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Georgs Sorggen um die Vergangenheit

Электронная книга - «Georgs Sorggen um die Vergangenheit». Краткое содержание книги:

Georg wächst in einer der schönsten Wohngegenden Prags in einem summenden Frauenhaushalt auf. Leider zur Zeit des politischen Terrors, der überirdischen Atomtest und später des brutal unterdrückten Reformversuchs von '68. Umstellt von seinen vielen Tanten mit Kriegstraumata, dem tyrannischen Onkel ONKEL und der überstrahlend-schönen Mutter hält er an seiner Überzeugung fest, unter der Schirmherrschaft eines gewissen Heiligen eine helle Zukunft zu finden — trotz der totalitären Verhältnisse, der zerfallenden Prager Bausubstanz und der familiären Zwänge.
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Dieses arme Geschöpf hatte außerdem eine von einer Herzoperation stammende Narbe mitten auf der Brust, und diese wurde in den Sommermonaten oft sichtbar. Weil der Bursche ein unsicherer, wehrloser Mensch war, mußte er seine Narbe oft vorzeigen und sich blöden Fragen aussetzen. Manche wollten immer auch noch mehr sehen, fragten ihn nach weiteren Narben. Vielleicht» da unten«? Außerdem besaß er eine dauerhaft fließende Augenhöhle.Entlang seiner Nase bildete sich im Laufe jedes Vormittags eine braune Spur, die oft bis zu seiner Oberlippe reichte, in seinen Mundwinkeln nisteten immer Häubchen von weißlichem Schaum. Wahrscheinlich erleichterte er sich eben — vorsorglich libidinös, könnte man meinen — auf diese Weise, tropfte gleich oben am Kopf aus. Im großen und ganzen war er ein neidloser und gütiger Kerl. Als ich ihn nach vielen Jahren traf, war er rund und sah vollkommen zufrieden aus. Zu diesem Zeitpunkt war er auf alle Fälle viel gelassener als ich, der im Leben an der Seite von fraulichen Wesen noch einiges durchzustehen hatte.

Übrigens: Für Theodor W. Adorno und seine triebgesteuerte Attacke hatte meine Mutter großes Verständnis. Adornos Frau sei so furchtbar häßlich, meinte sie.

beachte den einbrecher nicht — wir werden ihn einfach ignorieren

Auf mein formbares Wesen hat unter anderem auch ein sportives Prachtexemplar von Mann einen eindeutig positiven, wenn nicht sogar voranpeitschenden Einfluß gehabt. Es war der äußerst bewegliche Herr Zätopek, der berühmteste tschechische Langstreckenläufer aller Zeiten. Für diese Einflußnahme reichte es vollkommen aus, daß Zätopek ab und zu an mir — und meistens nur am nördlichen Rand meines Wirkungsreviers — leise und unauffällig vorbeihuschte. Er durfte oder wollte nicht abtrainieren, lief viel und oft und wurde manchmal auch im Osten beim Stalindenkmal, im Westen bei der Militärakademie und in der Nähe der Burg gesichtet. Er war kein junger Mann mehr, aber wie schnell er immer noch laufen konnte! Sich im Leben zu behaupten und mit anderen mitzuhalten würde nicht leicht sein — das war mir schon damals klar. Zätopek muß in der Villengegend gewohnt haben, die hinter dem Sportplatz meiner Schule lag. Einmal saß er auf einer Parkbank, aß Kirschen und schnipste die Kerne in unsere Richtung. Er beschoß also meine wehrlose, in einer geordneten Formation zum Sportunterricht marschierende Klasse und lächelte zweideutig. Jeder wußte, wer Zätopek war, und jeder zitterte vor Angst — allerdings nicht wegen seiner Kirschkerne, sondern weil uns mehrere lungenverbrennende Aufwärmrunden auf unserer verhaßten Aschenbahn bevorstanden.

