Die Zypressen von Cordoba
- Автор: Guiladi Yael
- Год: 2004
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Die Zypressen von Cordoba». Краткое содержание книги:
Als die Kinder heranwuchsen, nahm auch die Verblüffung ihrer Eltern über ihre gegensätzlichen Persönlichkeiten zu. Während Natan die Empfindsamkeit und Sanftheit seines Vaters geerbt zu haben schien, war Amram seinen Eltern so wenig ähnlich, daß sie manchmal kaum ihren Sohn in ihm erkannten. Kurz nach Natans Geburt entwickelte Amram eine Aggressivität, die die friedliche Atmosphäre im Haus empfindlich störte. Stundenlang zog er sich zurück, war völlig vertieft in die Schlachten, die er zwischen gegnerischen Armeen aus Zinnsoldaten austrug, und die markerschütternden Schreie, mit denen er die Angriffe begleitete, hallten durch das Haus und beunruhigten Hais wartende Patienten zutiefst. Natan, den die grellbunten kleinen Figuren faszinierten, näherte sich schüchtern seinem älteren Bruder und wollte gern beim Kriegsspiel mitmachen, doch der schubste ihn nur unsanft weg, schloß ihn von den triumphalen Siegen seiner aufregenden Feldzüge aus. Niedergeschlagen tippelte Natan dann zur Mutter und kuschelte sich an ihre Knie, um seinen Kummer zu verbergen. Dalithas Herz war voller Mitleid für ihn, und sie unterbrach ihre hebräische Übersetzung von Abu'l Kasims neuestem Aufsatz und nahm den Kleinen auf den Schoß, um ihn zu trösten.
Obwohl Amram sich, wie seine Vorwitzigkeit als kleines Kind hatte vermuten lassen, zu einem hervorragenden Schüler entwickelte, zeigte er wenig Eignung für die Medizin, wie es sein Vater gewünscht hätte. Der rastlose junge Mann verschwand immer öfter aus dem Elternhaus vor der Stadt, oft länger, als Hai für angebracht hielt. Wenn er ihn dann fragte, wo er gewesen sei, erklärte er, er habe bei muslimischen Freunden in Córdoba Arabisch gelernt. Aber das stimmte nur zum Teil. Die meiste Zeit verbrachte er damit, durch die Straßen und Märkte der vor Menschen wimmelnden Stadt zu streifen und aufmerksam allen Gesprächen zu lauschen, die um ihn herum brandeten.
Wenn er von seinen Streifzügen durch die Stadt zurückkehrte, wurden die Gespräche mit seinem Vater in einem Ton geführt, den man zuvor innerhalb der ruhigen Mauern des Hauses nie vernommen hatte. Warum, wollte Amram wissen, hatte sein Vater in voller Absicht dem Hof den Rücken gekehrt, wo dort doch die Quelle aller wirklichen Macht lag? Und wenn er sich schon entschlossen hatte, der Macht und dem Einfluß zu entsagen, warum waren ihm dann auch weltliche Güter gleichgültig, die einzige andere Art der Macht, die als Verteidigung und Schutz dienen konnte? Warum weigerte er sich, von den meisten Patienten jegliche Form der Bezahlung anzunehmen, und akzeptierte selbst von denen, die es sich leisten konnten, nur symbolische Honorare?
Ruhig und geduldig erklärte Hai seinem rebellischen Sohn, er habe genug Leid gesehen, um den trügerischen Wert weltlicher Güter zu kennen. Im Angesicht der Krankheit sind alle Menschen gleich, sagte er, und ihr Vermögen ist ihnen weder von Nutzen, noch tröstet es sie. Er hätte kein Recht, aus ihrem Leid Vorteil zu schlagen. Zu sehen, wie seine Patienten von ihrem Krankenbett aufstanden und wieder ein normales Leben aufnahmen, das war ihm mehr wert als ein Dutzend Truhen voller Gold.
Und wo blieb bei all dem seine Mutter? war Amram oft zu fragen versucht. Mit den Jahren hatte er beobachtet, daß sein Vater so sehr in seine Beobachtungen und Forschungen vertieft war, daß er ihre Gegenwart beinahe vergaß. Dalitha bewunderte ihren Mann wie eh und je und äußerte nie ein Wort des Protests. Sie verlor sich einfach in ihren Übersetzungen. Doch seine Vernachlässigung ließ ihre Augen immer trauriger werden und ihre Erscheinung vor der Zeit altern. Nicht einmal Amram wagte es jedoch, in diesen heiklen Bereich einzudringen, genausowenig wie Hai es gewagt hatte, die intimsten Gefühle seiner Mutter im Zusammenhang mit seiner Geburt zu erfragen.
