Georgs Sorggen um die Vergangenheit
- Автор: Faktor Jan
- Год: 2010
- Язык: немецкий
- Год: Kiepenheuer & Witsch
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «Georgs Sorggen um die Vergangenheit». Краткое содержание книги:
— Prügel gefällig?
Die Blicke, die ich auf Frauen richtete, waren selbstverständlich hochgradig bedürftig. Diese weicheierischen Anteile kannte ich nur zu gut, wußte aber lange nicht, wie leicht sie von Dritten durchschaut werden könnten. Als ich die vergleichbar ungeschützt hinausposaunte Bedürftigkeit endlich unter die Lupe nahm, Blicke von Männern, die sich ähnlich armselig aufgeführt hatten, freilegte, wußte ich schlagartig Bescheid. Ein Freund von mir schaute einer jungen Rezeptionsdame beim Verlassen eines Provinzhotels so lange und intensiv in die Augen, bis diese ihn anlächelte. Ich fand die Situation furchtbar kindisch, und mein bester Freund tat mir leid. Aber ich sollte vielleicht nicht allzulaut krähen. Einmal fuhr ich durch die halbe Stadt in eine bestimmte Kneipe, um mir den Arsch einer Kellnerin von nahem anzusehen. Am Tag hatte ich sie und ihr Hinterteil nur flüchtig aus der Straßenbahn gesehen und war so unruhig geworden, daß ich noch einmal antanzen mußte. Ich wollte diese Frau ganzheitlich und von allen Seiten begutachten.Nach der vollkommen sinnlosen Recherchefahrt hoffte ich, mich nie wieder auf ein solches Abenteuer einzulassen. Die Frau wirkte nämlich — Arsch hin oder her — alles andere als glücklich, ihr Gesicht war — Unglück hin oder her — schon von Natur aus disharmonisch, und mit ihrer großporigen Haut stimmte etwas nicht. Außerdem fehlte ihr ein Backenzahn.
Um wieviel schöner waren dagegen, erinnerte ich mich, die alten Frauen unten den blühenden Prager Linden! In jeder Saison gingen sie mit ihren Haushaltsleitern wenigstens einmal auf Wanderschaft. In unserer Gegend standen dann Unmengen von Omas in unterschiedlich luftiger Höhe — überall dort, wo die gelbstrahlenden Äste der Linden einigermaßen niedrig hingen. Alles duftete, die Frauen pflückten die Blüten, und man konnte ihnen unter die Röcke sehen, wenn man Interesse am Wissen über die Heilwirkung der Lindenblüte zeigte.
In der Kindheit hatte ich die naturdiktierten, geschlechtsgepeitschten Verhaltensstandards dauernd vor Augen. Ich sah, was zwischen Männern und Frauen im Prager Menschenzoo vor sich ging und offenbar auch nicht anders als auf diese kanonisierte Art zu laufen hatte. Nämlich wie am Fließband und ohne jegliche Skrupel. Ein Herr Professor, der bei uns im Haus wohnte, schleppte dauernd schöne junge Studentinnen in seine Wohnung. Er war Junggeselle und lebte mit seiner uralten tauben Mutter zusammen. Ich sah ihn oft mit seinen reizenden Begleiterinnen im Treppenhaus, weil ich dort regelmäßig mit einem Tennisball Fußball spielte. Ihm gefielen nur schöne Frauen, sagte er einmal einem Freund meiner Mutter, der seinen vortrefflichen Geschmack gelobt hatte. Auch die Bekannten meiner Mutter — allesamt verheiratete Männer — waren keine korrektiv tauglichen Bespiele für mich. Einige von ihnen unterhielten feste Beziehungen nicht nur zu ihren Zweitfrauen, sondernparallel auch noch zu ihren wechselnden Drittfrauen. Als Thema waren Untreue, Doppeltreue oder Trippeltreue bei uns immer präsent — und nie als etwas Außergewöhnliches oder Anstößiges kommentiert worden.
Bei meinen Beobachtungen ignorierte ich keinesfalls Einzelgänger, die etwas anders funktionierten als die Mehrheit. Auch wenn ich manches lange überhaupt nicht nachfühlen konnte. Ein Bekannter meiner Mutter war beispielsweise entzückt von dicken Frauenwaden, sprach von ihnen mit einer solchen Hingabe und Offenheit, daß man ihm diese Vorliebe glauben mußte. Mir blieb seine Leidenschaft so lange fremd, bis mir einmal auffiel, wie dieser Mensch plötzlich die Beine meiner Mutter zu fixieren begann. Im Normalzustand waren ihm ihre Waden und Schenkel sicher nicht dick genug, meine Mutter hatte ihre Beine aber gerade übereinandergeschlagen — und ihre oben liegende Wade war dadurch breiter geworden, beulte sich aus und wirkte ungewöhnlich voluminös. Der Mann war wie gelähmt und zu einem vernünftigen Gespräch nicht mehr fähig. Er begann stotternd von seinem großen Unglück aus alten Zeiten zu erzählen. Eine Jugendliebe von ihm — die Frau mit den dicksten Waden, die er sich erträumen konnte — hatte ihn von einem Tag auf den anderen verlassen und jemand anderen geheiratet. Und dieser Rivale hatte diese Wadenbeste als sie ihm insgesamt zu dick wurde — wiederum eines Tages verlassen. Selbstverständlich hatte der Schuft diese Frau in ihrer ganzen Dickwadigkeit nie gewürdigt.
