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Die Zypressen von Cordoba

Электронная книга - «Die Zypressen von Cordoba». Краткое содержание книги:

Spanien im 10. Jahrhundert: Am Hof von Córdoba herrschen die Mauren. Der Kalif Abd ar-Rahman III. spürt, daß er von seinen Leibärzten verraten wird. Nur Da'ud ibn Yatom, dem Sohn des Vorstehers der jüdischen Gemeinde, vertraut er. Ihn beauftragt er, den großen Theriak wieder zu entdecken, ein Mittel, mit dem sich der Herrscher vor Schlangenbissen schützen will, vor denen er panische Angst hat. Falls Da'ud dies gelingt, wird er mit Gold überschüttet, falls nicht, droht der Kalif Da'ud und seine Familie auszulöschen …
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Die Wache, die draußen vor der Tür wartete, während die Anführer der Abordnung in Hais schlichtes Heim eintraten, wirkte bedrohlich. Die Abgeordneten waren in so dringender Mission erschienen, daß sie die höflichen Gesprächsfloskeln auf ein Mindestmaß beschränkten und sofort zum Grund ihres Besuchs kamen.

»Unser erhabener Kalif, Hisham, der Herrscher der Gläubigen, und sein getreuer Diener al-Mansur befehlen Euch, Eure medizinischen Fertigkeiten in den ausschließlichen Dienst des Hofes zu stellen. In Sevilla hat man einen Ausbruch der Pestilenz festgestellt, die anscheinend aus den nordafrikanischen Gebieten eingeschleppt wurde. Es könnten schon Überträger innerhalb unserer Mauern sein. Unser großer und mächtiger Herrscher ist nicht mehr gewillt, Eure störrische Weigerung hinzunehmen, ihm zu dienen. Als sein getreuer Untertan und als der gelehrteste und berühmteste Arzt in ganz al-Andalus ist es Eure heilige Pflicht, Euch am Hofe einzufinden.«

An welchem Hof? fragte sich Hai angstvoll. Wie sollte er, ein einzelner, schutzloser Jude in einem Königreich, in dem die Macht so offensichtlich geteilt war, sich unbeschadet aus den Fangarmen dieses zweiköpfigen Ungeheuers befreien? Sein Vater wäre vielleicht schlau genug gewesen und hätte sich zwischen den beiden einen Weg suchen können. Er selbst war es nicht.

»Wo residiert unser ruhmreicher Herrscher im Augenblick?« fragte er den in starrer Haltung dastehenden Sprecher der Abordnung.

»In der Medina Azahara.«

»Und sein Großkämmerer al-Mansur?«

»Er ist auf dem Rückweg von einem triumphalen Feldzug gegen die Grafschaft Barcelona. Wir haben Sendboten ausgeschickt und ihm dringend angeraten, seine Rückkehr zu verschieben, bis die Gefahr gebannt ist.«

»Das Glück war den Großen und Mächtigen dieses Reiches hold«, murmelte Hai feierlich. Seine Erleichterung war grenzenlos. Im Augenblick waren beide Männer in Sicherheit, da sie sich fern von den wimmelnden Menschenmassen der Stadt aufhielten, unter denen sich die Ansteckung ausbreiten konnte wie ein Lauffeuer im trockenen Farn. Da nur der Kalif sich in unmittelbarer Nähe Córdobas befand, war sein Dilemma nicht so groß.

»Ich reite unverzüglich zur Medina Azahara hinaus, um sicherzustellen, daß alle uns möglichen Maßnahmen ergriffen werden, um den Kalifen zu schützen und um zu verhindern, daß die Pestilenz in den königlichen Palast vordringt. Danach werde ich sofort ähnliche Maßnahmen auch in der Medina Azahira treffen. Es ist unbedingt erforderlich, daß beide Palastbezirke von jeglichem Kontakt mit der Stadt abgeschnitten sind.«

»Das ist möglich«, erwiderte einer der Würdenträger nach kurzer Überlegung. »In beiden Palästen sind für den Notfall stets großzügige Vorräte an Lebensmitteln und Wasser eingelagert.«

»Alles Wasser, in der Stadt und außerhalb, muß vor dem Trinken abgekocht werden«, unterwies sie Hai. »Doch bitte entschuldigt mich jetzt, meine Herren. Ich muß eiligst zum Palast des Kalifen. Wir haben keinen Augenblick zu verlieren.«

Die Würdenträger starrten einander an, waren über diese unhöfliche Verabschiedung verblüfft, schrieben sie aber dem Ernst der Lage zu, geruhten also, sie zu ignorieren, und wandten sich zum Gehen.