Nach diesen unguten Gesprächen zwischen Vater und Sohn verfiel Hai stets in tiefe Melancholie, und Amram war voller bitterer Vorwürfe für die ausschließliche Hingabe seines Vaters an die Wissenschaft und die Medizin. Aus all dem, was er während seiner Streifzüge durch die Straßen von Córdoba in sich aufgenommen hatte, war ihm mehr als klar geworden, daß das Kalifat von Córdoba bei all seiner Macht und Herrlichkeit nur so lange überleben konnte, wie ein starker Herrscher, den niemand anzugreifen wagte, auf dem Thron saß. Beim kleinsten Riß, der sich in der Führung offenbarte, würde das Reich zerfallen, sich in die verschiedenen Elemente auflösen, aus denen es sich zusammensetzte und die untereinander erbittert streiten würden, um ein Stück für sich zu ergattern.
Was hatten, so fragte Amram seinen Vater, die blutrünstigen Berbersöldner, die al-Mansur aus Nordafrika zur Verstärkung seines Heeres herbeigeholt hatte, mit den Slawen aus Osteuropa gemein, früheren Sklaven, die in die oberen Ränge der Verwaltung aufgestiegen und damit mächtig geworden waren? Und wie betrachteten die Andalusier, die immer hier gelebt hatten, diese beiden Gruppen von Fremden, die sich in ihrem Lande niedergelassen hatten und dabei fett geworden waren? Wenn die Zeit reif war, würden diese drei Bevölkerungsgruppen einen unerbittlichen Kampf gegeneinander führen, in dem es um einen Teil der riesigen Territorien ging, die die Omaijaden ausgeraubt hatten, aber nun nicht mehr zu regieren vermochten. Wenn er weder Einfluß bei Hof noch ein Vermögen hatte, mit dem er sich Schutz erkaufen konnte, wie wollte sich Hai dann in den schwierigen Zeiten, die bevorstanden, verteidigen?
»Ärzte sind in solchen Zeiten noch gefragter als sonst. Ihr Beruf schützt sie«, erwiderte Hai dann unweigerlich.
»Ich kann Blut und Eiter nicht aushalten. Ich werde meine Zukunft auf andere Weise sichern.«
»Jeder Mensch muß seinen natürlichen Neigungen folgen«, murmelte Hai, »aber welchen Beruf du auch wählst, mein Sohn, übe dich in Bescheidenheit. Das ist der Preis für das Überleben.«
Niedergedrückt vom Kummer über die Revolte seines Sohnes, wandte sich Hai dann dem sanften Natan, seinem anderen Sohn, zu, von dem er spürte, daß er einmal in seine Fußstapfen treten würde.
Al-Mansur starb, wie er gelebt hatte. Er tat seinen letzten Atemzug bei der Rückkehr von einem weiteren Sieg über seine kastilischen Vasallen, einem Feldzug, dem die symbolische Schleifung des geheiligten Schreins der Christen in Santiago de Compostela vorausgegangen war. Als die Nachricht von seinem Tode Córdoba erreichte, verkündete Amram seinen Entschluß, das Elternhaus zu verlassen. Obwohl Hai von tiefer Trauer erfüllt war, war er doch überzeugt, daß sein Erstgeborener wie der Verlorene Sohn wieder zu ihm zurückkehren würde. Doch Amram wußte, das würde niemals geschehen.
Zum Abschied enthüllte Hai Amram das Geheimnis der genauen Zusammensetzung des Großen Theriak und gab ihm den Rat, dieses Mittel vorbeugend zum Schutz gegen die Pest anzuwenden. »Dieses Wissen, mein Sohn, könnte sich sehr wohl einmal als dein bester Schutz herausstellen.«
Obwohl Amram seinem Bruder so fremd war wie eh und je, mußte Natan doch weinen, als er ihn davonziehen sah.
In das unverwechselbare dunkle Gewand des Hauses Ibn Yatom gekleidet, zog Amram ben Hai ben Da'ud ibn Yatom durch die Provinzen von al-Andalus, von Sevilla im Westen nach Granada im Osten, beobachtete, nahm alles in sich auf, hörte zu und lernte. Überall wandten sich die Köpfe nach ihm um, wurden Augen fragend erhoben, wenn der große, kräftige Fremde vorbeikam, dessen Bewegungen – die Bewegungen seiner Großmutter Djamila – so ausladend und frei waren, dessen wache blaue Augen in scharfem Kontrast zu seiner dunklen Haut standen. Aber besonders seine geschliffene Aussprache und seine eleganten Sätze sicherten ihm die Bewunderung aller, die ihm begegneten, und flößten allen, die sich seiner Talente bedienten, Vertrauen ein. Hier verdingte er sich als Unterhändler, handelte Absprachen zwischen muslimischen und jüdischen Händlern mit der Finesse aus, die er sich während seiner jugendlichen Streifzüge durch die wimmelnden Gassen und Märkte seiner Heimatstadt erworben hatte. Dort stellte er seine literarischen Talente in den Dienst eines Berberprinzen, der des Lesens und Schreibens nicht mächtig war, oder eines freigelassenen slawischen Sklaven, der sich mit Waffengewalt aus den Bruchstücken des zerborstenen Kalifenreiches ein unabhängiges Reich geschmiedet hatte.