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Aufzeichnungen aus einem toten Hause
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Übrigens versuchte ich soeben, die ganze Bevölkerung unseres Zuchthauses in Kategorien zu teilen; ist das aber möglich? Die Wirklichkeit ist von einer unendlichen Mannigfaltigkeit im Vergleich mit allen, selbst den kompliziertesten Schlüssen des abstrakten Denkens und leidet keine scharfen und groben Einteilungen. Die Wirklichkeit strebt nach Zersplitterung in einzelne Individuen. Wir hatten ja auch ein eigenes Leben. Mochte unser Leben sein, wie es wollte, aber es war ein nicht bloß offizielles, sondern inneres, persönliches Leben.

Aber, wie ich zum Teil schon erwähnte, konnte ich am Anfang meines Zuchthausaufenthaltes in die innere Tiefe dieses Lebens nicht eindringen; mir fehlte noch die Fähigkeit dazu, und darum quälten mich alle äußeren Erscheinungen dieses Lebens in einer unbeschreiblichen Weise. Zuweilen haßte ich einfach diese Menschen, die dasselbe litten wie ich. Ich beneidete sie darum, daß sie wenigstens unter sich in einem gewissen kameradschaftlichen Verhältnisse lebten und einander verstanden, obwohl ihnen allen im Grunde genommen diese Kameradschaft unter der Knute und dem Stock, dieses erzwungene Zusammenleben ebenso wie mir widerlich geworden war und ein jeder von ihnen nach der Seite schielte. Ich wiederhole, daß dieser Neid, der mich in Augenblicken der Erbosung überkam, wohl seine Berechtigung hatte. Entschieden unrecht haben diejenigen, die da behaupten, daß ein Adliger, Gebildeter usw. es in unseren Strafanstalten und Zuchthäusern ebenso schwer habe wie jeder Bauer. Ich habe diese Behauptung gehört und in der letzten Zeit auch gelesen. Der tiefste Grund dieser Idee ist wohl richtig und human. Wir sind eben alle Menschen. Doch die Idee selbst ist allzu abstrakt. Es sind dabei sehr viele praktische Umstände außer acht gelassen worden, die man nur in der Praxis wirklich begreifen kann. Ich sage es nicht, weil der Adlige und Gebildete alles etwa feiner und schmerzhafter empfänden, weil ihre Gefühle vollkommener ausgebildet seien. Die Seele und ihre Entwicklung lassen sich schwer unter irgendein Maß bringen. Selbst die Bildung ist in diesem Falle kein Maßstab. Ich will als der erste bezeugen, daß ich selbst unter den ungebildetsten und niedergedrücktesten Menschen, unter diesen Duldern Züge der feinsten seelischen Entwicklung getroffen habe. Im Zuchthause kam es häufig vor, daß man einen Menschen mehrere Jahre hintereinander kannte und für keinen Menschen, sondern für ein Tier hielt und verachtete. Plötzlich kam aber zufällig ein Augenblick, wo seine Seele sich unwillkürlich auftat und man in ihr einen solchen Reichtum, ein so großes und herzliches Gefühl, eine so klare Vorstellung von seinem eigenen und auch von fremdem Leide erblickte, daß es einem förmlich wie Schuppen von den Augen fiel, und man im ersten Augenblick gar nicht glauben wollte, was man selbst sah und hörte. Es gibt auch entgegengesetzte Erscheinungen: Bildung paart sich zuweilen mit solcher Barbarei, mit solchem Zynismus, daß man einen Ekel davor empfindet und, selbst wenn man noch so gutmütig und für den Betreffenden eingenommen ist, in seiner Seele keinerlei Entschuldigung oder Rechtfertigung für ihn findet.

