Georgs Sorggen um die Vergangenheit
- Автор: Faktor Jan
- Год: 2010
- Язык: немецкий
- Год: Kiepenheuer & Witsch
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «Georgs Sorggen um die Vergangenheit». Краткое содержание книги:
In den Jahren nach der Invasion steigerten sich in mir aus Wut gegen den überall sichtbaren Zerfall, aus Verzweiflung über den Untergang von Kultur und Anstand aggressive Tötungsimpulse. Die überschießende Wut kam manchmal so plötzlich in mir auf, daß ich sie schwer unterdrücken konnte. Einmal ging ich mit einem kaputten Regenschirm über die Straße und merkte, wie mich zwei junge Dummköpfe wegen des eingeknickten Regenschirmrands auslachten. Sie saßen an der Kreuzung in ihrem häßlichen Lieferwagen, ihre Fenster waren offen — und sie lachten nicht nur, sie riefen mir auch noch etwas Spöttisches zu und qualmten dabei. In dieser Zeit hörte ich mehrmals am Tag Strawinskys» Le sacre «und war voller wildester Energie. Außerdem trug ich dank der gewaltigen Kraft der Musik ein Übermaß an Würde in mir, die ich mir auf keinen Fall beschmutzen lassen wollte. Die beiden Raucher im Auto hatten vielleicht nur gute Laune, ich war trotzdem außer mir. Schon mein erstes großes Musikerlebnis in der Kindheit hatte mit bevorstehender Rache zu tun. Die fünfzehn Paukenschläge nach Tybalts Tod — in Prokofjeffs Romeo und Julia — hörte ich mir manchmal endlos lange an. Ich nahm den Tonarm immer wieder hoch, setzte die Nadel in die richtige Lücke hinter den» Tanz«, und» Tybalts Tod «begann von neuem — und ich wartete fiebrig auf die fünfzehn quälend langsamen Fortissimo-Schläge, freute mich auf das anschließende herrliche Katastrophengejaule und — trompete, spürte, wie sich diese Feier des Todes, die beste aller tragischen Stimmungen, die sich ein Mensch im Vorfeld eines Rachefeldzugs wünschen kann, mit jedem Takt in mich tiefer hineinfraß.
Ich nahm — die beiden im Auto sitzenden Lachidioten imVisier und meinen kaputten Regenschirm in der linken Hand — den erstbesten Pflasterstein und warf ihn mit voller Wucht aufs Ziel. Dummerweise warf ich viel zu genau, und der Stein flog tatsächlich durchs offene Fenster in die Kabine, flog in Richtung des Beifahrerkopfes. In dem Moment rannte ich aber schon los und konnte nichts mehr sehen. Ich hörte auch keinen Schrei, kein Hupen, keine quietschenden Reifen. Da die Presse in der äußerst kompakten» Schwarzen Chronik «nur eine eingeschränkte Anzahl von Polizeiberichten bringen durfte (fünf, sechs, sieben… mehr als zehn auf keinen Fall), erfuhr ich nie, was ich damals angerichtet hatte.
Während der Tage des Wartens auf den eventuellen Zugriff der Polizei packte mich ein vernichtend schlechtes Gewissen wegen meiner verstorbenen Kellertante Peprl. Ich hatte mich von ihr seinerzeit nicht ordentlich verabschiedet, und mir wurde plötzlich klar, daß es für manche Dinge von einem Moment auf den anderen zu spät sein kann. Peprl war die erste bei uns, die starb. Sie starb im Krankenhaus, ich hatte sie dort nur ein einziges Mal besucht. Als ihr Ende nahte, hatte ich Ferien. Ein Besuch hätte sowieso keinen Sinn gehabt, meinte jemand, Peprl hätte angeblich niemanden mehr wahrnehmen können. Ich hatte mich damals auf die Erwachsenen, die meinten, über die restlichen Wahrnehmungsfähigkeiten von Sterbenden Bescheid zu wissen, verlassen. Dabei war Tante Peprl in ihrer Körperhülle sicher hellwach gewesen. Ausgerechnet sie hatte in ihrem Keller lange Jahre für den Tod geübt und ihre Sinne für alle möglichen durch die Wände oder das Doppelfenster zu empfangenden Signale geschärft. Wenn sie bei ausgeschaltetem Licht im Dunklen saß, war sie doch — um sich nicht zu langweilen — sicher vor allem darauf aus, Vibrationen, Schattenwürfe oder Erschütterungen zu empfangen. Ich behielt das Gefühl, Tante Peprl viel schuldig geblieben zu sein, ihr irgendeinen Wunsch nicht erfüllt zu haben.
