Die Zypressen von Cordoba
- Автор: Guiladi Yael
- Год: 2004
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Die Zypressen von Cordoba». Краткое содержание книги:
»Ich danke Euch, Herzogin. Wir wollen unverzüglich beginnen. Ihr nehmt zunächst eine sehr kleine Menge des Aloe-Extraktes. Wenn ihr keine üblen Nebenwirkungen verspürt, werden wir die Dosis erhöhen, um Euch soweit zu stärken, daß Ihr die Operation aushalten könnt, die Abu'l Kasim durchführen wird, um den Knoten aus Eurer Brust zu entfernen. Danach werden wir Euren Zustand wieder überprüfen und entscheiden, wie die weitere Behandlung aussehen soll.«
Als die beiden Frauen sich zum Gehen anschickten, war Hai zu sehr mit dem ernsten Gesundheitszustand der Herzogin beschäftigt, als daß er darauf geachtet hätte, ob die Prinzessin nun besänftigt war oder nicht.
Die Wirkung des Extraktes auf die Herzogin übertraf Hais Erwartungen. Mit erstaunlicher Geschwindigkeit kam sie wieder zu Kräften, ihr Appetit kehrte zurück, und ihre Gesichtsfarbe war nicht mehr ganz so aschgrau. Nur die Rückenschmerzen blieben. Dafür verschrieb ihr Hai einen Trank, der genügend Opium enthielt, um die Schmerzen zu lindern und ihr Schlaf zu schenken. Sie war, wie er schon bald feststellte, eine Frau von grimmiger Entschlossenheit und einem eisernen Willen. Immer wenn er sie besuchte, hielt sie sich unter seinem musternden Blick stolz und aufrecht, versäumte es nicht, sich erst freundlich nach ihm zu erkundigen, ehe sie von sich sprach. Sie beklagte sich selten, und zu keiner Zeit gestattete sie es sich, niedergeschlagen zu sein oder die Hoffnung zu verlieren. Sie war fest entschlossen, alles Menschenmögliche zu tun, um ihre Gesundheit wiederzuerlangen, unterzog sich ohne Zögern der Operation durch Abu'l Kasim und überraschte sowohl den Chirurgen als auch Hai damit, wie schnell sie sich von dem Eingriff erholte. Der ständige Schmerz in Oberbauch und Rücken verging jedoch nicht.
Hai besuchte die Herzogin jeden Abend, betrat den alten Palast in Córdoba diskret durch eine kleine Seitentür, die direkt in die Apotheke führte. Seine Anwesenheit dort überraschte niemanden, denn er kam, genau wie zu Zeiten des Kalifs al-Hakam, regelmäßig, um die Vorräte an Großem Theriak zu überprüfen. Seine Patientin nahm den Extrakt regelmäßig ein, und er verabreichte ihr nach wie vor Opiat, wenn es nötig war, um ihre Schmerzen zu lindern und ihr einen ruhigen Nachtschlaf zu sichern. Wenn sie ausgeruht war, schien sie erstaunlich wohlauf zu sein. Sie aß mit großem Appetit, und allmählich rundeten sich ihre hohlen Wangen wieder, und auch ihr Körper wirkte weniger ausgezehrt. Es schien wahrhaftig ein Wunder zu sein.
Sabinas Augen leuchteten jedesmal auf, wenn Hai ihr Zimmer betrat. Ihren Retter nannte sie ihn, konnte nicht genug Worte finden, um ihm zu danken und ihn zu preisen. Wenn er sich nach den Schmerzen erkundigte, wischte sie diese Frage mit einer Handbewegung beiseite.
»Nichts, was ich nicht ertragen könnte«, antwortete sie dann und spielte ihre Beschwerden herunter, um sich selbst und alle Menschen in ihrer Umgebung davon zu überzeugen, daß ihr beinahe nichts fehlte. Hais Gewissen warnte ihn, er müsse ihren Optimismus dämpfen. Es war noch viel zu früh, um von einer vollständigen Heilung zu sprechen. Die Geschwulst, die Abu'l Kasim herausgeschnitten hatte, war schon weit in ihr Fleisch eingedrungen, und der ständige Schmerz, den sie verspürte, konnte sehr wohl darauf hinweisen, daß bereits andere Organe befallen waren, die zu entfernen zu gefährlich wäre. Aber seine tiefe Sympathie für diese unerschrockene Frau hielt ihn zurück, genau wie sein Mitgefühl ihn auch daran gehindert hatte, Stella und der Base von Abu'l Kasim das volle Ausmaß der Gefahr zu enthüllen, in der sie geschwebt hatten. Wenn er durch seine Bemühungen für die Patienten nur einen Aufschub erwirkte, ihnen die Möglichkeit schenkte, jeden Augenblick voll auszukosten, ohne daß eine ständige, unaussprechliche Furcht ihnen jeden Atemzug, jede Geste überschattete. Es würde später noch Zeit genug für Leiden und Schrecken sein …
Eines Tages gegen Mittag überwachte er gerade das Eindicken des Aloesaftes, da erspähte er eine Gruppe von Reitern, die von Córdoba auf sein Haus zu kamen. Als sie sich näherten, konnte er in der Mitte zwei Frauengestalten ausmachen, die von einer Schar von Wachen und unzähligen Dienern umgeben waren. Er eilte ins Haus, um sich zu waschen und frische Kleidung anzulegen, gebot einem Diener, Erfrischungen für die edlen Damen zu bereiten, die zu Besuch kamen, und trat dann auf die Schwelle seines bescheidenen Zuhauses, als sie vom Pferd stiegen.
