Im Schatten des Wolfes [The Hallowed Hunt - de]
- Автор: Буджолд Лоис Макмастер
- Серия: Chalion (de) #3
- Год: 2006
- Язык: немецкий
- Год: Bastei L
- ISBN: 978-3-404-20547-9
- Переводчик: Alexander Lohmann
- Жанр: Фэнтези
Электронная книга - «Im Schatten des Wolfes [The Hallowed Hunt - de]». Краткое содержание книги:
Der Pförtner warnte ihn: »Mein Herr ist in Beratung.«
Beinahe hätte Ingrey wieder kehrtgemacht, besann sich jedoch eines Besseren: »Dann lasst ihn wissen, dass ich warte, und fragt ihn, ob er etwas von mir wünscht.«
Der Pförtner schickte einen Pagen aus, der gleich darauf zurückkehrte. »Mein Herr bittet Euch, ihn in seinem Arbeitszimmer aufzusuchen, Lord Ingrey.«
Ingrey nickte. Er stieg die breiten Treppen hinauf und bog in den vertrauten Flur ein. Dort wich er einem Diener aus, der soeben in der anbrechenden Dämmerung die Wandleuchter entzündete. Auf ein Klopfen an der Zimmertür antwortete Hetwars Stimme: »Herein.«
Er drückte die Klinke herunter, schlüpfte in den Raum — und musste sich zurückhalten, um nicht gegen die geschlossene Tür zurückzuweichen: Um Hetwars Schreibpult herum standen Fürstmarschall Biast, der Gelehrte Lewko und der Erzprälat und geistliche Kurfürst von Ostheim selbst, Fritine von Keilerstritt. Gesca stand an der Wand, in der angespannten Haltung eines Mannes, der seinen Vorgesetzten heikle Berichte zu überbringen hat. Aller Augen richteten sich auf Ingrey.
»Gut«, stellte Hetwar fest. »Gerade haben wir über Euch gesprochen, Ingrey. Habt Ihr Euch von Eurer Unpässlichkeit am Morgen erholt?« Sein Tonfall war ironisch.
Nachdem er in Gedanken rasch alle möglichen Antworten durchgegangen war, kam Ingrey zu dem Schluss, dass diese Frage nicht zu beantworten war. Er nickte nur knapp und musterte die unwillkommene Zuhörerschaft.
Der Erzprälat Fritine war ein Onkel der amtierenden gräflichen Zwillinge, ein Spross der letzten Generation der Keilerstritts, der in den Dienst der Kirche getreten war, nachdem zu viele ältere Brüder es unwahrscheinlich hatten werden lassen, dass er auf dem Besitz seiner Familie noch eine bedeutsame Stellung erreichen konnte. Hinter ihm lag der lange und typische Werdegang eines Priesters von edler Abstammung, was nicht hieß, dass er von unehrenhaften Wendungen überschattet gewesen wäre. Wenn er seine eigene Sippe bevorzugte, so achtete er doch darauf, dass diese im gleichen Maße der Kirche Vergünstigungen zukommen ließ. Seine Ernennung in Ostheim, verbunden mit der Stimme bei der Königswahl, lag bereits sieben Jahre zurück und war die Krönung seiner Laufbahn. Und das Ergebnis dieser Vergünstigungen.
Nach Ingreys Empfinden kamen Fritine und Hetwar hinreichend gut miteinander aus. Beide waren praktisch denkende Männer, und unter ihrer Führung arbeiteten die Tempelstadt und die Königsstadt öfter mit- als gegeneinander — öfter, aber nicht immer. Im Augenblick gab es zwischen den beiden eine gewisse Spannung angesichts der bevorstehenden Wahlen, da Hetwar Fritines Stimme zu den unsicheren zählte. Über die Linie seiner Mutter war der Erzprälat sowohl den Falkenmoors verbunden wie auch den Fuchsholzens. Und Fritine hatte bisher die vermittelnde Rolle der Kirche gern als Vorwand genommen, um sich in seiner Stimme nicht festlegen zu lassen.
Ingrey war sich nie so sicher gewesen, in welchem Umfang der Erzprälat seinen Wolf tolerierte. Es war sein Amtsvorgänger gewesen, der den Dispens erteilt hatte, eine Urkunde, die Ingrey während des letzten Jahrzehnts gut verwahrt hatte, selbst nachdem alles andere Eigentum verloren gegangen war. Zurzeit lag dieser Dispens sicher verschlossen in seinem Gemach in eben diesem Palast. Ingrey wusste nicht, ob Fritines Abneigung gegen das Übernatürliche persönliche oder rein theologische Ursachen hatte, jedenfalls schien er dem Reiz des Mystischen ebenso gleichgültig gegenüberzustehen wie Hetwar. Was hält er dann von Lewko, frage ich mich?
