Georgs Sorggen um die Vergangenheit
- Автор: Faktor Jan
- Год: 2010
- Язык: немецкий
- Год: Kiepenheuer & Witsch
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «Georgs Sorggen um die Vergangenheit». Краткое содержание книги:
Der gelassene, von den Wissenden geprägte Gesichtszug wird den Schönen umsonst, einfach wie nebenbei zur Verfügung gestellt — zur Stärkung bekommen viele von ihnen sogar einen zusätzlichen Wertcoupon zwischen die Schenkel geschoben. Diese Menschen besitzen eine sich selbst bestätigende AURA DER GEWISSHEIT im Grunde seit der Kindheit. Nach meinem Gefühl haben sie eine gewisse Bedeutungssicherheit aber schon seit ihrer Zeugung in sich getragen — als eine milchige Vorahnung zumindest. Sie sind mit den Auswirkungen ihrer Aura aufgewachsen und gereift, sie sind unablässig gestärkt worden. Sie konnten ihr machtbehauchtes Selbstwertgefühl andere Menschen jederzeit spüren lassen; egal, wie fragil ihre Aura oder wie härteungeprüft ihr Selbstwertgefühl während ihrer jungen Jahre sein mochten. Und nochmals ganz ohne Neid gesagt: Dank ihres Beitrags zur Ästhetik der menschlichen Lebensräume haben diese Menschen tatsächlich nicht ganz ohne Sinn geatmet und gestöhnt, nicht zwecklos an den Energiereserven der Welt gezapft. Bis zum Zeitpunkt der Midlife-Prüfung jedenfalls.
Da aber das Genießen der Schönheit — der der anderen oder seiner eigenen — natürlich nicht alles ist, was ein Mensch auf Erden zu leisten hat, kann die Schönheit in der zweiten Lebenshälfte zu einem ernstzunehmenden Pflegefall mutieren. Selbstverständlich konnten nicht alle dieser Schönen die ihnen vorgesetzten Härteprüfungen unverletzt überstanden, nicht jede Hochhürde heil überstolpert haben. Und wenn ein unschön angeschlagener Schöner abstürzt, gibt er nach dem Entblättern nicht unbedingt schönere Signale von sich als einige seiner weniger verwöhnten Mitmenschen.
niemand konnte ihn von seinen haaren, seiner nässe und seiner nervosität befreien
In der Slowakei blieb ich erst einmal nicht lange. Das Wetter war scheußlich, die winterliche Klettersaison war vorbei und die sommerliche Hochsaison noch in weiter Ferne. Ich hockte ganz allein in einer Schutzhütte — und schlief allein in einem Schlafsaal mit zwanzig Betten. Eine Übernachtung kostete dort nur fünfzehn Kronen. Ich hatte diese Hütte aber nicht nur wegen des Preises gewählt, sondern auch wegen der mittleren Höhenlage — in die Ortschaften an der Bergbahn war es nicht übertrieben weit, in die Hochtäler ebenfalls nicht. Ich versorgte mich natürlich auch sonst sehr preiswert, aß fast ausschließlich Brot mit geräuchertem Schmelzkäse. Tee und Pulversuppen konnte ich mir in einem mit Blech ausgeschlagenen Vorraum selbst kochen — auf meinem mitgebrachten Benzinkocher. Am Tag lief ich in der Gegend herum und sah mich nach Arbeit um. Abends saß ich in der Hütte an einem langen Eßtisch, an dem sonst ganze Klettermannschaften ihren Grog tranken und sich unschöne Konserveninnereien auf ihre Brote schmierten. Die Herbergsmutter — eine ehemalige Bergsteigerin der Nationalmannschaft — stand in der Tür zur Küche und wollte mit mir tiefe Gespräche über die Einsamkeit in den Bergen führen. Sie sah immer noch beeindruckend sehnig aus und verschlang mich mit ihren Augen. Diese Augen hatten — wie ich wußte — schon die Spitze des Nanga Parbat aus nächster Nähe gesehen. Ihre frostgeschädigte Nase und ihr sich offenbar dauerhaft abpellendes linkes Ohr schimmerten an den blanken Stellen im hellen Klitoriszartrosa, und die Frau sah in ihrer partiellen Pflegebedürftigkeit reizend aus. Und ich hätte, wenn mir danach gewesen wäre,mit ihr in ihrem Privatkabuff schlafen können — und ihren tapferen und mit Bergluft durchströmten Körper nach weiteren interessanten Frostschäden absuchen können.
Nach drei Tagen war ich leider so depressiv geworden, daß ich Magenkrämpfe bekam, meinen Schmelzkäse nicht mehr riechen konnte und in ein Restaurant essen gehen mußte. Nachdem ich unten in Smokovec eine Weile herumgelaufen war, kam es für mich plötzlich nicht in Frage, mich in einer gewöhnlichen Gaststätte abspeisen zu lassen, und ich peilte das beste Lokal des Ortes an — das Restaurant des Interhotels Tatra. So zerknittert und ungepflegt, wie ich inzwischen aussah, hätte man mich eigentlich nicht hereinlassen dürfen. Im Speisesaal saßen aber kaum Gäste.
— Haben Sie für heute reserviert?
