Georgs Sorggen um die Vergangenheit
- Автор: Faktor Jan
- Год: 2010
- Язык: немецкий
- Год: Kiepenheuer & Witsch
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «Georgs Sorggen um die Vergangenheit». Краткое содержание книги:
Am Anfang meines Berufslebens wollte ich mich im Rahmen meiner Möglichkeiten noch verantwortungsvoll einbringen, meiner schönen Geburtsstadt etwas zurückgebenund wenigstens in einem begrenzten Umfang ein bißchen Ordnung in das allgemeine Chaos bringen. Ich machte in meinem Betrieb auf ungesicherte Schwachstellen unserer Lagerhallen aufmerksam und warnte vor Dieben — bald danach wurde tatsächlich eingebrochen. Auf den Baustellen befestigte ich manchmal wackelige Bauteile, die drohten, Menschen zu erschlagen, unterwegs entfernte ich von den Fahrbahnen massive Metallstücke oder ganze Aggregate, die marode Fahrzeuge verloren hatten, oder ich steckte in irgendwelchen Nebenstraßen augenfällige Äste in offene Gullylöcher, um diese wenigstens für andere Fahrer, die nicht immer aufmerksam nach vorn schauten, sichtbar zu machen. Meine schöne Stadt und mein Land waren aber nicht mehr zu retten. Sogar mein Lieferauto wurde trotz meiner Fürsorge gemeingefährlich, und ich konnte dagegen wenig ausrichten. Die Mechaniker meines Betriebes waren faul und schickten mich immer wieder weg, wenn ich sie auf irgendwelche Klappergeräusche aufmerksam machte. Sie schauten sich beim Vorbeigehen manchmal schnell das und jenes an, traten gegen die Räder, bückten sich leicht, um zu sehen, ob am Chassis noch alles dran war. Wenn ich dort Risse sauberwischte und sie ihnen zeigte, vertrösteten sie mich, der Zustand meines Autos sei außergewöhnlich stabil.
— Diese Risse sind uralt, daran hat sich seit Jahren nichts geändert.
Als einmal ein Rohrleger von seiner Straßengrube aus einen Blick unter mein parkendes Ungeheuer geworfen und mich darauf aufmerksam gemacht hatte, daß an der Antriebswelle kurz vor dem Differentialgetriebe vollkommen lose Schrauben baumelten, traute ich mich auf dem Garagenhof, einen Mechaniker anzubrüllen. Das war leider ein grober Fehler. Ich war ein Neuling, war viel zu jung und hatte die im Betrieb herrschende Hierarchie mißachtet — als Strafe bekam ich vom Meister persönlich einen spontanen Schwergewichts-Arschtritt, den ich zwei Wochen späternoch spürte. Die Tritte des Hausmeisters Erben während meiner Schulzeit waren wesentlich liebevoller.
Ungeheuerlichkeiten begegneten einem überall, wohin man kam. Im Großhandel für Kabel fiel mir einmal auf, daß man dort beim Verkauf der Meterware keine Latten oder andere Hilfsinstrumente zum Messen nutzte, sondern einfach nur an den Kabeltrommeln kurbelte. Einer der Männer drehte und drehte und ließ das Kabel auf den Boden fallen. Der zweite kam dann mit einem Bolzenschneider vorbei und schnitt das» abgemessene «Stück ab. Für die Männer stand, wie ich bald erfuhr, für jede Trommel fest, wieviel Kabelmeter bei einer Umdrehung — bei einem sicher vor vielen Jahren vorgenommenen Pilotversuch — abgewickelt würden. So genügte es ihnen, nur die reine Anzahl der Umdrehungen zu zählen, um die verlangte Meterzahl zu ermitteln. Man unterhielt sich dabei, die Trommel wurde locker und eher wie nebenbei bewegt, und in der Regel wurde offenbar auch großzügig gezählt — lieber zwei Umdrehungen mehr als eine zu wenig. Dabei war die Schwachstelle der angewandten Methode niemandem aufgefallen. Niemanden kümmerte, daß die Länge der Schlaufen mit dem abnehmenden Durchmesser der restlichen Kabelschichten kontinuierlich abnahm.
— Bis jetzt hat sich darüber niemand beschwert, meinte einer. Wir machen das hier immer so.
— Bist du ein Schlaumeier oder kommunistisches Arschloch? fragte ein anderer.
Im Rahmen meiner eigenen Arbeitsaufgaben bedrückten mich leider noch andere Dinge. Ich mußte mich an den allgemein üblichen Betrügereien beteiligen — und diese wurden jeden Tag und von jedem einzelnen Fahrer auch unbedingt erwartet. Ich durfte auf keinen Fall aus der Reihe tanzen. Am Ende eines jeden Tages mußte man sich lange Strecken und fiktive Fuhren zusammenphantasieren, auch wenn man sie an einem einzigen Tag gar nicht hätte bewältigen können. Mit unserer Bezahlung hatte diese Praxis überhaupt nichts zu tun. Wie ich bald mitbekam, wußte die Buchhaltung über unser Treiben bestens Bescheid. Da wir Fahrer beim Tanken mit Gutscheinen zahlten, allerdings viel weniger Benzin verbrauchten, als der nach oben getriebenen Kilometerzahl entsprach, öffneten sich in mir unbekannten Hinterzimmern Freiräume für sozialistische Privatnutzung der erwirtschafteten Gutscheine. In die genauen Abläufe wurde ich allerdings nie eingeweiht.
