Aufzeichnungen aus einem toten Hause
- Автор: Достоевский Федор Михайлович
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Aufzeichnungen aus einem toten Hause». Краткое содержание книги:
Die Ereignisse bestätigten zufällig gleich vom ersten Schritt an meine Wahrnehmungen und wirkten auf mich krankhaft und enervierend. In diesem ersten Sommer trieb ich mich im Zuchthause fast immer mutterseelenallein herum. Ich sagte schon, daß ich mich in einer solchen Gemütsverfassung befand, daß ich selbst diejenigen Zuchthäusler nicht unterscheiden und schätzen konnte, die später imstande waren, mich zu lieben, obwohl sie sich doch niemals wie meinesgleichen gaben. Ich hatte auch unter den Adligen Kameraden, aber diese Kameradschaft vermochte von meiner Seele nicht die Last zu nehmen. Am liebsten hätte ich überhaupt nichts von meiner Umgebung gesehen, aber ich konnte sie doch nicht fliehen. Da ist z.B. einer der Fälle, die mir sofort meine besondere und isolierte Lage im Zuchthause zu fühlen gaben. An einem heiteren und heißen Wochentage, es war schon im August, gegen ein Uhr nachmittags, als sonst alle vor der Nachmittagsarbeit auszuruhen pflegten, erhoben sich plötzlich alle Zuchthausinsassen wie ein Mann und begannen sich im Hofe aufzustellen. Ich hatte bis zu diesem Augenblicke noch nichts gewußt. Um jene Zeit war ich zuweilen so sehr in meine eigenen Gedanken vertieft, daß ich fast nichts davon merkte, was um mich herum vorging. Das ganze Zuchthaus befand sich aber schon seit drei Tagen in einer dumpfen Aufregung. Vielleicht hatte diese Erregung sogar schon viel früher angefangen, wie ich später vermutete, als ich mich mancher Gespräche der Arrestanten erinnerte und zugleich der gesteigerten Zanksucht, Verbissenheit und der besonderen Gereiztheit, die sie in der letzten Zeit gezeigt hatten. Ich schrieb das der schweren Arbeit zu, den langen, langweiligen Sommertagen, den unwillkürlichen Träumereien von Wäldern und Freiheit und den kurzen Nächten, in denen es schwer war, ordentlich auszuschlafen. Vielleicht hatte sich dies alles zu einer einzigen Explosion angesammelt, aber der unmittelbare Anlaß zu dieser Explosion war die Kost. Die Arrestanten beklagten und entrüsteten sich schon seit mehreren Tagen in den Kasernen und besonders, wenn sie sich in der Küche beim Mittagessen oder Abendbrot trafen; sie waren unzufrieden mit den »Köchinnen«, versuchten sogar eine von ihnen abzusetzen, jagten aber die neue fort und stellten wieder die alte an. Mit einem Worte, alle befanden sich in einer unruhigen Gemütsverfassung.
»Die Arbeit ist so schwer, aber sie füttern uns mit Därmen,« brummte einer von den Arrestanten in der Küche.
»Wenn's dir nicht gefällt, so bestell dir einen blanc-manger,« fiel ihm ein anderer ins Wort.
»Kohlsuppe mit Därmen eß ich sehr gern, Brüder,« bemerkt ein Dritter, »denn sie schmeckt sehr gut.«
»Wenn man dich aber ewig mit Därmen füttert, wird dir das ebensogut schmecken?«
»Jetzt ist natürlich die richtige Zeit zum Fleischessen,« sagt ein Vierter: »Wir mühen uns auf der Ziegelei furchtbar ab, und nach der Arbeit hat man ordentlich Hunger. Aber Därme – was ist das für ein Essen!«
»Und wenn es keine Därme gibt, so gibt es Lunge.«
»Ja, auch noch Lunge. Därme und Lunge, – das ist alles, was sie uns geben. Was ist das für ein Essen! Ist das gerecht?«
»Gewiß, die Kost ist schlecht.«
»Er füllt sich wohl die Tasche.«
»Das geht doch dich nichts an.«
»Wen geht es denn an? Es handelt sich doch um meinen Magen. Wenn wir alle gemeinsam eine Beschwerde vorbringen, so wird es schon helfen.«
»Eine Beschwerde?«
»Ja.«
»Man hat dich wohl wegen solcher Beschwerden wenig geprügelt, du Klotz!«
»Es stimmt,« wendet brummig ein anderer ein, der bisher geschwiegen hat; »das mit der Beschwerde ist schnell gemacht, führt aber zu nichts. Was wirst du denn bei der Beschwerde sagen, das überleg dir mal, du kluger Kopf!«
»Ich werde schon was sagen. Wenn alle hingehen, so spreche ich mit den andern. Ich meine die Armut. Der eine hat bei uns sein eigenes Essen, der andere aber nichts als Kommiß.«
»Du scheeläugiger Neidhammel! Wie dir die Augen nach fremdem Gut brennen!«
»Sei nicht neidisch, sondern sieh zu, daß du dir selbst was schaffst.«
»Jawohl, da kann man viel schaffen! Ich werde mit dir darüber streiten, bis ich grau werde. Du bist wohl reich, wenn du nicht mittun willst?«
»Reich ist der Gevatter: hat einen Hund und einen Kater.«
