Die Zypressen von Cordoba
- Автор: Guiladi Yael
- Год: 2004
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Die Zypressen von Cordoba». Краткое содержание книги:
Er gab sich als der Arzt der Herzogin Sabina aus Córdoba zu erkennen und wurde eilends in ihre Gemächer geleitet. Gerade wollte er in das Zimmer eintreten, in dem sie lag, als der ortsansässige Arzt, der ängstlich neben der Tür kauerte, während ihr die Sterbesakramente gespendet wurden, ihm in den Weg zu treten versuchte.
»Ihr seid also der berühmte Hai ibn Yatom«, zischte er verächtlich und musterte den Gelehrten in seinen dunklen Gewändern mit unverhohlener Abscheu. »Der unsere geliebte Herzogin mit seinem sogenannten Lebenselixier in diesen bedauernswerten Zustand versetzt hat.«
»Das möchte ich lieber selbst beurteilen«, erwiderte Hai und schob sich an der jämmerlichen Gestalt des Medicus vorbei, als der Priester aus dem Zimmer trat. Selbst die Weihrauchwolken, die ihn umwallten, konnten den Geruch der Krankheit nicht übertönen, der aus dem Zimmer drang.
Das eingesunkene Gesicht der Herzogin war kaum auszumachen unter den Pelzen, die man in dem verzweifelten Bemühen, ihrem Frösteln Einhalt zu gebieten, über sie gebreitet hatte. Wie kalt sie sich trotz allem fühlte! Hai setzte sich an ihr Bett und legte ihr sanft seine kühlende Hand auf die glühende Stirn. Obwohl ihre Augen vom Fieber glasig waren, leuchteten sie doch mit seltsamer Zufriedenheit auf, als sie ihn erkannte. Mit einer mitleiderregenden Geste – ob mit der flehentlichen Bitte um Leben oder um den Tod, er konnte es nicht sagen – streckte sie die mageren Hände zu ihm hin. Er nahm sie zwischen die seinen, und ein Strom des Mitgefühls floß von seiner Seele in die ihre. Es war das einzige, womit er ihr jetzt noch helfen konnte.
»Danke, daß Ihr gekommen seid«, murmelte sie schwach. »Eure Gegenwart ist mir ein unschätzbarer Trost.«
Das war alles. Keine Beschwerden, keine Vorwürfe, keine Forderungen. Wie typisch für diese edle Seele, dachte er, als sein erfahrenes Auge über ihre gelbliche Haut und den gelben Schimmer im Weiß ihrer Augäpfel schweifte. Er mußte gar nicht mehr sehen – nicht die dunkle Farbe ihres Urins, nicht das Blut und die schwärzliche Flüssigkeit, die sie ausgeschieden hatte. Der Körper der armen Frau war völlig zerfressen von der Krankheit, wie ihn der Rückenschmerz hatte befürchten lassen. Die bösartige Geschwulst war wohl von ihrer Brust in den gesamten Körper gewuchert, hatte ihn der Fäulnis ausgeliefert und dieses letzte, tödliche Fieber ausgelöst. Der Verfall, dem er hatte Einhalt gebieten wollen, hatte den Sieg davongetragen. Und doch, überlegte er, als er die reglosen, wächsernen Hände seiner Patientin mit festem, ermutigendem Griff umfaßte, hatte er ihr nicht einige wenige Monate Leben gewonnen, kostbare Augenblicke des Sonnenlichtes und des Glücks? Sechs ganze Monate hindurch hatte der Extrakt ihr anscheinend neues Leben geschenkt. Ein lächerlich kleiner Sieg in der ewigen Schlacht gegen den Tod? Vielleicht, aber für die Herzogin und ihre Lieben ein unschätzbar wertvolles Geschenk …
Auf Verlangen der Sterbenden blieb Hai die ganze Nacht hindurch allein bei ihr. Er benetzte ihr die trockenen, vom Fieber aufgesprungenen Lippen, legte ihr kühlende Kompressen auf die Stirn. In einem letzten Versuch, ihr Leiden zu lindern, bereitete er einen Trank vor, von dem er hoffte, er werde sie beruhigen, aber als er ihn ihr an die Lippen hielt, wies sie ihn zurück, war inzwischen nicht mehr in der Lage, ihn zu trinken.
Im Morgengrauen hörte ihr schwacher Pulsschlag ganz auf, und sie tat ihren letzten Atemzug.
In dem Augenblick, als Hai vor Schmerz gebückt und von seiner Niederlage niedergeschmettert, aus Sabinas Zimmer trat, stürzte sich der andere Arzt auf ihn.
