Die Zypressen von Cordoba
- Автор: Guiladi Yael
- Год: 2004
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Die Zypressen von Cordoba». Краткое содержание книги:
Hai und Dalitha waren Ehrengäste bei der bescheidenen Hochzeitsfeier. Von allen Anwesenden war nur Hai bewußt, vor welchem Schicksal er die Braut bewahrt hatte. Es war einer der schönsten Augenblicke seines Lebens. Was konnte mehr Befriedigung verschaffen als die Gewißheit, ein junges Lebewesen aus den Klauen des Todes gerissen zu haben, und das große Privileg, dieses Leben aufblühen zu sehen?
Wenige Monate später kam Abu'l Kasim im Hospital zu Hai geeilt, als der gerade einen ausgemergelten alten Mann untersuchte, den man soeben eingeliefert hatte und dessen Magen so grotesk aufgedunsen war, daß er unter dem Druck kaum noch atmen konnte. Dicke blaue Adern traten unter der Haut des wie eine Trommel straff gespannten Bauches hervor, und es schien, als müsse der Leib des Ärmsten jeden Augenblick zerbersten. Den Studenten, die Hai auf seinen Rundgängen begleiteten und begierig seinen Worten lauschten, erklärte Hai:
»Dies ist ein klassischer Fall von Aszites oder Bauchwassersucht, wenn sich wegen einer Geschwulst in den Gedärmen zwischen diesen und dem Bauchfell Wasser ansammelt. Unser Bestreben muß sein, das auffälligste Symptom zuerst zu behandeln, nämlich die Wassersucht. Dieser Fall ist zu akut, als daß wir dem Patienten ein Diuretikum verabreichen könnten. Wir haben keine andere Wahl, als das Bauchfell zu punktieren, um die Flüssigkeit abfließen zu lassen und den Druck auf den gesamten Organismus des Patienten zu verringern. Geht Abu Wafid holen«, befahl er einem der Studenten. »Er besitzt großes Geschick in diesem Verfahren. Beobachtet ihn genau bei der Arbeit. Ihr könnt viel von ihm lernen.«
Abu'l Kasim, der abgewartet hatte, bis Hai mit seinen Erläuterungen zu Ende war, trat nun hinzu und nahm ihn zur Seite. »Ich bin gekommen, um mit Euch einen anderen Fall zu besprechen, aber als ich Eure Diagnose hörte, habe ich mich unweigerlich auch für diesen Fall interessiert. Würdet Ihr eine Behandlung mit dem Aloe-Extrakt in Erwägung ziehen?«
»Ich denke nicht. Die abführende Wirkung auf die Gedärme, die bereits von Krankheit befallen sind, würde den Patienten nur noch mehr schwächen.«
»Aber er könnte doch trotzdem etwas von den lebensspendenden Eigenschaften der Pflanze in sich aufnehmen? Wenn er ein wenig kräftiger würde, wäre es vielleicht möglich, die Geschwulst zu entfernen.«
»Ich bezweifle, daß die Aloe ihn dafür genügend stärken könnte.«
»Es ist einen Versuch wert. Es ist unsere einzige Hoffnung.«
»Meiner Meinung nach eine eitle Hoffnung.«
Und tatsächlich, kaum hatte sich der alte Mann von der Punktierung seines Unterleibs ein wenig erholt, da überkam ihn ein andauernder Durchfall, in dem sich auch mehr und mehr Blut zeigte. Wie immer hatte sich Hais Einschätzung bewahrheitet. Die ernsten Gesichter der beiden Männer, die auf die jammervolle Gestalt herabschauten, war eine stumme Bestätigung seines bevorstehenden, unvermeidlichen Todes.
Abu'l Kasim machte sich Sorgen um eine seiner Basen, eine Witwe, die seiner Frau beiläufig erzählt hatte, sie hätte einen Knoten in ihrer Brust ertastet.
