Georgs Sorggen um die Vergangenheit
- Автор: Faktor Jan
- Год: 2010
- Язык: немецкий
- Год: Kiepenheuer & Witsch
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «Georgs Sorggen um die Vergangenheit». Краткое содержание книги:
Dieser kleine Schauerregen machte Skopkas Vater sicherlich nicht viel aus, er schimpfte jedenfalls nicht hörbar. Skopka untersuchte abends den Hut und Mantel seines Erzeugers, entdeckte dabei aber keine klaren Spuren mehr. Eine Geruchsprobe brachte auch kein Ergebnis, weil alle Kleidungsstücke, die die chemische Reinigung eines sozialistischen Reinigungsbetriebes hinter sich hatten, sowieso streng rochen. Noch unmittelbar vor dem eigentlichen Pißangriff hatte mich Skopka um ein absolutes Stillschweigen gebeten — und ich habe mich daran bis heute gehalten.
Wenn ich von Gerüchen spreche, muß ich die unterschiedlichen Geruchsnoten erwähnen, die die Wohnungen meiner Mitschüler kennzeichneten. Eine bestimmte Art Muffigkeit war von keiner dieser Behausungen wegzudenken, und sie blieb, worüber ich mich schon damals wunderte, erstaunlich konstant. Da und dort vorhandene Großmütter trugen zu dem Geruchsklima immer entschieden bei, und je älter sie waren, desto stärker machten sie sich bemerkbar. Aber auch die Lichtverhältnisse waren an den Verdampfungsvorgängen oder der molekularen Zusammensetzung der Luft offenbar stark beteiligt. Je dunkler eine Wohnung war, desto stickiger roch sie. In manchen Fluren merkte man, daß sie nie gelüftet wurden, in manchen Küchen roch es nach den immer gleichen billigen Mehlsoßen, in manchen Schlafzimmern nach durchgelegenen und verschwitzten Betten. Bei manchen Mitschülern stanken Hunde, Katzen oder Meerschweine, bei einem, der immer etwas abgerissen aussah, stapelte sich in einer Ecke dreckige Wäsche samt gelbbraun verfärbter Unterhosen — seine Wohnung muffte besonders brisant. Prager Parterrewohnungen besaßen in der Regel mindestens eine feuchte Wand. Aber selbst wenn alle Wände trocken wirkten, sogen diese Räume die grünmoosige Luft der Innenhöfe zwangsläufig immer ein — durch alle vorhandenen Fensterritzen. Aber natürlich auch osmotisch mit allen noch durchlässigen Wandporen. Und noch etwas war am Klima jedes Hauses stark beteiligt — und dies darf in Prag bis heute auf keine leicht zu lüftende Kappe genommen werden: Es ist das unbewegliche Duftmilieu der dunklen, sich im Hauskern befindenden Luftschächte — der so genannten LICHTSCHÄCHTE; und in diese führen die schmalen Fenster aller Toiletten, Badezimmer und muffiger Besenkammern.
Bei der in Prag üblichen Bauweise gruppieren sich die Toiletten und Badezimmer um die Lichtschächte herum und haben keine Fenster nach außen. So sind sie von jeglicher übertriebener Frische oder von störenden Wettereinflüssen gut abgeschirmt — daher wenigstens immer konstant temperiert; und sie ermöglichen es unter Umständen, quer über den Schacht Intimverrichtungen der Nachbarn zu beobachten oder ihren lauten Streitereien zuzuhören. Von diesen DUNKLEN Lichtschächten fühlen sich automatisch nicht nur alte und junge Späher angezogen, dummerweise ziehen diese tiefen Grotten auch jugendliche Selbstmörder stark an. Allein an unserer Schule gab es in meiner Zeit zwei solcher Sprünge in den Abgrund. Weil unten in der Kellerebene der Schächte meistens aber hohe Schichten aus alten Scheuerlappen, blutigen Binden und feuchten Badezimmerläufern lagerten — bedeckt mit flauschigen Matten aus Staubmäusen — , endeten die beiden Selbstmordversuche nicht tödlich. Es ist zu hoffen, daß mehrere dieser Verzweifelten, nachdem sie zwischen den dort sicher auch noch reichlich verstreuten Kondomen und Damenschlüpfern zu sich gekommen waren, zu neuem Leben erweckt wurden.Tante Györgyis nicht gelüftetes Zimmer roch nicht gut, Tante Peprls Verließ dampfte kellerhaft, und der gemeinschaftliche Flur unserer Etage war auch kein olfaktorisches Vorzeigeobjekt. Onkel ONKELs Pfeifengeruch blieb bei uns trotz seines Rauchabsaugers sowieso immer gegenwärtig, vermischte sich mit den Abgasdämpfen unseres schon erwähnten Kühlschranks, zum Glück aber auch mit Mutters Zigarettenduft der Marke» Lipa«- was bezeichnenderweise Linde bedeutet. Unser Teil der Wohnung roch eindeutig viel besser als der Rest, und in unseren Zimmern duftete es oft sogar nach Wald. Meine Mutter und ich brachten uns aus dem Urlaub immer aufregende Gerüche mit — frisch harzende Splitter Waldholz, die bei Waldarbeiten liegengeblieben waren, Wacholderäste mit Blüten oder Beeren — oder Pilze, die wir einfach nur trocknen ließen und nicht unbedingt essen wollten. Das am besten duftende Holz kam aus Mutters nordmährischen Beskyden, ihrer eigentlichen Naturheimat bei Ostrau. Als ich einmal aus der Schule kam und ein beim Sportunterricht durchgeschwitztes Oberhemd nach Hause brachte — nicht meins, aus Versehen hatte ich mir ein fremdes geschnappt — , gab es in der gesamten Wohnung einen Aufstand. Alle rochen, daß bei uns ein Fremdling eingezogen war, alle befürchteten die Invasion eines eurasienfremden Skunks oder Opossums und suchten es überall. Alle wußten, daß ein Wesen mit derartigem Körpergeruch in unserer Großfamilie niemals geduldet werden würde. Die stinkende Quelle der Aufregung hing dabei reglos im Badezimmer.
