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Der Medicus

Электронная книга - «Der Medicus». Краткое содержание книги:

Noah Gordon
Der Medicus
Roman

Titel der Originalausgabe »The Physician«
Copyright © 1986 by Noah Gordon

Aus dem Amerikanische übersetzt
Von Willy Thaler
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»Das Haus des Paradieses natürlich, der Wohnsitz des Schahs.« Der Mann sah ihn besorgt an. »Ihr blutet, Freund.« »Es ist nichts, nur ein kleiner Unfall.«

Sie drängten sich die lange Zufahrtsstraße hinunter, und als sie näher kamen, erkannte Rob, daß das Hauptgebäude des Palastes von einem breiten Graben geschützt wurde. Die Zugbrücke war hochgezogen, aber diesseits des Grabens, in der Nähe eines öffentlichen Platzes, der als Hauptzugang zum Palast diente, stand eine Halle, durch deren Tore die Menge eintrat.

Das Innere war ein Raum, der halb so groß war wie die Kathedrale der heiligen Sofia in Konstantinopel. Der Boden bestand aus Marmor; die Wände und die hohe Decke waren aus Stein und so geschickt mit Spalten versehen, daß sanftes Tageslicht im Gebäude herrschte. Es war die Halle der Säulen, denn entlang der vier Wände befanden sich geschmackvoll bearbeitete, kannelierte Steinsäulen, deren Basen in der Form von Beinen und Tatzen verschiedener Tiere gemeißelt waren.

Die Halle war halb voll, als Rob eintraf, doch sofort traten Leute hinter ihm ein, die ihn in die Gruppe der Juden drängten. Abschnitte der Halle waren durch Seile abgegrenzt, so daß dazwischen Gänge freiblieben. Rob sah sich um und registrierte alles mit einer neuen Intensität, denn die Stunden im carcan hatten ihm deutlich gemacht, daß er ein Ausländer war: Handlungen, die er für natürlich hielt, mochten den Persern seltsam und bedrohlich erscheinen, und ihm war bewußt, daß sein Leben davon abhängen konnte, daß er richtig erahnte, wie sie sich verhielten und was sie dachten. Er bemerkte, daß die Männer aus der oberen Klasse, die gestickte Hosen, Tuniken, Seidenturbane und Schuhe mit Brokatmuster trugen, durch einen gesonderten Eingang hoch zu Roß in die Halle einritten. Jeder wurde etwa hundertfünfzig Schritte vor dem Thron von Dienern angehalten, die sein Pferd für ein Geldstück übernahmen, und von dieser privilegierten Stelle an gingen sie zu Fuß zwischen den Armen weiter.

Untergeordnete Beamte, die graue Kleidung und Turbane trugen, gingen nun durch die Menge und forderten die Leute, die Bitten vorzubringen hatten, auf, ihre Namen zu nennen. Rob drängte sich zum Gang durch und buchstabierte seinen Namen mühsam einem dieser Schreiber, der ihn auf merkwürdig dünnem Pergament notierte.

Ein hochgewachsener Mann hatte das erhöhte Podest an der Front der Halle betreten, auf dem ein großer Thron stand. Rob war zu weit vom Podest entfernt, um Einzelheiten erkennen zu können, aber der Mann war nicht der Schah, denn er setzte sich auf einen kleineren Thron rechts vom Herrscherthron.

»Wer ist das?« fragte Rob den Juden, mit dem er vorher gesprochen hatte.

»Es ist der Großwesir, der heilige Imam Mirza-abul Qandrasseh.« Der Jude blickte Rob beunruhigt an, denn es war nicht unbemerkt geblieben, daß es sich bei ihm um einen Bittsteller handelte. Alä-al-Dawla Shahansha schritt auf das Podest zu, nahm sein Schwert-gehenk ab, legte die Schneide auf den Boden und nahm auf dem Thron Platz. Alle Anwesenden verrichteten den ravi zemin, während der Imam Qandrasseh die Gunst Allahs auf diejenigen herabrief, die beim Löwen von Persien Gerechtigkeit suchen würden. Die Audienz begann sofort.

Rob konnte trotz der plötzlich eingetretenen Stille weder die Bittsteller noch die beiden Thronenden deutlich vernehmen. Aber wann immer eine wichtige Persönlichkeit sprach, wurden deren Worte von Leuten, die an akustisch günstigen Stellen in der Halle postiert waren, mit lauter Stimme wiederholt, und auf diese Weise erreichten die Worte der Teilnehmer getreulich alle Anwesenden.

Der erste Fall betraf zwei wettergegerbte Schäfer aus dem Dorf Ardistan, die zwei Tage gegangen waren, um ihren Streit in Isfahan vor dem Schah auszutragen. Sie konnten sich über den Besitzanspruch an einem jungen Zicklein nicht einigen.

