Georgs Sorggen um die Vergangenheit
- Автор: Faktor Jan
- Год: 2010
- Язык: немецкий
- Год: Kiepenheuer & Witsch
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «Georgs Sorggen um die Vergangenheit». Краткое содержание книги:
— Egal, wie lächerlich Kopulation auch aussehen mag, witzig ist daran überhaupt nichts!
— In der Schwerelosigkeit vielleicht aber doch!
— Ich kann darüber wirklich nicht lachen, antwortete Skopka leise und tapfer, bückte sich plötzlich und zog sich in gekrümmter Haltung eine Socke glatt.
Skopka war immer noch dabei, die Gründung weiterer Raumkapsel-Besatzungen anzuregen und diese dann auchkonsequent anzuleiten. Er suchte weitere Interessierte für die Bewegung — offenbar wollte er unbedingt Zuwachszahlen vorweisen. Ich half ihm manchmal aus alter Freundschaft, obwohl diese Beschäftigung eher langweilig war. Beim Agitieren gingen wir von Wohnung zu Wohnung, besuchten die potentiellen Kandidaten. Manche waren Skopka von anderen empfohlen worden, manche hatte ich vorgeschlagen, weil ich einfach neugierig auf ihr Zuhause war. An sich war ich ein befugter und erfahrener Werber, da ich meine Clique ebenfalls als eine Raumschiff-Besatzung angemeldet hatte und formal als ihr Chef galt. Skopka duldete den Betrug eine Zeitlang, es besserte einfach die Statistik seines Gouvernements auf. Zum Glück wußte Skopka nicht, wie unverschämt wir die dem Kosmos geweihten Aktivitäten an manchen Nachmittagen parodiert hatten. Wir balancierten beispielsweise auf dem Gelände oberhalb der Festungsmauer und übten mit ausgebreiteten Armen das Fliegen. In der Regel sprangen wir irgendwann zur Straße hin — nur der tolpatschige Kumpel Sternküker fiel einmal drei Meter nach unten in die Botanik, amputierte dabei einseitig eine Eibe, die seinen Fall zum Glück etwas abgebremst hatte. Er zerriß sich dabei leider seine österreichische Jeans und ein Ohrläppchen.
— Du bist ein toter Mann, meinte jemand. In der Eibe steckt Taxin.
— Scheiße, meine Jeans! jammerte Sternküker. Die Beeren sind jedenfalls nicht giftig, die habe ich schon einmal gezutscht.
— Bist du bescheuert?
— Niemand hat sich das getraut, nur ich.
— Vielleicht solltest du an den Nadeln kauen, die sind auf jeden Fall deftiger.
Sternküker kletterte an der bröckeligen Ziegelmauer hoch, rutschte weit oben aber wieder ab und sprang hinunter. Weil wir über ihn wieder lachten, nahm er mit bloßerHand eine ausgetrocknete Hundekacke und warf sie in unsere Richtung. Normalerweise waren wir aber eher nett zueinander. Meine Raumschiff-Mannschaft war absolut kein Schlägertrupp und im Grunde harmlos. In Prag hatte es dafür — lange vor uns — ganz andere Wilde gegeben. Es war aber nicht verwunderlich, daß ausgerechnet solche mit Legenden umgebenen Früchtchen des Bösen meine Idole gewesen waren. In den fünfziger Jahren gab es beispielsweise die» Vysehrader Reiter«- eine Bande von kriminellen Jugendlichen, über die sich alle Prager Spießer furchtbar aufgeregt hatten. Die Bande war vor allem in den südöstlichen Bezirken von Prag aktiv. Auf mich wirkte schon der poetische Name der Bande berauschend. Die Jungs waren in dieser Zeit eindeutig die übelsten Prominenten des Landes. Der im Süden oberhalb eines imposanten, in die Moldau fallenden Felsens liegende Vysehrad — die Hochburg — ist nicht nur aus der vorgeschichtlichen Zeit sagenumwittert und als besiedelte Festung älter als die eigentliche Prager Burg — dort befindet sich außerdem der Ehrenfriedhof des Landes. Dort ruhen viele der größten Geister, die das tschechische Volk hervorgebracht hat — und die Vysehrader Großstadtbanditen, diese Schreckgestalten der neuen Zeit, waren in meinen Augen nah dran, sich zwischen die würdevollen Ahnen einzureihen. Egal, wie sadistisch und niveaulos sie gewesen waren. Sie überfielen am Tag alte Menschen, begrapschten nebenbei Busen älterer Damen, beraubten nachts Pärchen in den Parks, zerlegten geklaute Motorräder, schlugen absolut rücksichtslos ihre Gegner zusammen. Das Anziehende an den Burschen war, daß sie damals die auffallendsten Provokateure Prags waren, ihre pure Existenz traf die sozialistischen Moralstatthalter mit voller Wucht zwischen die Augen. Auch dank ihrer Haare, ihrer Röhrenhosen und der von ihnen verehrten Musik; diese nannte sich — für jeden Bürger mit gesundem Menschenverstand vollkommen unlogisch — Rock 'n' Roll.Das Herangären der neuen Generation war später in den sechziger Jahren nicht mehr zu stoppen, der Würgegriff des Sozialismus schwächelte sowieso. Kurz vor 1968 sahen die Musiker der Gruppe» The Primitives Group «so übel aus, daß man gegen sie in den Fünfzigern auch militärisch — wie gegen die» Vysehrader Reiter«- vorgegangen wäre. Kurz nach dem Ende der» Primitives «durchbrachen dann» The Plastic People of the Universe «endlich alle Dämme — und ich war endlich alt genug, um einiges davon direkt mitzuerleben. Ihre ersten Konzerte fanden in der Kneipe» Na Ofechovce «in Prag 6 statt — nur drei Straßenbahnstationen von meiner Wohnung entfernt. Die plastischen Menschen entfachten bei ihren Konzerten gefährliche Höllenfeuer, ließen Benzin spucken, fürchterliches russisches Parfüm ins Publikum spritzen und warfen bei Freilichtauftritten Nebelgranaten aus Armeebeständen von der Bühne. Beim Konzert in der Galerie» Mänes «spritzte das Blut aus einem frisch geschlachteten Huhn so weit in Richtung Publikum, daß sich einige Damen erbrachen oder ohnmächtig wurden.
