Die Zypressen von Cordoba
- Автор: Guiladi Yael
- Год: 2004
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Die Zypressen von Cordoba». Краткое содержание книги:
»Da habt Ihr sie also ordentlich betastet, Ihr elender Lüstling? Ich glaube Euch kein Wort. Und selbst wenn Ihr recht hättet, dann hat sie ihr Leben bisher mit diesem Ding gelebt und kann auch so weiterleben.«
»Nicht ohne schwerwiegendste Folgen.«
»Ihr erwartet doch nicht ernsthaft, daß ich mich an einer Frau mit nur einer einzigen Brust erfreue?«
»Besser eine Frau mit nur einer Brust als gar keine Frau«, erwiderte Hai trocken, entrüstet über die Brutalität dieses Mannes.
»Was meint Ihr damit? ›Gar keine Frau‹?«
»In einigen Fällen können solche Geschwulste, wenn man sie nicht behandelt, katastrophale Folgen haben.«
»Wenn Allah ihr Schicksal so bestimmt hat, dann soll es so sein.«
»Im Gegenteil. Allah hat sie zu mir geführt, damit ich ihr zu helfen versuche, wie ich schon anderen in ähnlichen Fällen geholfen habe.«
»Allah würde sie nicht zu einem verwerflichen Ungläubigen führen, um sie zu retten. Komm«, befahl er und zerrte seine Frau hinter sich her, »wir müssen diesem Sündenpfuhl entfliehen.«
Wenige Monate später erfuhr Hai, daß die Frau nach schrecklichen Schmerzen am ganzen Leibe angefangen hatte, Blut zu spucken, und bald darauf an einem Fieber gestorben war.
Doch Stella und Abu'l Kasims Base, die regelmäßig den Extrakt einnahmen, waren noch am Leben und bei guter Gesundheit …
War die Krankheit bereits zu tief in den Organismus der Frau vorgedrungen gewesen, als daß er sie noch hätte retten können, oder hätte er zusammen mit dem Chirurgen auch ihr helfen können? Diese Frage ließ sich nicht aus Hais Gedanken vertreiben, sie lauerte ihm im Schlaf auf und erregte in ihm eine Unruhe, die seiner ruhigen und sanften Natur völlig fremd war. Weder Dalitha mit ihrer Milde noch der aufgeweckte kleine Amram mit seinen vorwitzigen Fragen konnten ihm mehr als nur kurze Augenblicke der Ruhe schenken.
33
Monat für Monat voller Ungewißheit und Fragen waren vergangen, als eines Donnerstags Prinzessin Subh wieder bei Hai erschien. Wie beim erstenmal war sie dicht verschleiert, diesmal aber kam sie in Begleitung einer anderen Frau, die ähnlich gekleidet war. Hai war äußerst unwohl zumute, als er die beiden Frauen ins frühere Studierzimmer seines Vaters führte. Offensichtlich waren die Großen – wenn auch nicht die Mächtigen – wild entschlossen, ihn nicht aus ihren Fängen zu lassen … Die Prinzessin stellte ihre Begleiterin als Herzogin Sabina vor, ihre Tante aus dem Baskenland, deren ruhmreiche Vorfahren, wie sie ihn erinnerte, 778 in Roncesvalles Karl den Großen in die Flucht geschlagen hatten. Obwohl das schon von Natur aus schmale Gesicht der Herzogin eingefallen und grau war und sie tiefe dunkle Ringe unter den Augen hatte, trotz ihrer ausgemergelten Gestalt nahm sie all ihre Kraft zusammen, um so hochmütig aufzutreten, wie es ihrem Rang entsprach.
Mit der aufrichtigen Sorge, für die Hai von all seinen Patienten so geliebt und geachtet wurde, hörte er der Herzogin aufmerksam zu, während sie ihm erklärte, warum sie von so weit her angereist war, um ihn um Rat zu fragen. Ständige Schmerzen im Oberbauch und im Rücken raubten ihr nun schon einige Zeit den Schlaf. Sie hatte jeglichen Appetit verloren, und – dabei starrte Prinzessin Subh mit einem besonders vorwurfsvollen Blick zu Hai hinüber – es war ein seltsam harter Knoten in einer ihrer Brüste zu spüren. Angst legte sich wie ein Schleier vor ihre ruhigen grauen Augen, als sie fortfuhr: »Unser Arzt hat mir nur wenig Hoffnung gemacht. Er hat vage von einer bösartigen Krankheit gesprochen, für die es keine Heilung gibt.«
»Ich habe darauf bestanden, daß die Herzogin Euch aufsucht«, warf Prinzessin Subh ein. »Die Frauen von Córdoba behaupten, das Wundermittel, das Ihr mit Hilfe meines armen verstorbenen Gatten aus Afrika hierhergeholt habt, könne solche Geschwulste heilen.«
Hais ungutes Gefühl wuchs. Gerüchte oder Phantasie oder schlicht Wunschdenken, vielleicht angeregt durch die zweifelhaften, vielleicht auch nur zeitweiligen Erfolge, die er bei Stella und Abu'l Kasims Base erzielt hatte, hatten aus ihm eine Art Wunderheiler gemacht, dem man Kräfte zuschrieb, die er nicht besaß und die er auch nicht im Traum für sich beansprucht hätte. Ein Blick auf die eingefallene Gestalt der baskischen Adeligen reichte, um ihn davon zu überzeugen, daß es kaum noch eine Chance gab, sie zu retten. Er konnte sich jedoch nicht weigern, sie zu behandeln, und da ihre Nichte ihr Hoffnungen gemacht hatte, mußte er sich letztendlich vor ihr, der Mutter des Kalifen, verantworten, wenn seine Behandlung fehlschlug. Prinzessin Subh und ihr verderbter Sohn waren zwar der wirklichen Macht im Reich beraubt, verfügten aber zweifelsohne noch über Mittel und Wege, um seinen Ruf zu ruinieren, wenn nicht gar eine drastischere Strafe über ihn zu verhängen … Eine offene ehrliche Erklärung war also vonnöten.