frau slajsovä
Unsere Putzfrau aus dem schon erwähnten Stamme VER-SCHLEISS — Frau Slajsovä — war nicht nur herzlich und liebenswert wie alle mich umgebenden Damen, sie war günstigerweise auch noch putzwütig. Und im Gegensatz zu allen mir bekannten Frauen war sie bärenstark. Sie war ein riesiges Weib, war gut fettbepolstert und wie ein Nutztier außerdem reichlich mit Muskulatur bepackt. Sie hatte unmenschlich rauhe Hände, von den Elephanten abgekupferte Füße und einen Arsch, der — was seine Größe betraf — in der gesamten Republik nur schwer seinesgleichen gefunden hätte. Außerdem besaß sie ballonartige Knie, auf die sie sich bei Bedarf mit voller Wucht fallenlassen konnte, ohne sich weh zu tun; und man sah sie dauernd irgendwo auf einem ihrer Knie herumkurven — oder auf beiden. Sie war eine Ringerin der schwersten Möbelklasse und konnte beispielsweise auch halbwegs volle Kleiderschränke so fest anpacken, daß diese ihr folgten. Jedenfalls war sie in der Lage, bei Bedarf alle Möbelstücke, die die Spannweite ihrer Arme nicht überschritten, allein anzuheben und parkettschonend anderswo abzusetzen. Über solche und ähnliche Kunststücke von ihr wurde bei uns immer mit größtem Respekt gesprochen.
Frau Slajsovä im Zusammenhang mit dem guten Geruch unserer Wohnung nicht zu erwähnen wäre nicht nur ungerecht — es wäre eine regelrechte Schandtat, eine verbrecherische Unterlassung erster Güte. Bei meiner Mutter, bei Großmutter Lizzy und mir durfte sie regelmäßig putzwüten, und das tat sie auch. Sie putzte und säuberte leidenschaftlich und lächelte immer zurück, wenn man sie lächelnd ansah. Tante Györgyis Bereich und den des Onkels durfte sie dagegen nicht einmal betreten — sie hätte dort auch nichts zum Lachen gehabt. Györgyi ließ sowieso kaum jemanden zu sich herein, und Onkels Raum war voller sensibler Dinge, die niemals in eine Frauenhand geraten durften. Und Frau Slajsovä für ihre Distanzlosigkeit gegenüber Mensch und Materie noch zu bezahlen kam für ihn außerdem nicht in Frage. Bei Erna hatte Frau Slajsovä nur begrenzte Putzrechte, außerdem wurde sie bei der Arbeit pausenlos vollgequatscht — das heißt von Erna im Grunde beaufsichtigt. Zarte Gegenstände wie Vasen wurden vor dem Reinemachen aber nicht nur bei Erna rechtzeitig in Sicherheit gebracht. Frau Slajsovä galt allgemein als gefährlich, da sie ihre Kraft oft zu hemmungslos einsetzte. Außerdem arbeitete sie gern mit althergebrachten radikalen Putzmitteln — oft mit reinen Chemikalien. Solange darunter nur ihre Hände litten, ließ man sie schaumfrei oder vielschäumend walten, schalten, ätzen und zersetzen.
