Die Zypressen von Cordoba
- Автор: Guiladi Yael
- Год: 2004
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Die Zypressen von Cordoba». Краткое содержание книги:
»Wenn es fertig ist«, wies er sie an, »mußt du selbst zur Vorbeugung eine Menge etwa von der Größe einer Nuß einnehmen und Amram eine etwas kleinere Menge verabreichen.«
»Und was ist mit dir und Sari?«
»Wir beide werden unsere Dosis aus den Vorräten für den Palast in Córdoba nehmen. Den Rest werde ich dem Kalifen in die Medina Azahara bringen, sobald ich dafür gesorgt habe, daß man Mutter hierher schafft. Sie darf auf keinen Fall in der Stadt bleiben.«
»Für wen ist diese Portion hier?«
»Für al-Mansur, falls er zurückkehren sollte, und für seine engste Familie.«
Bei diesen Worten zuckte Dalitha zusammen. Hai schaute sie traurig an und legte ihr schützend den Arm um die Schulter, während er sagte: »Ich weiß, es ist ungerecht. Warum diese Menschen, warum nicht Stella, Amrams treusorgende Kinderfrau, oder Yahya, der getreue Diener der Familie? Du weißt, wie verzweifelt ich mich bemüht habe, nicht in den Netzen des höfischen Lebens gefangen zu werden, aber diesmal hatte ich keine andere Wahl.«
»Und wenn dein Experiment mit dem Theriak fehlschlagen sollte?«
»Dann bin ich in großer Gefahr, so als hätte ich die Befehle des Kalifen mißachtet. Noch schlimmer wird es, wenn er der Pestilenz zum Opfer fallen sollte. Was immer ich auch tue, man wird mich beschuldigen, meine Pflichten vernachlässigt zu haben, wenn ihm etwas geschieht. Indem ich, wie mein Vater, den Großen Theriak vorbeugend einsetze, könnte ich möglicherweise nicht nur für den Kalifen, sondern für die Menschheit einen Aufschub erwirken. Ich muß es versuchen, Dalitha, ich muß es versuchen.«
Machtlos angesichts des überwältigen Drangs, der ihn antrieb, zeigte sich Dalitha widerwillig einverstanden.
Hai fand den Kalifen wie immer in seine Kissen gebettet vor. Ein kaum zur Frau herangewachsenes Mädchen kauerte neben seinem Haupt und streichelte ihm die niedrige, schweiß glänzende Stirn, während ein Junge, der ihr verblüffend ähnlich sah, neben dem Kalifen ausgestreckt lag, eine Hand unter den üppigen Roben des Herrschers verborgen. Bei näherem Hinsehen bestätigte sich Hais erster Eindruck: die beiden jungen Geschöpfe, die auf ihrem Pfad von der Kindheit zum Erwachsensein in die Fänge des Kalifen geraten waren, waren tatsächlich Zwillinge, und ihre geschmeidigen, noch nicht voll ausgereiften Körper eine seltene Delikatesse, die den übersättigten Kalifen erfreuen sollte. Angesichts dieser widerwärtigen Szene tat sich für Hai ein weiteres Dilemma auf. Die Menge an Großem Theriak, die der Familie des Kalifen zur Verfügung stand, war begrenzt – gerade genug für seine Mutter, die Prinzessin Subh, den Herrscher selbst und diejenigen, die gerade seine Gunst genossen. Kinder hatte Hisham noch nicht gezeugt, aber Hai hatte keine Vorstellung davon, wie viele andere glücklose Geschöpfe neben den Zwillingen im Augenblick noch Gegenstand seiner Begierde waren. Wem würde die schicksalhafte Aufgabe zufallen, die wenigen Privilegierten auszuwählen, die zum innersten, intimsten Kreis des Kalifen gehörten? Mit einer trägen Geste deutete ihm Hisham an, er möge sich setzen.
»Also, Abu Amram, habt Ihr Euch endlich herabgelassen, mir zu dienen«, sagte er, und seine Stimme, die jugendlich fest und kraftvoll hätte sein sollen, klang schwach und müde. »Ich habe kein Auge zugetan, seit ich hörte, die Pest könnte unter uns sein«, fuhr er fort. »Ich bin starr vor Furcht, daran zu sterben. Niemand außer Euch kann mich noch retten«, flehte und wimmerte er, während er sich in seine Kissen kauerte.
