Georgs Sorggen um die Vergangenheit
- Автор: Faktor Jan
- Год: 2010
- Язык: немецкий
- Год: Kiepenheuer & Witsch
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «Georgs Sorggen um die Vergangenheit». Краткое содержание книги:
— Die Familie Otto mußte raus, Deutsche. Er war der hiesige Apotheker. Die Wohnung wird aber bestimmt geteilt werden müssen.Meine Mutter ging, resolut wie sie war, sofort zur zuständigen Wohnungsvergabestelle und bekam den Schlüssel. Eine der nächsten Amtshandlungen von ihr war der Gang zum Lagerhaus, in dem man vor der Deportation alle beweglichen Teile des Besitzes hatte deponieren müssen. Das einzige, was sie zurückhaben wollte, waren drei Ölbilder — ihr eigenes Porträt und die ihrer Mutter und Schwester. Als meine Mutter gemalt worden war, war sie zwölf Jahre alt. Beim Abholen der Bilder war sie neunzehn.
— Keine Möbel, danke, davon haben wir genug.
Die meisten Türen in unserer Wohnung schlossen nie ganz richtig, und wenn, dann nur mit gezieltem Kraftaufwand oder mit einem für jede Tür etwas anderen Trick. Und nach Onkels heiztechnischer Heimsuchung war alles nur noch schlimmer geworden. Jede einzigartig abgesackte, das heißt nicht nur individuell verzogene Tür mußte im Grunde als ein sensibles Einzelwesen behandelt werden. Und nicht alle bei uns konnten sich in alle unsere Türen wirklich einfühlen. Und so hörte man tagtäglich, wie irgendwo — man wußte meistens auch genau, wo — Holz an Holz stieß, sich Holz quietschend an Blechbeschlägen rieb, wie eine unter Spannung stehende Tür wuchtig ausrastete oder eine andere im Schließblech des Türrahmens nur ungenügend einrastete. Diejenigen Türen, deren Schnapper nicht vollständig einfahren konnten, sprangen erwartungsgemäß bald wieder auf und machten sich auf den Rückweg. Das machen generell alle Türen, die nicht hundertprozentig senkrecht hängen; manche unserer Türen hingen sogar sichtbar schief.»Buff«, machte es nach einer knapp bemessenen Ruhepause, wenn die betreffende Tür an das angrenzende Möbelstück, einen Stopper oder an die Wand stieß. Warum erzähle ich das alles? Ich war kein Kind mehr, und ich wollte — solche Impulse kannte ich lange genug — nicht nur weg von meiner ganzen Familie, ich wollte genausoweg von allen diesen Türen und ihrem taktlosen Dauerkonzert.
Meine Mutter Anna himmelte mich an, blickte gern zu mir auf — und die Intensität, die dabei aus ihren unanständig herausgedrückten Augäpfeln auf mich einströmte, war für mich immer schwerer zu ertragen. Sie beobachtete mich beispielsweise mit Vorliebe, wenn ich Musik hörte. Oft hampelte sie dabei wenig sympathisch, machte dazu unpassende Grimassen oder bewegte ihre Hände im Takt. Daraus konnte ich schließen, daß sie nichts fühlte. Wenn ich ihr die Sensibilität bestimmter Töne in Tonleitern erklären wollte, ihr beispielsweise die beiden Terz- und Septimevarianten auf der Gitarre vorspielte, wußte ich nicht recht, ob die Bedeutung dieser grundlegenden, für Menschen wie mich beinah fleischzersetzenden Halbton-Unterschiede bei ihr überhaupt ankam. Sie sah mich einmal voller Bewunderung an, als ich ihr einen kleinen Vortrag über Ironie in der Musik hielt. Ich spielte ihr zwei mehr als deutliche Stellen vor, die ich in der» Geschichte vom Soldaten «von Strawinsky gefunden hatte.
— Dieses Gehampele und die irrwitzige Intensität — das kann einfach nicht ernst gemeint sein. Als er das komponiert hat, war der erste Weltkriegswahnsinn noch voll im Gange.
— Interessant! sagte sie und strahlte mich an. Ich höre das aber nicht, Georg.