Der Höhepunkt des Jahres war für Frau Slajsovä der gründliche Frühjahrsputz,»gruntoväni «genannt. An diesem Tag bekam sie etwas höheren Stundenlohn als sonst und hatte noch bessere Laune als sonst — aber natürlich nicht wegen der auch in diesem Fall bescheidenen Bezahlung, sondern wegen der vor ihr stehenden und edlen Großaufgabe. Diese bestand darin, die zu putzenden Räume auf den Kopf zu stellen. Vorübergehend sollte an dem Tag nichts bleiben, wie es war und wo es war. Schränke wurden von der Wand abgerückt und auch von hinten mit Schaum gewischt und desinfiziert, schwere Teppiche wurden zusammengerollt und zum Klopfen in den Hof geschleppt, Matratzen auf den Balkon hochkant gestellt und alle Betten umgekippt. Nirgendwo sollte ein Körnchen Staub unentdeckt haften- oder sogar klebenbleiben. Das eigentliche Putzobjekt, auf das sich Frau Slajsovä anschließend stürzte, war der Parkettfußboden — das in der Hierarchie sich amtiefsten befindende Objektwesen unser Wohnung, auf dem sich die sichtbare wie unsichtbare Quintessenz allen Drecks und aller Übel vermuten oder festmachen ließ. Unsere Fußböden waren, weil man bei uns jegliche Art Lackierung verabscheute, leider tatsächlich immer voller Flecke und anderer sichtbarer Dreckzeugnisse. Jeder zum Boden gefallene Tropfen SAUBEREN(!) Wassers — von Tee, Kaffee oder Wein ganz zu schweigen — hinterließ Spuren. Sauberes Wasser helle, andere Substanzen eher dunkle Spuren, aber auch die hellen Stellen verdüsterten sich mit der Zeit. Der Totaleinsatz von Frau Slajsovä wurde irgendwann unvermeidlich.
Wenn am Tag des» Gründlichmachens «ein Zimmer freigeräumt war, legte Frau Slajsovä los, rückte mit mehreren Eimern Wasser, mit Kernseife, rauhborstigen Bürsten, vielen häßlichen Lappen und einem Bausch Stahlwolle an. Familien, die eine solche Radikalkur in ihren Wohnungen nicht regelmäßig durchführten, wurden von uns allen verachtet. Frau Slajsovä bürstete das Parkett zuerst mit viel Schaum, scheuerte und schrubbte dann einzelne Parkettabschnitte mit ihrer rohen Bürste so gründlich, bis das harte Holz samt aller Dreckpartikel weich und nachgiebig wurde. Der erste Eimer mit dem schlimmsten Dreckwasser roch am abscheulichsten, darin wurde sicher nicht nur Kernseife aufgelöst. Den anderen, etwas saubereren Drecklaugen mischte sie auf jeden Fall noch etwas zum Desinfizieren bei. Gummihandschuhe verabscheute Frau Slajsovä auch beim Gründlichmachen. Beim anschließenden Reiben mit der Stahlwolle kam natürlich etwas Holzsubstanz abhanden — und das sollte auch so sein. Sie schabte die Oberfläche einfach konsequent in einer Richtung so lange ab, bis sich vor ihren Knien eine längliche Spur Schabholz ansammelte. Die nassen Holzkrümel wanderten dann weiter mit ihr mit und wurden ab und zu zusammengefegt. Ihr Eingriff in die Tiefen der Parkettoberfläche galt natürlich nicht nur den Flecken, dem eingefressenen Staub und dem Schmierdreck, sondern einfach allen mikroskopischen Lebewesen, die von uns in den oberen Holzschichten vermutet wurden. Am Ende war der Fußboden sicher so gut wie keimfrei — kurzzeitig jedenfalls. Nachdem die schabende Frau Slajsovä in der Nähe der Tür angekommen war, ging es an der Fensterseite wieder los. Das noch etwas feuchte Parkett wurde nach und nach gründlich gebohnert und die letzten noch lebenden Keime grausam mit Wachs erstickt. Wenn ich von der Schule nach Hause kam, war wenigstens ein Raum schon fertig — alles glänzte wie neu und roch unbeschreiblich nach totaler Reinheit. In der Wohnung herrschte das reinste Glücksgefühl. So etwas wie der Neuanfang unser aller Leben war angesagt, die Vermehrung und Vervollkommnung alles Lebendigen — unsere, aber auch die der unzähligen Keimstämme — konnte von vorn beginnen. In den fertig geputzten Räumen wirkte alles wie verändert, obwohl die Möbelstücke wieder an der gleichen Stelle standen, wo sie immer schon gestanden hatten. Natürlich strahlten alle fertig geputzten Oberflächen und glänzten dank der frisch aufgetragenen Politur, und natürlich strahlte auch Frau Slajsovä — sie war stolz und überglücklich. Dieser himmlisch putzgeilen Ausnahmeerscheinung war am frühen Nachmittag erstaunlicherweise noch gar keine Abschaffung anzusehen, obwohl die Unermüdliche schon längst dabei war, das nächste, bereits ausgeräumte Zimmer zu schrubben.