»Euer Aloe-Extrakt allein hat ihr diese tödliche Schwäche beschert!« rief er mit der Aggressivität des Schwachen und Unwissenden. »Es ist allgemein bekannt, daß er abführende Wirkung hat. Was für ein Wahnsinn, derlei einer Patientin zu verabreichen, die schon an ständigem Durchfall leidet!«
»Leicht oder schwer?«
»Immer schwerer.«
»Wann habt Ihr die Verschlechterung bemerkt?«
»Vor etwa drei Wochen.«
»Vorher nicht?«
Ertappt zögerte der Arzt. Sabinas Zofe antwortete schluchzend: »Nein, vorher nicht.«
»Also«, fuhr Hai wütend zu dem Mann herum, »habt Ihr nicht nur verhindert, daß die Herzogin ihre Sendboten ausschickte, um weitere Vorräte des Pulvers zu holen. Ihr habt auch dafür gesorgt, daß ich nichts von der Verschlechterung ihres Zustandes erfuhr. Ich behaupte nicht, daß ich sie unter diesen weitaus schwierigeren Umständen hätte retten können. Ganz und gar nicht. Aber ich weise mit aller Macht die Anschuldigung zurück, daß der Extrakt sie geschwächt hat. Ich glaube vielmehr, daß sie die letzten wenigen Monate voller Vitalität zumindest teilweise der lebensstärkenden Wirkung des Aloe-Extraktes zu verdanken hatte. Die bösartige Krankheit hat sie so geschwächt, nicht der Extrakt.«
Hai hatte überlegt, in Bilbao zu bleiben und dieser edlen und mutigen Dame bei der Beerdigung die letzte Ehre zu erweisen, aber er sah keinen Grund, warum er durch seine Gegenwart am Grab die Feindseligkeit des ortsansässigen Medicus weiter schüren sollte. Also ging er leise und unbemerkt fort, und Tränen der Trauer verschleierten ihm den Blick, als er sich auf den Heimweg machte.
Als er sich Córdoba näherte, überfiel ihn erneut eine ungute Vorahnung. Würde Prinzessin Subh den Verleumdungen des baskischen Arztes Glauben schenken, wenn sie ihr zu Ohren kamen? Und wenn ja, welche Strafe würde sie über ihn verhängen? Würde sie so weit gehen, seine Verbannung aus Córdoba zu befehlen, ihn dazu zu zwingen, seine Aloepflanzungen im Stich zu lassen, die er mit solcher Leidenschaft gepflegt und zur Blüte gebracht hatte? Oder würde sie, da sie mit eigenen Augen gesehen hatte, auf welche Weise der Extrakt den Zustand ihrer kranken Tante gebessert hatte, die Anschuldigungen als Rachegelüste eines neidischen Berufskollegen abtun?
Hais ständige Zweifel an der Wirksamkeit des Extraktes, seine tiefe Enttäuschung über die Unfähigkeit, konkrete, unwiderlegbare Beweise für die Wirkung des Mittels zu erbringen, wurden noch verstärkt durch die Ungewißheit, wie die Mutter des Kalifen sich verhalten würde. Jeden Donnerstag musterte er die Schar der Patienten, die sich im Haus in Córdoba versammelten, war sich nicht sicher, ob er sich wünschte, daß sie darunter wäre oder nicht. Heimlichkeiten und Hinterlist waren am Hof der Omaijaden so sehr an der Tagesordnung, daß er ständig auf der Hut war, während eine Woche nach der anderen verstrich. Er wünschte sich schon beinahe, die Prinzessin würde ihm endlich offen gegenübertreten und ihn von der quälenden Ungewißheit erlösen. Nur seiner Mutter, die plötzlich alt und gebrechlich geworden war, vertraute er seine Sorge an, aber auch ihre weisen und tröstenden Worte konnten seine Furcht kaum lindern.
Sein Seelenfriede sollte ihm auf völlig unerwartete Weise und unter wesentlich dramatischeren Umständen wiedergeschenkt werden, als er es sich je hätte ausmalen können.
34
Der Befehl, vor dem Kalifen zu erscheinen, wurde ihm von einer gemeinsamen Abordnung von Würdenträgern des Kalifenhofes und aus al-Mansurs Residenz in der Medina Azahira überbracht. Flankiert von einer eindrucksvollen Schar berittener Schwertkämpfer, erschien die Abordnung kurz nach Sonnenaufgang, als Hai sich noch schlaftrunken räkelte. Das Aufschlagen der Pferdehufe, das bedrohliche Klirren der Waffen näherte sich dem kleinen Haus in der Stille des frühen Morgens und weckte in ihm erneut ungute Vorahnungen, die er mit der Zeit beinahe schon gebannt hatte. Obwohl der Morgen mild war, fröstelte ihn ein wenig, als er sein Gewand überstreifte und sich auf die bevorstehende Auseinandersetzung vorbereitete.