Aufzeichnungen aus einem toten Hause
- Автор: Достоевский Федор Михайлович
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Aufzeichnungen aus einem toten Hause». Краткое содержание книги:
Bei uns befanden sich mehrere Leute, die wegen Beschwerden ins Zuchthaus geraten waren. Diese regten sich jetzt auch am meisten auf. Besonders einer von ihnen, der ehemalige Husar Martynow, ein hitziger, unruhiger und argwöhnischer, dabei aber anständiger und wahrheitsliebender Mensch. Der andere war Wassilij Antonow, in dem sich Kaltblütigkeit und Gereiztheit paarten, ein Kerl mit einem frechen Blick und einem hochmütigen sarkastischen Lächeln, geistig hochentwickelt, übrigens gleichfalls anständig und wahrheitsliebend. Alle kann ich übrigens gar nicht aufzählen; es gab ihrer gar zu viele. Unter anderm rannte Petrow immer hin und her, hörte überall zu, sprach wenig, befand sich aber in sichtlicher Aufregung und sprang als erster aus der Kaserne heraus, als man sich im Hofe aufstellte.
Unser Zuchthausunteroffizier, der bei uns das Amt eines Feldwebels versah, erschien sofort, aufs höchste erschrocken. Nachdem sich die Zuchthäusler aufgestellt hatten, baten sie ihn höflich, dem Major zu sagen, daß das Zuchthaus mit ihm zu sprechen wünsche und eine Bitte wegen einiger Punkte vorbringen möchte. Gleich nach dem Unteroffizier kamen auch alle Invaliden heraus und stellten sich auf der anderen Seite, den Arrestanten gegenüber, auf. Der Auftrag, der dem Unteroffizier erteilt worden war, war ein ganz außerordentlicher und versetzte ihn in Schrecken. Er wagte aber nicht, es nicht sofort dem Major zu melden. Erstens, wenn das Zuchthaus sich schon einmal erhoben hat, so kann daraus immer noch etwas Schlimmeres werden. Die ganze Obrigkeit war den Arrestanten gegenüber ungewöhnlich feige. Zweitens, selbst wenn daraus nichts geworden wäre und alle sich sofort besonnen und zurückgezogen hätten, so müßte der Unteroffizier auch in diesem Falle alles der Obrigkeit melden. Blaß und vor Angst zitternd begab er sich eilig zum Major, ohne sogar einen Versuch zu unternehmen, die Arrestanten selbst zu befragen und zu ermahnen. Er sah, daß sie jetzt mit ihm gar nicht reden würden.
Ich hatte keine Ahnung davon, was los war, und trat gleichfalls in den Hof, um mich mit den andern aufzustellen. Alle Einzelheiten der Sache erfuhr ich erst später. Jetzt dachte ich bloß, daß irgendeine Kontrolle vorgenommen werde; als ich aber die Wachsoldaten vermißte, die die Kontrolle vorzunehmen pflegten, wunderte ich mich und begann mich umzusehen. Die Gesichter waren erregt und gereizt. Manche waren sogar blaß. Alle waren besorgt und schweigsam in Erwartung des Augenblicks, wo sie mit dem Major sprechen würden. Ich merkte, daß viele mich außerordentlich erstaunt ansahen und sich dann schweigend von mir wegwandten. Es kam ihnen offenbar seltsam vor, daß ich mich mit ihnen aufstellte. Sie glaubten offenbar nicht, daß auch ich mich an der Beschwerde beteiligen würde. Bald wandten sich aber alle, die um mich herum standen, wieder nach mir um. Alle blickten mich fragend an.
»Was suchst du hier?« fragte mich grob und laut Wassilij Antonow, der in einiger Entfernung von mir stand. Sonst pflegte er mir immer »Sie« zu sagen und mit mir höflich zu sprechen.
Ich sah ihn erstaunt an und gab mir noch immer Mühe, zu begreifen, was eigentlich los war. Ich ahnte schon, daß etwas Ungewöhnliches vor sich ging.
