Die Zypressen von Cordoba
- Автор: Guiladi Yael
- Год: 2004
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Die Zypressen von Cordoba». Краткое содержание книги:
»Nun gut. Ich befehle Euch, den Theriak mir, meiner Familie und allen im Palastbezirk zu verabreichen.«
»Das liegt nicht in meiner Macht. Die Seltenheit einiger Zutaten dieses Gegengifts macht es mir unmöglich, eine so große Menge in der Kürze der Zeit herzustellen. Im Augenblick ist für Euch und Eure engste Familie ausreichend Theriak vorhanden. Bis morgen ist dann der Theriak aus vier Zutaten, ebenfalls ein Gegenmittel von beträchtlicher Stärke, für alle anderen Mitglieder des Hofes fertig.«
»Für mich und meine Familie!« höhnte der Kalif. »Macht Euch nicht lustig über mich. Außer meiner Mutter zähle ich zu meiner Familie noch eine ganze Schar köstlicher junger Geschöpfe wie diese hinreißenden Zwillinge hier, denen ich allen zutiefst verbunden bin.« Während er seine Stimme zu einem Flüstern senkte, hob er eine Hand, um die knospenden nackten Brüste des jungen Mädchens zu liebkosen, und beugte sich dann herab, um die glatte, helle Stirn ihres Zwillingsbruders zu küssen. »Wenn sie mir geraubt werden, verliert mein Leben jeglichen Reiz. Ich befehle Euch, sicherzustellen, daß der Große Theriak allen, die mir lieb und wert sind, verabreicht wird.«
In diesem wichtigen Augenblick in Hais Leben tauchte wie eine Fackel, die ihn leiten sollte, ein tief verwurzelter Instinkt auf, ein kostbares Erbe seines Vaters, wie er später glauben würde.
»Die Korbflasche, die ich aus der Palastapotheke in Córdoba mitgebracht habe, enthält den gesamten Vorrat an Großem Theriak, der im Augenblick vorhanden ist. Die Menge für eine Person entspricht der Größe einer Nuß. Ich überlasse es Euch, o Herrscher der Gläubigen, erhabener Herr unseres ruhmreichen Kalifates, in Eurer großen Weisheit zu entscheiden, wer dieses Mittel erhalten soll.«
Hai stellte die kostbare Flasche auf den goldenen Tisch neben dem Kalifen ab, erhob sich und bat um die Erlaubnis, sich zurückziehen zu dürfen. Er mußte fort sein, ehe der armselige Hisham begriff, welche Verantwortung nun auf ihm lastete.
35
Die Landschaft zwischen der Stadtmauer und den nördlichen Bergen glich einem trunkenen Ameisenhaufen, als sich Hai Córdoba näherte. Kolonnen von verzweifelten Menschen, denen das Gerücht von der Seuche zu Ohren gekommen war, ehe man die Stadttore verschloß, rannten hin und her auf der Suche nach einer Unterkunft außerhalb der Stadt für die Zeit, bis die Gefahr der Ansteckung vorüber war. Zu ihnen gesellten sich noch die Menschenscharen, die täglich in die Stadt drängten, um dort ihre Geschäfte abzuwickeln: An diesem Morgen hatten sie die großen Tore verschlossen und verriegelt vorgefunden. Während Hai das Bild betrachtete, das sich ihm bot, tobten in ihm widerstreitende Gefühle. Einerseits war er erleichtert, daß man rechtzeitig die notwendigen Maßnahmen ergriffen hatte, daß also die Paläste wahrscheinlich von Ansteckung verschont bleiben würden. Andererseits war er zutiefst enttäuscht, daß man ihm den Zutritt zur Stadt verwehrte und er also seinen Kollegen im Hospital nicht zur Seite stehen konnte, wenn sie die Leiden der Pestopfer zu lindern versuchten.
Er hielt sich nicht lange in seinem kleinen Landhaus auf. Nachdem er sich versichert hatte, daß Sari wohlauf war, nahm er die Menge Großen Theriak, die Dalitha bereitet hatte, füllte, einem plötzlichen Impuls folgend, ein wenig aus der Korbflasche ab und galoppierte dann zur Medina Azahira, um dort Abd al-Malik, dem ältesten Sohn des Regenten, das Gegenmittel auszuhändigen. Wie auch beim Kalifen überließ er dem Erben al-Mansurs selbst die Wahl, wem das Mittel verabreicht werden sollte. Es war früher Abend, als er endlich nach Hause zurückkehrte. Mit Dalithas Hilfe bereitete er den Theriak aus vier Zutaten, und nachdem er noch einmal nach Sari geschaut hatte, legte er sich erschöpft zu Bett und fiel augenblicklich in einen tiefen, traumlosen Schlaf.
Einige Stunden später rüttelte ihn Dalitha wach. »Ich glaube, es ist jemand an der Tür«, sagte sie.
