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Aufzeichnungen aus einem toten Hause
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»Auch die Zuchthäusler werden uns sofort ausliefern,« fügte M–cki hinzu, als wir in die Küche traten.

»Haben Sie keine Sorge: die werden mit uns kein Mitleid haben!« fiel ihm T–wski ins Wort.

In der Küche befanden sich außer den Adligen noch viele andere Leute, im ganzen an die dreißig Mann. Diese alle wollten sich an der Beschwerde nicht beteiligen; die einen aus Feigheit, die andern infolge der Überzeugung, daß alle solche Beschwerden völlig nutzlos seien. Auch Akim Akimytsch war in der Küche, der eingefleischte und geborene Feind aller derartigen Beschwerden, die den regelmäßigen Gang des Dienstes und den Anstand stören. Er wartete schweigend und außerordentlich ruhig auf den Ausgang der Sache, über den er sich nicht die geringsten Sorgen machte; er war vielmehr vollkommen vom unausbleiblichen Triumph der Ordnung und des Willens der Obrigkeit überzeugt. Auch Issai Fomitsch war dabei; er stand außerordentlich bestürzt da, ließ den Kopf hängen und lauschte gierig und feige unserem Gerede. Er war in großer Unruhe. Es waren hier auch alle einfachen Polen des Zuchthauses, die sich den Adligen angeschlossen hatten. Es waren ferner einige ängstliche, immer schweigsame und eingeschüchterte Russen dabei. Sie hatten keinen Mut, mit den andern aufzutreten, und warteten kummervoll ab, wie die Sache enden würde. Schließlich waren auch einige stets finstere und mürrische, durchaus nicht ängstliche Arrestanten dabei. Diese blieben aus Starrsinn und in der Überzeugung da, daß das Ganze ein Unsinn sei und zu nichts Gutem führen würde. Mir scheint aber, daß sie sich doch etwas unbehaglich fühlten und nicht sehr selbstbewußt waren. Sie wußten zwar, daß ihre Ansicht über den Mißerfolg der Beschwerde richtig war, was sich ja auch später bestätigte, aber sie fühlten sich dennoch gleichsam als Abtrünnige, die sich aus der Gemeinschaft ausgeschlossen und ihre Genossen an den Platzmajor verraten hätten. Jolkin hatte sich ebenfalls hier eingefunden, der sibirische Bauer, der wegen Falschmünzerei hergekommen war und dem Kulikow seine tierärztliche Praxis weggenommen hatte. Den alten Mann aus den Siedlungen bei Starodub traf ich gleichfalls hier. Die »Köchinnen« waren sämtlich in der Küche geblieben, wohl in der Ansicht, daß sie ebenfalls zur Verwaltung gehörten und daß es sich ihnen folglich nicht zieme, gegen dieselbe aufzutreten.

»Sonst sind ja aber fast alle draußen,« sagte ich unsicher, mich an M–cki wendend.

»Was geht es aber uns an?« brummte B.

»Wir würden hundertmal mehr als die anderen riskieren, wenn wir uns daran beteiligten. Wozu? Je haïs ces brigands. Glauben Sie denn auch einen Augenblick daran, daß aus ihrer Beschwerde etwas wird? Was ist es auch für ein Vergnügen, sich in solche Dummheiten einzumischen?«

»Es wird daraus nichts werden,« fiel ihm einer der Zuchthäusler, ein trotziger und verbitterter alter Mann, ins Wort. Auch Almasow, der dabei war, beeilte sich zu bestätigen:

»Außer daß fünfzig Mann Ruten kriegen, – sonst wird aus der Sache nichts.«

»Der Major ist angekommen!« rief jemand, und alle stürzten gespannt zu den Fenstern.

Der Major kam böse, wütend, rot, mit der Brille auf der Nase hereingestürzt. In solchen Fällen war er tatsächlich mutig und verlor nicht die Geistesgegenwart. Übrigens war er fast immer halb betrunken. Sogar seine schmierige Mütze mit dem orangegelben Rand und seine schmutzigen silbernen Epaulettes machten in diesem Augenblick einen unheimlichen Eindruck. Ihm folgte der Schreiber Djatlow, eine sehr wichtige Persönlichkeit in unserem Zuchthause, die in Wirklichkeit alles verwaltete und sogar einen Einfluß auf den Major hatte, ein schlauer, auf seine eigenen Vorteile bedachter Bursche, aber kein schlechter Mensch. Die Arrestanten waren mit ihm zufrieden. Gleich nach ihm kam unser Unteroffizier, der offenbar ein fürchterliches Donnerwetter erhalten hatte und ein zehnmal schlimmeres erwartete; und ihm folgten drei oder vier Wachsoldaten. Die Arrestanten, die, wie ich glaube, schon von dem Augenblick an, wo sie nach dem Major geschickt, ohne Mütze gestanden hatten, richteten sich jetzt auf; ein jeder trat von dem einen Fuß auf den andern, und dann erstarrten sie alle in ihren Stellungen, in Erwartung des ersten Wortes oder, richtiger gesagt, des erstens Schreis des höchsten Vorgesetzten.

