Die Zypressen von Cordoba
- Автор: Guiladi Yael
- Год: 2004
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Die Zypressen von Cordoba». Краткое содержание книги:
Nie hatte der ältere, rebellische Sohn von Hai ibn Yatom so inbrünstig gehofft, daß sich die Argumente seines Vaters bewahrheiten würden. Nur eines ersehnte er: Hai und seinen Bruder Natan vorzufinden, geschwächt vielleicht, aber doch immer noch damit beschäftigt, die Verwundeten von Córdoba in dem Haus vor der Stadt zu versorgen, das sein Heim gewesen war, ihr Arztberuf als Schutz für die ganze Familie … Hätte er noch an den Gott seiner Ahnen geglaubt, er hätte gebetet, aber die bestialische Schlächterei der Berberhorden – auch sie Gottes Schöpfung – hatte seinen Glauben an die Existenz eines Höheren Wesens für immer zerstört. Wenn Er tatsächlich das barmherzige und allmächtige Wesen war, an das die Menschen glauben wollten – glauben mußten –, wie konnte Er dann zulassen, daß an unschuldigen Menschen solche schrecklichen Greueltaten verübt wurden? Und doch, wenn Er nicht existierte, an wen oder was konnten die ganz normalen Menschen sich dann noch wenden, wenn ihnen sonst alle Hilfe verwehrt war? In Amrams scharfem Verstand standen sich blinder Glaube und abgrundtiefe Verzweiflung gegenüber. Keine von beiden Möglichkeiten bot eine Lösung. Was dann? Nur ein skrupelloser Kampf ums Überleben, jeder für sich nach den unbarmherzigen Gesetzen der Natur, ohne Tempel oder Priester, die um die Gnade jenes Allmächtigen flehten?
Die Sonne hatte schon beinahe ihren mittäglichen Höchststand erreicht, als das kleine Landhaus in Sicht kam. Der Anblick der Geier, die darüber ihre Kreise zogen, der Gestank verrottenden Menschenfleisches, der ihm in die Nase stieg, als er näher kam, töteten jede Hoffnung, die er während seiner Reise noch gehegt hatte, im Keim ab. Und doch, als er sich beim Eintreten ins Haus niederbeugte und Dutzende verstümmelter Leichen, die dort auf dem Boden lagen, mit dem Gesicht nach oben drehte, als er gegen jede Vernunft überlegte, wenn er seinen Vater, Natan und seine Mutter hier nicht entdeckte, hätten die drei vielleicht wirklich einen Beschützer gefunden … Während er sich einen Weg durch die Toten bahnte, wußte er schon, daß das nicht so gewesen sein konnte. Hai ibn Yatom hätte niemals die Verwundeten im Stich gelassen, die hilfesuchend zu seinem Haus gekrochen und gehumpelt waren, und Dalitha wäre niemals von ihm fortgegangen. Als Amram seinen Vater schließlich fand, erkannte er aus der Lage der Leiche, daß man ihn ermordet hatte, während er gerade kniete, um einen Patienten zu behandeln, dessen Körper von Messerstichen übersät war. Ihm selbst hatte man ein Schwert in den Rücken gerammt, das ihn, so hoffte Amram, auf der Stelle getötet hatte. Er war zur Seite gefallen, den Körper gekrümmt wie ein Ungeborener. Dalitha hatte man zu Boden gestreckt, als sie ihm zu Hilfe eilte. Wie viele dieser Unmenschen sie vergewaltigt hatten, ehe sie erdrosselt wurde, konnte er nicht sagen …
Blindlings stolperte er über die anderen Leichen hinweg und taumelte aus dem Haus. Benommen vor Schmerz und Grauen, angewidert vom Gestank des Gemetzels ringsum, erbrach er sich, bis er nichts mehr im Leib hatte. Dann wischte er sich den kalten Schweiß von der Stirn und versuchte, des Zitterns Herr zu werden, das ihn am ganzen Leib erfaßt hatte, suchte ringsum nach einem angemessenen Grab, in dem er die Leichname seiner Eltern zur letzten Ruhe betten konnte. Wohin er auch blickte, nichts als Verwüstung. Den Hausgarten, der immer so voller Leben gewesen war, hatten die Horden zertrampelt, den Gemüsegarten völlig ausgeräumt, die Obstbäume ihrer Zweige beraubt, die zarten Weinschößlinge in wilder Zerstörungswut niedergemacht. Die Aloepflanzung hatte man mit dem Schwert zerhackt, die breiten fleischigen Blätter in Stücke geschnitten und am Boden unter den leeren Strünken der Fäulnis überlassen. Amram stand da, betäubt von der sinnlosen, wilden Grausamkeit der Berber, als er hinter sich Schritte hörte, die zögernd vom Haus näher kamen. Noch ein verzweifelter Patient, dachte er, als er sich zum Haus umwandte. Es dauerte einen Augenblick, ehe er in der gespenstischen Gestalt, die auf ihn zugewankt kam, seinen Bruder erkannte.
