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Aufzeichnungen aus einem toten Hause
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»Gewiß, ist ja ein freier, wilder Vogel, läßt sich nicht ans Zuchthaus gewöhnen,« stimmten die andern bei.

»Ist wohl anders als wir,« bemerkte jemand.

»Das war gescheit von dir: er ist doch ein Vogel, und wir sind immerhin Menschen.«

»Der Adler ist der König der Wälder...« begann Skuratow, aber diesmal wollte ihm niemand zuhören.

An einem Nachmittag, als die Trommel zur Arbeit rief, nahm man den Adler, hielt ihm den Schnabel mit der Hand zu, da er wütend um sich schlug, und trug ihn aus dem Zuchthause. Man brachte ihn auf den Festungswall. Die zwölf Mann, die diesen Trupp bildeten, waren neugierig zu sehen, wohin nun der Adler gehen würde. Seltsam: alle waren irgendwie zufrieden, als ob sie selbst die Freiheit wiedererlangten.

»Dieses verdammte Vieh: man tut ihm Gutes, er aber beißt!« sagte derjenige, der ihn hielt, den bösen Vogel fast liebevoll anblickend.

»Laß ihn los, Mikitka!«

»Der läßt sich nicht anführen. Er verlangt nach der wirklichen, echten Freiheit.«

Man warf den Adler vom Wall in die Steppe hinunter. Es war im Spätherbst, an einem kalten, trüben Tage. Der Wind pfiff durch die nackte Steppe und rauschte im gelben, trockenen, zottigen Steppengras. Der Adler lief geradeaus, seinen gesunden Flügel schwingend, als beeilte er sich, von uns, ganz gleich wohin, wegzukommen. Die Arrestanten verfolgten mit neugierigen Blicken, wie sein Kopf durch das Gras huschte.

»Sieh ihn mal einer an!« versetzte nachdenklich der eine.

»Blickt nicht mal zurück!« fügte ein anderer hinzu. »Hat sich kein einziges Mal umgeschaut, läuft immer weiter!«

»Hast du vielleicht geglaubt, daß er umkehrt, um sich zu bedanken?« bemerkte ein dritter.

»Natürlich, es ist die Freiheit. Er hat die Freiheit gespürt.«

»Ja, die Freiheit.«

»Jetzt ist er nicht mehr zu sehen, Brüder...«

»Was steht ihr noch herum? Marsch!« schrien die Wachsoldaten, und alle trabten schweigsam zur Arbeit.

VII

Die Beschwerde

Der Herausgeber der Aufzeichnungen des verstorbenen Alexander Petrowitsch Gorjantschikow hält es für seine Pflicht, zu Beginn dieses Kapitels seinen Lesern folgendes mitzuteilen:

Im ersten Kapitel der »Aufzeichnungen aus dem toten Hause« sind einige Worte über einen Adligen, der einen Vatermord begangen hatte, gesagt. Unter anderem wurde er als ein Beispiel für die Gefühllosigkeit hingestellt, mit der manche Arrestanten von ihren Verbrechen sprechen. Es hieß darin ferner, daß der Mörder sein Verbrechen vor Gericht nicht eingestanden habe, daß aber die Tatsachen nach den Aussagen der Menschen, die alle Einzelheiten seiner Geschichte kannten, dermaßen klar gewesen seien, daß es unmöglich gewesen sei, an das Verbrechen nicht zu glauben. Diese selben Menschen erzählten dem Verfasser der »Aufzeichnungen«, daß der Verbrecher früher einen höchst liederlichen Lebenswandel geführt hätte, tief in Schulden steckte und seinen Vater aus Gier nach der Erbschaft ermordet habe. Übrigens wurde diese Geschichte von allen Bewohnern der Stadt, in der dieser Vatermörder einst gedient hatte, vollkommen gleichlautend erzählt. Über diese letztere Tatsache besitzt der Herausgeber der »Aufzeichnungen« recht zuverlässige Nachrichten. Schließlich heißt es in den »Aufzeichnungen,« daß der Mörder sich im Zuchthause ständig in der besten und heitersten Gemütsverfassung befunden habe; daß er ein überspannter, leichtsinniger und im höchsten Grade unsolider Mensch, aber durchaus kein Dummkopf gewesen sei, und daß der Verfasser der »Aufzeichnungen« an ihm niemals irgendeine besondere Grausamkeit wahrgenommen habe. Gleich dabei standen die Worte: »natürlich glaubte ich an dieses Verbrechen nicht«.

