Im Schatten des Wolfes [The Hallowed Hunt - de]
- Автор: Буджолд Лоис Макмастер
- Серия: Chalion (de) #3
- Год: 2006
- Язык: немецкий
- Год: Bastei L
- ISBN: 978-3-404-20547-9
- Переводчик: Alexander Lohmann
- Жанр: Фэнтези
Электронная книга - «Im Schatten des Wolfes [The Hallowed Hunt - de]». Краткое содержание книги:
»Was war das, vorhin?«, wollte Ijada wissen. »Was ist mit dir geschehen?«
»Was hast du … hast du denn auch etwas gesehen?«
»Ich hatte Visionen, Ingrey, schreckliche Visionen. Und nicht vom Gott gesandt, das kann ich dir garantieren. Du warst schon eine Weile aus dem Haus, als es mich wieder überwältigt hat. Die Knie gaben mir nach. Die Welt um mich her verschwand dieses Mal zwar nicht, aber die Bilder waren stärker als Erinnerungen und schwächer als Halluzinationen. Ingrey, ich habe das Blutfeld gesehen, ich sah meine Krieger! Nicht zerschlagen und übel zugerichtet, wie bei meinem Traum im Wehen Wald. Diesmal sah ich sie, als sie noch lebten.« Sie zögerte. »Als sie starben.«
»Hast du Wenzel gespürt? Hast du ihn gesehen oder seine Stimme gehört?«
»Nein, nicht wie er ist. Diese Visionen stammten aus deinem Geist, nicht wahr?«
»Ja. Bilder aus der Vergangenheit. Das Alte Weald. Das Massaker auf dem Blutfeld.«
Sie fuhr zusammen und griff sich an den Hals. In Ingreys Erinnerung erklang das entsetzliche Knirschen einer Axt, die durch Knochen fährt. Das hat sie ebenfalls gefühlt.
»Warum teilen wir diese Erlebnisse? Was ist mit uns geschehen?«, wollte sie wissen.
»Die Bilder, diese Visionen … Wenzel hat sie in meinen Kopf gepflanzt. Er ist nicht bloß ein Totemkrieger wie du, nicht nur ein Schamane wie ich. Er ist mehr. Aus der Zeit herausgerissen, schrecklich in seiner Macht und seinem Schmerz. Er glaubt, er ist … Er erhebt Anspruch darauf, der Geheiligte König zu sein.«
»Aber der alte Lord Hirschendorn ist König. Er war es schon, ehe ich geboren wurde. Wie kann es zwei Könige geben?«
»Das ist ein Problem, ein Geheimnis, dem ich noch nicht auf den Grund gekommen bin. Ich habe Wenzel aufgesucht und wollte die Wahrheit aus ihm herausprügeln. Stattdessen hat er sie in mich hineingeprügelt.«
Er führte sie zu einem Stuhl, setzte sich neben sie und nahm ihre Hand. Stockend beschrieb er sein Furcht erregendes Gespräch mit dem Grafen. Ijada schien einzig die geheimnisvollen Visionen geteilt zu haben, nicht aber Wenzels Erklärungen. Sie musste die letzten Stunden voller Bestürzung verbracht haben, denn selbst jetzt noch waren ihre Augen aufgerissen, und sie zitterte.
»Wenzel behauptet, ich sei der Erbe seiner Seele, und mein Körper würde von seinem Zauber an sich gerissen, ob wir beide es nun wollen oder nicht. Ich weiß nicht, wie lange das nun schon so ist. Vielleicht gab es einst einen anderen Vetter, der zwischen uns stand, aber kürzlich verstorben ist, doch … doch vielleicht reicht es zurück bis zum Tod meines Vaters. Was noch mehr Fragen darüber aufwirft, was mein Vater mit seinem Wolfsritual erreichen wollte.«
»Mein anderer Traum«, hauchte sie. »Der von dem brennenden Reiter und dem Wolf an der Leine, der durch die Asche rennt. Das wart ihr. Das wart ihr beide.«
»Bist du sicher? Vielleicht …«
»Ingrey, ich habe den Ort Am Heiligen Baum erkannt. Und meine Krieger. Zweifellos bin ich mit ihnen ebenso verbunden wie mit dir, wenn ich auch nicht weiß, auf welche Weise. Und falls Wenzel die Wahrheit spricht, ist er ebenso an sie gebunden … und sie an ihn.«
»Es klaffen riesige Lücken in Wenzels Geschichte, aber in dieser Hinsicht hat er nicht gelogen«, sagte Ingrey bestimmt. »Diese Verbindung ist der Kern des Ganzen.«
»Damit schließt sich der Kreis. Du bist an mich gebunden, ich an meine Geister, sie an Wenzel und Wenzel an dich, wie es scheint. Versucht Wenzel, durch uns eine gewaltige Magie zu wirken?«
»Ich habe meine Zweifel. Genau genommen ist all das nicht allein Wenzels Werk. Auf die Auswahl seines spirituellen Erben hat er keinen Einfluss, sonst hätte er sich gewiss einen anderen ausgesucht. Aber es ist vernünftig, dass der Zauber sich selbst seinen Erben sucht. Es ist auf das Durcheinander und die Hitze der Schlacht ausgelegt, wenn sowohl König und Erbe zur gleichen Stunde fallen können — wie es mehr oder weniger auf dem Blutfeld geschehen ist. Der Austausch musste ohne Mitwirkung und ohne die Zustimmung der Betroffenen vonstatten gehen. Darum muss dieser Teil des Zaubers auch mit den verstorbenen Totemkriegern des Wehen Waldes verknüpft sein. Es ist, als würde die Gesamtheit des Alten Weald, oder was von der Macht seiner Sippen noch übrig ist, ihren Erben durch Wenzel wählen.« In dieser Feststellung schien eine rätselhafte, erschreckende Wahrheit zu liegen.
