopfindianer kommt sich dann wie ein vollbehaarter Kaltblüter vor. Sie könnten sich über ihre Birnen genausogut Pflaumenmuspalatschinken oder trockene Kuhfladen werfen.

— Echte Kopfdressmänner, Ausstellungsstücke für den Export in die tropengequälten Bruderländer. Nur der Titel, nur der Titel ist wichtig — das ist ein und alles für sie. Und vor allem keine kritischen Blicke in den Spiegel werfen.

— Selbststudium, Vervollkommnung, Weiterbildung — für diese Säulen der Gesellschaft sind das alles einfach Fremdwörter. Dabei gibt es bei uns so viele gute Fachzeitschriften.»Die Welt der Sowjets«,»Die Sowjetfrau im Moderausch«,»Landwirtschaft in der Steppe und hinterm Polarkreis «und und.

— Guck mal, der in der offenen Windjacke — die geht ihmbis zu den Knien, solche echten Jacken-Ingenieure sehen wir immer gern. Und drunter ein falsch gepflegter, ausgehängter Wollpullover von der Mami, der hinten sogar noch zehn Zentimeter länger ist als die Jacke. In die großen Jakkentaschen könnte er sich problemlos geklaute Säuglinge stecken. Und der da, der so herumwackelt, weil er in seine Umhängetaschen eingeschnürt ist — das ist eine echte Einkaufsbeutelkreatur, dieser Esel mit Diplom, an allen Seiten hängt an ihm etwas dran, links und rechts, quer um den Hals, bravo! Dem Mann fehlt nur noch ein Herrentäschchen. Auf dem Rücken hat er natürlich noch einen Rucksack — kann dieses Ingenieurbaby überhaupt noch atmen?

— Was ist aber jetzt los — hat er etwa grüne Haare? NEIN! In seinem Rucksack steckt einfach eine Palme!

— Aber, aber, wackeln tut er, hoffentlich kippt uns der Taschenmann nicht gleich um… zu welcher Seite, was meinst du? Dieser Ing. wird seine ganzen Umhängsei nur in der umgekehrten Reihenfolge wieder los, ist ihm das klar? Packt der Ingenieur seine Entpackung zu Hause ganz allein, oder wird er lieber eingeschnürt bleiben, bis die Mama kommt? Und wieder so ein Unterhosenprofessor da drüben — steckt sich sein Hemd in seine Unterhose aus dem fortschrittlichen Syrien, so daß man das syrische Spitzenerzeugnis jetzt tatsächlich sehen kann. Undjaü! Es ist eine syrische Unterhose, jetzt läßt sich auch der Aufnäher erahnen, endlich!

— Lauter Ingenieure, auch hier drin. Quetschen sich in unseren Wagen rein, bleiben an der Tür stehen, und hier in der Mitte könnte man Csardas tanzen. Warum diskutieren die zwei Professoren über diesen Gully — dort vor der Baustelle, siehst du sie? Jetzt taucht der nächste Ingenieur auf, der mit dem Laster, sieh mal einer an! Wie geschickt der rückwärts fahren kann, trotz der Ruß wölken aus dem Auspuff. Rauchen tut er auch noch nebenbei! Augen voller Qualm und Tränen.- Und der Ingenieur hinten bei den Zementsäcken ist bestimmt sein Beifahrer — der wedelt und wedelt, unterhält sich dabei aber mit der Tussi im Bauwagen. Bald wird er seinen Kumpel glatt in die Grube hineindirigieren, wetten?

— Vielleicht hat sich der Rückwärtsgang-Ingenieur ein paar Tricks bei den Fledermäusen abgeguckt. Und wie schnell er mit seinem Laster blindlings unterwegs ist, der traut sich was! Sein Beifahrerdoktorand wedelt und winkt, achtet auf gar nichts mehr. Vorsicht — die Zementsäcke!

— Die sind jetzt hin! Zwei sind unter den Rädern, unwiederbringlich, sie werden wenigstens den Schlamm andicken. Jetzt kurvt der Lenkradingenieur tatsächlich raus aus der Ausfahrt — hat dabei sogar die Torpfosten stehenlassen. Bald wird er dafür die beiden Gully-Professoren platt machen, wenn ihm keiner die Zigarette aus dem Mund nimmt.

