Georgs Sorggen um die Vergangenheit
- Автор: Faktor Jan
- Год: 2010
- Язык: немецкий
- Год: Kiepenheuer & Witsch
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «Georgs Sorggen um die Vergangenheit». Краткое содержание книги:
Unter dem Motto der ganzen Aktion» Das All ruft «ging es in der Bewegung aber trotzdem einigermaßen sozialistisch zu. Das allgemeine Fiebern hing natürlich eng mit dem aktuellen kaltkriegerischen Wettbewerb der politischen Systeme zusammen. Unsere fortschrittliche Gesellschaftsform sollte auch in der Zukunft die Nase vorn behalten — vor den frech aufstrebenden Amerikanern. Da Skopka zu den Gründungssöhnen der Bewegung gehörte, wurde er auf Anhieb Leiter des Netzwerks von Prag 6, also ein Koordinator der einzelnen Raumschiff-Besatzungen — der sogenannte» Gouverneur «unseres Stadtteils. Er kannte die Gründungsväter der Bewegung persönlich und saß in einem zentralen Gremium als Vertreter der Basis — in einer Art Buddelkasten-Politbüro. Außerdem war er ein wichtiger Ideenlieferant für die Treffs, Wettbewerbe und Bastelvorhaben. Er wirkte sogar bei einem Auftritt im Fernsehen mit. Skopkas sich eng um die Weltraumtechnologie rankende Zukunft schien gesichert zu sein. Und obwohl seine Zukunft ganz anders ausgefüllt zu sein schien als meine, glühte Skopka genauso vor Optimismus wie mein erotisiertes Ich.
Eine oppositionelle Bewegung ist aus der ekstatischen Zellteilung der Raumschiff-Besatzungen natürlich nie hervorgegangen, die Hysterie legte sich nach etwa zwei Jahren, und die Bewegung schlief irgendwann ein. Ihre Initiatoren — die Redakteure der Zeitschrift» ABC der jungen Techniker und Naturwissenschaftler«- wurden daher nie als politische Verbrecher belangt, mußten sich nie vor einem Strafgericht verantworten. Und auch Petr trafen keine disziplinarischen Maßnahmen. Er bekam dafür ganz andere Sorgen. Die Konflikte mit seinem Vater spitzten sich schon auf dem Höhenpunkt seiner Gouverneurskarriere dramatisch zu, und ausgerechnet in der Zeit des massenhaften Verglühens der Raumkapselbewegung wurde er beinah Opfer einer Gewalttat — genau gesagt eines väterlichen Wohnungseinbruchs.
Über den Ernährungsterror von Frau Skopkovä habe ich bucheingangs schon kurz berichtet, das außergewöhnliche Werden ihres Sohnes hatte aber noch andere häusliche Schattenseiten. Skopka litt dort nicht übermäßig, seine Beschäftigung mit technischen Dingen lenkte ihn zum Glück ab — und über sein Zuhause sprach er sowieso ungern. Er war extrem neugierig, ausdauernd und organisatorisch begabt, da er aber ein eher praktisch denkender Mensch war, plagte ihn in der Schule ausgerechnet meine geliebte Mathematik. Er wollte und konnte beispielsweise — noch als Weltraumaktivist! — nicht begreifen, warum eine Zahl größer wird, wenn man sie mit einer anderen Zahl zwischen NULL und EINS dividiert. Von solchen schwierig zu überwindenden Denkhürden hatte es in Skopkas Schulzeit sogar mehrere gegeben — und er brachte immer wieder schlechte Zensuren nach Hause. Daß er von seinem Vater regelmäßig geschlagen wurde, wußte ich lange nicht. Mir war nur aufgefallen, daß er sich beim Umziehen vor dem Sportunterricht oft sehr schamhaft verhielt.