»Die Frauen von Córdoba schreiben mir Kräfte zu, die jeder Arzt seit der Zeit der Antike gerne besessen hätte, aber leider habe weder ich sie, noch hat je ein anderes Mitglied unseres Berufsstandes über sie verfügt. Es gibt viele Arten von bösartigen Krankheiten. Manche Geschwulste können wir erkennen und gelegentlich durch Herausschneiden beseitigen, wenn sie noch nicht lange bestehen, wenn sie nicht nahe bei einem lebenswichtigen Organ sitzen und wenn der Patient stark genug ist, um die Operation zu überleben. Die Existenz anderer Geschwulste, die unseren Augen verborgen sind, können wir manchmal aus den Symptomen ableiten, die sie hervorrufen, aber bei diesen besteht wenig Hoffnung auf eine Heilung. Hippokrates war der Meinung, man solle einige besser unbehandelt lassen, weil die Operation, mit der man sie entfernt, gefährlicher ist als das langsame Wachstum dieser Geschwulste. In bestimmten Fällen kann unter Umständen, wenn die Geschwulst in einem frühen Stadium entfernt wurde, der Extrakt, den die Prinzessin erwähnt hat, helfen, um ein weiteres bösartiges Wachstum einzudämmen, doch wir wissen auch nicht, ob das wirklich so ist und wie lange es so bleibt. Wir werden noch über viele Jahre Versuche unternehmen und Beobachtungen machen müssen, um die Wirksamkeit des Extraktes festzustellen und die Bedingungen zu erforschen, unter denen man auf ein positives Ergebnis hoffen darf. Die Medizin, verehrte Damen, ist keine exakte Wissenschaft. Das Phänomen, mit dem wir es zu tun haben, ist so vielschichtig wie die menschliche Natur. Was einer Person hilft, kann bei einer anderen wirkungslos, wenn nicht gar schädlich sein. Ein Arzt muß ständig aus dem Schatz seiner Erfahrungen schöpfen und mit Hilfe der Intuition entscheiden, welches Heilmittel er in jedem einzelnen Fall verschreiben soll, und es dann auf die Reaktion seines Patienten abstimmen. Daher kann sehr wohl der Extrakt, den wir mit der großzügigen Hilfe des verstorbenen Gatten Eurer Nichte, des edlen Kalifen al-Hakam II., aus Afrika geholt haben, in einigen Fällen eine Heilung bewirken, in anderen jedoch vollkommen versagen. Ich habe noch keine genügende Zahl von Patienten damit behandelt, um Euch – oder sonst jemandem – verläßliche Aussichten machen zu können.«
»Ich habe meine arme, leidende Tante nicht die lange Reise von Bilbao hierher machen lassen, um einem wissenschaftlichen Vortrag zu lauschen«, erwiderte die Mutter des Kalifen heftig. »Wir suchen Heilung, keine Vorlesungen.«
»Zusammen mit Abu'l Kasim werde ich alles in meiner Macht Stehende tun, um der Herzogin zu helfen. Aber ich möchte noch einmal wiederholen und betonen, daß meine Macht begrenzt ist. Die Schmerzen, über die sie klagt, machen diesen Fall komplizierter als die anderen, die ich behandelt habe, und ich kann Euch keinen Erfolg versprechen. Nachdem ich all das gesagt habe«, fuhr Hai ernst fort und wandte sich nun direkt an die Herzogin, »seid Ihr trotzdem bereit, mich einen Versuch wagen zu lassen?«
»Eure Aufrichtigkeit gefällt mir, junger Mann. Sie flößt mir Vertrauen ein. Und da es keine andere Möglichkeit gibt, wäre ich eine Närrin, wenn ich mich ihr verweigerte.«