Der kaute im Augenblick auf den Knöcheln und starrte Ingrey wie gebannt an — mit einem Ausdruck, den Ingrey als höchst beunruhigend empfand. Ingrey bedachte ihn mit einem höflichen Nicken und wartete darauf, dass jemand anders das Wort ergriff. Hauptsache nicht ich. Fünf Götter, mein Verstand ist im Augenblick einer solchen Gesellschaft nicht gewachsen!
Der Erzprälat stürzte sich sogleich aufs Thema: »Der Gelehrte Lewko berichtete uns von Eurer Behauptung, dass Ihr heute Morgen im Tempelhof ein Wunder miterlebt habt.«
Ingrey fragte sich, wie Fritine wohl reagieren würde, wenn er nun erwiderte: Nein, ich habe ein Wunder gewährt. Ich wollte es gar nicht, aber der Gott hat so freundlich darum gebeten. Stattdessen sagte er nur: »Es ist nichts, das vor Gericht Bestand hätte, Eminenz. So ließ man mich zumindest wissen.«
Lewko bewegte sich unruhig unter seinem gleichmütigen Blick.
»Ich war dabei«, stellte der Erzprälat kühl fest.
»Das wart Ihr.«
»Ich habe überhaupt nichts gesehen.« Man musste Fritine zugute halten, dass sein Blick zwar Sorge und Zweifel ausdrückte, die Sorge allerdings die Oberhand zu haben schien.
Ingrey neigte das Haupt in einer angemessen aufreizenden Geste äußerster Neutralität. Fein, sollten sie zuerst ihre Gedanken offenlegen.
Hoffnungsvoll warf Fürstmarschall Biast ein: »Man könnte anführen, dass die Annahme von Bolesos Seele durch den Herbstsohn ein guter Beleg gegen die Anschuldigung ist, er habe sich mit Tiergeistern eingelassen.«
»Man kann anführen, was einem beliebt«, pflichtete Ingrey freundlich bei. »Und solange der Augenzeuge Cumril morgen früh mit dem Gesicht nach unten im Storchenfluss treibt, wird niemand widersprechen. Ganz bestimmt nicht ich.«
Der Erzprälat zuckte zusammen und wirkte erzürnt über diese Worte, die man durchaus als verhüllte Anschuldigung verstehen konnte. Oder auch als Vorschlag. Oder als Drohung. Oder Gegendrohung. Ingrey vertraute darauf, dass niemand dies mit Gewissheit sagen konnte. Wieder blitzten Lewkos Augen vor Neugier.
»Das wird nicht geschehen«, sagte der Erzprälat. »Cumril ist in sicherem Gewahrsam. Der Gerechtigkeit wird Genüge getan.«
»Gut. Wie auch immer Bolesos Seele gerettet wurde, sein Charakter wird bekommen, was er verdient.«
Biast zuckte zusammen.
Hetwar ergriff entschlossen das Wort: »Nun erzählt mir doch, Lord Ingrey: Zu welchem Zeitpunkt habt Ihr herausgefunden, dass Lady Ijada ebenfalls von einem Tiergeist befallen wurde?« Aha, sie hatten Ingreys Geschichten also untereinander verglichen. Daran war nun nichts mehr zu ändern. »Am ersten Tag nach unserer Abreise von Burg Keilerkopf.«
Mit seiner üblichen, täuschenden Ruhe fragte Hetwar: »Und Ihr habt diesen Umstand mir gegenüber nicht für erwähnenswert gehalten?«
Gesca, der an der gegenüberliegenden Wand stand und sich die größte Mühe gab, nicht wahrgenommen zu werden, duckte sich noch tiefer zusammen. Und an wen habt Ihr Eure Berichte aufgesetzt, Gesca, wenn nicht an Hetwar? Vermutlich an Rossfluten, wenn man bedachte, wie passend der Graf plötzlich unterwegs aufgetaucht war. Und wenn dem so war — bestand diese Verbindung weiterhin?
»Ich habe den Vorfall bei erster Gelegenheit einer Vertreterin der Kirche gemeldet, und zwar der Gelehrten Hallana«, antwortete Ingrey. »Die wiederum schickte mich zu dem Gelehrten Lewko.« Sozusagen. »Ich habe des Weiteren dessen Anleitung abgewartet, da es sich offensichtlich um eine geistliche Angelegenheit handelt. Leider verzögerte sich der Vorgang weiterhin durch die von dem Eisbären ausgelöste Krise. Als wir heute Nachmittag wieder Gelegenheit zur Aussprache erhielten, geriet das Thema infolge anderer Sachverhalte in den Hintergrund.« Andere Sachverhalte? Oder derselbe Sachverhalt aus einer anderen Perspektive? Wer außer den Göttern konnte um alle Ecken gleichzeitig sehen. Das war ein beunruhigender neuer Gedanke. Nun, warum nicht die ganze Schuld auf den Heiligen schieben — der Ingreys Ausweichmanöver mit einer gewissen sarkastischen Anerkennung verfolgte —, und dann abwarten, wer in dem Raum es wagte, dem einen Vorwurf zu machen.