Aufzeichnungen aus einem toten Hause
- Автор: Достоевский Федор Михайлович
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Aufzeichnungen aus einem toten Hause». Краткое содержание книги:
Außer diesen drei Russen waren zu meiner Zeit bei uns acht polnische politische Verbrecher. Mit einigen von ihnen verkehrte ich freundschaftlich, sogar mit Vergnügen, aber nicht mit allen. Sogar die besten von ihnen waren krankhafte, exklusive und im höchsten Grade unduldsame Charaktere. Mit zwei von ihnen hörte ich später einfach zu sprechen auf. Gebildete gab es unter ihnen nur drei: B–ki, M–cki und den alten Z–ki, der früher einmal irgendwo Professor der Mathematik gewesen war. Er war ein gutmütiger, prächtiger Alter, ein großer Sonderling und, trotz seiner Bildung, anscheinend äußerst beschränkt. Ganz anders waren M–cki und B–ki. Mit M–cki knüpfte ich sofort gute Beziehungen an; ich stritt mich mit ihm niemals, achtete ihn, brachte es aber niemals fertig, ihn wirklich lieb zu gewinnen und mich ihm mit ganzem Herzen anzuschließen. Er war ein äußerst mißtrauischer und verbissener Mensch, der sich aber vorzüglich zu beherrschen verstand. Diese allzu große Selbstbeherrschung mißfiel mir eben an ihm: man hatte immer den Eindruck, daß er niemals und vor niemand sein Herz ganz ausschütten würde. Vielleicht irre ich mich auch. Er war eine starke und im höchsten Grade vornehme Natur. Seine außerordentliche und sogar etwas jesuitische Geschicklichkeit und Vorsicht im Umgange mit den Menschen ließ auf einen heimlichen, tiefen Skeptizismus schließen. Dabei litt seine Seele gerade unter diesem Zwiespalte: zwischen dem Skeptizismus und dem tiefen, unerschütterlichen Glauben an gewisse Überzeugungen und Hoffnungen. Aber trotz aller seiner Lebenserfahrung stand er in unversöhnlicher Feindschaft zu B–ki und zu dessen Freund T–wski. B–ki war ein kranker, zur Schwindsucht geneigter, reizbarer und nervöser, aber im Grunde genommen herzensguter und sogar großmütiger Mensch. Seine Reizbarkeit grenzte zuweilen an äußerste Unduldsamkeit und Launenhaftigkeit. Ich konnte diesen Charakter nicht vertragen und brach später den Verkehr mit B–ki ab, hörte ihn aber nie zu lieben auf; mit M–cki stritt ich mich dagegen niemals, liebte ihn aber auch nicht. Als ich mit B–ki brach, mußte ich sofort auch mit T–wski brechen, dem jungen Mann, den ich im vorigen Kapitel, als ich von unserer Beschwerde erzählte, erwähnt habe. Dies tat mir sehr leid. T–wski war zwar ungebildet, aber ein guter, mannhafter, mit einem Worte prächtiger junger Mann. Er liebte und achtete den B–ki nämlich so sehr und betete ihn dermaßen an, daß er einen jeden, der es nur irgendwie mit B–ki verdarb, sofort als seinen Feind ansah. Ich glaube, er hat später auch mit M–cki wegen des gleichen B–ki gebrochen, wie sehr er sich dagegen auch gewehrt hatte. Übrigens waren sie alle moralisch krankhafte, gallige, reizbare und mißtrauische Menschen. Das ist begreiflich: sie hatten es sehr schwer, viel schwerer als wir. Sie waren so fern von ihrer Heimat. Einige von ihnen waren für lange Zeit, für zehn und zwölf Jahre verschickt; vor allem betrachteten sie aber ihre ganze Umgebung mit einem tief eingewurzelten Vorurteile; sie sahen in den Zuchthäuslern nur das Tierische und hatten weder die Fähigkeit noch den Willen, in ihnen auch nur einen guten Zug, auch nur etwas Menschliches zu erkennen, und auch das war sehr begreiflich: auf diesen unglückseligen Standpunkt waren sie durch die Macht der Ereignisse und des Schicksals getrieben worden. Darum ist es klar, daß sie im Zuchthause schwer unter Trübsinn litten. Gegen die Kaukasier, die Tataren und Issai Fomitsch waren sie freundlich