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Georgs Sorggen um die Vergangenheit

Электронная книга - «Georgs Sorggen um die Vergangenheit». Краткое содержание книги:

Georg wächst in einer der schönsten Wohngegenden Prags in einem summenden Frauenhaushalt auf. Leider zur Zeit des politischen Terrors, der überirdischen Atomtest und später des brutal unterdrückten Reformversuchs von '68. Umstellt von seinen vielen Tanten mit Kriegstraumata, dem tyrannischen Onkel ONKEL und der überstrahlend-schönen Mutter hält er an seiner Überzeugung fest, unter der Schirmherrschaft eines gewissen Heiligen eine helle Zukunft zu finden — trotz der totalitären Verhältnisse, der zerfallenden Prager Bausubstanz und der familiären Zwänge.
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Beim jahrelangen Grübeln darüber, wieso man fremde Blicke spüren kann, kam ich eines Tages auf die Lösung — unabhängig von Rupert Sheldrake und im partiellen Widerspruch zu ihm. Für mich steht fest, daß wir Menschen so etwas wie einen optischen, besser gesagt SEHZENTRUM-GESTÜTZTEN WITTERUNGSSINN besitzen. Ob die Entscheidung, aufrecht zu gehen, in der Steppe oder noch auf den Bäumen fiel, spielt in diesem Zusammenhang keine Rolle — den feinen Geruchssinn der Vierbeiner mußte derAustralopithecus, nachdem er sich aufgerichtet hatte, sowieso ablegen. Dafür sollten unsere Vorfahren die Möglichkeit bekommen, ihre frei gewordenen Gehirnkapazitäten für die Vervollkommnung ganz anderer Fähigkeiten zu nutzen: Unter anderem für das möglichst sichere Spüren von Blicken. Der Blickkontakt wurde zur differenzierten Verständigung beispielsweise auch immer wichtiger — das Augenweiß wurde sichtbar, die Augenbewegungen nutzte man bei der Jagd verstärkt zur lautlosen Kommunikation. Und der Geruchssinn verkümmerte rapide weiter.

Die Tiere spüren — im Gegensatz zu uns Menschen — nicht unbedingt, wenn sie von den Blicken freßgieriger Feinde verfolgt werden. Wenn der Wind günstig steht, kann sich die jagende Löwin ihre Antilopen so lange ansehen, wie sie will. Der Australopithecus mit seinem verkümmerten Geruchssinn mußte sich aber unbedingt schnell umstellen, um nicht ahnungslos angefallen und gefressen zu werden. Er mußte lernen, BLICKE ZU RIECHEN. Was der aufrechte Gang auch noch mit sich brachte, tut einem — nebenbei gesagt — heute noch weh: Bei diesem folgenschweren Vorgang KLAPPTEN DIE WEIBCHEN IHRE WARMEN ÖFFNUNGEN KALTMÖSIG ZWISCHEN DIE BEINE, und die Männchen kamen nicht umhin, ihr Aggregat gefährlich vorgelagert zu tragen.

Das Nachdenken über meinen Gesichtssinn beschäftigte mich mein Leben lang. Ich grübelte oft über die Probleme der Kraft und Durchdringlichkeit meiner — auch geschlechtsindifferenten — Glotzereien nach, weil mein Glotzen den meisten meiner Mitmenschen in der Regel nicht gefiel. Ich entdeckte bei passenden wie unpassenden Gelegenheiten, wie unangenehm ich aufgefallen war, in manchen Haushalten galt ich sogar als schlecht erzogen. Und nachdem ich mehrmals erlebt hatte, daß sogar ehrwürdige Männer unter meinen Blickattacken zittrigen Respekt vor mir bekamen, wurde ich stutzig. Zum Glück war ich nicht wirklich überheblich und wußte, daß mir eigentlich nichts Derartiges zustand. Bei meinen Streifzügen mit meinen ausgefahrenen Glotzorganen benahm ich mich im Grunde unschuldig, hatte nichts Böses im Sinn, wollte niemanden einschüchtern, provozieren oder vom Sockel stürzen. Ich wollte den Ehrenmännern, wie es überall meine Art war, nur kurz und tief in den Raum hinter ihren Augenhöhlen schauen. Auch physikalisch gesehen ist es ein eher einfacher Vorgang — könnte man meinen. Aber: Kamen dabei nur harmlose Lichtsignale durch meine Netzhaut in mein Gehirn hinein, oder sendete mein Schädel zusätzlich geheime Strahlen in die umgekehrte Richtung? Trotz meiner Skepsis und meines diskreten Grübelns verführten mich meine Erfahrungen doch irgendwann dazu, daß ich leichte Größenphantasien entwickelte — ohne daß ich begründen konnte, auf welchen Fähigkeiten oder Verdiensten diese überhaupt beruhten. Ich wußte aber nur zu gut, daß es mir ein leichtes war, bestrafungswürdige Rivalen auch vollkommen wortlos zu depotenzieren.

