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Im Schatten des Wolfes [The Hallowed Hunt - de]

Электронная книга - «Im Schatten des Wolfes [The Hallowed Hunt - de]». Краткое содержание книги:

Lord Ingrey wird in die Ländereien Prinz Bolesos entsandt, in einer delikaten, höchst unangenehmen Mission. Jemand hat den Prinzen umgebracht! Da er der Thronerbe war und der König im Sterben liegt, soll Ingrey die Wogen der Aufregung glätten, die Leiche des Prinzen überführen und die mutmaßliche Mörderin vor Gericht bringen. Damit das Königreich nicht in falsche Hände fällt, muss er dunkle Geheimnisse enthüllen und einen fürchterlichen „Blutpreis“ aus der Vergangenheit. In sich abgeschlossener Roman aus der Reihe „Die magischen Messer“.
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Die Richter erhoben sich und erwiesen dem Fürstmarschall und der Prinzessin ihren Respekt. Einige Novizen wurden ausgeschickt, um gepolsterte Sitzgelegenheiten für die Hintern der königlichen Familie herbeizuschaffen. In der Zwischenzeit rückte Ingrey näher an Ulkra heran, der ängstlich schluckte, Ingreys Gruß jedoch erwiderte.

»Wurdet Ihr bereits befragt?«, erkundigte sich Ingrey höflich.

»Ich sollte der Nächste sein.«

Ingrey senkte die Stimme. »Und wollt Ihr die Wahrheit sagen oder lügen?«

Ulkra befeuchtete sich die Lippen. »Was würde Lord Hetwar wünschen, Eurer Ansicht nach?«

Glaubte er immer noch, dass Ingrey Hetwars Gefolgsmann war? Dann war Ulkra entweder außergewöhnlich scharfsinnig, oder er war nicht ganz auf dem Laufenden, was den Klatsch und Tratsch in der Hauptstadt betraf. »Ich an Eurer Stelle würde mir mehr Gedanken darüber machen, was Hetwars künftiger Lehnsherr wünscht.« Er nickte in Richtung von Prinz Biast, und Ulkra folgte wachsam seinem Blick. »Er ist noch jung, aber das wird er nicht mehr lange bleiben.«

»Man sollte doch annehmen«, wagte Ulkra vorsichtig zu äußern und sprach so leise, dass er beinahe nicht zu vernehmen war, »dass er wünschen würde, seine Schwester vor Vorwürfen und Tadeln zu schützen.«

»Sollte man?«, sagte Ingrey unbestimmt. »Lasst es uns herausfinden.« Er winkte Biast zu, der neugierig herankam.

»Ja, Ingrey?«

»Hoheit. Der Ritter Ulkra hier ist unsicher, ob Ihr wohl wünscht, dass er die genaue Wahrheit spricht, oder ob er lieber etwas verschleiern soll, um Eurer Schwester Kummer zu ersparen. Was das über Euren Ruf aussagt, müsst Ihr nun selbst entscheiden.«

»Pst, Ingrey!«, flüsterte Ulkra verlegen und wütend, mit einem ängstlichen Schulterblick zur Richterbank.

Biast wirkte betroffen. Behutsam meinte er: »Ich habe Fara versprochen, dass niemand sie hier zur Angeklagten machen wird. Aber ganz gewiss sollte keiner seine heiligen Eide verletzen und vor den Richtern und den Göttern lügen.«

»Hier und heute bestimmt Ihr schon die Richtung, in die sich Euer zukünftiger Hof entwickeln wird, Hoheit. Wenn Ihr die Menschen entmutigt, in Eurer Gegenwart unangenehme Wahrheiten auszusprechen, dann übt Ihr hoffentlich auch Eure Fähigkeit, schmeichlerische Lügen zu entschlüsseln — denn Ihr werdet den Rest Eurer Regierungszeit, wie kurz auch immer, damit zubringen, durch solche trüben Gewässer hindurchzuwaten.« Ingrey wählte seinen Tonfall so, als wäre ihm vollkommen einerlei, wofür Biast sich letztlich entschied: Ingrey würde mit beidem zurechtkommen.

Biast kräuselte die Lippen. »Was hat Hetwar noch über Euch gesagt? Dass Ihr jeden herausfordert, der Euch in den Sinn kommt?«

»Wann immer ich es für richtig halte. Und so ist es Hetwar am liebsten. Andererseits ist auch Hetwar ein Mann, der sich für niemanden zum Narren macht.«

»Allerdings.« Biast kniff die Augen zusammen. Dann überraschte und erfreute er Ingrey, indem er sich an Ulkra wandte und knapp feststellte: »Erzählt die genaue Wahrheit.« Er atmete tief durch und ergänzte mit einem Seufzer: »Ich kümmere mich dann um Fara, wenn es nötig ist.«

Ulkra verbeugte sich mit weit aufgerissenen Augen und wich zurück, vermutlich aus Angst, Ingrey könnte noch weitere Schlingen für ihn auslegen. Die Stühle trafen ein. Ingrey bedachte Biast mit einer leichten, ernst gemeinten Verbeugung, die ein wenig spöttisch erwidert wurde. Dann nahm er Platz auf der hinteren Bank, von wo aus er den ganzen Raum im Auge behalten konnte, und auch die Tür.