Skopka brauchte keinen Stoffhasen vor der Nase wie ein Windhund, Petr Skopka schöpfte genügend Antrieb aus gehirneigenen Quellen. Er reifte daher viel schneller als ich, und sein Tun wurde substantieller — es gedieh auch weitgehend schleim- und nackthaut-unabhängig. Trotz seiner Vernünftigkeit blieb Skopka seinem tödlich-destruktiven Bastlertum allerdings treu. Und weil er für alle radikalen Innovationen nach wie vor offen war, war er konsequenterweise dazu bestimmt, irgendwann systemgefährdend zu werden. Auf diese Weise hielt ich mich dauerhaft in der Nähe eines Individuums auf, das großen Ärger zu veranstalten drohte und das früher oder später wirklich Ärger bekommen sollte.

Skopkas nächste Gefährdung unserer friedliebenden Republik wirkte anfangs vollkommen harmlos. Er war Abonnent der Jugendzeitschrift» ABC der jungen Techniker und Naturwissenschaftler«, und umtriebig wie er war, fand er immer noch Zeit, alle möglichen, dort propagierten Aktivitäten mitzumachen. Die Zeitschrift stiftete ihre jungen Leser an, das und jenes zusammenzufummeln, zu verbessern oder selbst zu erfinden — und man versprach den Fleißigsten von ihnen, Artikel über ihre Fleißarbeit abzudrucken. Alle zukünftigen Tüftler und Nachwuchswissenschaftler waren wie elektrisiert. Ein Mitschüler aus unserer Parallelklasse berichtete in einer Glosse empört, wieviel Wasser der Volkswirtschaft verlorenginge, wenn alle Bürger ihre Wasserhähne leichtsinnig tropfen ließen. Er hatte eine Stunde lang Wasser in einen Meßbecher tropfen lassen, dann mit 24 multipliziert, dann mit sieben, schließlich — aus Vorsicht, vielleicht war es eine kleine Zensurmaßnahme — mit dem Hundertstel der Einwohnerzahl von Prag. Die Zahl, die er in seinem kurzen Artikel nannte, war schockierend. Und alle kamen auf die naheliegende Idee, daß sicher ungeahnt viele Nachbarn und Freunde ihre Wasserhähne ebenfalls tropfen ließen. Wir alle waren aufgerüttelt und hielten unsere sozialistischen Augen weit offen. Skopka winkte ab und korrigierte bald die publizierten Zahlen — allerdings nur klassenintern und mündlich. Sein Artikel, in dem er riet, die oft nicht erhältlichen Dichtungen aus den Wasserhahn-Spindeln herauszunehmen, sie einzufetten und umzudrehen, wurde nicht abgedruckt.

In einer anderen Nummer der Zeitschrift wurde der Vorschlag einer neuartig verbesserten Kneifzange ausgezeichnet. An einer der Backen war ein Huckel angeschweißt, so daß man mit dem so erhöhten Hebel Nägel aller Hartnäckigkeitsgrade herausziehen konnte. Das ließ Skopka wieder nicht ruhen. Er meinte, dieser viel zu schmale Stützhuckel würde in dem beim Hebeln zu stark belasteten Holz häßliche Druckspuren hinterlassen. Und er reichte umgehend eine verbesserte Version dieser Erfindung ein, in der an ebendiesen Huckel ein abgerundetes breites Plättchen angelötet (hart angelötet!) worden war. Sein Vater fertigte ihm auf der Arbeit eine professionelle technische Zeichnung dazu. Skopkas Vorschlag wurde daraufhin tatsächlich abgedruckt. Er wurde sogar persönlich in die Redaktion eingeladen und bald zu einem externen Mitarbeiter ernannt. Das war der Anfang seiner neuen steilen Karriere.

