Die Zypressen von Cordoba
- Автор: Guiladi Yael
- Год: 2004
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Die Zypressen von Cordoba». Краткое содержание книги:
»Nicht sein Mitgefühl mit dir?«
»Das natürlich auch. Aber all das liegt in der fernen Vergangenheit, und die Erinnerung macht uns nur traurig. Wir wollen von unseren heutigen Sorgen sprechen. Sag mir, mein Sohn, in welchen Palast wirst du nun den Großen Theriak liefern?«
»In den alten Palast von Córdoba, wie immer, bis ich andere Anweisungen bekomme.«
»Anweisungen von wem? Von der Marionette, die sich Kalif nennt, oder von dem zukünftigen al-Mansur, der die Macht hat?«
»Ich glaube nicht, daß es so weit kommen wird. Der Regent ist zu schlau, um sich in Dinge einzumischen, die auf die Ausübung der Macht keinen Einfluß haben. Die Tatsache, daß er seit dem Tod des Kalifen die Jugend, Unerfahrenheit und Willensschwäche des Jungen noch nicht ausgenutzt hat, um Kalif zu werden, ist Beweis genug, welchen Weg er zu wählen gedenkt. Indem er die Macht hinter dem Thron bleibt, macht er sich nicht so viele Feinde, als wenn er das Herrscherhaus der Omaijaden offen herausforderte.«
»Ich hoffe, daß du recht behältst, und bete, daß du dich nie zwischen den beiden entscheiden mußt.«
»Das, liebe Mutter, ist genau der Grund, warum ich mich vom Hofe fernhalte.«
»Eine wahrhaft weise Entscheidung, mein Sohn. Und wie geht es deinen Aloen?«
»Sie wachsen und gedeihen besser, als wir es je erwartet hätten. Treiben eine Unmenge scharlachroter Blüten, die wie glühendrote Eisen aus dem dichten, gerollten Blätterwerk hervorwachsen. Es ist, als wäre das Haus in einen leuchtenden grünen und roten Umhang gehüllt.«
»Ich hatte befürchtet, daß die Pflanzen in dem strengen Winter letztes Jahr Schaden genommen hätten.«
»Wir auch, aber sie waren beinahe unbeschadet, wieder ein Beweis, wie zäh und lebensstark sie sind. Noch ein Jahr, und dann sollten wir genügend neue Blätter haben, um den Saft aus den älteren Blättern abzuzapfen und in der Augustsonne zu trocknen. Wenn alles gut geht, ist dann der Extrakt im Winter so weit, daß wir ihn den Patienten geben können.«
»Ich habe mich gefragt, warum du keine Versuche mit dem Extrakt gemacht hast, den der Kapitän in dem alten Holzkästchen mitgebracht hat.«
»Ich war oft in Versuchung, aber ich wollte keine Behandlung anfangen, ehe ich nicht sicher wußte, daß wir aus unserer eigenen Pflanzung ständig Nachschub bekommen würden. Die Erfahrung, die wir mit Vater gemacht haben, hat mich davon abgehalten.«
»Du brennst sicher darauf, endlich mit den Beobachtungen anzufangen.«
Hai blieb stumm. Seine langen schmalen Finger zupften nervös an einem störrischen Zweig, der aus der ansonsten sorgfältig beschnittenen Silhouette der Zypresse ragte.
»Was hast du auf dem Herzen, mein lieber Junge?«
»Was mir schon immer Sorge gemacht hat. Wir wissen nach wie vor nicht, ob die Aloe-Art, zu der Ralambo unsere Männer geführt hat, wirklich diejenige ist, aus der die ursprüngliche Probe des Extrakts gewonnen wurde, den wir Vater verabreicht haben. Selbst wenn Ralambo Wort gehalten hat, werden sich dann die Eigenschaften des Extrakts als so stark erweisen, wie wir es gern glauben möchten? Vielleicht ist alles ein makabrer Irrtum, die vergebliche Suche nach einer Wunderheilung, die es gar nicht gibt, gar nicht geben kann?«
»Wir können nur abwarten«, seufzte Sari mit der geduldigen Resignation der Älteren. Um Hais Gedanken abzulenken, fragte sie ihn nach Amram. Wie ging es ihrem Enkel Amram, diesem lebhaften, energiegeladenen Kind, das an Intelligenz, da war sie sich ganz sicher, jeden anderen Fünfjährigen in Córdoba, ja in ganz Spanien übertraf? Plapperte er nicht bereits fließend in arabischer und hebräischer Sprache sowie im örtlichen romanischen Dialekt? Und besaß seine arabische Kalligraphie nicht eine Eleganz, die man bei einer so jungen Hand selten fand? Hais Augen strahlten, als er den Namen seines Sohnes hörte, aber er fühlte sich trotzdem bemüßigt, die liebende Bewunderung seiner Mutter ein wenig zu zügeln.
»Amram hat nur das aufgenommen, was er in seiner unmittelbaren Umgebung sieht und hört. In seinem Alter ist nichts einfacher als das. Mit einer Mutter, die ihre Zeit mit der Übersetzung gelehrter Werke aus dem Arabischen ins Hebräische verbringt, mit einem Großvater, dessen schöne Schrift im ganzen Kalifat berühmt war, mit dem ständigen Kommen und Gehen von Patienten aus ganz Spanien in unserem Haus hat er sich sein Wissen spielend leicht angeeignet, es beinahe wie selbstverständlich in sich aufgenommen.«
»Nicht jedes Kind hat diese Fähigkeit«, beharrte Sari störrisch wie immer. Und wie immer umarmte Hai sie liebevoll, ehe sie sich beide ins Haus begaben und zu Bett gingen.