Das obligatorische Ausfüllen des Fahrtenbuches war eine zeitraubende Arbeit, das manuelle Manipulieren des Tachometers war außerdem unangenehm und riskant. Ich mußte jeden Tag, bevor ich in die Garage einfuhr, irgendwo anhalten, den Tacho ausbauen und mit einem Schraubenzieher eine Weile an einer Schraube drehen. In der ruhigen Nebenstraße unweit des Garagenhofes sah ich oft auch die anderen Fahrer, wie sie das gleiche taten. Als mir einmal eine Überwurfmutter, die das ganze Tachogehäuse an der Armatur von hinten festzuhalten hatte, in einen Hohlraum der Karosserie hineingefallen war, war ich vollkommen verzweifelt. Einer der Fahrer war gnädig und half mir. Diese Gefahr kannte er, und er kannte auch die Geheimnisse der Karosserie. Und da mein Auto zum Glück schon ziemlich durchgerostet war, nahm er einen robusten Schraubenzieher in die Hand und stach das Blech an einer Stelle einfach durch — gleich beim ersten Versuch. Ein Hammer war dazu gar nicht nötig. Er würgte anschließend so lange im Hohlraum der Säule, bis er eine gemütliche Öffnung ausgehebelt hatte — und holte die feingewindige und unersetzbare Spezialmutter heraus.
— Ein Wunder, daß das Auto noch zusammenhält, sagte ich.
— Vielleicht nicht mehr lange. Ich bin mit meinem Fahrerhäuschen schon mal nach vorn geflogen. Du darfst nicht zu stark bremsen — bremst das Ding überhaupt noch?Zum Glück gab es noch die Wochenenden. Ich war schon seit einiger Zeit unter die Bergsteiger gegangen und fuhr regelmäßig zu irgendwelchen Sandsteinfelsen klettern. Was die Schwierigkeitsgrade betraf, zählte ich die ganze Zeit zu den Anfängern — trotzdem war es nicht schwer, auf die Idee zu kommen, in welche Richtung meine ersehnte Flucht aus Prag erfolgen könnte. Ich wollte unbedingt so weit weg von meiner Familie wie nur möglich, wollte auch keine Möglichkeit mehr haben, Dana zu besuchen. Ich kündigte rechtzeitig bei meinem Betrieb, packte an einem Freitag etwas mehr Klamotten zusammen als gewöhnlich, und als ich schon auf der Treppe war, versetzte ich meiner Mutter den nächsten großen Stoß, der sich in die lange Serie von schweren Todeshieben würdig einreihen konnte.
— Ich komme nicht wieder.
— Was heißt das? fragte sie.
— Ich bleibe in den Bergen, fahre in die Slowakei. Ich will dort in erster Linie bergsteigen, beruhigte ich sie. Aber auch schreiben.
— Du willst weg vor mir, nicht wahr, Georg.
mutter anna iolanthe
Die folgende Frage blieb familienintern lange Zeit offen: Ist der liebe Georg erwachsen oder doch noch ein Kind? Daran sollte auch mein unartiges Verschwinden vorerst nicht viel ändern. Man versuchte — aber das war schon immer so — , die eingespielte Kontinuität zu wahren. Sogar einige Jahre vor meinem Weggang wurde ich noch gefragt, ob mein STUHLGANG in Ordnung sei. Regelmäßig? Nicht zu hart?
— Gehst du morgens, Georg? Morgens ist es am gesündesten.
Was ich mittags gegessen hatte, wollte von mir meine liebste Großmutter Lizzy sowieso jeden Tag wissen.
— Um Gottes willen, Georg! Jetzt gibt es das gleiche zum Abendbrot — tut mir so leid.
Daß wir dort wohnten, wo wir wohnten, daß wir also so schön wohnten in Prag, hatte unsere Familie meiner Mutter Anna zu verdanken. Sie, ihre Mutter Lizzy und Schwester Eva hatten sich nach der Flucht vom Todesmarsch erst einmal nach Ostrau begeben. Meine Mutter hatte sich am schnellsten erholt und war als Ein-Frau-Vorauskommando bald nach Prag aufgebrochen, um eine große Wohnung für alle, die zurückgekommen waren oder noch erwartet wurden, zu finden. Sie suchte sich die schönste Gegend aus und fragte den erstbesten Polizisten, der auf einer Kreuzung den Verkehr regelte, ob er ihr helfen könne. Dieser Mann wußte zufällig, daß gerade eine prächtige Riesenwohnuns am barocken Tor, an der» Piseckä bräna«, frei geworden war.