— Leider nicht. Der Abstieg hat viel zu lange gedauert. Die Bergsteigerkluft war in der Gegend offenbar so etwas wie ein VIP-Ausweis, man ließ mich eintreten. Die Schweinesteaks im dünnen Knoblauchmantel waren so köstlich, daß ich am liebsten» repete «gesagt hätte — also das gleiche noch einmal bestellt hätte. Für verfressene Tschechen in gewöhnlichen Kneipen nichts Ungewöhnliches. Früher funktionierte es in besonders traditionell geführten Häusern sogar wortlos. Wenn man das Besteck nicht überkreuzt auf dem Teller plazierte, sondern parallel zueinander neben dem Teller — nicht auf dem Teller — liegen ließ und einen entsprechenden Blick aufsetzte, wußte der Kellner sofort, was dies bedeutete. Man war zufrieden, aber noch nicht ganz satt, und man wollte genau das gleiche noch einmal vorgesetzt bekommen. Der Gast konnte sich also ganz still verhalten, sich meditativ auf das dritte und vierte Mittagsbier konzentrieren und überlegen, ob er anschließend vielleicht noch eine dritte Portion bewältigen würde.
Ich fühlte mich an dem Abend im Interhotel für mein gutes Geld so liebevoll versorgt, daß ich in dieser mutterschoßähnlichen Einrichtung am liebsten gleich als Hotelgast geblieben wäre. Mein halbes Hunger- und mein ganzes Sehnsuchtsproblem löste ich anschließend ganz einfach — ich ließ mir für den nächsten Tag einen Tisch reservieren. Für das Mittag- und auch das Abendessen. Der nächtliche Aufstieg zu meinem Zwanzig-Betten-Gemach war ein bitterer gesellschaftlicher Abstieg, und meine schwer gewordenen Beine streikten von Anfang an. Aus Verzweiflung vertilgte ich auf einem Rastplatz eine trockene Brotkante. Am nächsten Tag kam ich nicht nur zum Essen in mein Hotel. Ich brachte mein ganzes Gepäck mit — und die Überzeugung, keine andere Wahl gehabt zu haben, als dort ein Zimmer zu beziehen. Ich nahm sogar ein prächtiges Zimmer nach vorn. Ein Kabuff mit einem dreckigen Fenster zum Hof lehnte ich glatt ab. Ich stand lange auf dem Balkon, sah mir aus dem dritten Stock die Promenade an — und seitlich auch die Gipfel und die Pässe meiner geliebten Berge. Die Arbeitssuche vergaß ich erst einmal. An vielen Gegenständen und Utensilien entdeckte ich den alten Namen des Hotels: GRAND. Hier war ich passend und endlich angemessen untergebracht. Gleich am ersten Abend durfte ich sogar etwas Kunst genießen — im großen Speisesaal sollte ein Klavierkonzert stattfinden. Ein Pianist aus der Kreisstadt war in der ganzen Gegend mit kleinen Plakaten angekündigt worden und sollte auf dem Flügel, auf dem im Moment noch Servietten, Zahnstocher und Salzstreuer abgestellt waren, eine bunte Mischung aus klassischen, romantischen, aber auch modernen Klavierstücken zum besten geben.
Der Start des Konzerts war leider schlecht konzipiert. Der Künstler wurde von keinem Conferencier angekündigt, er kam vollkommen lautlos herein und stand in seinem Frack dümmlich und viel zu lange neben seinem Gerät. Jede dort zugebrachte Sekunde war eine falsch investierte.
Die Gesichtsmuskeln des Mannes befanden sich in einem hochfrequenten Spannungsspiel, versprachen nichts Gutes, und seine Körperlichkeit besaß wenig an kunstfeuriger Ausstrahlung. Ich phantasierte sofort, daß er sich dauernd verklimpern würde. Er machte auf mich schon zu diesem Zeitpunkt den Eindruck eines Schicksalsgeschlagenen, der wahrscheinlich nichts anderes gewohnt war, als von einem Schreckerlebnis zum nächsten zu torkeln. Viele Gäste bemerkten den Menschen gar nicht oder hielten ihn für einen Oberaufseher der Kellnerschaft. Daß wir so wenige waren, war für den Interpreten sicher ein Schock.
Im Saal saßen verstreut — an ihren Eßtischen wohlgemerkt — etwa fünfzehn Zuhörer. Ein Ehepaar klatschte leise und verschämt. Der Pianist akzeptierte diese Begrüßung aber nicht und stand weiter reglos da. Einige aßen immer noch, unterhielten sich relativ laut und wußten gar nicht, daß sie störten. Mit Recht zeigte der Mann endlich seine Unzufriedenheit verstärkt — mimisch wenigstens. Er fixierte mit bösen Blicken die Applaussäumigen, versuchte vor allem die Köpfe derer unter Blickbeschuß zu nehmen, die ihm ihre Gesichter noch nicht zugewandt hatten. Wenn er konsequent gewesen wäre, hätte er zur Herstellung der Ruhe unbedingt die reichlich vorhandenen Salzstreuer als Wurfgeschosse benutzt. Diese standen aufgereiht auf einem Nebentisch. Er hätte unbedingt ganz schnell handeln müssen, tat aber nichts, tänzelte leicht.