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Georgs Sorggen um die Vergangenheit

Электронная книга - «Georgs Sorggen um die Vergangenheit». Краткое содержание книги:

Georg wächst in einer der schönsten Wohngegenden Prags in einem summenden Frauenhaushalt auf. Leider zur Zeit des politischen Terrors, der überirdischen Atomtest und später des brutal unterdrückten Reformversuchs von '68. Umstellt von seinen vielen Tanten mit Kriegstraumata, dem tyrannischen Onkel ONKEL und der überstrahlend-schönen Mutter hält er an seiner Überzeugung fest, unter der Schirmherrschaft eines gewissen Heiligen eine helle Zukunft zu finden — trotz der totalitären Verhältnisse, der zerfallenden Prager Bausubstanz und der familiären Zwänge.
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Aus Dankbarkeit vervollkommnete ich mit der Zeit meine Begabung, in den Frauen grundsätzlich nur ihre Schönheit zu sehen, auch wenn manche von ihnen mit ihr nicht übermäßig beschenkt worden waren. Ich liebte es, den zurückgesendeten Blicken ablesen zu können, daß mein Interesse angekommen war und meine Aufmerksamkeit, meine Hochachtung angenommen worden waren. Seltsamerweise war diesem Spiel immer etwas beigemischt, was ich zum Glück auch noch erkannt hatte. Als Mann besaß ich eine dümmlich-ungerechte Definitionsmacht, eine Macht, um die ich niemanden gebeten hatte, die mir einfach aus geheimen Naturquellen zufloß — und für die ich nie zu bezahlen brauchte. Letzten Endes ist die Natur aber doch gnädig und auf einen Ausgleich bedacht. Beim handfesten Geschlechterkampf setzen die Frauen mitunter schwere Waffen ein, und ich war froh, über meine mir geschenkten Krafthebel Bescheid zu wissen. Meine Mutter war bekanntermaßen auch keine einfache Gegnerin. Bei Machtspielen in der Kindheit wußte ich immer von vornherein, wie diese ausgehen würden: Ich würde schreien, bis mir der Atem wegbleiben würde, und meine Mutter — glücklich, daß ich trotz des stumm aufgerissenen Mauls immer noch lebte — würde mich trösten.

Wie ich schon einmal geschildert habe, machte es mir nichts aus, gelegentlich ins Krankenhaus eingeliefert zu werden, und ich verstand nicht ganz, warum die meisten Menschen diese Einrichtungen so verabscheuen. Es ist an sich sowieso seelengesünder, sich überall — eben auch im Krankenhaus — glücklich zu fühlen. Ob man dort nun als Protektionskind oder als lästiger Greis liegt. In den Prager Krankenhäusern tummelten sich immer schon, war mein Eindruck, Unmengen an reizenden und interessanten Damen, die angewiesen und auch gern bereit waren, sich um einen mit Hingabe und Begeisterung zu kümmern. Ihre schwesterlichen Blicke waren voller Glanz und hatten wenig mit eingeübter Professionalität zu tun. Wenn ich mir persönlich einen oder mehrere Knochen brach oder fleischlich verletzt wurde, war ich nicht verzweifelt, sondern bereits auf der Liege im Krankenwagen überaus froh. Ich wußte, daß man mich am Ziel schon voller mütterlicher Vorfreude erwartete. Als ich später einmal kollabiert war und auf dem Boden lag, fieberte ich einerseits der Rettung durch die von mir hochgeschätzte Technik, andererseits den vielen lieben Helferinnen entgegen. Wenn sogar mehrheitlich schöne Ärztinnen statt Ärzte an meiner Wiederbelebung beteiligt waren, war ich im siebenten Himmel. Daß ich bei manchen meiner Unfälle hätte sterben können, kam mir nie in den Sinn. So etwas paßte nicht in meine Lebensplanung. Meine Retter würden es niemals zulassen, die auf mich wartende Zukunft leer ausgehen zu lassen. Wegen dieser Zuversicht konnte ich, wenn meine Verzweiflung allzu groß war, ohne weiteres auch größere physische Risiken eingehen. Ich konnte zum Beispiel auf einer mehrspurigen Straße zwischen den Autos laufen, irgendwo unterwegs aus den Straßenbahnen springen, nachts auf meinem nicht beleuchteten Rennrad durch die Stadt rasen und mich bei Bedarf an fahrenden Lastautos festhalten.

Meine Fokussierung auf die Frauen war selbstverständlich auch lästig — auch für mich, versteht sich. Ich konnte keine Straße entlanggehen, ohne meine Glotzaugen pausenlos in Zoombereitschaft zu halten. Ich war darauf trainiert, meine Linsen sofort scharf zu stellen, wenn in mein Sichtfeld etwas Frauenähnliches geraten sollte. Jegliches Nachdenken war während dieses fruchtlosen Lauerns nicht möglich. Wenn die gewitterten Objekte endlich auftauchten, wurden sie konzentriert auf Schönheit und auf sonstige für die Arterhaltung wichtige Merkmale untersucht. Dabei zogich meinen Hals manchmal so in die Länge, daß es knackte. Zusätzlich wurden die Zielpersonen ganzkörperlich ausgeleuchtet und natürlich gleich aus irgendeinem, dem erstbesten Grund als Beute verworfen. Ich hatte in der Regel ja etwas anderes zu tun oder wäre meistens gar nicht in der Lage gewesen, den Mund aufzutun.