Auch als ich und Großmutter Lizzy meine Mutter in ihrem Tuberkulose-Internierungslager besuchten, gab sie uns etwas gut Riechendes mit auf den Weg. Meistens ganze Bündel von Gräsern und Wiesenblumen. Die Zeit vor ihrem Weggang ins Sanatorium war seltsam bedrückend gewesen, auch wenn mir nie in den Sinn gekommen war, daß mir meine Mutter hätte wegsterben können. Dabei hatte ihr Siechtum ein ganzes Jahr gedauert. Sie wurde immer schwächer und müder, und ihre schönen oder weniger schönen jüdischen Ärzte rätselten, was ihr gefehlt haben könnte. Und weil einer von ihnen Chefarzt der psychiatrischen Klinik von Bohnice war — meine Mutter und ich kannten uns dort bereits gut aus — , nahm er sie vorsorglich für mehrere Wochen zur Beobachtung auf. Ihr ging es dort überhaupt nicht besser, und sie sah unter den vielen Problemfällen auch einigermaßen verstört aus. Niemand kam in dieser Zeit auf die Idee, sie zum Röntgen zu schicken. Irgendwann hatte sie sich in einem der Lungenflügel ordentliche Löcher freigelüftet. Mit TBC war damals noch weniger zu spaßen als heute. Insgesamt fiel das Jahr der großen Trennung trotzdem in die eher harmonische Zeit unserer Beziehung, einfach in die Zeit, die eindeutig unsere gemeinsame gewesen war. Wenn meine Mutter über diese Periode sprach, sagte sie gern scherzhaft:»Ja, damals — ALS WIR BEIDE NOCH KLEIN WAREN.«
Wir beiden Kleinen erlebten damals wirklich allerlei, waren ungeschickt und unvernünftig wie zwei Geschwister, die ohne väterliche Aufsicht auskommen mußten. Einmal stellten wir die Haushaltsleiter auf und wollten gemeinsam eine Gardine aufhängen. Ich kletterte als erster nach oben, meine Mutter kam nach und lächelte mich lieblich an. Ich konnte leider nicht zurücklächeln, weil mein kleiner Finger im Spalt zwischen den beiden Leiterhälften gerade in die Zange genommen worden war. Das Gewicht unser beiden Körper drückte ihn immer flacher zusammen, und ich wurde dabei so gründlich ruhiggestellt, daß ich bis auf weiteres stumm blieb. Ich sah meine Mutter konzentriert an und litt. Unsere Gesichter waren auf der gleichen Höhe, und meine Mutter fragte mich geduldig aus, forschte danach, was mir fehlte. Sie blieb liebevoll in meiner Nähe, studierte weiter meine Mimik, streichelte mich. Aus meinen Augen quoll dabei leider so viel Wasser, daß mein Blick — zu meinemFlachfinger hin — verschwommen war, die Blickrichtung undeutlich blieb. So aufregend ging es bei uns also manchmal zu — damals, als wir beide noch klein waren. Das Gute bei solchen und ähnlichen Vorfällen: Beim Trösten war meine Mutter wirklich ausdauernd, und wenn ich nach einer Stunde immer noch wimmerte, bekam ich weiterhin Trost gespendet, der tatsächlich frei von jeglicher mütterlicher Ungeduld war; irgendwann auch frei von jeglichem Restschmerz meinerseits.
Als die Tuberkulose meiner Mutter wieder vollständig ausgeheilt war und sie nicht gerade eine Depression hatte, konnte ich mit ihr wieder ungehindert lachen und endlos scherzen. Manche Scherze durfte ich mit ihr aber nie anstellen. Man durfte meiner Mutter keine abgetrennten menschlichen Gliedmaßen präsentieren — das hieß zum Beispiel, daß ich meine Hand möglichst nie hinter einer nur angelehnten Tür vorzeigen durfte. Manchmal wollte ich meine Mutter allerdings doch hysterisch schreien hören. Dann reichte es beispielsweise, unter ihr Bett zu kriechen und einen Fuß herauszustrecken. Ihre Schreie waren köstlich. Und weil sie meine Spaße regelmäßig unbeschadet überstand, wollte ich sie in ihrer Erschreckbarkeit fit halten. Manchmal hing mein Fuß zur Abwechslung aus einem Schrank, ein anderes Mal versteckte ich mich hinter einem Vorhang und ließ meinen Kopf wie ein Erhängter baumeln — die Schlinge des Verlängerungskabels hielt ich dabei hinter mir mit zwei Fingern fest. Bei meinen Raubzügen durch die Innenhöfe brachte ich manchmal Teile von Schaufensterpuppen mit — und wie zufällig lag dann mal ein Arm oder ein Knie auf dem Teppich.