Georgs Sorggen um die Vergangenheit
- Автор: Faktor Jan
- Год: 2010
- Язык: немецкий
- Год: Kiepenheuer & Witsch
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «Georgs Sorggen um die Vergangenheit». Краткое содержание книги:
Der Prager Frühling meldete sich in den sechziger Jahren an mehreren Fronten, massiv dann seit dem Sommer 1967. Den Anfang machten die Schriftsteller auf ihrem Kongreß im Juni, dann waren — wie in jeder bröckelnden Diktatur — die Studenten an der Reihe. Und ich erfuhr alles brühwarm von meiner Mutter. Der Anlaß für den studentischen Aufruhr war erst einmal banal. Weil die Leitung eines Studentenheims nicht in der Lage war, die rigorose Hausordnung durchzusetzen, strafte man die lernenden, aber auch anders nachtaktiven Hochschüler dergestalt, daß man ihnen — den Kollektivschuldigen, also den ganzen Blocks — immer wieder den Strom abschaltete. Eines Tages nahmen diese ihre bereits brennenden Kerzen in die Hand und machten sich auf den Weg in die Innenstadt. Ihre modernen Vorzeige-Unterkünfte standen weit oberhalb der Stadt beim Turnfeststadion, in dem mir einst die 60 000 nackten Frauenbeine präsentiert worden waren. Zu Fuß kommt man von dort, wenn man durch die Grünanlagen von Petfin läuft, sehr schnell hinunter in die Stadt. Die Studenten nahmen bei dieser Demonstration aber den längeren Weg an der Prager Burg entlang. Unterwegs skandierten sie konsequent ihre relativ harmlose Losung:- WIR WOLLEN LICHT!
Sie passierten den Sitz des Präsidenten und erreichten durch die Nerudagasse sogar den oberen Teil des Kleinseitner Rings, hinter der Moldau lag schon das Zentrum. Über den Fluß kamen sie nicht mehr, sie wurden auseinandergetrieben und zusammengeschlagen. An der Aufmüpfigkeit der Studentenschaft und ihrer Bereitschaft zum Aufruhr waren damals die Beatniks, allen voran ausgerechnet Allen Ginsberg, nicht ganz unschuldig. Man ließ Ginsberg als einen radikalen USA-Kritiker im Februar 1965 einreisen, und die Prager Studenten wählten ihn am Ersten Mai zum König ihres historischen Straßenfestes und Spektakels» Majäles«. Die Ausgelassenheit, mit der diese Krönung gefeiert wurde, paßte der Staatsmacht natürlich überhaupt nicht, und Ginsberg wurde innerhalb einer Woche wegen Rowdytums, Trunkenheit, Rauschmittelmißbrauchs und Verherrlichung der Homosexualität ausgewiesen. Man hatte ihn von Anfang an bespitzeln lassen, hatte in seinem privaten Tagebuch gestöbert. Die Kleinbürger waren über den Chaoten und Verführer der Jugend empört, und die Partei nutzte die Gelegenheit zu gezielten Schlägen. Die frechen Studenten hatten sich bei ihrem von der Partei- und Staatsführung so großzügig genehmigten Umzug sowieso ungeheuerlich viele Freiheiten herausgenommen. Bei der Demonstration für mehr Licht — also zwei Jahre später — hatten sie keinen eingereisten Fremdrebellen mehr nötig.
An der Grundspießigkeit des kleinen Mannes haben leider auch die späteren freien acht Monate von 1968 nicht viel geändert. In den siebziger Jahren standen die Kleinbürger — egal, wie politisch andersdenkend sie waren — bei manchen Ereignissen wieder geschlossen hinter der Staatsmacht. Nach einem denunziatorischen Propagandafeldzug gegen die inzwischen in den real existierenden Untergrund abgetauchten» The Plastic People of the Universe «war die Aufregung überall zu spüren.- Pfui! Die waschen sich nicht!… Wie sie nur aussehen!… Diese fettigen Haare! Und dazu noch der fürchterliche Krach! Arbeiten sie überhaupt? Haare abschneiden und ab in die Kohlengruben!
