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Georgs Sorggen um die Vergangenheit

Электронная книга - «Georgs Sorggen um die Vergangenheit». Краткое содержание книги:

Georg wächst in einer der schönsten Wohngegenden Prags in einem summenden Frauenhaushalt auf. Leider zur Zeit des politischen Terrors, der überirdischen Atomtest und später des brutal unterdrückten Reformversuchs von '68. Umstellt von seinen vielen Tanten mit Kriegstraumata, dem tyrannischen Onkel ONKEL und der überstrahlend-schönen Mutter hält er an seiner Überzeugung fest, unter der Schirmherrschaft eines gewissen Heiligen eine helle Zukunft zu finden — trotz der totalitären Verhältnisse, der zerfallenden Prager Bausubstanz und der familiären Zwänge.
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Bei den Schweden war alles anders. Man spürte eine Art Ablaufharmonie, wie man es von Körperschaften der großen Kunst, zum Beispiel von Weltklasseorchestern, kannte. Man beobachtete das respektvolle Miteinander zwischen Mensch und Maschine, zwischen der unsichtbaren Leitungsebene und der ausführenden Arbeiterschaft — und nahm das offenbar widerstandslos angenommene Ticken irgendwelcher riesigen Harmonogramme wahr. Es gab keine Hektik, keine Auseinandersetzungen oder vor Wut durch die Luft fliegende Werkzeuge, auch keine chaotisch abgelegten Materialreste, keine Berge von Schutt und Abfall. Die Overalls der Arbeiter waren oft sauberer als die Alltagskleidung einiger einheimischer Männer, die von ihren Ehefrauen als Sorgeobjekte — Pflegefälle auf Knabenniveau — aufgegeben worden waren.

Die Wut und Verzweiflung, die man auf den Straßen überall zu spüren bekam, wurde immer bedrückender. Einige Verzweifelte, die nicht in die allgemeine Ohnmacht verfallen wollten, suchten nach Entlastungsventilen — bis sie sie fanden und öffneten. Eine junge Frau raste einmal aus Wut über die politische Situation und die Feigheit ihrer Mitmenschen mit ihrem Laster in eine wartende Menschenmenge. Es gab ein Blutbad mit einigen Toten, der Blutmenge entsprechend, gab es auch viele Augenzeugen — und weil man auf diese so angewiesen war, vermehrten sie sich mit der Zeit noch. Die Presseagentur erwähnte trotz besseren Wissens nur einen» tragischen Verkehrsunfall«. Einiges bekam man aber ganz unmittelbar mit. Mir fiel zum Beispiel auf, daß die Anzahl der Menschen, die in der Stadt hinkten und humpelten, gestiegen war. Und wenn es sich ergab, daß man sie in ein Gespräch verwickeln und nach dem Grund ihres Hinkens fragen konnte, zeigten sie wütend auf die vorbeifahrenden Autos:

— Die Schweine fahren einem in den Kurven einfach über die Fersen.

— Wirklich?

— Ja! Oder über die Füße! Auf der Kleinseite ist es am schlimmsten. Dort, wo die Kreuzungen durch die Seitenstraßen umfahren werden — am Üjezd zum Beispiel. Diese Idioten kennen die Ideallinie und schneiden die Ecken einfach über die Bordsteinkanten. Und wenn gerade eine Straßenbahn kommt, fahren sie trotzdem weiter, auch wenn es zu eng ist. Daß sie dabei über die Füße der Leute rattern und nicht über Pflastersteine, kriegen sie gar nicht mit.

Bei diesen Gesprächen gab ich vorsichtshalber nicht zu, daß ich als Lieferwagenfahrer eines Tages auch zu den Fußplätterern gehören könnte. Bisher hatte ich in meiner Arbeitszeit zwar noch niemanden verletzt, die Ecken, an denen man — nah am Limit, versteht sich — brutal über die Bordsteinkanten fuhr, kannte ich allerdings recht gut. Und nicht nur die im Zentrum, sondern auch diejenigen außerhalb des Zuständigkeitsbereichs meiner Wohnungsbauverwaltung. Der allgemeine Brutalisierungstrend war tatsächlich nicht mehr aufzuhalten. In der Stadt vermehrten sich zusätzlich noch ganz anders geartete Gewalttäter. Ich nannte sie die Rollstuhl-Desperados und empfand sie wegen ihrer Unangreifbarkeit als besonders gefährlich. Sie steuerten ihre Gestelle ähnlich risikoreich wie die Autofahrer — und da sie sich auf den Bürgersteigen ohne Einschränkungen und immer mit dem Vorfahrt-Gefühl austoben durften, bewegten sie sich auf vorprogrammiertem Crashkurs. Siefuhren manchmal einfach schnurstracks durch die Menge, ohne Rücksicht darauf, ob sie von den Passanten rechtzeitig gesehen werden konnten oder nicht — und sie ließen ihren Mitmenschen kaum Zeit zu reagieren. Auf die unvermeidbaren Unfälle freuten sie sich offenbar schon und hatten als Behinderte wenig zu befürchten. Einen von ihnen kannte ich persönlich aus einer Kneipe. Er hatte die Stadt so satt, daß er vorhatte, samt Rollstuhl nach Amerika auszuwandern. Und er freute sich schon auf die Amerikaner, weil diese so freundlich lächelnde Menschen seien. Die Amis würde er mit seinem Rollstuhl auch nicht anfahren wollen, niemals. Dort würde er sowieso einen behindertengerechten Buick fahren.