Dieser Schrei erfolgte unverzüglich: gleich nach dem zweiten Worte begann der Major aus voller Kehle zu brüllen, diesmal sogar zu kreischen: so wütend war er. Wir konnten aus den Fenstern sehen, wie er die Front entlang lief, wie er sich auf die Leute stürzte und an einzelne Fragen richtete. Übrigens konnten wir seine Fragen wegen der weiten Entfernung ebensowenig wie die Antworten der Arrestanten verstehen. Wir hörten nur, wie er mit hoher Stimme schrie:

»Meuterer!... Spießruten laufen!... Rädelsführer! Du bist der Rädelsführer! Du bist der Rädelsführer!« schrie er einen an.

Die Antwort war nicht zu hören. Aber wir sahen nach einem Augenblick, wie ein Arrestant sich von der ganzen Masse löste und sich nach der Hauptwache begab. Nach einem weiteren Augenblick folgte ihm ein zweiter, dann ein dritter. »Alle kommen vors Gericht! Ich werde euch! Wer ist dort in der Küche?« kreischte er, als er uns in den offenen Fenstern gewahrte. »Alle sollen sofort herkommen! Man treibe alle sofort her!«

Der Schreiber Djalow ging zu uns in die Küche. In der Küche erklärte man ihm, man hätte keine Beschwerde vorzubringen. Er ging sofort zurück und meldete es dem Major.

»So, sie haben keine Beschwerde vorzubringen!« versetzte jener sichtbar erfreut, zwei Töne tiefer. »Es ist ganz gleich, alle sollen sofort her!«

Wir kamen heraus. Ich fühlte, daß es uns etwas peinlich war, herauszukommen. Wir gingen auch alle mit gesenkten Köpfen.

»Aha, Prokofjew! Auch du, Jolkin, und das bist du, Almasow... Stellt euch auf, stellt euch auf, in einen Haufen,« sagte der Major zu uns in einem beschleunigten, aber milden Tone, uns freundlich anblickend. »M–cki, du bist auch hier... man soll sie alle aufschreiben. Djatlow! Schreib sofort alle auf, die Zufriedenen besonders und die Unzufriedenen besonders, alle ohne Ausnahme, und die Liste bekomme ich. Ich werde euch alle anzeigen... vors Gericht! Ich werde euch, Schurken!«

Die Erwähnung der Liste tat ihre Wirkung.

»Wir sind zufrieden!« rief plötzlich eine einzelne mürrische Stimme aus der Menge der Unzufriedenen, ziemlich unsicher.

»So, zufrieden! Wer ist zufrieden? Wer zufrieden ist, der soll vortreten.«

»Wir sind zufrieden, wir sind zufrieden!« meldeten sich noch einige Stimmen.

»Ihr seid zufrieden? Also hat man euch aufgewiegelt? Folglich gibt es unter euch Rädelsführer und Rebellen? Um so schlimmer für euch!...«

»Mein Gott, was ist denn das!« ertönte in der Menge eine einzelne Stimme.

»Wer, wer hat eben geschrien, wer?« brüllte der Major, nach der Seite stürzend, von der die Stimme ertönt war. »Hast du das geschrien, Rastorgujew? Auf die Hauptwache!«

Rastorgujew, ein etwas aufgedunsener, großgewachsener Bursche, trat vor und begab sich langsam nach der Hauptwache. Es war gar nicht er, der geschrien hatte, da man aber auf ihn hinwies, so widersprach er nicht.

»Ihr seid wohl vor lauter Fett toll geworden!« brüllte der Major ihm nach. »Du dicke Fratze, du wirst mir drei Tage nicht... Ich werde euch alle herausfinden! Die Zufriedenen sollen vortreten!«

»Wir sind zufrieden, Euer Hochwohlgeboren!« riefen einige Dutzend mürrische Stimmen; die übrigen schwiegen hartnäckig. Das war aber alles, was der Major haben wollte. Es war ihm offenbar vorteilhaft, die Sache möglichst schnell zu erledigen, und zwar auf eine gütliche Weise.

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