Einmal begleitete ich ihn nach Hause, sein Vater war überraschenderweise schon da — und wollte die letzte, sicher endlich benotete Mathearbeit sehen. Petr murmelte, die hätten wir noch nicht zurückbekommen. Das war ein Fehler — dieses Täuschungsmanöver aus niederen Motiven machte alles nur noch schlimmer. Skopkas nicht geschlechtlich, sondern vor Mißtrauen erregter Vater durchwühlte daraufhin den im Flur liegenden Schulranzen, fand die Arbeit mit einer VIER MINUS — schlechter wäre nur noch die FÜNF — und befahl dem Sohn, die Hose herunterzulassen. Ich begriff erst einmal nicht, was die beiden vorhatten — und wäre in meiner solidarischen Ahnungslosigkeit sogar bereit gewesen, mich auch auszuziehen. So etwas wie Züchtigung gab es in meiner Welt nicht, Schläge auf schmerzende Körperteile vermutete ich im fernen neunzehnten Jahrhundert oder in der dritten Welt. Ich wurde aufgefordert, gut zuzusehen. Zum Schlagen wurde ein altes krummgewordenes Lineal aus dunklem Holz benutzt. Petrs Vater war gnadenlos, Petr selbst aber tapfer, tränte geräuschlos. Der Tag der Rache kam bald. Petr und ich standen einmal gegen Abend in der Nähe des barocken Tores, dem Zentrum unserer Gegend, und diskutierten, ob die Sowjets eine Chance hätten, als erste auf dem Mond zu landen. Der schwärmerische Petr war gerade dabei gewesen, so etwas wie den zukünftigen unbemannten Russentrampler» Lunochod «zu entwerfen, als wir im angrenzenden Park eine wankende Gestalt erblickten.
— Schnell weg, das ist mein Vater, sagte Skopka und rannte durch die tunnelartige Durchfahrt zur anderen Seite des Torhügels.
Wir kletterten an einer der schrägen Böschungen zwischen den Büschen nach oben, begegneten dabei niemandem. Auch auf dem oberen grasbewachsenen Plateau war kein Mensch. Die Situation war etwas ungewohnt. Hier trafen sich sonst die unterschiedlichsten Cliquen und Banden, Skopka gehörte nicht unbedingt hierher. Wir legten uns in die breite südliche Rinne oberhalb des Torbogensund beobachteten den betrunkenen Schläger, der auf dem Vorplatz herumstolperte und nah dran war, auf die Granitpflasterung zu stürzen. Vater Skopka lief an unserer Beobachtungsstelle schließlich vorbei — etwa acht Meter unter uns — , bog dann um die Ecke und setzte seine beschwerliche Wanderung an der Flanke des Tores fort. Vielleicht wollte er eine oder sogar noch mehrere Runden drehen — nach Hause hätte er sonst geradeaus gehen müssen. Eventuell wollte er auf diese Weise Zeit gewinnen und etwas ausnüchtern. Von oben hatten wir die ganze Gegend gut im Blick, ohne dabei gesehen zu werden — und wir konnten sogar bei Positionswechseln in Deckung bleiben. Da der Säufer den angrenzenden Bürgersteig nicht verlassen und die erste sanfte Kurve genommen hatte, konnte man davon ausgehen, daß er demnächst tatsächlich zu der vermuteten längeren Umrundung ansetzen würde. An der Nordseite des Tores befanden sich — und befinden sich bis heute — links und rechts noch die ursprünglichen Verteidigungsgräben. Der Normalbürger muß hier den Umweg in Kauf nehmen — es sei denn, er will entlang eines der schmalen Trampelpfade in die Büsche pissen gehen. Skopkas Vater lief inzwischen um den linken Graben herum, wir hatten Zeit. Etwa nach der Hälfte seiner vermeintlichen Runde blieb er stehen und betrachtete den Himmel, an dem nichts zu sehen war. Dann setzte er seine Wanderung fort, und es war nun so gut wie sicher, daß er an der gegenüberliegenden Toreinfahrt bald wieder vorbeigehen würde. Petr entsicherte seine Hose, sie rutschte ihm dabei leicht nach unten. Auf dem Ansatz seines Hinterns sah ich frische Striemen. Wir standen oberhalb der Einfahrt, nah der Torbogenkante. Nur hier führt der Bürgersteig direkt an der Wand entlang. Unsere Vorräte an Knallgranaten waren längst verbraucht, wir warteten eine ganze Weile, es dämmerte. Ich war inzwischen auch pißbereit — und als die unregelmäßigen Schritte senkrecht unter uns zu hören waren, ließen wirsynchron los. Da wir uns verborgen halten mußten und nicht unmittelbar an der Kante stehen konnten, sahen wir nicht, ob wir den Läufer tatsächlich getroffen hatten. Petr hatte aber ein feines Gehör und meinte, das Plätschern hätte kurzzeitig etwas gedämpft geklungen.