Im Schatten des Wolfes [The Hallowed Hunt - de]
- Автор: Буджолд Лоис Макмастер
- Серия: Chalion (de) #3
- Год: 2006
- Язык: немецкий
- Год: Bastei L
- ISBN: 978-3-404-20547-9
- Переводчик: Alexander Lohmann
- Жанр: Фэнтези
Электронная книга - «Im Schatten des Wolfes [The Hallowed Hunt - de]». Краткое содержание книги:
Unser freier Wille vernebelt ihre Sicht, selbst wenn ihre Augen durchdringender sind als die unsrigen. Die Götter planen nicht, eher nutzen sie Gelegenheiten.«
»Warum habt Ihr mich dann geschickt, Ijada zu töten? Aus reiner Vorsicht?« Ingrey fragte absichtlich leichthin, als wäre die Antwort für ihn nur von theoretischem Interesse.
»Wohl kaum ›nur‹. Nachdem sie Boleso erschlagen hatte, war sie gewiss reif für den Galgen. Und ließe sich eine perfektere Nachbildung eines altwealdischen Opfers denken, als eine unschuldige Jungfrau an einem gesegneten Strick von einem Baum zu hängen, während die Geistlichen ringsum Hymnen anstimmen? Mir zumindest fiele keine ein. Und die Opfer des alten Weald sollten Boten zu Göttern sein, denn der Tod öffnet das Tor dorthin. Ihr Tod, eingebunden in den Zauber, wie sie war, hätte den Ort Am Heiligen Baum ebenso weit geöffnet, wie er die letzten vier Jahrhunderte vor den Götter verriegelt gewesen war.«
»Und ihre Ermordung hätte das nicht? Wo liegt der Unterschied?«
Wenzel zuckte bloß die Achseln, rutschte von seinem Sitz herab und drehte sich weg.
»Es sei denn«, wurde Ingrey schlagartig klar, »mit diesem Bann war noch mehr verbunden als nur ein Mord.«
Wenzel wandte sich ihm wieder zu. Sein Gesicht hatte den höchst spöttischen Ausdruck angenommen, der Zorn verbergen sollte. Ingrey nahm es als Hinweis, dass er auf etwas gestoßen war, was die Mühe des Grabens lohnte.
»Ihre ermordete Seele wäre an die Eure gebunden worden«, erklärte Wenzel, »als eine weitere Heimsuchung, bis sie dahingeschwunden wäre und sich aufgelöst hätte. Und damit wäre sie und ihre Verbindung zum Ort Am Heiligen Baum dem Zugriff der Götter entzogen gewesen. Es war die Ableitung eines uralten Zaubers, und ich habe fast zu viel Blut darauf verwendet, aber ich war in Eile.«
»Entzückend.« Es gelang Ingrey nicht, den Unwillen aus seiner Stimme herauszuhalten. »Mord und Verdammnis zugleich.«
Wenzel drehte die Handflächen in einer wegwerfenden Geste. »Schlimmer noch: überflüssig! Denn ihre Leopardenseele hätte denselben Zweck erfüllt. Wenn ich nur davon gewusst hätte! Diesen Zug muss ich meinen Gegenspielern zugestehen. Ich weiß immer noch nicht, ob wir uns nun gegenseitig in ein Patt manövriert haben, ob wir alle Opfer von Bolesos Dummheit geworden sind oder ob noch mehr im Verborgenen liegt.« Er zögerte. »Denn dass sie ohne den Mord an Euch gebunden wird, lag nicht in meinen Plänen. Und doch ist es geschehen, nicht wahr?« Wenzels Blick ruhte nun kühl auf Ingrey, und diesem wurde klar, dass er nicht der Einzige war, der hier schürfte. Moment mal … hatte Rossfluten gerade etwa gesagt, dass diese Verbindung zwischen Ingrey und Ijada sein Werk war?
Bei Ingreys plötzlichem Schweigen fügte Wenzel freundlich hinzu: »Habt Ihr etwa angenommen, Ihr wäret in Liebe zu ihr entflammt, werter Vetter? Oder sie in Euch? Es schmerzt mich, dass ich diese idyllische Vorstellung zerstören muss. Wenn schon nicht sie, hätte ich zumindest Euch für nüchterner gehalten.«
Beinahe hätte Ingrey nach diesem Köder geschnappt. O ja, mit dem Kopf aus dem Wasser und einer Schaumspur hinter sich. Dann erinnerte er sich, wie Wenzels sanfte Überredungskünste ihn vor nicht allzu langer Zeit beinahe dazu gebracht hatten, sich selbst die Kehle aufzuschlitzen. Dieser Mann braucht noch nicht einmal Magie, um meinen Geist zu verknoten.