Obwohl mir ihre Bewunderung kurzzeitig auch guttat, empfand ich sie — eben weil sie von ihr kam — als schwere Belästigung. Ich wurde gegen ihre Eigenarten immer allergischer, reagierte darauf regelmäßig mit einer Art Kopfüberdruck. Ich sah meiner Mutter beispielsweise deutlich an, wie eifersüchtig sich einige ihrer Gesichtsmuskeln versteiften, wenn ich mir eine andere Frau ansah. Theoretisch wünschte sie mir natürlich eine passende und mir entsprechende — junge! — Freundin, in diesem Wunsch steckte abergleichzeitig ein großes Problem. Meine Mutter war furchtbar verwöhnt, sie war es zu lange gewohnt gewesen, die Schönste und Anziehendste weit und breit zu sein. Und alle jungen Mädchen hatten viel feinere Haut als sie, wesentlich elastischere Körper und oft auch bessere Laune — die beste Laune voller süßester Ahnungslosigkeit. Manche Urteile meiner Mutter, die durch diese sie bedrohende Entwicklung geprägt waren, wurden zunehmend irrational. Oft fand sie auch ausgesprochen unbedarfte, manchmal sogar ausgerechnet häßliche junge Frauen wunderschön. Und das konnte, dachte ich mir, nur mit dem frischen Gesichtsepithel dieser mittelmäßigen Geschöpfe zu tun gehabt haben — oder mit ihren knabenhaften Gesäßen, die noch nichts auszusitzen hatten. Mir war es inzwischen etwas unheimlich, wie durchschaubar meine Mutter zu werden drohte. Schon sehr früh war es überdeutlich, daß sie sich für alle weiteren Anzeichen des Alterns schämen werden würde. Ich wollte ihr dabei nicht unbedingt zusehen.
Wenn ich meine Julie-Driscoll-Platte aufgelegt hatte, rannte meine Mutter schnell weg. Julie Driscolls Stimme war einmalig — schrill, selbstbewußt, penetrant. Julie Driscoll kümmerte sich in meiner Phantasie wenig darum, ob Männer vor ihr Angst hatten oder nicht.»Season of the Witch «war einer ihrer besten Titel. Meine Julie war eine außergewöhnlich begehrenswerte Hexe, sie war das Gegenteil meiner Mutter, die ihre Kränkungen und Komplexe gern und gekonnt immer wegschluckte — lächelnd, versteht sich. Julie Driscoll schien dagegen eine Art Kampfansage an die Adresse aller männerfügsamen Frauen herauszuposaunen. Meine Mutter kam aber auch mit meinen kreischenden Bulgarinnen nicht klar. Diese schrien ihr urslawisches, unter türkischer Herrschaft (Unterjochungsdauer: 500 Jahre) angesammeltes Leid mit ungehemmter Kraft heraus. Sie rissen noch genauso wie im Mittelalter ihre selbstbewußten Münder auf und ließen in ihren Brustkörben lange Resonanzsäulen vibrieren. Ihre seltsam gepreßten Kehlkopfstimmen polarisierten unsere ganze Etage. Die bulgarischen Weiber trauten sich einfach, sich ihr Leid auch ansehen zu lassen. LÄCHELN hätte eine kreischende Bulgarin bei der dauerhaften Gesichtsverzerrung und der resonanzrelevant nach hinten gezwängten Halspartie sowieso nicht gekonnt. Ehrlich gesagt war ich bei uns der Einzige, den diese Musik wirklich begeisterte.
Auf Fotos aus der Kindheit sieht meine Mutter oft leicht eingeschnappt aus, manchmal auch etwas melancholisch; auf späteren Jugendbildern aus der Nachkriegszeit dann eher verträumt. Sicher war sie damals sogar zukunftsverträumt, so wie ich es später werden sollte. Auf diesen Bildern, auf denen man ihr überhaupt keine KZ-Unannehmlichkeiten mehr ansieht, hat sie außerdem eine ruhend wissende, fast weise Ausstrahlung. Dabei kam sie sich nie als wirklich wissend, ausreichend gebildet oder sogar weise vor. Aber an Schönheit scheint oft auch ein Schimmer von Weisheit zu haften — bei allen Defiziten, in aller Unschuld. Die gegenteiligen Klischees über die DUMMEN SCHÖNHEITEN können nicht stimmen, sagte ich mir eines Tages, als ich wieder einmal alte großformatige Schwarzweißbilder meiner Mutter studierte. Die Bilder stammten von meinem begabten Vater, dem seine Jugendfreunde prophezeit hatten, er könnte ein guter Fotograf werden.
Wenn ein schöner Mensch vor ein Midlife-Tribunal tritt, das nach einer strengen Prüfung der Fakten über die Sinn- und Zweckhaftigkeit seiner Existenz zu befinden hat, kann sich dieser Träger des zeitgemäßen Schönheitsideals wenigstens einer Sache sicher sein: Er hat mit seinem Äußeren einen menschheitsgenehmen Dienst bereits abgeleistet. So gesehen hat er es im Leben viel einfacher als die weniger schönen um ihn herum, das Atmen und gelegentliche Stöhnen fällt ihm grundsätzlich leichter. Außerdem konnte er,der nicht nur als schön galt, sondern sich auch selbst schön fand, von einem höher gelegenen Podest durchstarten. Seine Blickrichtung war eine andere, zu ihm wurde naturgemäß aufgeblickt.