Sofort war Hai munter und lauschte aufmerksam. Kein Zweifeclass="underline" in der Stille der Nacht war deutlich ein schwaches, unregelmäßiges Klopfen zu vernehmen. Hai rannte zur Tür, und als er sie öffnete, fiel ein benommener, fiebernder alter Mann ihm wie betrunken in die Arme. Hai legte ihn auf den Diwan in seinem Arbeitszimmer, leuchtete ihm mit einer Kerze ins Gesicht und erkannte Yahya, den Diener aus dem Haus der Familie in Córdoba. Er hielt dem alten Mann eine Tasse Wasser an die zitternden Lippen und untersuchte dann seine Leisten und Achselhöhlen nach den gefürchteten Pestbeulen. Bisher waren noch keine zu sehen. Es gab noch eine Chance … Ohne auch nur eine Sekunde zu zögern, eilte er ins Apothekenzimmer, auf dessen weiße Wände der Mond verzerrte Schatten der runden Tiegel und langhalsigen Flaschen zeichnete. Mit ruhiger Hand maß er eine Dosis von dem Großen Theriak ab, den er aus der Flasche für al-Mansurs Sohn abgefüllt hatte, kehrte ins Arbeitszimmer zurück und flößte dem fröstelnden alten Mann das Gegenmittel zusammen mit einem Becher Wein ein.
»Versuche, den Trank bei dir zu behalten«, drängte ihn Hai sanft. »Versuche, ihn bei dir zu behalten.« Wie durch ein Wunder erbrach sich Yahya nicht. Hai wachte den Rest der Nacht neben ihm, befeuchtete ihm die trockenen, aufgesprungenen Lippen mit einem nassen Baumwolltupfer, kühlte ihm die heiße Stirn, murmelte ermutigende Worte, überzeugt, daß der Alte überleben würde. Im Morgengrauen gab er Yahya, ehe er mit dem Gegenmittel aus vier Zutaten in die Paläste ritt, noch eine Dosis vom Großen Theriak und wie zuvor Schluck für Schluck einen Becher Wein. Obwohl der Mann noch im Fieberwahn war, verschlechterte sich sein Zustand nicht. Drei Tage und Nächte wiederholte Hai diese Behandlung, ehe das Fieber allmählich nachließ. Am vierten Tag war Yahya zwar ruhig und schwach, konnte aber doch sprechen.
Auf Hais Frage, wie er das kleine Landhaus erreicht hatte, antwortete er, als er vom Markt heimgekehrt sei und Sari nicht mehr vorgefunden habe, sei er wie die anderen, die von der Seuche gehört hatten, aus der Stadt fortgegangen. Erst im Laufe des Tages hatte er gespürt, wie das Fieber einsetzte. Sicher, daß er in Hais Haus Hilfe finden würde, hatte er seine letzten Kräfte aufgeboten, um hierherzugelangen. »Gott sei gepriesen, junger Herr, Ihr habt mir das Leben gerettet«, murmelte er unter Tränen und umklammerte voller Dankbarkeit Hais Hände.
Während der drei kritischen Tage von Yahyas Erkrankung hatte Hai seine Mutter genau im Auge behalten, aber als sich keine Anzeichen eines einsetzenden Fiebers zeigten und es Yahya besser ging, war er weniger wachsam und begann Schlüsse aus dem zu ziehen, was er beobachtet hatte. Es stimmte, Yahya war immer schon für sein ungewöhnliches Durchhaltevermögen bekannt gewesen, aber daß er in seinem hohen Alter die Pest überlebt hatte, grenzte an ein Wunder. Gleichermaßen wundersam war es, daß Sari, die Gerichte gegessen hatte, die ihr der Diener zubereitet hatte, sich diese Krankheit gar nicht erst zugezogen hatte. Man konnte all das natürlich dem Zufall zuschreiben. Bei jeder Epidemie gab es Überlebende. Warum sollten Sari und Yahya nicht zu ihnen gehören? Aber das glaubte Hai nicht. Zum anderen war noch nicht bewiesen, daß der Große Theriak eine wirksame Waffe gegen die Pest darstellte, denn bisher war nur Yahya anscheinend durch das Mittel geheilt worden, und bei Sari hatte es offenbar erfolgreich seine vorbeugende Wirkung gezeigt. Die Lage war ähnlich wie bei Ralambos Extrakt.
Die Seuche war von begrenztem Ausmaß. Sie klang recht schnell ab, und aus den beiden königlichen Palästen wurde kein einziger Todesfall gemeldet. Auch hier war es unmöglich festzustellen, ob die Rettung der Isolation oder der vorbeugenden Wirkung des Großen Theriak zu verdanken war. Manche schrieben ihr Überleben dem einen zu, manche dem anderen. Manche dankten Allah und beriefen sich auf das Schicksal, das ihnen bestimmt war, andere schworen auf eine Mischung aus Göttlichem und Menschlichem. Doch was sie auch glaubten, beinahe alle zollten Hai Dank, ihnen das Leben gerettet zu haben.