Die eigentümliche Verbindung zwischen Ingrey und Ijada mochte eine Nebenwirkung von Wenzels zerschlagenem Bann sein, doch Wenzel kontrollierte sie nicht mehr. Und was er nicht kontrollieren kann, gefällt ihm auch nicht, jedenfalls nicht, wenn es so sehr seine Angelegenheiten berührt. Was immer seine Angelegenheiten sein mochten. Und zwischen Ijada und mir gibt es inzwischen mehr, als du dorthin pflanzen konntest, Wenzel. Ingrey brachte eine gleichgültige Geste zustande. »Wie auch immer. Welche Pflichten erwarten mich nun, da ich in Euren Diensten stehe?«
Ingreys Seelenruhe beim letzten Thema schien Wenzel nicht ganz zu überzeugen, aber er verfolgte es nicht weiter. »Ehrlich gesagt hatte ich bisher kaum Zeit, die Möglichkeiten zu durchdenken.«
»Ihr wollt unterwegs improvisieren?«
»Ja. Was das angeht, ähnele ich den Göttern. Vielleicht sollte ich Euch ein Pferd schenken.«
»Hetwar hat mir diese Unkosten erspart. Ich bin auf seinen Gäulen geritten, wenn nötig, und er hat sie durchgefüttert, ob sie nun gebraucht wurden oder nicht.«
»Oh, das Tier würde natürlich in meinem Stall unterkommen und versorgt werden. Es würde dem Ansehen meines Hauses dienen, wenn ich für ein angemessenes Reittier sorgen würde.«
Sofort dachte Ingrey an den Tod von Rossflutens letzter Ehefrau-Mutter bei ihrem so genannten Reitunfall, aber er sagte nur: »Vielen Dank, Herr.«
»Nehmt Euch den Vormittag frei, aber seid bereit, wenn ich später ausgehe.«
»Ich stehe zu Eurer Verfügung, Vetter.«
Wenzels Mundwinkel zuckte spöttisch. »Das weiß ich.«
Das nahm Ingrey als ausreichende Entlassung, und er zog sich aus dem Arbeitszimmer zurück.
Worauf Wenzel auch immer aus war, er improvisierte nicht alles unterwegs. Er hatte ein festes Ziel im Blick. Und falls es die geheiligte Königswürde war, wie Hetwar befürchtete, dann nicht aus einem Grund, den Hetwar sich vorstellen konnte.
Oder ich. Noch nicht. Ingrey schüttelte den Kopf. Es gab vieles, worüber er in den nächsten Stunden nachdenken musste.
Kapitel Neunzehn
Durch unablässiges Umherstreifen machte Ingrey sich noch an diesem Tag mit jedem Winkel des Rossfluten-Anwesens vertraut Doch es kam wenig dabei heraus. Wenzel war erst vor wenigen Wochen hier eingetroffen, um dem Geheiligten König, dessen Krankheit sich verschlimmerte, zur Seite zu stehen; Fara war kurz darauf erschienen, trotz ihres verhängnisvollen Abstechers nach Burg Keilerkopf. Das Stadthaus wirkte beinahe leer, als würde das Paar nur kurz dort lagern und nicht wohnen. Hier gab es keine alten Geheimnisse auszugraben, auch wenn nur die fünf Götter wussten, was Ingrey auf Burg Rossfluten hätte finden können. Aber der Stammsitz des Grafen lag zweihundert Meilen entfernt am Mittellauf der Lure, und Ingrey bezweifelte, dass irgendwer dorthin reisen würde, ehe nicht alles längst vorüber war.
Wie versprochen — oder wie angedroht — führte Graf Rossfluten Ingrey später am Nachmittag zu seinen Stallungen, einem Steingebäude einige Straßen hügelab. Was die bedeutenden Familien an Reittieren besaßen, wurde zum großen Teil außerhalb der Stadtmauern gehalten, auf Weiden, die jenseits der Glaser und Färber am Storchenfluss lagen. Die Familie von Rossfluten bildete da keine Ausnahme, aber einige Pferde waren in der Nähe untergebracht für den Herrn und die Herrin, für Boten und Reitknechte, damit diese bei Bedarf andere Tiere herbeiholen konnten.
Wie es dem Rang des Grafen geziemte, waren die Stallungen edel ausgestattet: Der Mittelgang war mit farbigen Steinen ausgelegt, die Wände der Pferdestände bestanden aus polierter Eiche, und die Metallstangen waren mit ineinandergreifenden Bronzeblättern verziert. Ingrey war verwirrt, als er Ijadas auffällige Fuchsstute erkannte, die sich unruhig in einem schlichten Stand bewegte.
Ingrey verzichtete darauf, die Kruppe des Tieres zu tätscheln, aus Angst, einen Tritt abzubekommen. »Die hier kenne ich — ich habe bereits vermutet, dass es eine von Euren sein könnte.«
»Ja«, bestätigte Wenzel zerstreut. »Sie war viel zu temperamentvoll für Fara. Ich war froh, als ich jemand anderen fand, um sie zu reiten.«