Die Zeitschrift» ABC der jungen Techniker und Naturwissenschaftler«(kurz» ABietschko «genannt) rief kurz danach eine Bewegung ins Leben, die auf Skopka wie zugeschnitten war. Es war die sogenannte Bewegung der» Raumschiff-Besatzungen«. Diese neuartigen Zellen der technikbesessenen Jugend bekamen sofort einen unglaublichen Zulauf. Offensichtlich regten die Väter dieser Idee im Jungvolk das Bedürfnis an, anders als staatlich gelenkt voranzukommen — oder es zumindest zu versuchen. Viele Jungs witterten natürlich auch die Chance, auf diese Weise den lästigen Pioniernachmittagen zu entfliehen. Sie blieben zwar offiziell weiter Pioniere, bastelten aber lieber an ideologiefreien Modellen, trainierten für die Schwerelosigkeit oder prägten sich Sternbilder ein, um sich bei intergalaktischen Flügen eigenständig orientieren zu können. Die Palette der Themen war endlos, die alle zwei Wochen erscheinende Zeitschrift lieferte unablässig Anleitungen, Anregungen.Tips und weiterbildende Artikel. Viele der zukünftigen Kosmonauten hörten aber bald auf zu basteln und schoben ihre Raumschiff-Aktivitäten nur vor, um der organisierten pionierlichen Langeweile vollständig zu entkommen. Und die ewigjungen, vielleicht auch etwas infantilen Initiatoren der Bewegung ahnten wahrscheinlich nicht, was sie eigentlich angezettelt hatten. Unbewußt war dieser Zug aber eindeutig gegen die Einheitstuerei des Staates gerichtet. Für diese These spricht, daß sich die einzelnen Raumschiff-Mannschaften stadtviertelweise und hierarchisch organisieren, im Grunde ein autonomes Netzwerk bilden sollten. Um sich» auszutauschen«, wie es hieß. Man tauschte sich tatsächlich manchmal aus. Und auch wenn es nicht der Fall war, fühlte man sich trotzdem einer autonomen Brüderschaft zugehörig — einer Art Freimaurerloge für Heranwachsende. Zusätzlich war man — trotz eines Minimalaufwands — schon so etwas wie ein potentieller Kandidat für die herannahende und sogar vertikale Flucht aus der häuslichen Enge. Außerdem würde man, nachdem man eines Tages in der kasachischen Steppe oberhalb einer Rauchwolke in den reinen Himmel stach, alle anderen Bewohner der Erde ihre Kleinheit spüren lassen können.

Die Karriereanfänge der meisten Raumschiff-Aktivisten waren erst einmal bescheiden. Von heute aus kann ich aber trotzdem behaupten, daß das, was ich an Skopkas Seite erleben durfte, eine geschichtsträchtige Relevanz hatte. Ich wurde im Grunde ein Zeuge des ersten zarten, aber brisanten Versuchs, eine revisionistische Bewegung in der Tschechoslowakei zu gründen — mehrere Jahre vor dem viel bekannteren Prager Frühling. Daher sollte sich, denke ich, die aktuelle Geschichtsforschung irgendwann meinem Freund Skopka und den anderen Weltraum-Aktivisten zuwenden und sie als so etwas wie kleine Dubceks würdigen. Für meinen Freund Skopka würde es mich freuen. Nach alldem Mühsal und den kleinen, trotzdem schweren Anfängen.Wer hätte beispielsweise von ihm, diesem versponnenen Trainer unschuldiger Fliegen, früher so etwas gedacht! Und wer hätte geahnt, daß seine erste oppositionelle Tat ausgerechnet mit der Eroberung des Kosmos zu tun haben würde! Skopka, der Fliegenquäler, Skopka, der nach dem Ostblock-Zusammenbruch erste demokratisch gewählte Bürgermeister von Prag — dieser Petr Skopka half schon als Vierzehnjähriger, an den Grundfesten der sozialistischen Gesellschaft zu rütteln und eine politische Parallelstruktur aufzubauen. Und diese war, wie man sich denken kann, dem Sozialismus wesensfremd und hätte nur zum Ende der Einheitsharmonie zwischen Volk und Partei führen können.

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