32
In der Dämmerung eines frühen Winterabends erschien Stella, Amrams frühere Kinderschwester, an der Tür des Landhauses. Sie war in viele wollene Schichten gehüllt und zitterte vor Fieber. Ihre Hautfarbe war von Natur aus dunkel, und sie war immer schon erschreckend dünn gewesen. Die großen braunen Augen, die ihr schmales, knochiges Gesicht beherrschten, wirkten nun um so eindringlicher. Ihre Wangen waren von der Krankheit eingefallen, und sie bot ein Bild des Jammers.
Schnell brachte Dalitha sie ins Haus, und trotz Hais eiserner Regel, daß alle Patienten warten mußten, bis sie an der Reihe waren, bestand sie darauf, daß er Stella sofort untersuchte. Mit der für ihn typischen Zartheit wickelte er die junge Frau aus den vielen Kleidungsstücken, in die sie sich gehüllt hatte, und half ihr auf den Diwan, auf dem er seine Patienten zu untersuchen pflegte. Schon seine Berührung, als er ihr die Hand auf die fieberheiße Stirn legte, schien sie zu beruhigen. Dann hustete sie, einen harten, trockenen Husten, und ihre Augen blickten ihn flehend an, fanden Trost in seiner Freundlichkeit. Als sie erneut hustete, nahm er ihr die Hand von der Stirn und übte einen leichten Druck auf ihre flache, magere Brust aus, die sich unter seinen empfindsamen Händen krampfartig hob und senkte. Plötzlich horchte er auf. Nicht wegen des Hustens oder des hohen Fiebers. Vielmehr hatte er mit den Fingerspitzen einen Knoten ertastet, einen harten Knoten, der ihr offensichtlich keine Schmerzen bereitete. Er deckte sie wieder zu, stand auf und wandte ihr den Rücken zu, um seine Bestürzung zu verbergen, bereitete die Instrumente vor, die er brauchte, um sie zur Ader zu lassen. Wegen ihrer allgemein zarten Konstitution entnahm er aus der Knievene nur die Mindestmenge Blut, die notwendig war, um sie von dem Überschuß an heißen, trockenen Körpersäften zu befreien, die ihre Adern verstopften.
»Das hat beinahe überhaupt nicht weh getan«, lächelte Stella schwach, erleichtert und unendlich dankbar. Dann verschrieb ihr Hai ein Mittel, das den Husten lockern würde – zuerst Honigwasser, und wenn das nicht half, ein Gemisch aus Honig und Butter.
»Ich möchte Euch auch empfehlen, möglichst nur Speisen zu Euch zu nehmen, die kühl und feucht sind, zum Beispiel Spinat, Melonen, Gurken, Salat, sowie Aprikosen, Pfirsiche, wenn Ihr sie in dieser Jahreszeit noch bekommen könnt. Macht Euch keine Sorgen. Es geht Euch bestimmt schon bald besser. Zieht Euch warm an, und ich schicke einen meiner Burschen mit Euch, damit Ihr sicher nach Hause kommt.«
Nachdem sie gegangen war, hielt er ein wenig inne, ehe er den nächsten Patienten hereinbat. Er brauchte Zeit zum Nachdenken. Stella hatte sich nur eine schwere Wintererkältung zugezogen. Die würde schon bald wieder vergehen. Aber was dann? Der harte Knoten in ihrer Brust, den sie offensichtlich noch nicht bemerkt hatte, mußte herausgeschnitten werden, sobald das Fieber nachließ. Hoffentlich hatte die Krankheit noch keine anderen Körperteile in Mitleidenschaft gezogen – doch das konnte er nicht sagen. Er wußte auch nicht, ob Abu'l Kasim es für nötig befinden würde, die ganze Brust zu entfernen. Die arme Frau, sie war ohnehin nicht mit übergroßen Reizen gesegnet, und nun sollte ihr auch noch ein Attribut ihrer Weiblichkeit genommen werden … Aber sie war jung, hatte ihr Leben noch vor sich. Ein entstellter Körper war besser als ein Körper mit einer tödlichen Krankheit. Und wer konnte es sagen, vielleicht würde ein aufmerksamer Mann die Schönheit ihres eindringlichen Blicks wahrnehmen, die Wärme hinter ihrem wenig attraktiven Äußeren spüren? Er mußte alles versuchen, um sie zu heilen. Aber konnte er das? Vielmehr, konnte Ralambos Extrakt sie heilen, den er nun in großen Mengen zur Verfügung hatte? Wie seltsam, daß die Frau, die Dalitha geholfen hatte, sich um ihren kleinen Sohn zu kümmern, die erste Patientin sein würde, an der dieses Mittel erprobt würde. Es schmerzte ihn, daß es so war, aber da das Schicksal entschieden hatte, sie mit dieser Krankheit zu schlagen, hatte er nun zumindest die Möglichkeit, einen Versuch der Heilung zu unternehmen …