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Georgs Sorggen um die Vergangenheit

Электронная книга - «Georgs Sorggen um die Vergangenheit». Краткое содержание книги:

Georg wächst in einer der schönsten Wohngegenden Prags in einem summenden Frauenhaushalt auf. Leider zur Zeit des politischen Terrors, der überirdischen Atomtest und später des brutal unterdrückten Reformversuchs von '68. Umstellt von seinen vielen Tanten mit Kriegstraumata, dem tyrannischen Onkel ONKEL und der überstrahlend-schönen Mutter hält er an seiner Überzeugung fest, unter der Schirmherrschaft eines gewissen Heiligen eine helle Zukunft zu finden — trotz der totalitären Verhältnisse, der zerfallenden Prager Bausubstanz und der familiären Zwänge.
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Manche dieser kleinen Scherze gefielen meiner Mutter am Ende doch, jedenfalls sprach sie nie ein eindeutiges diesbezügliches Verbot aus. Als sie mich während eines Gesprächs mit einem unsympathischen Besucher zu lange nicht beachtet hatte, zündete ich unter dem Stuhl des Belästigers einkleines Feuerchen an und ging weg. Leider bekam dabei der nach dem Krieg nicht mitgeflüchtete Perserteppich einen großen schwarzen Brandfleck verpaßt. Manchmal legte ich meiner Mutter Zeitungsblätter unter ihr Bettlaken oder versteckte eine Plastiktüte mit kalten Kieselsteinen unter ihrer Decke. Als sie einmal besonders früh schlafen gehen wollte, nähte ich schnell ihr Nachthemd am Kopfkissen fest — und beobachtete unauffällig, wie sie voller Unglauben daran zog und den festen Zusammenhalt zwischen den zwei so unterschiedlichen Stoffteilen lange nicht fassen konnte. Sie zog ihr Nachthemd mehrmals hoch, das Kissen kam immer wieder mit. Bei den Handarbeiten in der Schule lernten wir gerade die Grundzüge des Nähens.

Meine Mutter erzählte mir von meinem Vater nicht nur Schlechtes, sie hatte ihn früher männlich anziehend, charmant und witzig gefunden. Vor der Hochzeit hatte sie ihn wirklich geliebt. Leider begriff sie schon wenige Minuten nach der Zeremonie, daß sie einen Fehler gemacht hatte. Die beiden liefen die Treppe des Altstädter Rathauses hinunter, und sie fühlte, daß sie diesen Menschen neben sich nicht lange würde ertragen können. Schon die ersten Monate des Zusammenlebens waren quälend, alle Tanten mischten sich in die Beziehung ein, mein listiger Vater dachte sich immer mehr Dienste und Sondereinsätze aus, weigerte sich grundsätzlich, nach dem Baden seinen abgesetzten Körperdreck aus der Badewanne zu entfernen oder seine Dreckwäsche in den Wäschekorb zu stecken. Nach einem halben Jahr fuhr er in seinem Dienstwagen über die damals noch befahrbare Karlsbrücke und sah dort eine junge Schönheit entlanglaufen. Und die wunderschöne Frau auf dem Bürgersteig war niemand sonst als seine eigene Frau — und sie wirkte über alle Maßen glücklich. Mein Vater war von ihr wieder wie verzaubert. Zu diesem Zeitpunkt wohnte er schon woanders, seine Geliebte mit zartblonder Haut und vielen blau durchschimmernden Venenwar bei ihm aber noch nicht eingezogen — es gab noch ein Zurück. Er rief meine Mutter abends an und erzählte ihr, wie sie ihn auf der Brücke bezaubert hatte.

— Du bist ein Trottel! Ich habe ausgerechnet auf der Brücke beschlossen, mich von dir scheiden zu lassen.

In der Grundschule waren anfangs nur ich und Dschagarow die beiden Scheidungsschandflecke der Klasse. Viel später trennten sich plötzlich auch Skopkas Eltern — wenn auch nur räumlich. Dafür aber dramatisch. Mein Vater und meine Mutter hatten sich, wie mir immer wieder erzählt wurde, vor dem Scheidungsrichter seinerzeit noch leidenschaftlich geküßt, wonach dieser meinte, so eine schöne Scheidung hätte er noch nie zelebrieren dürfen. Bei den Eltern von Skopka lief einiges anders als bei meinen Eltern, der Trennungsgrund war aber der übliche. Frau Skopkovä wollte nicht akzeptieren, daß ein Prager Mann, der etwas auf sich hielt, nicht ohne eine Zweitfrau auskommen konnte. Nachdem sie ihrem Langpenisträger auf die Schliche gekommen war, befahl sie ihm, zu seiner Geliebten zu ziehen — obwohl sie wußte, daß diese junge Tussi gar keine eigene Wohnung besaß. Weil ihr Mann sich aber weigerte zu gehen, schmiß sie eines Tages seine Unterwäsche, etwas an Kleidung und griffbereite Teile seines Papierkrams in offene Kartons, stellte diese vor die Tür und ließ das Schloß der Wohnungstür auswechseln.