Dieser Tage erhielt der Herausgeber der »Aufzeichnungen aus dem toten Hause« die Nachricht aus Sibirien, daß der Verbrecher tatsächlich unschuldig war und unverdienterweise zehn Jahre in der Zwangsarbeit geschmachtet hatte; daß seine Unschuld offiziell vom Gericht anerkannt worden ist; daß die wirklichen Verbrecher sich gefunden und alles gestanden haben und daß der Unglückliche bereits aus dem Zuchthause befreit worden ist. Der Herausgeber kann an der Richtigkeit dieser Nachricht unmöglich zweifeln...

Es ist dem nichts mehr hinzuzufügen. Es hat keinen Zweck, sich über die ganze tiefe Tragik dieses Falles und über das in einem so jugendlichen Alter unter einer so furchtbaren Anklage zugrunde gerichtete Leben zu verbreiten. Die Tatsache ist allzu verständlich und schon an sich allzu erschütternd.

Wir glauben auch, daß schon die bloße Möglichkeit einer solchen Tatsache einen neuen und außerordentlich grellen Zug zur Charakteristik und zur Vervollständigung des Bildes des toten Hauses beiträgt. Indessen fahren wir aber fort.

Ich sagte schon früher, daß ich mich endlich in meine Lage im Zuchthause hineingefunden hatte. Aber dieses »endlich« geschah sehr langsam und qualvoll und gar zu allmählich. Eigentlich brauchte ich dazu fast ein ganzes Jahr, und dieses Jahr war das schwerste Jahr meines ganzen Lebens. Darum blieb es auch als etwas Ganzes in meinem Gedächtnisse erhalten. Mir scheint, daß ich mich auf jede Stunde dieses Jahres der Reihe nach besinnen kann. Ich sagte ferner, daß auch die andern Arrestanten sich an dieses Leben niemals wirklich gewöhnen konnten. Ich erinnere mich noch, wie ich mich in diesem ersten Jahre oft fragte: »Und wie steht es mit ihnen? Sind sie denn ruhig?« Solche Fragen beschäftigten mich sehr. Ich erwähnte schon, daß alle diese Arrestanten hier nicht wie bei sich zu Hause, sondern wie in einer Herberge, auf einem Marsche, auf einer Etappe gelebt hatten. Selbst die auf Lebenszeit verschickten Menschen waren unruhig oder voller Sehnsucht, und ein jeder von ihnen gab sich zweifellos Träumereien über etwas fast Unmögliches hin. Diese ewige Unruhe, die sich zwar stumm, aber sichtbar äußerte, diese seltsame Hitzigkeit und die Ungeduld, mit der manche Hoffnung unwillkürlich ausgesprochen wurde, eine Hoffnung, die zuweilen dermaßen grundlos war, daß sie eher einem Fieberwahne glich, und die manchmal, was gerade das Seltsamste war, auch in den anscheinend praktischsten Köpfen lebte, – dies alles verlieh diesem Orte einen ungewöhnlichen Anstrich und Charakter, und diese Züge bildeten vielleicht seine charakteristischste Eigentümlichkeit. Man fühlte irgendwie auf den ersten Blick, daß es außerhalb des Zuchthauses nichts Ähnliches gab. Hier waren alle Menschen Träumer, und das fiel sofort auf. Man erkannte es mit einem gewissen Schmerz, und zwar gerade daran, daß diese Verträumtheit den meisten Zuchthausbewohnern ein eigentümliches mürrisches, düsteres, ungesundes Aussehen verlieh. Die überwiegende Mehrheit war schweigsam und boshaft bis zum Haß und liebte es nicht, ihre Hoffnungen zu äußern. Offenherzigkeit und Aufrichtigkeit wurden stets verachtet. Je unerfüllbarer die Hoffnungen waren und je mehr der Träumer selbst von ihrer Unerfüllbarkeit überzeugt war, um so hartnäckiger und schamhafter trug er sie in seinem