Wortlos legte Amram seinen stützenden Arm um Natans Schulter, und zusammen machten sie sich mit unsicheren Schritten auf den Weg zum Gärtnerschuppen. Dort setzten sie sich auf einen Stapel alter Säcke. Amram gab Natan den letzten Schluck Wasser aus seiner Kürbisflasche und den Rest seines Proviants, den er aus Málaga mitgebracht hatte. Dann wartete er schweigend, bis Natan die Kraft zum Sprechen aufbrachte.
Mit hängenden Schultern preßte sich Natan den Daumen an die Schläfe und fuhr sich mit den Fingern über die Augen, als wolle er die Bilder auslöschen, die noch immer vor ihm standen. Aber es nutzte nichts. Schließlich murmelte er: »Es war ein unglaubliches Gemetzel. Zunächst hat man uns hier in Frieden gelassen, obwohl wir uns schon denken konnten, was für Greueltaten begangen wurden, weil der Wind das Heulen und Wehklagen aus der Stadt zu uns trug und die Flammen hoch in den Himmel loderten und über dem Leichnam der Stadt dichten Rauch wie ein schwarzes Leichentuch ausbreiteten. Die Verwundeten kamen in Scharen zu uns, Berber und Cordobaner gleichermaßen. Wir arbeiteten Tag und Nacht, um zu helfen, wo wir konnten. Doch dann, als in der Stadt niemand mehr war, den sie hätten töten können, kamen sie, immer noch blutrünstig, hierher gestürmt. Die Verwundeten haben sie ohne Ansehen der Person niedergemetzelt, ganz gleich, ob es ihre eigenen unglückseligen Soldaten oder ausgehungerte Verteidiger unserer geliebten Stadt waren.« Natan schluckte und legte eine kleine Pause ein, ehe er weitersprach.
»Als sie Vater erblickten, kreischten sie wilde Anschuldigungen, er hätte ihre Feinde behandelt, und töteten ihn auf der Stelle, wo er gerade kniete und einem Mann von unbekannter Herkunft die Todespein zu lindern versuchte. Was sie vor meinen Augen mit Mutter gemacht haben«, und hier brach ihm die Stimme, »war so grauenhaft, daß ich es nicht in Worte fassen kann.«
»Und du?«
»Mich haben sie verschont, unter der Bedingung, daß ich mit ihnen in die Stadt zurückging und dort einen ihrer Anführer behandelte, auf den aus einem brennenden Haus ein schwelender Balken herabgefallen war. Das Haus …« Natan unterbrach sich noch einmal, wurde von wildem Schluchzen geschüttelt. Nicht einmal Tränen wollten fließen, um das Grauen zu lindern. »Das Haus«, stammelte er schließlich, »war unseres. Als ich ihnen sagte, der Verwundete würde noch einen oder zwei Tage nicht im Sattel sitzen können, wurden meine Geiselnehmer ungeduldig und galoppierten auf der Suche nach weiteren Opfern davon. Ihre Blutrünstigkeit hat mir das Leben gerettet.«
Benommen vor Grauen standen die Brüder auf, vereint in ihrem Schmerz, wie sie es in ihrer Kinderzeit nie gewesen waren. Zusammen nahmen sie die Spaten, die im Schuppen lagen, und gruben am Fuß der Zypressen an der Grundstücksgrenze der Ibn Yatoms ein Doppelgrab. Sie bahrten die Leichname auf, so gut sie konnten, wickelten sie in den Gebetsschal ihres Vaters, den sie wunderbarerweise unberührt in einer kleinen Truhe fanden. Zusammen trugen sie die Leichen zu ihrem Grab und legten sie sanft in die Erde. Erst jetzt flossen Natans Tränen. Er barg den Kopf an der mächtigen Schulter seines Bruders und weinte, bis er nicht mehr konnte.
»Und jetzt?« fragte Amram schließlich. »Was jetzt?«
»Für mich gibt es keine Frage«, antwortete Natan. »Mein Platz ist hier, meine Aufgabe ist es, unser Heim wieder aufzubauen und alles neu zu pflanzen. Von der Apotheke ist nichts mehr übrig. Alle Tiegel, Töpfe und Flaschen sind zerbrochen, als die Horden durch das Haus trampelten. Wichtiger noch, ich muß Vaters wissenschaftliche Studien dort fortsetzen, wo er aufgehört hat, vielmehr versuchen, sie nachzuvollziehen, den Weg noch einmal gehen, den er so mühsam zurückgelegt hat.«
»Wieso noch einmal gehen?«
»Weil, mein lieber Bruder, seine sorgfältigen Aufzeichnungen zusammen mit unserem Haus in Córdoba in Flammen aufgegangen sind, wo er sie aufbewahrt hat – ein kleines Unglück unter unseren augenblicklichen Lebensumständen, ein ungeheurer Verlust, wenn man es aus einer weiteren Perspektive betrachtet. Und du?« fragte er seinen Bruder mit ernster Stimme.