Wie einer dieser Rocker auf der Straße haßerfüllt eingekesselt wurde, erlebte ich einmal ganz unmittelbar. An einer Straßenbahnhaltestelle, an der ich umsteigen mußte, stand nicht nur eine unansehnliche Ansammlung von Normalbürgern, dort stand — abseits von allen — auch der Gitarrist und Keyborder der Plastic People, Josef Janicek. Er stand dort in seiner ganzen Häßlichkeit: lange, nach vorn fallende Haare, eine extrem schiefe Nase im schiefen Gesicht voller Pickel und Pickelnarben, zerknitterte grüne Kutte, löchrige Jeans, breitgelatschte Schuhe — in seinem Gesicht hielt er aber ein schönes ironisches Lächeln bereit und schützte sich vor der ihn anfallenden Ablehnung. Er stützte sich auf seinen Gitarrenkasten, wartete geduldig — im Grunde brav wie alle anderen. Und er wußte genau, daß er die Verkörperung der aktuellen Pestgefahr war, Bote der schlimmsten Infektionsbrut, Pogromjude und Lynchjustizneger zugleich. Mit dem Ekel, der Wut und dem phantasierten Machtgefühl der Menge, die die ganze Staatsmacht hinter sich zu stehen hatte, mußte er gelernt haben zu existieren. Ich stand nicht weit von ihm, war voller Bewunderung, Begeisterung und Hilflosigkeit. So normal, kurzhaarig und ordentlich angezogen, wie ich war, bedeutete ich für ihn absolut keine fraktionelle Verstärkung. Und ich wäre es für mein Gitarristen-und Widerstandsidol Janicek auch dann nicht gewesen, wenn ich meine Unsicherheit überwunden und mich in meinen ordentlichen sauberen Jeans getraut hätte, zu ihm zu gehen und zu sagen:
— Hallo, Bruder, ich kenne dich schon seit der Zeit bei der Primitives Group.
Im Rahmen der Kampagne gegen den rockmusikalischen Underground gab es nicht nur mehrere aggressive Artikel inder Presse, die Propagandaspezialisten ließen im Rahmen einer Fernsehsendung sogar Ausschnitte aus beschlagnahmtem Filmmaterial der Plastics ausstrahlen. Auf diese Weise konnte ich überhaupt einige ihrer illegalen Auftritte sehen, nahm über Mikrophon den Ton der ganzen Sendung auf — an Onkel ONKELS Fernsehapparat und hinter Onkels Rücken, versteht sich.
Im Sozialismus wuchs in einem wie nebenbei eine Art Dauerangst — kontinuierlich und unmerklich. Leicht auszumachen war diese Angst vor allem als Angst vor der Polizei. Und man bekam sie, ohne mit der Polizei unbedingt Ärger gehabt zu haben. Als ich später an die Zerstörungsorgien beim Freilichtkonzert im Fucik-Park dachte, wurde mir klar, daß diese Angst damals noch nicht in mir eingefressen gewesen war. Die gejagten und verfolgten Langhaarigen, die von den Kleinbürgern spöttisch Mänicky — Mariechen — genannt wurden, kannten diese Angst dagegen schon seit langem. Und natürlich auch alle» Parasiten «unserer Gesellschaft — also diejenigen, die formell gerade keine reguläre Beschäftigung vorweisen konnten. Aber unwesentlich später — im Grunde hing es mit dem Einmarsch der Russen zusammen — zuckte es in mir auch schon präventiv vorsichtshalber beim Anblick eines jeden auf der Straße auftauchenden Polizisten. Dieser Staat durfte schon immer ungeniert zuschlagen und alle Züchtigungsmaßnahmen in den Medien als gerechte Wohltaten feiern — nach dem Russeneinmarsch setzte man diese Tradition wieder schamlos fort. Und ich wurde unweigerlich einer von denen, die sich schon seit der Machtusurpation von 1948 pausenlos bedroht gefühlt haben mußten. Ich war inzwischen von den gleichen buntgemischten Schrecken umstellt. Dummerweise hatte ich zusätzlich das Gefühl, daß mir mein ideell-politisches Delinquententum anzusehen war. Das unwillkürliche Zucken beim Anblick jeder polizeigrünen Uniform wurde daher zur Regel. Auch die harmlosen Uniformträger aus der Militärakademie, diesich in meiner Gegend weiterhin herumtrieben, mutierten für mich zu politischen Gegnern. In meiner Kindheit empfand ich noch alle Uniformierten als freundlich und hilfsbereit — und es wurde grundsätzlich nicht gezuckt. Die Farbe der Polizeiuniformen war früher sowieso blau.