Innern, konnte aber auf sie niemals verzichten. Wer weiß, vielleicht schämte sich mancher in seinem Innern dieser Hoffnungen. Im russischen Charakter liegt ja so viel Nüchternes und Positives, so viel Spott über sich selbst... Vielleicht beruhten gerade auf dieser fortwährenden heimlichen Unzufriedenheit mit sich selbst diese ungewöhnliche Unduldsamkeit dieser Leute in ihren täglichen Beziehungen, diese Unversöhnlichkeit und diese Vorliebe, über einander zu spotten. Und wenn manchmal einer von ihnen, der naiver als die anderen war, es wagte, laut auszusprechen, was sich alle anderen bloß dachten, und sich über die Hoffnungen und Träumereien zu ergehen, so wurde er von den anderen sofort auf eine rohe Weise zurechtgewiesen, unterbrochen und ausgelacht; aber ich glaube, daß dabei gerade diejenigen die Unduldsamsten waren, die in ihren Träumereien und Hoffnungen noch weiter gingen als er. Die Naiven und Einfältigen wurden bei uns überhaupt, wie ich schon sagte, als die größten Dummköpfe angesehen und mit der tiefsten Verachtung behandelt. Ein jeder war so düster und egoistisch, daß er einen jeden gutmütigen und nicht egoistischen Menschen verachtete. Alle, außer diesen naiven und einfältigen Schwätzern, d.h. die Schweigsamen zerfielen in zwei scharf getrennte Kategorien: in Gutmütige und Böse, in Düstere und Heitere. Von den Düsteren und Bösen gab es unvergleichlich mehr; wenn es unter diesen auch solche gab, die ihrer Natur nach gesprächig waren, so waren sie alle unbedingt unruhige Klatschbasen und Neidhammel. Sie kümmerten sich um alle fremden Angelegenheiten, obwohl sie ihre eigene Seele, ihre eigenen heimlichen Angelegenheiten vor niemand enthüllten. Das war nicht Mode und nicht Sitte. Die Gutmütigen – eine sehr kleine Gruppe – waren still, trugen ihre Hoffnungen stumm in sich und waren natürlich mehr als die Düsteren geneigt, an sie zu glauben. Mir scheint übrigens, daß es im Zuchthause auch noch eine Kategorie der vollständig Verzweifelten gab. Zu diesen zähle ich z.B. den Alten aus den Siedlungen von Starodub; jedenfalls gab es ihrer sehr wenig. Der Alte war äußerlich ruhig (ich sprach schon von ihm), aber ich schließe aus verschiedenen Anzeichen, daß sein Seelenzustand ein entsetzlicher war. Übrigens hatte er ja seine Rettung und seinen Ausweg: das Gebet und die Idee des Märtyrertums. Der verrückte Arrestant, den ich auch schon erwähnt habe, der sich an der Bibel überlesen und sich mit einem Ziegelstein gegen den Major gestürzt hatte, gehörte wohl auch zu den Verzweifelten, zu denen, die von der allerletzten Hoffnung verlassen waren; da man aber ohne jede Hoffnung unmöglich leben kann, so ersann er sich einen Ausweg in dem freiwilligen, fast künstlichen Martyrertum. Er erklärte auch, er hätte sich gegen den Major nicht aus Bosheit gestürzt, sondern einzig vom Wunsche beseelt, Leiden auf sich zu nehmen. Wer weiß, was für ein psychologischer Prozeß sich damals in seiner Seele abspielte! Ohne ein Ziel und ohne ein Streben lebt kein einziger lebender Mensch. Wenn der Mensch jedes Ziel und jede Hoffnung verloren hat, so verwandelt er sich häufig vor Gram in ein Ungeheuer... Wir alle hatten das eine Zieclass="underline" frei zu werden und aus dem Zuchthause herauszukommen.

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