Ich sage auch nichts von der Veränderung der Gewohnheiten, der Lebensweise, der Kost usw., was für einen Menschen aus den höheren Gesellschaftsschichten natürlich schwerer ist, als für einen Bauern, der in der Freiheit oft gehungert hat und sich im Zuchthause wenigstens satt essen kann. Ich will auch darüber nicht streiten. Nehmen wir an, daß es für einen einigermaßen willensstarken Menschen immer noch eine Bagatelle ist im Vergleich mit den anderen Unannehmlichkeiten, obwohl die Veränderung der gewohnten Lebensweise eigentlich durchaus keine Kleinigkeit ist. Aber es gibt Unannehmlichkeiten, vor denen dies alles dermaßen verblaßt, daß man weder auf den Schmutz, noch auf den Druck, noch auf die magere, unappetitliche Kost achtet. Der verwöhnteste und verzärtelteste Faulenzer wird, nachdem er im Schweiße seines Angesichts so gearbeitet hat, wie er es früher in der Freiheit niemals tat, auch grobes Schwarzbrot und Kohlsuppe mit Schaben essen. Daran kann man sich gewöhnen, wie es auch in dem humoristischen Arrestantenliede vom einstigen verzärtelten Nichtstuer, der ins Zuchthaus geraten ist. heißt:

Gibt man mir Kohl mit kaltem Wasser,

So freß ich, daß die Backe kracht.

Nein, viel wichtiger als dieses alles ist, daß jeder andere Neuankömmling schon zwei Stunden nach seiner Ankunft im Zuchthause zum gleichen Arrestanten wird, wie es die anderen sind, gleichsam bei sich zu Hause ist und ein gleichberechtigtes Mitglied der Arrestantengenossenschaft wird. Er versteht alle, und alle verstehen ihn; alle kennen ihn und halten ihn für den ihrigen. Ganz anders ist es mit dem Vornehmen, mit dem Adligen. Mag er noch so gerecht, gütig und klug sein, die ganze Masse wird ihn dennoch jahrelang hassen und verachten; man wird ihn nicht verstehen und ihm, vor allem, nicht glauben. Er ist kein Freund und kein Kamerad der andern, und selbst wenn er es mit den Jahren endlich erreicht, daß man ihn zu verfolgen aufhört, so wird er ihnen dennoch ewig ein Fremder bleiben und ewig schmerzvoll seine Isolierung und Einsamkeit empfinden. Diese Isolierung geschieht zuweilen ohne jede Gehässigkeit seitens der Arrestanten, sondern irgendwie unbewußt. Man hat es eben mit einem fremden Menschen zu tun und fertig. Es gibt nichts Schrecklicheres, als in einer solchen Umgebung zu leben, in die man nicht hineinpaßt. Ein Bauer, der von Taganrog am Asowschen Meer nach Petropawlowsk auf der Kamtschatka übersiedelt wird, findet dort sofort einen gleichen russischen Bauern, mit dem er sich sofort verständigt und mit dem er vielleicht schon nach zwei Stunden auf die friedlichste Weise im gleichen Zelt oder Haus leben wird. Anders verhält es sich mit den Adligen. Sie sind vom gemeinen Volk durch eine tiefe Kluft getrennt, und das fühlt man erst dann im vollen Umfange, wenn der »Adlige« plötzlich durch die Gewalt äußerer Umstände seine früheren Vorrechte verliert und sich in gemeines Volk verwandelt. Sonst kann man sein ganzes Leben lang mit dem Volke verkehren, man kann mit ihm vierzig Jahre lang täglich zusammenkommen, z.B. dienstlich, in den konventionellen amtlichen Formen, oder sogar einfach freundschaftlich als Wohltäter oder gewissermaßen als Vater, und dabei die Wirklichkeit doch nicht erfahren. Alles wird nur eine optische Täuschung sein und sonst nichts. Ich weiß ja, daß alle, absolut alle, beim Lesen dieser Bemerkung sagen werden, daß ich übertreibe. Aber ich bin überzeugt, daß meine Bemerkung richtig ist. Ich habe diese Überzeugung nicht aus Büchern, nicht aus Spekulationen, sondern aus der Wirklichkeit geschöpft und habe genügend Zeit gehabt, um meine Überzeugungen nachzuprüfen. Vielleicht werden später einmal alle erfahren, wie richtig meine Anschauung ist.

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