Ijada kniff die Augen zusammen. »Wird dann von uns dreien erwartet, dass wir zum Blutfeld gehen? Und wenn ja, was sollen wir dort tun?«
»Und wer … oder Wer … drängt uns in diese Richtung?«, murmelte Ingrey. Er lehnte sich stirnrunzelnd zurück. »Der Zauber war früher enger gefasst. Nur die Rossflutens und die toten Krieger, immer und immer wieder über sechzehn Generationen hinweg. Du … du bist von außen dort eingebrochen. Und der Zauber brach aus, um mich zu fordern. Seine Grenzen haben sich verändert. Grenzen zwischen Leben und Tod, Geist und Materie. Das Weald und ein anderes Reich. Veränderungen … zum ersten Mal seit Jahrhunderten brechen Veränderungen herein.«
Ijada rieb sich die Stirn. »Und was bin ich dabei? Halb drinnen, halb draußen — gehöre ich überhaupt dazu? Ich lebe, sie sind tot, ich bin eine Frau, sie sind Männer, größtenteils, glaube ich. Mein Leopard ist nicht einmal ein Totemtier des Weald! Ich habe heute Morgen nichts für Bolesos Seele getan. Ich stand nur töricht da, mit offenem Mund. Sie wollen dich, Ingrey, der die Geister vielleicht von ihren alten Tierseelen befreien kann.« In dem Blick, der auf ihm ruhte, lag tiefe Überzeugung.
»Ein Tor in einer Mauer ist zugleich innen wie außen«, meinte Ingrey langsam. »Halb und halb, so wie es dank deines Vaters bei deinem Blut der Fall ist. Und auch du wirst gebraucht, wenn auch nicht von Wenzel, denke ich. Haben die Geister nicht dich auserkoren? Unter all denen, die in jener Nacht im Wald schliefen und träumten.«
Sie wirkte unschlüssig und hielt sich ein wenig gerader. »Ja.«
»Also dann.« Dann was? Ingreys erschöpfter Verstand lieferte keine Antwort. »Abgesehen von den Visionen gab es noch andere Themen. Wenzel will mich in seiner Nähe halten, glaube ich. Er hat mir eine Anstellung in seinem Haushalt angeboten … nein, mehr als angeboten: Er hat sie mir aufgenötigt.«
Ihre Stirn furchte sich in neuerlicher Sorge.
»Und anstatt mich zu schützen«, fuhr Ingrey fort, »will Hetwar, dass ich diesen Posten annehme, damit ich für ihn spionieren kann. Cumril brachte den Verdacht auf, dass Wenzel von einem Tiergeist heimgesucht ist, obwohl weder der Tempel noch Hetwar ahnen, wie viel mehr Wenzel zu sein behauptet. Ich habe es ihnen nicht verraten. Ich weiß nicht genau, welche Folgen daraus erwachsen können, wie rasch sich Wenzels dunklere Geheimnisse entwirren werden oder wie sehr ich selbst in das Knäuel verstrickt bin. Und schlimmer noch: Biast ängstigt sich vor seinem Schwager und möchte mich einsetzen, um Fara zu beschützen.« Ingrey verzog das Gesicht.
»Vielleicht liegt Biast gar nicht mal so falsch«, sagte Ijada langsam. »Ich lege jedenfalls keinen Wert darauf, dass mein Unglück noch einem weiteren Hirschendorn den Tod bringt.«
»Du verstehst nicht. Wenn ich zu Rossfluten wechsle, wirst du meiner Obhut entzogen und einem anderen Aufseher unterstellt. Du kommst vielleicht in ein anderes Gefängnis, zu dem der Zugang weniger einfach ist. Oder die Flucht daraus.«
Ihr Gesicht verriet Anspannung. »Ich darf nicht … darf nicht eingesperrt sein, wenn es so weit ist. Wenn es Zeit ist, zu gehen.«
»Wenn was so weit ist?«
In einer hilflosen Geste krallte sie die Finger in die Luft. »Wenn der Gott seine Beute stellt. Fühlst du es nicht auch, Ingrey?«