»Ich komme, um mich von Euch zu verabschieden. Ich breche morgen früh nach Bilbao auf«, verkündete Herzogin Sabina, während sie ihn mit festen Schritten ins Haus begleitete.
Sie nahm sich reichlich von dem frischen Obst, dem Wein, den Nüssen und Süßigkeiten, die man ihr vorgesetzt hatte, ehe Hai vorsichtig fragte: »Fühlt Ihr Euch der Reise gewachsen?«
»Dank Eurer Hilfe fühle ich mich so wohl wie seit vielen Monaten nicht mehr.«
»Und doch, geehrte Herzogin, wäre es vorzuziehen, daß Ihr noch ein wenig länger hier bliebet, damit ich Euren Fortschritt beobachten kann.«
»Mein Wohlbefinden ist mir Fortschritt genug.«
Hai warf der Prinzessin einen flehenden Blick zu, in der Hoffnung, sie könnte ihm helfen, ihre Tante zu überzeugen, aber Subh wahrte ehernes Schweigen. Sie hätte auch nicht viel erreicht. Hai kannte seine Patientin gut genug, um zu wissen, daß nichts und niemand sie, wenn sie sich einmal zu etwas entschlossen hatte, davon abbringen konnte. Nicht einmal der Versuch schien angebracht.
»Wie Ihr wünscht, liebe Dame. Wenn es Euer Wille ist, in Euer Zuhause und zu Eurer Familie zurückzukehren, dann darf ich Euch nicht länger zurückhalten. Ich werde Euch eine ausreichende Menge Extrakt mitgeben, die Euch etwa zwei Monate genügen sollte. Rechtzeitig, bevor alles aufgebraucht ist, schickt Ihr mir zwei verläßliche Sendboten, denen ich einen Vorrat für zwei weitere Monate anvertrauen werde. So wie ich Euch kennengelernt habe, hege ich keinerlei Zweifel, daß Ihr das Pulver täglich nach meinen Anweisungen einnehmt.«
»Wie lange?«
»Euer Leben lang.«
»Mein Leben lang?« wiederholte die Herzogin entsetzt.
»Ich fürchte, ja.«
»Aber wenn ich reise oder aus irgendeinem Grund der Nachschub unterbrochen ist?«
»Ihr werdet gezwungen sein, Eure Reisen auf eine angemessene Entfernung von Córdoba zu beschränken. Ich meinerseits garantiere Euch, daß für Eure Kuriere immer ein großzügiger Vorrat an Extrakt bereitliegt. Wenn Euer Rückenschmerz stärker wird, so bittet Euren Arzt, Euch einen Trank nach diesem Rezept zuzubereiten.«
Rasch schrieb Hai eine Liste der Zutaten auf ein kleines Stück Papier, das er faltete, versiegelte und ihr reichte. »Sollte sich eine ungute Entwicklung ergeben, so laßt es mich wissen, und ich komme persönlich nach Bilbao und behandle Euch.«
Kurz darauf verabschiedeten sich die beiden Damen, hinterließen auf dem Diwan, auf dem sie gesessen hatten, einen Samtbeutel, der großzügig mit Golddinaren angefüllt war.
Wie vereinbart, trafen regelmäßig alle zwei Monate Sendboten aus dem Baskenland in Hais kleinem Landhaus ein – einmal, zweimal, ein drittes Mal. Hais Augen leuchteten voller Zufriedenheit auf, wenn er die staubbedeckten Gestalten sah, die sich auf der Straße von Norden näherten, denn ihre Ankunft bedeutete, daß es der Herzogin gut ging. Um ihn zu beruhigen, schickte sie immer noch eine Botschaft mit. Einmal schrieb sie von dem ungeheuren Vergnügen, das ihr die gemächlichen Ausritte am Fluß entlang bescherten, ein anderes Mal von den köstlichen unschuldigen Stunden, die sie im Kreise ihrer Enkel verbrachte. Hier schilderte sie ihm die purpurnen Sonnenuntergänge, die das Flußdelta auflodern ließen, dort den süßen, reinen Gesang der Vögel, der am Abend ihre Ohren erfreute. Wie gierig sie jeden Augenblick, jede Seite ihres Lebens genoß! Hai lächelte, wenn er ihre Zeilen las.
Als die Boten jedoch das vierte Mal hätten erscheinen müssen, blieben sie aus. Hai wartete eine Woche, dann noch eine, und von Tag zu Tag wuchs seine Sorge. Als er nach zwei Wochen noch immer kein Lebenszeichen hatte, beschloß er, den Extrakt persönlich nach Bilbao zu bringen, um sicherzustellen, daß der Vorrat der Herzogin nicht zur Neige ging. Während der ganzen Anreise plagten ihn düstere Vorahnungen. Warum waren die Sendboten nicht gekommen? Waren sie von Wegelagerern überfallen worden? Oder hatte die Herzogin das Vertrauen in seine Behandlung verloren? Wahrscheinlich hatte sie einen Rückfall erlitten und war zu krank, um die Boten auszusenden. Es war sogar möglich, daß sie gestorben war und niemand sich die Mühe gemacht hatte, ihn zu benachrichtigen. Was ihn bei seiner Ankunft in dem schmucklosen Steinpalast erwartete, war eine tragische Kombination seiner schlimmsten Befürchtungen.