Georgs Sorggen um die Vergangenheit
- Автор: Faktor Jan
- Год: 2010
- Язык: немецкий
- Год: Kiepenheuer & Witsch
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «Georgs Sorggen um die Vergangenheit». Краткое содержание книги:
Diese fehlende Differenzierung war natürlich etwas ungerecht. Alle techniklahmen, trotzdem titelstolzen» Ing.«-Träger — also Land- und Forstwirte, Ökonomen, Verwaltungs-, Handels- oder Kaufmannswirte — wurden auf diegleiche Stufe mit den viel härter ausgebildeten Bauingenieuren, Maschinenbauern oder Chemikern gestellt. Daß diese von sich selbst eine viel höhere Meinung hatten, war vollkommen berechtigt. Die einzigen, die sich aus dieser undefinierbaren grauen Ingenieurmasse abheben konnten, waren die Architekten, die den Titel» Ing. arch. «tragen durften. Bei uns im Haus wohnte ein» arch.«, der aber einfach ein umtriebiger und begabter Tischler war, der sich nebenbei — also inoffiziell als Privatmann — auf das Entwerfen kompletter Wohnungseinrichtungen, also auf die Innenarchitektur spezialisiert hatte.
Die Aufwertung der nichttechnischen Berufe und die allgemeine Titel-Nivellierung sollte in der Nachkriegszeit vielleicht ausdrücken, daß alle jungen Menschen beim Aufbau des Staates mit gleichwertiger Kraft und gleichem Engagement anzutreten hätten. Sie sollten unsere sozialistische Wirtschaft zügig zum Blühen bringen und später wissenschaftlich zum Kommunismus führen. Wir gehörten nun mal zur sowjetischen Herrschaftssphäre, und in der UdSSR gab es dank Stalins Sprachverliebtheit und seiner Definitionskunst einst auch INGENIEURE DER MENSCHLICHEN SEELE. Väterchen Stalin meinte damit in den dreißiger Jahren alle dem Fortschritt dienenden Schriftsteller — also diejenigen, die noch nicht weggesperrt, nicht in Arbeitslager geschickt oder liquidiert worden waren.
Weil unser sozialistisches Land wirtschaftlich vorankommen wollte, mußten natürlich verstärkt diplomierte Ökonomen und Landwirte ausgebildet werden. Die Ökonomische Hochschule von Prag bekam dafür ein riesiges Gebäude einer früheren Gewerbeschule zugeteilt, und weil dieses nicht ausreichte, nistete sich das Hochschulmonstrum auch in vielen anderen Gebäuden der Stadt ein. Die Landwirte wollten dieser Expansion nicht tatenlos zusehen und breiteten sich am Stadtrand im Norden der Stadt hemmungslos aus. In allen diesen zentralen oder dezentralen Gebäudekomplexen summte es von zukünftigen Ingenieuren wie in konkurrenzwütigen Wespenstöcken. Bei der undifferenzierten Titelvergabepraxis blieb es dann die ganze Zeit.
Die kommunistische Generation meiner Eltern wurde fast flächendeckend mit den Ingenieurtiteln bedacht. Unter dem Dach einer gleich nach 1945 neu geschaffenen und ideologisch ausgerichteten» Sozialpolitischen Hochschule «begann man klassenbewußte Journalisten, Soziologen, marxistische Philosophen, Spezialisten für den Wissenschaftlichen Kommunismus und Diplomaten auszubilden. Diese Hochschule sollte ein fortschrittliches Bollwerk gegen die bürgerliche und damals noch nicht gleichgeschaltete Karlsuniversität bilden. Nachdem die Sozialpolitische Hochschule überflüssig geworden war und aufgelöst wurde, bekamen alle ihre Absolventen die Ing.-Titel nachgeworfen — auf diese Weise auch meine Mutter und mein Vater, dem ich hier posthum den Titel» Stuben-Ingenieur der Spionageabwehr «verleihen möchte.
In meiner Kindheit kannte ich also sehr viele Ingenieure — neben allen unseren Doktoren der Medizin im Grunde ausschließlich fast NUR Ingenieure. Darunter war zu meinem Leidwesen aber kein einziger ordentlich ausgebildeter Fachmann für irgendwelche durchströmten Apparaturen, summenden Aggregate, stolze Betonkonstruktionen oder transistorenbepackte Elektronikwunder. Und mit der Titelverseuchung wurde es in meiner Jugendzeit überhaupt nicht besser, ausgerechnet nach dem Einmarsch kam es dann sogar zu einem neuartigen Dammbruch. In dieser Zeit mußten sich viele Intellektuelle abenteuerliche Berufe suchen und waren auf den unteren Ebenen der Gesellschaft gelandet. Und weil inzwischen kein Mensch mehr aus politischen Gründen erhängt oder erschossen wurde, blieben unserem Land ganze Divisionen von Ingenieuren und Doktoren vollständig erhalten — nur ihre demographische Verteilung hatte sich verschoben. Vielen Titelträgern begegnete man inFabriken, auf schäbigen Garagenhöfen oder vor düsteren Großküchen mit Eßnäpfen auf den Knien. Und sie streiften in der Regel ihre Scheu und Lässigkeit ab, achteten sogar konsequent darauf, ordentlich tituliert zu werden. Man ließ sie dann eher in Ruhe. Ihre Vorgesetzten verlangten von ihnen unter Umständen keine körperlich allzu schweren Einsätze, ließen sie, wenn es der Parteisekretär nicht sah, ihre Bücher lesen oder über ihren Manuskripten sitzen.