»Ich vermute, der Fall liegt ähnlich wie bei Stella, und ich möchte gern, daß Ihr sie genauso behandelt. Würdet Ihr Euch bereit erklären, sie zu untersuchen?«
»Es überrascht mich, daß Ihr meint, fragen zu müssen«, erwiderte Hai. »Aber wie wollt Ihr sie dazu überreden, sich von mir und nicht von Euch, ihrem Verwandten, behandeln zu lassen?«
»Das überlasse ich meiner Frau.«
Und so geschah es. Wie Stella legte auch Abu'l Kasims Base ihr Schicksal vertrauensvoll in Hais erfahrene Hände und stimmte zu, daß der Chirurg den empfohlenen Schnitt durchführte. Während ihrer Genesung besuchte Hai sie jeden Tag, und allein schon seine Gegenwart, seine tiefe Menschlichkeit beruhigten, ermutigten und ermunterten sie. Wie Stella nahm auch sie den bitteren Extrakt genau nach Hais Vorschriften ein. Und zumindest für einige Zeit war auch sie vor einem Schicksal errettet, das sie nicht einmal ahnte.
Als aus Monaten Jahre wurden, wagten sich sowohl Hai als auch Abu'l Kasim zu der Annahme vor, daß das andauernde Wohlbefinden der beiden Frauen, die sie behandelt hatten, zumindest ein vorläufiger Beweis für die Wirksamkeit des Extraktes in diesen speziellen Fällen sein könnte. Aber sie vermochten sich nicht zu erklären, worin der Grund dafür bestand. Sie konnten nur vermuten, daß sie die Geschwulste der beiden Frauen in ihrem ersten Stadium entfernt hatten und daß daher die Lebenskraft, die Ralambos Aloe ihnen einflößte, das Entstehen weiterer Geschwulste verhinderte. Aber wie lange, wenn überhaupt? Dieser Zweifel blieb.
Inzwischen hatten die Frauen von Córdoba – hochwohlgeboren oder von niedrigem Stand – viel geredet und getratscht. Hais Name war in aller Munde – seine Freundlichkeit, seine Sanftheit, sein Mitgefühl – und sein Charme. Seltsamerweise wuchs der Anteil von Frauen unter seinen Patienten beträchtlich, und viele Frauen kamen nur unter fadenscheinigen Vorwänden zu ihm. Es wäre ihm nicht in den Sinn gekommen, daß sie allein um des Vergnügens willen erschienen, seine Finger auf ihren Brüsten zu spüren – denn auch davon flüsterten die Frauen … Erst als eines Donnerstags ein Ehepaar in sein Arbeitszimmer trat, der rotgesichtige Ehemann ungehobelt, die Frau ängstlich hinter ihm, dämmerte ihm die Wahrheit.
»Die Freundinnen meiner Frau haben sie so sehr in Aufregung versetzt«, begann der Mann in unverhohlen feindseligem Ton, »daß sie nun überzeugt ist, einen harten Abszeß in der Brust zu haben. Wenn ihn irgend jemand dort gespürt haben sollte, dann doch wohl ich, ihr Ehemann, aber ich habe nichts bemerkt. Das ist alles nur eine Einbildung ihrer lüsternen Phantasie, eine Entschuldigung, damit sie Eure Hände überall an ihrem Körper spüren kann, wie all die anderen, die wegen dieser skandalösen Vergnügung zu Euch gerannt kommen. Nun, ich werde dieser schändlichen Verirrung ein Ende setzen. Untersucht meine Frau, wenn es recht ist, aber in meiner Gegenwart, um diese verworrenen Gedanken ein für allemal aus ihrem Hirn zu verbannen.«
Zitternd vor Verlegenheit und unendlicher Scham, knöpfte die Frau ihr Hemd auf, ließ kaum genug Raum, daß Hai mit der Hand hineingreifen konnte. Während er ihre langen, hängenden Brüste abtastete, schaute ihm der Ehemann über die Schulter und begutachtete jede seiner Bewegungen genau. Die Frau wandte schamhaft die Augen ab. Plötzlich erstarrte Hais Gesichtsausdruck. Seine Hand kehrte noch einmal zu einer Stelle zurück, die er bereits abgetastet hatte, und obwohl er fest zudrückte, verspürte die Frau keinen Schmerz. Damit war die Untersuchung beendet. Während die Frau ihre Kleidung richtete, wandte sich Hai ihrem Mann zu und sagte mit fester Stimme: »Eure Frau hat recht. In ihrer linken Brust ist eine Geschwulst von erheblicher Größe. Ich empfehle, daß sie unverzüglich entfernt wird.«
»Unsinn«, bemerkte der Mann verächtlich.
»Ich kann Euch versichern, daß ein Irrtum ausgeschlossen ist.«
»Das ist unmöglich. Ich hätte es gespürt.«
»Nicht unbedingt. Die Geschwulst sitzt ziemlich tief.«