Georgs Sorggen um die Vergangenheit
- Автор: Faktor Jan
- Год: 2010
- Язык: немецкий
- Год: Kiepenheuer & Witsch
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «Georgs Sorggen um die Vergangenheit». Краткое содержание книги:
In meinem Leben gab es wiederholt Momente, in denen ich mich außerhalb der Wohnung wie im Feindesland bewegte. Ich fühlte mich wie ein ausgesetztes Haustier oder wie eine von Biologen nur provisorisch klassifizierte Kreatur, die in einen falschen Dschungel entlassen worden war. Ich mußte lernen, die Spannung, die das allgemeine Tummeln und Treiben in diesem städtischen Dschungel dauerhaft erzeugte, nicht allzu ungefiltert abzubekommen. Die attackenfreudigen Spannungen waren teilweise dinglichen Ursprungs. Das heißt: Die Dinge stellten Forderungen. Auf den Prager Straßen schlichen natürlich auch unzählbare Menschen herum — diese waren mir allerdings oft vielfremder, als es der dingdominierte Teil der Realität je sein konnte.
Manchmal erlebte ich den Alltag aber auch aalglatt unproblematisch, spürte früh genug, wie die diversen belebten und unbelebten Realitätssplitter nur darum bettelten, in ihrem Frohsinn und ihrer Sinnhaftigkeit wahrgenommen zu werden; das heißt möglichst nicht anders als in ihrer Funktionalität beziehungsweise ihrem naturhaften Gewachsensein. Irgendwann wollte ich von diesen illusorischen Angeboten aber nichts mehr hören, konnte allerdings auch nicht aufhören, über ihre Daseinsberechtigung zu grübeln. Diese meine, sagen wir,»intellektsarme Gefühlsarbeit am Differenzieren und Abgrenzen «bedeutete in meinem Fall zwar einen gewissen Fortschritt, zur wirklichen Autonomie — zur Befreiung aus dem Trichter der Familie beispielsweise — reichte sie aber absolut nicht.
Die Forderungen der übermächtigen Wirklichkeit bauten — egal, wie ich mich zu ihnen verhielt — periodisch einen ungeheueren Membranendruck auf, und ich mußte in jeder Lebenslage immer wieder für einen möglichst drainagenreichen Ausgleich sorgen. Und mir wurde eines Tages klar: Wenn ich in der Zukunft extramural bestehen wollte, würde ich mir einige Tricks erarbeiten müssen. Zum Glück bin ich am Ende nicht gescheitert: Ich entkam einem gammelsozialistischen Zugriff, zu einem feuer- oder explosionsgestützten Finalschlag gegen mich kam es nicht, und ich akzeptierte die vorwiegend MÄNNERBEHERRSCHTE außerhäusliche Realitätswirrnis schließlich ohne Groll. Und ich trickste weiter, ich mußte es tun. Ich erweiterte mein Seelenleben vorsorglich auf die Dinge selbst. Jedenfalls auf diejenigen, die es meiner Meinung nach wert waren. Es war sicher kein Zufall, daß in der Schule ausgerechnet Physik zu meinem wichtigsten Fach wurde.
Wenn ich draußen herumlief, war ich dauernd damit beschäftigt, die Umwelt in meiner Phantasie zu reparieren. ImSozialismus zerbrach, versackte, zersetzte sich sowieso pausenlos etwas oder blätterte dickschichtig ab. Ich litt darunter wie ein zwanghafter Verwalter, der für dieses Chaos die letzte Verantwortung zu tragen hätte. Zusätzlich flossen in meinem Inneren viele der erinnerten Bilder und der bebilderten Erinnerungen summarisch ineinander — wie Abwässer aus Anschlußkanälen in einen Hauptkanal. Und diese Bilder setzten ihr progredientes Rissebilden in mir fort, verwitterten wie bautechnisch mißratene Wandmosaiken. Als ein sozialistischer Untertan war man an alle Arten von Mosaiken gewöhnt. Diese am Sowjetgeschmack orientierten Verschönerungswerke waren bei der damaligen Obrigkeit sehr beliebt, wurden zur Aufhellung des Alltags so oft wie möglich eingesetzt — und sie waren in der Lage, auch die repräsentativsten Sichtflächen auf einen Schlag zu verschandeln. Im Rückblick betrachte ich die sozrealistischen Mosaiken als fleischgewordene Dekonstruktionen der ihnen zugrunde liegenden Idee. Sie bröckelten in der Regel schon nach dem ersten sozialistischen Winter gravitationsgequält zu Boden und schrien aus löchrigen Gesichtern oder fleckigen Brustkörben nach Erlösung. Ich hätte mich niemals wie der Schöpfer am siebenten Tag ausruhen können. Ich sah aber bald ein, daß das meiste um mich herum nicht zu retten war. Hinter den bröckelnden Wandmosaiken blinzelte bald schon die poröse und alles andere als für die rote Ewigkeit errichtete Ziegelsubstanz.