Aber auch die Helfershelfer der Behinderten — wenn sie als Schieber das Sagen hatten — übernahmen bald den neu eingeführten Fahrstil, schoben ihre Schützlinge mit so hohem Tempo durch die Menge, daß sie besonders pechbefleckten Bewohnern der Goldenen Stadt zusätzlich zu ihren Füßen und Fersen auch noch die Schienbeine lädierten. Wer die Zeichen des neuen Zeitalters nicht erkannt hatte, also unaufmerksam oder fluchtunwillig blieb, mußte mit noch schlimmeren Frontalkollisionen rechnen. Und wenn es zu einem Zusammenprall kam, wurden die Geschädigten auch noch abgebrüllt.

— Arschloch, kannst du nicht aufpassen? feuerte der aufopferungsgeile Schieber wie aus einer abgesägten Schrotflinte. Siehst du nicht den Behinderten? Bald bist du auch so weit, paß auf!

Ausgerechnet in dieser finsteren Zeit wollte die Stadtverwaltung wenigstens etwas Gutes für die Blinden tun und ließ an vielen Ampelkreuzungen neu entwickelte Jaulsignalgeber installieren. Das hatte zur Folge, daß das viel zu laute Gejaule während der Grünphasen den Menschen im weiten Umkreis den Schlaf raubte. Das Leben in Prag wurde aber aus vielen anderen Gründen unerträglich. Die Abgebrühtheit und Gefühlsstumpfheit ging so weit, daß man es wagen konnte, an den Abenden tapfere Jäger herbeizurufen, um in der Innenstadt die lästigen und die alte Bausubstanz gefährdenden Tauben zu dezimieren. Das Abschießen geschah vor aller Augen. Die Jäger kamen mit ihren kleinkalibrigen Gewehren und begannen systematisch, die Tauben ins Visier zu nehmen. Mitten in der Stadt, regelmäßig zum Beispiel auf dem Altstädter Ring. Diejenigen Vögel, die sich auf die vielen Simse der umliegenden Häuser oder auf entferntere Dächer gerettet hatten, wurden mit ruhigen Schritten verfolgt und — ahnungslos, wie sie waren — dort erwischt.»Peng«… und» Klatsch«,»Peng «und… (nach dem senkrechten Flug auf die Pflasterung)»Klatsch«. Ich höre das bis heute.

Nachdem ich kein Müllmann werden durfte und nur ein einfacher Ausfahrer geworden war, wußte ich, daß ich mich irgendwann würde umorientieren müssen. Etwas in mir wollte unbedingt aus der Stadt heraus. Den Anlaß lieferte mir ein Mädchen, das eines Tages zwischen zwei parkenden Lastern vor mein bremslahmes Lieferauto gelaufen war. Das Mädchen kam mit einer leichten Gehirnerschütterung davon. Ich lobte mich still für meine Reaktionsschnelligkeit, war mehr als erleichtert und auch stolz. Ich hatte im engsten Prager Straßenlabyrinth, in das damals noch jeder Verkehrsverbrecher hineingelassen wurde, kompromißlos, trotzdem zentimetergenau fahren gelernt, und da ich bis dahin niemanden umgebracht hatte, war es wirklich höchste Zeit zu verschwinden. Daß mein aktueller Beruf von der Politik unabhängig war, reichte mir inzwischen nicht mehr. Außerdem hatte meine aktuelle Existenz auch mit einer bescheiden hellen Zukunft — trotz des wiederholten Ausfahrens von glänzenden Klosettschüsseln — wenig zu tun. Und ich wohnte immer noch brav zu Hause.

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