Nicht der Ernst der Lage hatte Hai bewogen, sie so zu brüskieren. Er mußte dringend seine Gedanken ordnen. Gegen die Pestilenz hatte sich bisher noch kein Heilmittel als wirksam erwiesen. Ralambos Extrakt? Höchst unwahrscheinlich. Wenn die Vorväter der Antike, die viele Eigenschaften der Aloe kannten, sie nie als Heilmittel gegen die Pestilenz genannt hatten, dann hatte sie sich wahrscheinlich als wirkungslos erwiesen, um so mehr, als ihre abführende Wirkung zusätzlich dagegen sprach. Hier wurde keine Steigerung der Vitalität gebraucht, sondern etwas anderes, etwas, das als Gegenmittel gegen die von der Pestilenz hervorgerufene Vergiftung des Blutes wirken würde. Während er in seinen Truhen nach einem frischen dunklen Gewand wühlte, hielt er plötzlich wie gebannt inne. Die Worte, die ihm sein Vater auf dem Totenbett gesagt hatte, schossen ihm durch den Kopf: »… habe ich ihm, hauptsächlich einem Impuls folgend, geraten, stets eine kleine Menge zur Vorbeugung einzunehmen … Diese vorbeugende Wirkung ist nicht eindeutig bewiesen, trotzdem bin ich nach wie vor davon überzeugt … Mache damit, was du willst.«

Was war denn die Pest, wenn nicht die Ausbreitung einer giftigen Substanz im ganzen Körper? Und was war der Große Theriak, wenn nicht das stärkste Gegengift, das der Menschheit bekannt war? Daß seine Wirksamkeit gegen die Pest nirgends vermerkt und nicht mit all dem anderen Wissen der Antike überliefert war, hatte vielleicht damit zu tun, daß einige Zutaten sehr selten, andere schwer zu bekommen und wieder andere unerschwinglich teuer waren. Damals wie heute wäre es unmöglich, ein solches Gegengift der gesamten Bevölkerung eines Gebietes zur Verfügung zu stellen, in dem die Pest tobte. Einer kleinen, isolierten Gruppe von Menschen konnte man es jedoch verabreichen. Wie schon sein Vater gesagt hatte, schaden konnte es jedenfalls nicht.

Hai griff das erste Gewand, das ihm in die Hände fiel, schlüpfte hinein und knöpfte es hastig zu, während er schon in sein Apothekenzimmer eilte, wo er Medikamente, Kräuter, Gewürze und heilende Mineralien aufbewahrte. Mit einem raschen Blick auf die wohlgeordneten Tiegel und Töpfe auf den Brettern, die alle sorgfältig beschriftet waren, berechnete er, daß er – zusammen mit dem Vorrat an Großem Theriak, der ständig im Palast aufbewahrt wurde – eine Menge zubereiten könnte, die gerade eben für den engsten Familienkreis der beiden Herrscher des Kalifates ausreichen würde – und für seine eigene. Was nun aber mit den königlichen Harems, den Wesiren, den Hauptleuten der Armee? Er hatte keine andere Wahl, als für sie aus den vier Zutaten Myrrhe, Lorbeersamen, Osterluzei und gelbem Enzian, von denen er ausreichende Vorräte besaß, einen anderen Theriak anzusetzen. Diese vier mit geläutertem Honig zu einer Latwerge vermengt, stellten das erste Mittel dar, das die Ärzte der Antike gegen jegliche Art von Gift gemischt hatten. Seinen kleinen Vorrat an Bezoar würde er für unvorhergesehene Notfälle zurückbehalten. Mehr konnte er nicht tun.

Aber sollte er es machen? Indem er die Hoffnung erweckte, daß man sich gegen die gefürchtete Pestilenz schützen konnte, würde er sich wieder einmal eine Falle stellen, genau wie damals mit Ralambos Extrakt. Wenn er Erfolg hatte, würde sein Ruhm nah und fern erschallen. Wenn nicht, dann wären die Folgen nicht absehbar. Er hatte keine Zeit zum Zögern. Er mußte sich entscheiden. Es gab jedoch nur eine Entscheidung, die er, Hai ibn Yatom, treffen konnte. Seine Mission, sein überwältigender Wunsch, die Krankheiten zu besiegen, die die Menschheit heimsuchten, trieb ihn unermüdlich immer weiter, zwang ihn, es immer und immer wieder zu versuchen … Geduldig würde er den Hohen und Mächtigen erklären, den Männern der Macht, die er immer gemieden hatte, daß die Möglichkeit des Schutzes gering sein mochte, daß sie aber immer noch besser war als gar kein Schutz.

Dalitha kam zu ihm geeilt, und ihr bleiches Gesicht verriet ihre Sorge um ihn. »Was hat das zu bedeuten, daß eine so bedrohliche Delegation zu dieser ungewöhnlichen Stunde hier erschienen ist?« fragte sie, und ihre Stimme überschlug sich vor Angst. Während er die zweiundvierzig Zutaten des Großen Theriak abwog und abmaß, erklärte ihr Hai rasch den Grund, erwähnte aber nicht, daß die Krankheit zunächst in Sevilla ausgebrochen war, damit sie sich nicht noch zusätzlich Sorgen um Amira und ihre Familie machte. Dann vertraute er ihr die letzten Handreichungen in der Zubereitung des kostbaren Gegengiftes an.

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