Mein Manövrieren durch die institutionell zusammengeschusterte Wirklichkeit wurde regelrecht erfrischend, wenn es mir gelang, mich unterwegs auf kleine, eine gewisse Ästhetik besitzende Details zu konzentrieren. Ich konnte mich bei ihnen kurz ausruhen. Und das war angesichts der Häßlichkeit vieler befallener Oberflächen mehr als tröstlich. In manchen Realitätsbrocken steckte erstaunlich viel Seele, so daß die weiter oben kurz angerissene ding-bedingte Spannung sich vorübergehend legen konnte. Bestimmte profane.partiell aber doch hochästhetische Artefakte wurden daher meine Verbündeten, sie forderten nichts mehr, sie wurden Teilhaber meiner Ordnung — oder vielmehr ich ein Teilhaber ihrer. Die Masse der übrigen, in Geiselhaft gehaltenen Dinge, ihr existentielles Unglück oder — oft genug im Sozialismus — ihr falsch gewählter Einsatz- oder Aufstellungsort rückten in den Hintergrund. Mein wichtigster Trick bestand also darin, alles Abstoßende zu ignorieren und den unterwegs verstreuten, in seiner Autonomie und Anmut überlebenden Kleinkram zu mögen.
Ich untersuchte wie ein Kleinkind dauernd die Unterlage, auf der ich lief, oder die Kulissen, an denen ich mich vorbeischlich. Ich fokussierte die leuchtend polierten Erhebungen von Gullydeckeln, fand eingemeißelte Geheimzeichen auf den Bordsteinen, feierte widerstandsfähige Muttermale der vielen großflächig befallenen Häuserwände, freute mich über die zu Stein gewordene und überall in der Stadt vorhandene Sorgfalt, die mir liebevolle und in längst nicht mehr gepflegten Gräbern ruhende Arbeiterhände hinterlassen hatten. Einmal entdeckte ich im Schrank einer billigen Unterkunft überraschend originelle Kleiderhaken. Diese waren an den Innentüren befestigt, bestanden aus stabilem Kupferdraht, und jeder von ihnen war etwas unterschiedlich geformt. Die Haken waren eindeutig das Werk eines heimischen Bastlers — aber was für eines! Alle Drahtenden wurden mit witzig gerollten Kringeln abgeschlossen, und diese neigten sich in unterschiedlichen Winkeln zueinander. An jeder Innentür befanden sich mehrere solche Haken-Ensembles, ihre Anordnung hatte etwas Harmonisches, von peinlicher Spießigkeit keine Spur. Vor allem die geringelten Enden beschäftigten mich eine ganze Weile, ihr Zweck war mir ein Rätsel. Die verspielt wirkenden Drahtenden lagen flach am Holz der Türen, zu etwas Praktischem konnten sie nicht kreiert worden sein. Irgendwann fiel mir eine für das Innentürereignis passende Formel ein: NUR SO. Die Drahtenden waren» nur so «gebogen, in den Nutzalltag ohne jegliche Auflagen entlassen worden. Ein viel gescheiterer Mensch als ich, der meine Mutter bei einem Empfang in der israelischen Botschaft mit massiven Flirtattacken bedrängt hatte, hätte dazu ein mittel- bis schwergewichtiges Diktum abgeben können — beispielsweise dieses:»Dann liegen die Kunstwerke nackt vor der Prüfung ihres cui bono, vor dem sie allein das löchrige Dach der heimischen Kultur behütet. «Die Werke dieses Mannes hätte ich damals noch nicht verstehen, deswegen ihn auch nicht adorieren können, seinen wunderbaren Namen — Theodor W. Adorno — prägte ich mir aber für immer ein. Auch über seine Vitalität wußte ich dank meiner Mutter auf einen Schlag Bescheid.
— Wir haben uns in Paris schon mal gesehen, nicht wahr, Verehrteste?
— Nein, Herr Adorno, das hätte ich mir sicher gemerkt.
— Also war das in Rom? Widersprechen Sie mir bitte nicht!
Mein nächster Outdoor-Trick bestand darin, daß ich versuchte, den festgelegten Zweck der Dinge nicht sofort zu bejahen, sondern die Dinge erst im vorverdauten Zustand an mich heranzulassen — sie mir von anderen Menschen sozusagen vorkosten zu lassen. Und manchmal gelang mir dann tatsächlich, das Erlebnisvergnügen anderer zu simulieren. Meine Rettung waren aber hauptsächlich — wie bereits mehr als reichlich angesprochen — immer wieder die Frauen. Nur Frauen konnten mir einen dauerhaften, mit der Wirklichkeit der anderen harmonierenden Zugang bieten, und ich ahnte, daß ich ohne das frauliche Fluidum niemals eine Berechtigung für einen einigermaßen befriedigenden Realitätszugriff bekommen würde. Dank der Frauen war mir die egal wie fragwürdige Problemnormalität doch einigermaßen vertraut, und ich konnte immer wieder auch meinen Zukunftsglauben auffrischen. Dieses keusche undselbstlose An-die-Hand-Nehmen ist einer der Gründe dafür, warum ich allen weiblichen Wesen für immer etwas schuldig bleiben werde.