Dem einen Mann gehörte die Mutterziege, die lange unfruchtbar gewesen war. Der andere erklärte, er habe die Geiß für die erfolgreiche Besteigung durch den Ziegenbock bereit gemacht und betrachte sich daher jetzt als halber Besitzer des Zickleins. »Hast du Zauberei angewendet?« fragte der Imam. »Eure Exzellenz, ich habe nur eine Feder eingeführt und sie hitzig gemacht«, erklärte der Mann, worauf die Menge vor Lachen brüllte und stampfte. Darauf verlautbarte der Imam, daß der Schah zugunsten des Mannes mit der Feder entschieden habe.

Für die meisten Anwesenden war die Audienz eine Unterhaltung. Der Schah sprach nie selbst. Vielleicht übermittelte er Qandrasseh seine Wünsche durch Zeichen, aber alle Fragen und Entscheidungen schienen von dem Imam auszugehen, der nichts für Dummköpfe übrig hatte.

Der nächste Fall war weniger vergnüglich. Er wurde von zwei ältlichen Adeligen in kostbaren Seidengewändern vorgebracht, die eine geringfügige Meinungsverschiedenheit wegen irgendwelcher Weiderechte hatten. Er führte zu einer scheinbar endlosen Diskussion im Flüsterton

über uralte Vereinbarungen zwischen längst Verstorbenen. Die Zuhörer gähnten und beklagten sich leise über die schlechte Luft in der überfüllten Halle und die Schmerzen in ihren müden Beinen. Sie zeigten keine Gefühlsregung, als das Urteil gesprochen wurde. »Laßt Jesse ben Benjamin, einen Juden aus England, vortreten«, rief jemand.

Sein Name hing in der Luft, dann hallte er durch den Saal wider, als er immer wieder gerufen wurde. Rob hinkte den langen, teppichbelegten Gang entlang. Ihm war bewußt, daß er den schmutzigen, zerrissenen Kaftan und den schäbigen ledernen Judenhut trug, der zu seinem mißhandelten Gesicht paßte.

Endlich näherte er sich dem Thron und führte dreimal den ravi zemin aus, denn er hatte beobachtet, daß dies von einem Bittsteller erwartet wurde.

Als er sich aufrichtete, sah er den Imam, m»//rt/>-schwarzgekleidet. Eine schmale Hakennase beherrschte sein eigenwilliges Gesicht, das von einem eisengrauen Bart umrahmt war.

Der Schah trug den weißen Turban eines frommen Mannes, der in Mekka gewesen ist; in seinen Falten steckte ein schmales, goldenes Krönchen. Die lange, weiße Tunika bestand aus glattem, leichtem Stoff, der mit blauen und goldenen Fäden durchwirkt war. Dunkelblaue Gamaschen bedeckten seine Unterschenkel, und seine spitzen, blauen Schuhe waren blutrot bestickt. Er wirkte unbewegt, und sein Blick war leer - das Bild eines Mannes, der unaufmerksam ist, weil er sich langweilt.

»Ein Inghiliz«, bemerkte der Imam. »Ihr seid derzeit unser einziger Inghiliz, unser einziger Europäer. Warum seid Ihr nach Persien gekommen?«

»Ich suche die Wahrheit.«

»Wollt Ihr die wahre Religion annehmen?« fragte Qandrasseh nicht unfreundlich.

»Nein, denn wir sind uns bereits darüber einig, daß es keinen Allah gibt als Ihn, den Barmherzigsten«, antwortete Rob und segnete die langen Stunden, in denen ihn Simon ben Levi, der gelehrte Händler, unterrichtet hatte. »Es steht im Qu'ran geschrieben: >Ich werde nicht das anbeten, was du anbetest, und du wirst nicht das anbeten, was ich anbete... Du hast deine Religion, und ich habe meine Religion.<«

Du mußt dich kurzfassen, rief er sich ins Gedächtnis. Leidenschaftslos und mit sparsamen Worten erzählte er, wie er sich im Dschungel des westlichen Persien befunden habe, als ihn plötzlich ein wildes Tier ansprang.

Der Schah begann langsam, genauer zuzuhören. »In meinem Heimatland gibt es keine Panther. Ich hatte keine Waffe und wußte auch nicht, wie man sich vor einem solchen Tier wehrt.« Er erzählte, wie Alä-al-Dawla Shahansha, gleich seinem Vater Abdal-lah, der den Löwen von Kashan erlegt hatte, ein Jäger von Großkatzen, ihm das Leben gerettet hatte. Die Menschen, die dem Thron am nächsten standen, begannen ihrem Herrscher mit lauten Zurufen Beifall zu spenden. Gemurmel durchlief die Halle, als die Sprecher die Geschichte den Massen weitergaben, die vom Thron zu weit entfernt waren.

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