Die ersten Vorgespräche zum Thema» Die Frau und der Alltag «und» Das Mysterium des Zusammenlebens «führte ich ausgerechnet mit ebendiesem wadenbesessenen Sonderexemplar von Mann, der sich zu einem partiellen Misogyn entwickelt hatte und in einer katastrophalen Ehe-Notgemeinschaft vegetierte. Auf meine freudig erregten Fragen bekam ich deswegen entsprechend häßliche Antworten.- Es ist furchtbar, tagtäglich die gleiche Frau… Sie putzt sich ausgerechnet dann die Zähne, wenn man ins Bad will. Überall liegt ihre Unterwäsche herum.
— Aber das, genau das ist doch das Schöne daran. Jeden Tag zu sehen, wie sich die Frau, die EIGENE FRAU ihre Zähne neben einem putzt… und die Unterwäsche dauernd durch die Luft wirbeln läßt!
— Nein! Glaub mir, Georg, das alles geht einem nur noch auf den Geist. Wenn sie zum Beispiel Schnupfen hat, bleibt im Waschbecken ihre angetrocknete Rotze dauernd kleben und läßt sich ohne Berührung nicht wegspülen. Eklig ist das. Außerdem immer wieder diese blutigen Binden! Und wie die im Mülleimer stinken — schon nach kürzester Zeit! Das kannst du dir gar nicht vorstellen. Am nächsten Tag willst du einfach nur raus auf die Straße, und du bleibst dort, so lange du laufen kannst.
Als ich bei einem Sport- und Turnfest in einem riesigen Prager Stadion Zehntausende braungebrannte nackte Frauenbeine gesehen hatte, wurde mir das Problematische meiner großflächig keimenden Sehnsüchte überdeutlich bewußt — trotz meines zarten Alters. Die unübersehbare Menge an Frauen, die es auf der Welt gab — im und außerhalb des Stadions — , war an sich schon ein Grund zum Verzweifeln. Dieses Meer konnte ein Einzelwesen niemals mit Glück beschenken. Dabei war jede dieser Frauen — jedenfalls nach den mir gerade präsentierten schlanken Beinen zu urteilen — eine umwerfende Schönheit. Jede von ihnen hätte ein glückliches Leben verdient, jede von ihnen versprach jedem einigermaßen seh-potenten Mann Glück und Erfüllung. Auf der Zuschauertribüne saß ich neben meiner Mutter und war lange sprachlos. Nachträglich sprach ich tagelang nur von den schönen Frauenbeinen, von nichts anderem — von diesen Zehntausenden und Abertausenden Beinen. Das Sportstadion Strahov ist — jedenfalls was die 60 000 Quadratmeter, also ganze ACHT Fußballfeldergroße Turnfläche betrifft — das europaweit größte Stadion. Die Fläche konnte also auch die größte Menge an synchron turnenden Frauen aufnehmen. Das Sportliche, Harmonische, die Gleichzeitigkeit der Arm- und Beinbewegungen, die geometrischen Muster, die die Turnerinnen auf der riesigen Fläche entstehen ließen, alles, was ich sah, spielte für mich eine nur untergeordnete Rolle. Was sich mir eingebrannt hatte, waren ausschließlich die nackten Beine. Notgedrungen dachte ich später aber auch daran, daß sich alle diese dreißigtausend Frauen zweimal täglich die Zähne putzten — oder es zumindest hätten tun sollen.
In meiner unmittelbaren Nähe ging es punktuell aber auch ausgesprochen triebschwach zu — sogar bei einem jungen männlichen Wesen. Er war mein Mitschüler, schien unter der Turnhose so gut wie penislos zu sein, außerdem war er dicklich, langsam, trotz allem aber äußerst freundlich. Sein Vater arbeitete — wie meiner — bei der» Geheimpolizei«. Dieser Bursche hatte bekanntermaßen ein körperliches Geheimnis und durfte als einziger während des Unterrichts ungefragt auf die Toilette gehen. Worin sein Geheimnis bestand, wußte leider niemand so recht. Als ich einmal vom Arztbesuch in die Schule kam und unerwartet die Toilette betrat, hockte dieser Leisetreter mitten im Raum oberhalb eines Fußbodenabflusses und urinierte. Wir lächelten uns an. Da wir beide gewissermaßen zum geheimpolizeilichen Nachwuchs gehörten, habe ich über seine frauliche Art zu pinkeln niemandem etwas erzählt.