»Es ist uns kein Heilmittel gegen die Pestilenz bekannt«, begann Hai vorsichtig. »Aber Ihr habt gute Aussichten, der Krankheit zu entkommen, wenn Ihr hier in der Medina Azahara bleibt, von der Stadt abgeschnitten. Kein Essen und keine Getränke dürfen von außen in den Palastbezirk hereingebracht werden. Es müssen Anweisungen ergehen, daß der Notvorrat an Nahrungsmitteln in gleichen Mengen gerecht aufgeteilt werden soll, so daß allen hier ein Mindestmaß an Nahrung zur Verfügung steht, bis die Gefahr vorüber ist. Am wichtigsten ist jedoch, daß alles Wasser vor dem Trinken abgekocht wird.«
»Erklärt das Yunus«, seufzte der Kalif müde. »Ich bin viel zu schwach, um mich mit derlei Einzelheiten abzugeben.«
»Und schließlich«, fuhr Hai fort und überging die unverzeihliche Gleichgültigkeit des Kalifen gegenüber dem Wohlergehen derer, die ihm dienten, »müßt Ihr strenge Anweisungen geben, daß niemand von außerhalb in den Palastbezirk eingelassen werden darf.«
»Außer Euch«, warf Hisham ein. »Aber wie kann ich sicher sein, daß Ihr die Ansteckung nicht einschleppt? Bei Allah, ich überlege, ob ich Euch nicht hierbehalte, falls ich Euch brauchen sollte.«
»Bei allem Respekt, o Herrscher der Gläubigen, meine Pflichten als Hofarzt verlangen auch, daß ich mich um Euren Großkämmerer und sein Gefolge in der Medina Azahira kümmere.«
»Mein Großkämmerer, immer wieder mein Großkämmerer, der meine Pläne durchkreuzt«, wimmerte der verderbte junge Herrscher. »Aber ich verbiete Euch bei Androhung der Todesstrafe, die Stadt Córdoba zu betreten, was immer auch Euer Vorwand sein mag. Ich könnte Euch jederzeit benötigen, und ich möchte daher, daß Ihr am Leben und bei guter Gesundheit seid. Warum, weiß ich allerdings nicht«, fügte er neckisch hinzu. »Ihr enttäuscht mich. Ich hatte mehr von Euch erwartet. Angenommen, ich werde von der Pest heimgesucht. Was könnt Ihr mit all Eurem Wissen und Eurer Erfahrung dann für mich tun?«
»Wie ich Euch bereits angedeutet habe, nur sehr wenig. Ich kann nur zu verhindern versuchen, daß Ihr Euch ansteckt, indem ich die notwendigen Vorkehrungen treffe.«
»Ich glaube nicht, daß sie wirksam sind«, schmollte Hisham.
»Es könnte noch eine andere Möglichkeit geben«, brachte Hai nun hervor und rieb sich die langen schmalen Hände, während er seine Worte sorgsam abwägte. »Die Ärzte der Antike haben viel Vertrauen in den Großen Theriak gesetzt, als Gegenmittel gegen Gifte aller Art. So wie ich es sehe, ist die Pestilenz auch eine Art Gift. Wenn Ihr ein wenig vom Großen Theriak zur Vorbeugung einnehmt, ehe Ihr Euch unter Umständen ansteckt, dann besteht die Möglichkeit, daß dies Euch retten könnte.«
»Die Möglichkeit, die Möglichkeit!« grollte der Kalif. »Was für eine Möglichkeit?«
»Eine geringe Möglichkeit, aber besser als gar keine.«
In Hishams Augen schien kurz ein Hoffnungsschimmer aufzuleuchten, dann verdunkelten sie sich sofort wieder bedrohlich. »Und wer sagt mir, daß meine Feinde Euch nicht angestiftet haben, ein Gift in Euer sogenanntes Heilmittel zu mischen? Wie könnte man mich besser beseitigen, als wenn man meinen Tod einem Ausbruch der Pest zuschriebe?«
Hai würgte seine Wut über diesen unerhörten Angriff auf seine ärztliche Berufsehre herunter, richtete sich zu voller Größe auf und antwortete mit tödlicher Ruhe: »Es gibt Zeiten, o Herrscher der Gläubigen, da ein Mann denjenigen, die er zu Hilfe ruft, sein Vertrauen schenken muß.«
»Mich hat die Erfahrung gelehrt, nie jemandem zu trauen«, murmelte der Kalif, und seine dicken, feuchten Lippen verzogen sich.
»Dann fürchte ich, kann ich Euch nicht weiter behilflich sein.«
Mit diesen Worten erhob sich Hai und wandte sich zum Gehen.
»Nein, nein! Wartet! Ich habe Euch noch nicht entlassen. Angenommen, ich nehme den Großen Theriak vorbeugend ein. Kann er mir schaden?«
»Überhaupt nicht.«
Der Kalif musterte Hai nun mit seinen matten, trägen Augen, als versuche er das Ausmaß von dessen Treue und Ergebenheit abzuschätzen. »Werdet Ihr dem Mann, der für mich mein Königreich regiert, den gleichen Schutz anbieten?«
»Ich bin auf seinen wie auf Euren Befehl hier.«
»Wahr, wahr«, murmelte der Kalif und wünschte al-Mansur den Tod auf den Leib, wußte jedoch gleichzeitig, daß er ohne ihn nicht fähig wäre, sein Königreich überhaupt zu halten …