Als Vater Skopka heimkam, war er mit der Situation und der unvollständigen Herausgabe seiner Habseligkeiten furchtbar unzufrieden. Er haute und hämmerte an die Tür, wütete im Flur und rief in den nächsten Tagen pausenlos an. Frau Skopkovä blieb aber hart und stellte einfach weitere Kartons vor die Tür. Eines Tages kam ihr Mann dann wieder — allerdings mit Verstärkung, er hatte einen Freund dabei. Und dieser fuhr beruflich einen Kleintransporter. Ich war gerade bei Skopka zu Besuch. Skopka hatte mich vielzu lange mit irgendwelchen optischen Experimenten gelangweilt — damit war jetzt Schluß. Draußen war sowieso wunderschönes Wetter, und meine Clique sammelte sich längst an unserem Geländer am Festungsgraben. Leider konnte ich die Wohnung jetzt unmöglich verlassen. Wir hörten das wütende Klingeln und Hämmern an der Tür, hörten die Drohungen. Die Heftigkeit, die von Skopkas Vater ausging, war auch durch Erschütterungen zu spüren — er trat inzwischen kräftig gegen die Tür und brachte damit auch die auf Skopkas Tisch liegenden Linsen in Bewegung. Die Linsen gaben auf dem blanken Holztisch leise Geräusche von sich, wir schwiegen. Skopka tat die ganze Zeit so, als ob die Art des väterlichen Auftritts nichts Besonderes und sowieso zu erwarten gewesen wäre. Von seiner Mutter hatte er die strikte Anweisung, seinen Alten auf keinen Fall hereinzulassen. Sich daran zu halten machte ihm große Freude.

— Ich brauche meine Krawatten! brüllte es vor der Tür.

— Beachte ihn nicht, sagte Petr, er hätte es sich früher anders überlegen sollen. Er wird sich schon beruhigen.

— Ich brauche meine Aktenordner, meine Krawatten und meine Medikamente.

— Ich soll den Idioten ruhig brüllen lassen, meinte meine Mutter. Also lassen wir uns nicht stören. Alles lief dann aber anders, als es sich Petr und seine Mutter vorgestellt hatten. Vater Skopka nahm irgendwann Anlauf, rannte die Tür ein und stand plötzlich im Flur. Ich staunte, wie leicht und reibungslos dies vor sich ging — wie in einer Filmszene mit präparierten Türflügeln. Dieser Mann schaffte es, eine verschlossene Tür einzurennen — sogar ohne den zweiten Mann und beim allerersten Versuch. Das Holz um das Schloß herum hatte nachgegeben, war zersplittert und zerfasert, zeigte rohes Fleisch. Mein Vertrauen und meine Verliebtheit in das duftende Material Holz wurden dadurch nachhaltig erschüttert. Und es ist kein Zufall, daß ichmich später zunehmend von Metallen angezogen fühlte — ohne sie allerdings wirklich zu lieben.

— Beachte ihn nicht, wir ignorieren ihn einfach, sagte Petr, ich muß noch eine Konvexkonkavlinse dazwischenschieben.

Als er das sagte, schleppten sein Vater und dessen Freund gerade einen Schrank durch den Flur. Noch eine halbe Stunde lang suchte sich Vater Skopka schweigend einiges zusammen und ging wieder. Bis dahin mußte ich bei Petr bleiben. Nach einem Monat zog Vater Skopka wieder ein. Die Wohnungsnot war in Prag so drückend, daß noch viel schlimmer zerstrittene Ehepaare für immer zusammengekeilt bleiben mußten.

Mit Petr Skopka blieb ich trotz meiner Fußball- und Cliquen-Aktivitäten weiter verbunden. Einmal kam er in der Pause zu mir und meinen Gleichgesinnten, als wir uns gerade über sexuelle Perversionen lustig gemacht hatten. Skopka wurde in dieser Zeit insgesamt — das hing sicher mit seinen verantwortungsvollen Gouverneursaufgaben zusammen — offensiver, und als er begriff, wie wir mit dem Thema Sex umgingen, stellte er uns zur Rede und hielt uns — trotz einiger gröberer Versuche, ihn zu stoppen — einen Vortrag über den Ernst, der der Sexualität gebühre. Seiner Meinung nach gäbe es bei diesen Dingen überhaupt nichts zu lachen. Die Sexualität sei ernst und NUR ernst zu behandeln, da sie der Fortpflanzung diene — also nichts Geringerem als der Erhaltung des Lebens auf Erden.

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