Ihm kam ein müßiger Gedanke: Wenn Boleso einen Freund mit Rückgrat besessen hätte, der ihn im entscheidenden Augenblick entgegengetreten wäre, hätte er dann immer noch jene krummen Pfade eingeschlagen, die letztendlich zu seinem Tod geführt hatten? Boleso war stets der schwierigste der Prinzen gewesen. Womöglich hätte am Ende gar nichts mehr ihn retten können.

Nach einer kurzen, halblauten Beratung unter den Richtern wurde Ulkra aufgerufen, seinen Eid zu leisten und Rede und Antwort zu stehen. Ulkra suchte Zuflucht in einer soldatischen Haltung und stand ein wenig breitbeinig vor den Richtern, die Hände hinter dem Rücken verschränkt. Die Fragen waren zielstrebig. Anscheinend hatte das Gericht sich schon in groben Zügen über die Ereignisse auf Keilerkopf kundig gemacht.

Soweit Ingrey feststellen konnte, sprach Ulkra die reine Wahrheit über den Ablauf der Ereignisse, die zu Bolesos Tod geführt hatten, so weit er selbst Zeuge gewesen war. Weder verschwieg er den Leoparden noch seine Mutmaßungen über Bolesos frühere »Experimente«, auch wenn es ihm gelang, seine stille Komplizenschaft als Treue und Verschwiegenheit darzustellen, wie man sie von einem leitenden Mitglied des Haushalts erwarten konnte. Nein, er hatte keinen Verdacht geschöpft, dass Bolesos Leibdiener der abtrünnige Zauberer Cumril sein könnte. Also hatten die Richter von Cumril erfahren. Etwa von Lewko?

Einmal ließ der gelehrte Geistliche von der Seitenbank eine Notiz zu einem der Richter weiterreichen, der sie las und daraufhin einige besonders erhellende und scharfsinnige Fragen an den Haushofmeister richtete.

Die unverhohlene Scheußlichkeit von Ijadas Opfergang an Bolesos Schlafzimmertür wurde deutlich genug, zumindest für Ingreys Ohren, trotz Ulkras eigennütziger Neigung zu euphemistischer Umschreibung. Fara hörte hier zum ersten Mal die ungeschminkte Wahrheit über die Folgen, die es gehabt hatte, dass sie ihr Kammerfräulein auf Keilerkopf zurückgelassen hatte. Man merkte es an der Art, wie sie erstarrte. Die Scham trieb ihr nicht die Tränen in die Augen, doch ihr Gesicht hätte genauso gut aus Holz geschnitzt sein können. Gut.

Als Ulkra entlassen war und so schnell aus dem Raum entfloh, wie er nur konnte, ohne ungebührlich zu wirken, wurde Fara nach vorne gerufen. Ingrey spielte ganz den aufmerksamen Höfling und nutzte die Gelegenheit, als er ihr aus dem Stuhl half, um in ihr Ohr zu hauchen: »Ich werde wissen, wann Ihr lügt.«

Sie musterte ihn kühl. »Sollte mir das etwas ausmachen?«, flüsterte sie zurück.

»Wollt Ihr tatsächlich eine solche Waffe in meine Hände legen, Herrin?«

Sie zögerte. »Nein.«

»Gut. Allmählich denkt Ihr wie eine Prinzessin.«

Ihr Blick wirkte überrascht, als er noch ermutigend ihren Arm drückte und sie dann losließ. Dann sah sie einen Augenblick lang nachdenklich drein, als sehe sie neue Wege vor sich, die sie vorher gar nicht wahrgenommen hatte.

Die Richter hielten ihre Fragen kurz und höflich, damit dem Recht und der Schicklichkeit gleichermaßen Genüge getan war. Wie bei Ulkra war auch bei ihr die Wahrheit im eigenen Interesse ein wenig geglättet. Ihre Eifersucht als Ursache des Ganzen blieb völlig außen vor, was Ingrey nur gut fand. Aber die seiner Einschätzung nach wichtigsten Einzelheiten kamen zwischen den Zeilen deutlich genug zum Ausdruck: Dass der Wunsch von Boleso ausgegangen und Fara dem ohne Rücksprache nachgekommen war und dass Ijada weder die Verführerin gewesen war, noch die willfährige Teilhaberin. Fara wurde mit taktvollen Dankesworten verabschiedet und schloss erleichtert die Augen, als sie sich abwandte.

Nach Faras Vorbild erzählten die beiden obersten Kammerfrauen ebenfalls die Wahrheit und ergänzten einige kleinere Begebenheiten, die Fara nicht mitbekommen hatte und die Boleso sogar in noch schlechterem Licht dastehen ließen. Biast wirkte entschieden unglücklich dabei, machte aber keine Anstalten, die Aussagen zu beeinflussen. Allerdings gab es keinen Zweifel, dass sich die Richter der Gegenwart des Fürstmarschalls und seiner Reaktionen nur allzu bewusst waren. Ingrey stellte fest, dass der gelehrte Geistliche Prinz Biast ebenfalls verborgene, einschätzende Blicke zuwarf. Wenn Biast in den entscheidenden Augenblicken beschlossen hätte, ein Stirnrunzeln, ein abfälliges Schnauben oder eine unruhige Bewegung zu zeigen, hätte er dann die Fragen beeinflussen können? Sie zugunsten seines verstorbenen Bruders verändern? Möglicherweise. Aber Biast hörte in erzwungener Neutralität zu, wie es sich für einen Mann geziemte, dem die Wahrheit wichtiger war als alles andere. Ingrey hoffte, dass sich der Gedanke an ein Wergeld nun verlockender für ihn anhörte.

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