Der Ingenieurwahn griff merkwürdigerweise also wieder um sich — wütete natürlich auch verstärkt in den oberen Etagen der Gesellschaft. Die Positionen der Verjagten hatten dort junge Nachwuchsingenieure besetzt. Sie kamen oft vom Lande, stammten aus einfachen Verhältnissen.
— Strawinsky? Kenne ich nicht — oder doch? Sicher ein sowjetischer Ökonom.
In einem Forschungsinstitut saß sogar die ehemalige Putzfrau des Hauses im Chefsessel einer Abteilung, nachdem sie im Crashdurchlauf ein Ingenieurstudium absolviert hatte. Politisch war sie schon lange die institutsinterne Scharfmacherin Nummer eins gewesen. Im Grunde machte das Land in den siebziger Jahren eine besondere Variante geistiger Wiedergeburt durch. Niemand schämte sich mehr, ein Ingenieur zu sein. Man schämte sich auch sonst recht wenig. Inzwischen trugen auch studierte Spitzensportler diesen Titel gern öffentlich, sahen keinen Grund dafür, ihn wegen seiner Irrelevanz bei Leibesübungen zu unterschlagen. Einer unserer Tennisspieler der Weltklasse, der als ein solcher einmal sogar Wimbledon gewann, war ein Diplomingenieur. Und man mußte sich im Radio — es war im Jahre neunzehn-hundertdreiundsiebzig — solche Sätze anhören:
— Unser Spitzensportler Ingenieur Kodes gewann das diesjährige Wimbledonturnier! Ingenieur Kodes, Ingenieur Kodes, Ingenieur Kodes… ist tatsächlich der diesjährige Wimbledonsieger! Damit avanciert er eindeutig zum wichtigsten Sportler des Jahres.Der Kult des Ingenieur-Titels saß im Land unausrottbar tief. Er kulminierte schon einmal in den sechziger Jahren — auf einem noch absurderen, noch ingenieur-fremderen Terrain. Der Titelträger war Ing. Bobek. Pavel Bobek war unter anderem Sänger der bedeutenden Band» Olympic«, er war Rocker der ersten Generation, die für den gefährlich klingenden und von der Obrigkeit kriminalisierten Rock 'n' Roll den Tarnnamen BIG BEAT erfunden hatte. Ing. Bobek war der wichtigste Frontman unserer politisch und dann auch musikalisch erwachten Republik, als Sänger war er erstklassig, sang mit einer rauhen, stark gepreßten Stimme. Sein Aufstieg begann in einer Zeit, als diese Musik der GROSSEN SCHLÄGE kulturpolitisch erst durchgesetzt werden mußte. Der Rocker Ing. Bobek war dafür sicher der richtige Mann und spielte dank seines Titels bei der Etablierung des Rock 'n' Roll in der Tschechoslowakei eine bedeutende Rolle. Das Wort Bobek bedeutet im Tschechischen soviel wie Kötel.
Daß ich nur noch ganz nach unten, zum Müll, zu den Müllmännern oder noch tiefer sinken wollte, war vor diesem Hintergrund nur logisch. Wie unerträglich und lächerlich das weitere Existieren inmitten der vielen Titelträger geworden war, wurde mir einmal in der Straßenbahn vorgeführt. Zwei noch junge, erstaunlich hellsichtige, außerdem noch ungewöhnlich unbeschwerte Witzbolde standen dort am Fenster und beobachteten die Menschenmenge auf der Straße. Und kommentierten das Tun und Lassen besonders auffälliger Individuen gnadenlos und titulierten sie messerscharf und präzise. Im Blick hatten sie eine Straßenbahnhaltestelle, dahinter eine Baustelle samt einiger Bauarbeiter und einer Baugrube. Die vom übrigen Verkehr eingekeilte Straßenbahn stand die ganze Zeit still.
— Guck dir mal diesen Doktor da an… typisch, in jeder Hand eine Flasche Medizin. Pilsner ist doch kein Bier, oder? Ist doch so. Der Mann ist ein richtiger Kneipendoktor.- He? Der Ingenieur mit der Pappschachtel auf dem Rücken, was schleppt er da, dieser Doppeldepp, ein richtiger Fachdoktor der Transportkunde ist das. Wie kann man sich derart unwissenschaftlich anstellen! Eine Körperhaltung wie aus dem orthopädischen Gruselkabinett. Und was hat er in der Schachtel überhaupt drin? Ersatzbandscheiben für die ganze Familie vielleicht.