Den Trend zur psychedelischen Musik hatten andere Big-Beat-Bands der ersten Generation gründlich verschlafen. Sie berauschten sich weiter am unspektakulären Gitarrensound und traten ordentlich bekleidet auf — manche sogar in zweiteiligen Uniformen, also in kragenlosen Jacketts und Faltenhosen, andere bekannte Bands wie die» Sputnici «immerhin in karierten Hemden. Skopka hätte ausgerechnet diese Band sicher besonders gemocht, wenn er Zeit gehabt hätte, zu derartigen Konzerten zu gehen.
Auf der Bühne im Freizeitpark» Julius Fucik «traten eines Nachmittags hintereinander mehrere brave Bands auf, der Unmut im Publikum war von Anfang an, auch schon bei den Sputniks, zu spüren. Beim Auftritt einer Band, die nach den Sputniks tatsächlich uniformiert auftrat, ging die Menge dann auf die Barrikaden — diese Burschen trugen um den Hals sogar farbige Schleifen, und ihre Musik war ebenfallsungenießbar. Man wünschte sich und erwartete musikalische Rebellion, bekam statt dessen — und im fürchterlichsten Tschechisch — etwas über Liebe, regnerische Nachmittage und zu oft gefärbte Mädchenhaare zu hören. Diese Gute-Laune-Musik kam inzwischen einer Provokation gleich.
— BEI BIG BEAT LACHELT MAN NICHT, IHR IDIOTEN, brüllte jemand mit einer tierisch lauten Stimme.
Etwas Aufrührerisches wollte und konnte diese Gruppe aber nicht liefern, die Stimmung im Publikum wurde bedrohlich. Die Leute pfiffen inzwischen so stark, daß die damals noch brustschwachen Verstärker dagegen wenig ausrichten konnten. Ich saß auf einer Seitenmauer und staunte. Die Musik gefiel mir auch nicht, so viel Wut, daß ich etwas hätte demolieren wollen, spürte ich aber nicht. Und laut zu pfeifen mußte ich noch lernen. Viele der aufgewühlten Rockfans, bis dahin friedliche Besucher des Freizeitparks» Julius Fucik«, waren inzwischen nicht mehr zu stoppen, und die Zerstörungsorgie konnte beginnen. Und ich sah etwas, was ich davor noch nie gesehen hatte — die Auswirkungen der gezielt UNfreundlich angewendeten Menschenkraft. Der Anblick der leicht nachgebenden Möbelstücke, die kurz davor noch so stabil gewirkt hatten, war unendlich amüsant. Ich sah trotzdem nur zu und blieb auf meiner Steinmauer sitzen — mein Respekt vor dem Material aus den tschechischen Wäldern, mein Respekt vor menschlicher Arbeit und vor intakten volkseigenen Gebrauchswerten war viel zu groß. Gelenke der Klappstühle stöhnten, Schirme knickten um, das Holz der massiven Bänke gab irgendwann auch nach. Schließlich kippten einige Budenwände um — sie fielen nach außen, begruben Mülleimer unter sich, warfen einbeinige Biertische und freistehende Grillvorrichtungen um, verscheuchten herumstehende Würstchenesser. Die uniformierten Musiker waren aber Profis und spielten trotz des Affenlärms noch eine Weile weiter, beworfen wurden sie höchstens mit Pappbechern.Irgendwann kamen einige Polizisten angerannt, hatten aber keinerlei Ausrüstung dabei und griffen nicht ein. Sie brüllten unhörbar, hatten nicht einmal Megaphone mitgenommen — und man beachtete sie nicht. Die Bandtechniker stellten die Verstärker irgendwann ab — und weil ich mich den Zerstörern des sozialistischen Eigentums nicht wirklich zugehörig fühlte, ging ich ohne jede Hektik nach Hause. Die Polizei schickte schließlich doch eine größere Truppe vorbei, traf die wildgewordene Jugend aber nicht mehr an. Diese diskutierte die Ereignisse längst schon irgendwo beim Bier und kümmerte sich keinen Deut darum, was man am nächsten Tag in der Presse über sie schreiben würde.