und höflich, gingen aber allen andern Zuchthäuslern voller Ekel aus dem Wege. Nur der Altgläubige aus Starodub hatte ihre volle Achtung erworben. Es ist übrigens bemerkenswert, daß während meiner ganzen Zuchthauszeit keiner der Zuchthäusler ihnen ihre Nationalität, ihren Glauben oder ihre Denkweise vorgeworfen hatte, was doch in unserem einfachen Volke den Ausländern, vorwiegend den Deutschen gegenüber wohl passiert, wenn auch nur selten. Die Deutschen übrigens werden höchstens nur ausgelacht: der Deutsche stellt für den einfachen Russen etwas außerordentlich Komisches dar. Unsere polnischen Adligen wurden aber von den Zuchthäuslern sogar mit viel größerem Respekt behandelt als wir Russen, und man krümmte ihnen kein Haar. Aber die Polen wollten es anscheinend gar nicht merken und in Betracht ziehen. Ich sprach eben von T–wski. Es war derselbe, der auf dem Transport vom ursprünglichen Verbannungsort nach unserer Festung den B–ki fast den ganzen Weg auf den Armen getragen hatte, da dieser, der von schwacher Gesundheit und Konstitution war, fast immer schon nach der Hälfte einer Etappe vor Müdigkeit nicht weiter gehen konnte. Ursprünglich waren sie nach U–gorsk verschickt worden. Sie erzählten, daß sie es dort sehr gut gehabt hätten, d.h. viel besser als in unserer Festung. Aber sie hatten dort eine, übrigens harmlose Korrespondenz mit anderen Verbannten in einer anderen Stadt angeknüpft, und man hielt es deswegen für nötig, diese drei nach unserer Festung zu versetzen, damit sie sich näher unter der Aufsicht der höchsten Behörde befänden. Ihr dritter Kamerad war Z–ki. Vor ihrer Ankunft war M–cki der einzige polnische Adlige im Zuchthause. Wie schwer ist ihm wohl das erste Jahr seiner Verbannung gewesen!
Dieser Z–ki war eben jener ewig zu Gott betende alte Mann, den ich schon einmal erwähnt habe. Alle unsere politischen Verbrecher waren junge Leute, einige sogar sehr jung; nur Z–ki war schon über fünfzig Jahre alt. Er war ein zwar anständiger, aber doch etwas sonderbarer Mensch. Seine Genossen B–ki und T–wski mochten ihn nicht sehr leiden, sie sprachen sogar nicht mit ihm und sagten von ihm, er sei trotzig und dumm. Ich weiß nicht, inwiefern sie in diesem Falle recht hatten. Im Zuchthause wie in jedem anderen Orte, wo Menschen nicht nach freiem Willen, sondern unter einem Zwange zu einem Haufen versammelt sind, kann man sich, glaube ich, viel leichter verzanken und sogar einander hassen als in der Freiheit. Viele Umstände tragen dazu bei. Z–ki war in der Tat ein ziemlich bornierter und vielleicht auch unangenehmer Mensch. Auch alle seine übrigen Genossen vertrugen sich nicht mit ihm. Ich stritt mich niemals mit ihm, schloß mich ihm aber auch niemals an. Sein Fach, die Mathematik, schien er gut zu können. Ich erinnere mich noch, wie er sich bemühte, mir in seiner halb-russischen Sprache ein eigenes, von ihm selbst erfundenes astronomisches System zu erklären. Man erzählte mir, er hätte es einmal auch gedruckt, die gelehrte Welt hätte ihn aber nur ausgelacht. Ich glaube, er war nicht ganz normal. Tagelang betete er kniend zu Gott, wodurch er sich die Achtung des ganzen Zuchthauses erwarb, die er dann bis zu seinem Tode genoß. Er starb in unserem Hospital nach schwerer Krankheit vor meinen Augen. Die Achtung der Zuchthäusler hatte er übrigens gleich bei seinem Eintritt ins Zuchthaus, nach seinem Zusammenstoß mit unserem Major erworben. Auf dem Transport aus U–gorsk nach unserer Festung waren sie alle nicht rasiert worden und hatten Bärte bekommen; als man sie nun zu unserem Platzmajor führte, geriet er in höchste Wut wegen einer solchen Verletzung der Disziplin, an der sie gänzlich unschuldig waren.