»Warum sollen wir es wirklich noch länger dulden, Brüder! Das heißt ja ihre Mißbräuche begünstigen. Sie schinden uns die Haut. Warum sollen wir uns nicht wehren?«
»Warum? Man muß dir wohl alles vorkauen und in den Mund legen: bist gewohnt, Vorgekautes zu fressen. Wir sind eben im Zuchthause, darum!«
»Wißt ihr, was dabei herauskommt? Gott bringt unter das Volk Uneinigkeit, damit die Vorgesetzten fett werden.«
»Das stimmt. Der Achtäugige ist zu dick geworden. Hat sich ein Paar Graue angeschafft.«
»Auch trinkt er gern über den Durst.«
»Neulich hat er sich mit dem Veterinär beim Kartenspiel geprügelt. Die ganze Nacht hatten sie gespielt. Der Unsrige hat zwei Stunden lang die Fäuste des Veterinärs kosten müssen, Fedjka hat es mir erzählt.«
»Darum kriegen wir auch Kohlsuppe mit Lunge.«
»Ach, ihr Dummköpfe! Unsere Stellung ist nicht so, daß wir uns eine Beschwerde erlauben dürften.«
»Wenn wir aber alle kommen, so wirst du schon sehen, wie er sich rechtfertigen wird. Darauf müssen wir bestehen.«
»Ja, rechtfertigen! Er haut dich einfach in die Fresse und geht wieder weg.«
»Außerdem kommt man vors Gericht...«
Mit einem Worte, alle waren in Aufregung. Um jene Zeit hatten wir tatsächlich schlechte Kost. Es kam überhaupt eines zum andern. Vor allem war es aber die trübe Stimmung, die ständige, heimliche Qual. Der Zuchthäusler ist schon von Natur streitsüchtig und aufrührerisch; aber es kommt doch selten vor, daß sich alle zusammen oder wenigstens in großer Menge auflehnen. Der Grund dafür ist die ewige Uneinigkeit. Dieses fühlte auch ein jeder von ihnen selbst: darum wurde bei uns auch mehr geschimpft als gehandelt. Diesmal blieb aber die allgemeine Aufregung nicht ohne Folgen. Man fing an, sich in kleinen Gruppen zu versammeln, in den Kasernen zu diskutieren, zu schimpfen und das ganze Regiment unseres Majors gehässig zu kritisieren; man erinnerte sich jeder Kleinigkeit. Einige regten sich ganz besonders auf. Bei jeder ähnlichen Gelegenheit treten immer Anstifter und Rädelsführer auf. Diejenigen, die in solchen Fällen, d.h. bei Beschwerden, die Führer spielen, sind überhaupt sehr merkwürdige Menschen, und zwar nicht im Zuchthaus allein, sondern in allen Genossenschaften, Kommandos usw. Das ist ein besonderer Typus, der überall gleich ist. Es sind hitzige Menschen, die nach Gerechtigkeit lechzen und auf die naivste und ehrlichste Weise von der Möglichkeit und sogar Unausbleiblichkeit derselben überzeugt sind. Diese Leute sind nicht dümmer als die andern, unter ihnen gibt es sogar sehr kluge, aber sie sind allzu hitzig, um schlau zu sein und die Folgen zu berechnen. Wenn in solchen Fällen zuweilen auch wirklich Menschen auftreten, die es verstehen, die große Masse geschickt zu lenken und das Spiel zu gewinnen, so stellen diese einen ganz anderen Typus von geborenen Volksführern dar, einen Typus, der bei uns äußerst selten vorkommt. Aber die Anstifter und Urheber von Beschwerden, von denen ich jetzt spreche, verlieren fast immer das Spiel und kommen dann deswegen in die Gefängnisse und Zuchthäuser. Sie verlieren das Spiel durch ihre Hitzigkeit, aber dieselbe Hitzigkeit ist der Grund ihres Einflusses auf die Masse. Man folgt ihnen gern. Ihr Feuer und ihre aufrichtige Empörung wirken auf alle, und zuletzt schließen sich ihnen selbst die Unentschlossensten an. Ihr blinder Glaube an den Erfolg verführt sogar die eingefleischtesten Skeptiker, obwohl er zuweilen so kindlich unsichere Grundlagen hat, daß man sich wundern muß, wie sie überhaupt jemand haben mitreißen können. Das wichtigste aber ist, daß sie allen vorangehen und nichts fürchten. Sie stürzen sich wie die Stiere mit gesenkten Hörnern vor, oft ohne jede Kenntnis des Sachverhalts, ohne jede Vorsicht, ohne den praktischen Jesuitismus, der oft sogar dem gemeinsten und schmutzigsten Menschen hilft, eine Sache zu gewinnen, sein Ziel zu erreichen und trocken aus dem Wasser herauszukommen. Diese aber zerbrechen sich immer die Hörner. Im normalen Leben sind sie gallig, empfindlich, reizbar und unduldsam; in den meisten Fällen furchtbar beschränkt, worin übrigens zum Teil ihre Stärke liegt. Das Ärgerlichste an ihnen aber ist, daß sie, statt gerade auf das Ziel loszusteuern, von diesem abschweifen und sich verzetteln. Das richtet sie eben zugrunde. Doch die große Masse versteht sie sehr gut, und darauf beruht ihre Gewalt... übrigens muß ich noch ein paar Worte darüber sagen, was eigentlich eine »Beschwerde« ist...