Die Stadt verrottete zusehends. Innerlich wie äußerlich. Und jeder kannte den Titel eines 1967 erschienenen Fotobandes mit Texten von Hrabaclass="underline" DIESE STADT IST IN GEMEINSAMER PFLEGE DER BEWOHNER. Dieser ironisch-melancholische Wunschtraum besaß in den rosigen fünfziger Jahren punktuell vielleicht noch etwas Realität. Damals fanden an den Wochenenden tatsächlich noch freiwillige Arbeitseinsätze statt, bei denen die Prager in Scharen die Straßen ihrer Umgebung säuberten und ihre in der Nähe liegenden Parks pflegten — im Rahmen der sogenannten» Aktion Z«. Wir Kinder machten begeistert mit. Das» Z «stand dabei für ZVELEBOVÄNI, was auf Tschechisch etwa Hebung, Belebung, Veredelung bedeutet. Dieser Aktionismus schlief irgendwann natürlich ein, und nach dem Einmarsch machte man im Rahmen der dumpfen Unzufriedenheit dann überhaupt nichts mehr — für die Stadt nicht, nicht für den Staat, für den Sozialismus schon gar nicht. Jedenfalls nichts, was man nicht unbedingt tun mußte — und auch das tat man möglichst nur zum Schein. Dabeiwurde man in dieser Zeit der NORMALISIERUNG — dieses euphemistische Vergewaltigungswort war der Stützpfeiler der offiziellen Rhetorik — pausenlos darauf getrimmt, alles besser zu machen als während der konterrevolutionären VERIRRUNG von 1968.

Die allgemeine Schlamperei der Normalisierungszeit war trotzdem grenzenlos, auch in den Staatsämtern, bei der Polizei und der Stadtverwaltung — dort zelebrierte man vor allem die Frühstücks-, Mittags- und Kaffeepausen. Und zwischendurch auch noch die Pausen für zwanglose Unterhaltungen, also die Besprechungspausen. Die Folgen bekam man immer wieder zu spüren. Man kontrollierte die Kanalisation nicht mehr, achtete nicht auf verdächtige Absackungen und Absenkungen des Bodens, und eines Tages wurde bei starkem Regen eine Straße vollständig unterspült. Der Bürgersteig samt einer Haltestelle öffnete sich, und auf einen Schlag verschwand eine Menge Prager Bürger unter der Erde. Oder war das in Brünn? Ehrlich gesagt las ich, seitdem die Russen im Land waren, überhaupt keine Zeitungen mehr. Manche unserer Mitmenschen hielten sich bei der Absackung angeblich an den bröckelnden Rändern des Lochs noch eine Weile fest, bis auch sie den anderen folgten. In der Stadt lief jedenfalls — Brünn hin oder her — eine Unzahl von zuverlässigen Augenzeugen herum. Den nichtssagenden Kurzmeldungen in der Presse, in denen dieses Unglück verharmlost wurde, mißtraute man zutiefst. Um so aufgeregter wurde die Sache diskutiert, die Augenzeugen, die dem Unglück nur knapp entkommen waren, waren unsere neuen Helden. Manche der Abgesackten wurden angeblich nie gefunden. Vielleicht waren aber auch gute Schwimmer dabei, meinte jemand.

Daß ein alter Mann aus unserer Nachbarschaft in Eigeninitiative Schilder mit einem roten Pfeil und der Aufschrift» BURG «an den Laternenpfählen befestigte, paßte nicht unbedingt in diese lethargischen siebziger Jahre — der Mannhatte für seinen Eifer aber einen handfesten Grund. Er bastelte die Schilder selbst, sogar bei der Aufstellung kletterte er ohne fremde Hilfe auf seine wacklige Leiter. So bestückte er nach und nach auch etwas entferntere Ecken der Gegend. Mit seinen Schildern wollte er nicht nur den armen, in unserer Gegend regelmäßig unglücklich werdenden Touristen helfen, er wollte auf seiner Parkbank einfach seine verdiente Ruhe genießen. In dieser Zeit wurden wir leider alle belästigt, nicht nur er. Die Touristen stellten — tags wie nachts — jedermann die gleiche Frage:

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