»Nein, wirklich, was sollst du hier herumstehen? Geh doch in die Kaserne,« sagte mir ein junger Bursche aus der Militärabteilung, mit dem ich bis dahin noch nie gesprochen hatte, ein gutmütiger und stiller Bursche. »Es ist nichts für dich.«
»Man stellt sich doch auf,« antwortete ich ihm, »ich glaubte, es sei eine Kontrolle.«
»Mußt auch dabei sein!« rief einer.
»Eiserner Schnabel!« fügte ein anderer hinzu.
»Fliegenmörder!« versetzte ein dritter mit unsagbarer Verachtung. Dieser neue Spitzname rief allgemeines Gelächter hervor.
»Der ist aus Gnade in der Küche angestellt,« fügte noch ein anderer hinzu.
»Für sie ist überall ein Paradies. Hier im Zuchthause essen sie Semmeln und kaufen sich Ferkel. Du ißt doch deine eigene Kost, was hast du dann hier zu suchen?«
»Hier ist kein Platz für Sie,« sagte Kulikow, mit einer ungenierten Miene auf mich zugehend; er faßte mich an der Hand und führte mich aus den Reihen hinaus.
Er selbst war blaß, seine schwarzen Augen funkelten, und er biß sich in die Unterlippe. Er erwartete den Major nicht so kaltblütig. Ich mochte es übrigens sehr gern, Kulikow in allen ähnlichen Fällen, d.h. wenn er sich hervortun wollte, zu beobachten. Er spielte Theater, handelte dabei aber auch wirklich. Ich glaube, daß er selbst zum Schafott mit einer gewissen Eleganz gegangen wäre. Jetzt, wo alle zu mir »du« sagten und auf mich schimpften, verdoppelte er sichtlich seine Höflichkeit gegen mich, zugleich waren aber seine Worte besonders energisch und sogar hochmütig und ließen keinen Widerspruch zu.
»Es sind unsere eigenen Angelegenheiten, Alexander Petrowitsch, und Sie haben hier nichts zu suchen. Gehen Sie doch irgendwo hin und warten Sie ab... Alle ihre Kameraden sind doch in der Küche, gehen Sie auch hin.«
»Zu des Teufels Großmutter!« fiel ihm jemand ins Wort.
Durch das offene Küchenfenster erblickte ich wirklich unsere Polen; es kam mir übrigens vor, als wäre dort auch außer ihnen eine Menge Leute. Gelächter, Schimpfworte und Schnalzen mit der Zunge (das bei den Zuchthäuslern das Pfeifen ersetzt) klangen hinter mir her.
»Es hat ihm hier nicht gefallen!... Faß ihn...«
Ich war im Zuchthause noch nie so schwer gekränkt worden, und es tat mir sehr weh. Aber ich hatte eben einen solchen Augenblick getroffen. Im Küchenvorraum traf ich T–wski, einen Adligen, einen energischen und edlen jungen Mann, ohne besondere Bildung, der an B. mit außerordentlicher Liebe hing. Die Zuchthäusler zeichneten ihn vor allen anderen aus und liebten ihn sogar auf ihre Weise. Er war tapfer, kühn und stark, und das äußerte sich in jeder seiner Gesten.
»Was ist mit Ihnen, Gorjantschikow,« rief er mir zu, »kommen Sie doch her!«
»Was ist denn dort los?«
»Die Leute bringen eine Beschwerde vor, wissen Sie es denn nicht? Es wird ihnen natürlich nicht gelingen: wer wird den Zuchthäuslern glauben? Man wird nach den Anstiftern suchen, und wenn wir dabei sind, wird man uns natürlich zu allererst der Meuterei anklagen. Vergessen Sie doch nicht, weswegen wir hergekommen sind. Die andern kommen einfach mit einer Rutenstrafe davon, uns stellt man aber vors Gericht. Der Major haßt uns alle und ist froh, uns zugrunde zu richten. Wir würden für ihn die beste Rechtfertigung bedeuten.«