Ich sprach meine diesbezüglichen Erkenntnisse eine Ewigkeit nicht aus, behielt sie lieber für mich. Zu dieser Vorsicht hatte mich ein kleines Früherlebnis angehalten. Als ich einmal eine harmlose und für mich völlig alltägliche Beobachtung ausgesprochen hatte, merkte ich, wie alle Umstehenden — auch diejenigen, die von meiner Bemerkung gar nicht betroffen waren — mißtrauisch versteiften. Dabei war das, was ich geäußert hatte, ganz und gar aggressionsfrei — jedenfalls im Vergleich zu meinen sonstigen Denk-Ketzereien. Ich sagte etwa folgendes:

— Wenn sich M. nach etwas umdreht, hebt er immer den Kopf leicht nach oben, dabei spannt sich sein Hals irgendwie an — und diese Spannung zieht sich bis zu seinem Augenwinkel. Er sieht dann plötzlich so überheblich aus.

Eine arglose Bemerkung, könnte man meinen. Da meine Zuhörer aber so irritiert reagierten, spürte ich, daß mein Spruch alles andere als harmlos, sondern unanständig war — und ich wurde rot. Den Grund für die leichte Angst der Leute erklärte ich mir erst nachträglich, als ich wieder allein war. Weil ich in der Runde preisgegeben hatte, wie genau ich mir andere Menschen ansah — und wie gewohnt ich es anscheinend war, einiges auch zu benennen — , schwante allen, daß ich offenbar in der Lage war, aus jedem von ihnen etwas hervorzudeuten.

— Guckst du dir alle Männer so genau an? Paß auf, sagte einer noch, um meine Errötung gegen mich auszuspielen.

Daß meine durchdringenden Blicke den meisten Menschen nicht behagten, daß sie sich von mir belästigt fühlten, hatte leider einige handfeste Gründe. Alle diese Vorsichtigen lagen mit ihrem Mißtrauen also nicht ganz falsch. Hinter meiner Glotzerei stand natürlich auch so etwas wie das Verlangen nach KORREKTUREN. Ich hätte dem einen oder anderen manchmal doch ganz gern ins Gesicht gegriffen und irgendwelche Unvollkommenheiten geradegerückt — Warzen abgekniffen, Muttermale wegradiert, Tränensäcke ausgewrungen, Mundwinkel hochgezogen, Runzeln geglättet. Ab und an hätte ich am liebsten aber auch tiefere Einschnitte vorgenommen, mich direkt zu den Seelen meiner Forschungsobjekte vorgearbeitet. Dank der bei mir irgendwann angekommenen Erkenntnis, daß für die meisten fleischlichen Oberflächenschäden der Menschen ihr Seelenleben verantwortlich ist, hätte ich für diese Eingriffe auch eine klare wissenschaftliche Grundlage gehabt. In mir steckte nicht etwa ein geborener Therapeut — das, was ich anzubieten hätte, hätte man eher» Aktionistisches Modellieren «nennen können. Ich hätte mir die Unglücklichen am liebsten mit Hilfe von fein-invasiven Meißeln vorgenommen, hätte mich an die Gründe für ihre Zukunfts- und Gegenwartsbitternis mit gezielt-angemessener Gewalt herangemacht, wäre in ihre eiternden Vergangenheitsgeschwüre getaucht, hätte ihren Groll so schnell wie möglich drainagiert, ihre Spannungen in die richtigen Kanäle geleitet undihre Wunden unter freiem Himmel ausschwären lassen. Ich hätte den Blick der Menschen damit so schnell wie möglich nur für die Wunder der Gegenwart frei gemacht. Ihre Haut würde sich daraufhin schon von allein straffen, ihre Tränensäcke würden sich eigenständig trockenlegen und ihre Warzen eines Morgens einfach abfallen.

Diejenigen, die sich trauten, meine Blicke als eine Provokation aufzufassen, mußten notgedrungen auch ihre Wut zeigen.

— Was glotzt du, du Idiot.

— Renn mal gegen, sagte einer zu mir und hielt mir seine Faust entgegen.

Wenn ich meine Blicke absolut nicht unter Kontrolle hatte, immer wieder hinsehen mußte und die Belästigten keinen weiteren Rat wußten, machten sie mir auch konkrete Angebote.

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