Zum Glück wußte ich aber, daß ich in der Glotz-Hinsicht nicht allein auf der Welt war. Als einmal eine hochgewachsene, devisen-modisch gekleidete und stark geschminkte junge Schönheit mit einer riesigen blonden Mähne unsere Gegend durchquerte, sah ich, wie im Handumdrehen das Leben mehrerer Straßenzüge in Aufruhr geriet. Es war schwer zu fassen, was eigentlich geschah, für meine wache Person war dieses Aufhorchen eines halben Stadtteils aber nicht zu überspüren. Alle sichtbaren Lebewesen standen plötzlich wie unter Strom und waren voller endloser Neugier. Die komplette Menge der auf der Straße vorhandenen Männer verwandelte sich in ein Rudel, das gerade durch eindeutige Alarmsignale informiert worden war. Es herrschte eine Stimmung wie in einer ausgedörrten Steppe oder in der winterlichen Taiga — jedenfalls wie in einer von Durst oder Hunger (oder von beiden) beherrschten Gegend. Eine Welle der schäumenden Erwartung sauste nur so um die Ecken. Plötzlich erschienen dort neue und neue Männerköpfe mit aufgerissenen Augen, aus allen Nebenstraßen kamen Individuen angehüpft, um danach zu forschen, was für eine Sensation durch unser Viertel marschierte und mitten am Tag die Alltagsketten zu sprengen drohte. In manchen Gesichtern sah man sogar leichte Angst. Vielleicht meinten diese Vorsichtigen, ein Aufstand wäre im Gange oder ein Aufwiegler gerade dabei, ihn auszurufen. Diese Individuen hatten beinah recht — unser Viertel war von einem Aufstand nicht weit entfernt.

Als ein Mensch, der für die Realität irgendwann zugelassen werden und deswegen auch den Zweck seiner Zwängekennen wollte, mußte ich mich fragen, auf welche Ziele meine Glotzerei eigentlich ausgerichtet war. Zumal es sich um ein Massenphänomen des Weltmännertums zu handeln schien. Ich wollte also unbedingt wissen: Wohin sollen die Glotzaktivitäten führen? Wie könnten diese Vorgänge enden, und welche Erlösungsvarianten böten sich uns Männern überhaupt an? Die Antwort war eindeutig: Die leere Glotzerei führt zu gar nichts, man sollte sie sich lieber sparen. Wenn sie im Alltag in eine griffige und gut geschmierte Realität übergehen sollte, müßte sie in kurzen körperlichen Berührungen der anvisierten Weibchen münden — in kurzem Schmusen, Drücken, Streicheln… im Lippenrutschen an ihren gestreckten Hälsen… und vielleicht in einem krönenden Kuß am Haaransatz hinter dem Ohr. Und was dann? Wie würden die Fortsetzung und die endgültige Befreiung aussehen? Sollte man sich anschließend mit hektischem Hin- und Hergeschiebe irgendwo vor fremden Menschen lächerlich machen? Und wohin mit dem unvermeidlichen Ejakulat? Wie abwischen? Wohin entsorgen? Womit auswaschen oder von der Kleidung bürsten? NICHT DOCH! Bloß nicht!

Manche Dinge muß man einfach säuberlich aufschreiben, um ihren Idiotiewert zu erkennen. Die zum Sackgassendasein verurteilten Glotz-Vorhaben sind lächerlich, und man sollte sich hüten, sich zu ihnen öffentlich überhaupt zu bekennen. Das Dilemma bleibt einem trotzdem erhalten, der Drang nach dem optimalisierten Abgrasen der möglicherweise frei verfügbaren Glücksangebote ebenfalls. Eine Befreiung vom Glotzdrang wird einem nur der Tod oder eine schwere Krankheit bringen. Trotzdem sollte man bei dem inneren Diskurs nicht schlappmachen, alle Modalitäten zu Ende denken und gegeneinander abwägen. Leider stolpert man dabei gleich über die nächste und übernächste Schwierigkeit! Wie soll man die eigene Not einigermaßen kulturvoll in ein Damenohr trichtern? Gibt es vielleicht besondere, ausgesuchte Frauengestalten, mit denen man — im Rahmen einer gefühlvollen Annäherung, versteht sich — über sich als DEM SCHWEIN DER KULTURGESCHICHTE diskutieren könnte?

Es ist natürlich angenehmer, wenn man solche und ähnlich unter Samenbläschendruck geratenen Angelegenheiten an anderen Mannesexemplaren studieren kann. Einmal sah ich unseren kiezeigenen alternden Dichter die Mickiewiczstraße langgehen. Der kleinwüchsige Mann lief wie gewohnt etwas gebückt, hielt seinen Oberkörper auch seitlich nicht wirklich gerade, seine ganze Erscheinung prägte notgedrungen eine gewisse Achsenkrümmung. Wenn aber junge Mädchen irgendwo auftauchten, richtete sich der Mann kerzengerade auf. Er wurde ein Stück größer, zog auch seinen Hals in die Länge und zutschte sich mit seinen wärmesensorischen Augen an die jungen Körper heran, fixierte ihr venendurchschlängeltes Fleisch wie ein Vampir. Seine Augen glitten gerade noch über die Dächer der parkenden Autos; er konnte also unauffällig in Bewegung bleiben, ohne daß ihm irgendwelche Details der lebensfrohen Weiblichkeit entgehen konnten. Er kostete alles aus, was zu haben war, lief insgesamt etwas langsamer, beschleunigte nur, wenn ihm ein parkender Transporter oder ein höheres Fahrzeug den Blick zu versperren drohten. Und er zuckte wie ein überraschtes Wiesel zusammen, wenn die Mädchen seine Observationsmanöver bemerkt hatten.

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