Der Medicus
- Автор: Гордон Ной
- Год: 1990
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
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Der Medicus
Roman
Titel der Originalausgabe »The Physician«
Copyright © 1986 by Noah Gordon
Aus dem Amerikanische übersetzt
Von Willy Thaler
Der Arzt aller Ärzte verschränkte die Hände auf dem Rücken und ließ sein Gefolge stehen.
Am nächsten Morgen besuchte Rob in einem kleinen Amphitheater mit ansteigenden steinernen Sitzreihen seine erste Vorlesung in der madrassa. Aus Nervosität war err schon sehr früh gekommen und saß allein in der vierten Reihe, als ein halbes Dutzend Studenten gemeinsam eintrat.
Zuerst schenkten sie ihm keine Beachtung. Dann, als er Rob bemerkte, fragte der, den Ibn Sina Fadil genannt hatte: »Salam, wen haben wir denn da? Wie heißt du, Dhimmi?« »Jesse ben Benjamin.«
»Ah, der berühmte Gefängnisinsasse! Der jüdische Baderchirurg mit dem calaat des Schahs. Du wirst bald merken, daß man mehr als einen herrscherlichen Erlaß braucht, um Medicus zu werden.« Der Raum füllte sich allmählich. Mirdin Askari ging die Sitzreihen hinauf zu einem leeren Platz, und Fadil rief ihm zu: »Askari! Hier ist noch ein Hebräer, der ein Blutegel werden will.« Rob begann zu ahnen, was sein Drang, Medizinstudent zu werden,
mit sich bringen würde, denn der eben eingetretene Lehrer für Philosophie, Sajjid Sa'di, sah sich im Saal um und entdeckte sein Gesicht, das ihm fremd war.
»Wie lautet dein Name, Dhimmi?« »Ich bin Jesse ben Benjamin, Herr.«
»Jesse ben Benjamin, erzähl uns, wie Aristoteles die Beziehung zwischen Körper und Geist beschreibt.« Rob schüttelte den Kopf.
»Es steht in seinem Werk >Über die Seele<«, ergänzte der Dozent ungeduldig.
»Ich kenne das Buch >Über die Seele< nicht. Ich habe Aristoteles nie gelesen.«
Sajjid Sa'di starrte ihn besorgt an. »Das mußt du sofort nachholen!« Rob verstand nur wenig von dem, was Sa'adi in seiner Vorlesung erzählte. Als sie zu Ende war und das Amphitheater sich leerte, ging Rob zu Mirdin Askari.
»Ich soll dir die besten Wünsche von drei Männern aus Masqat überbringen, von Reb Lonzano ben Ezra, Reb Loeb ben Kohen und von deinem Vetter, Reb Arieh Askari.« »Ah. Verlief ihre Reise gut?« »Ich glaube schon.«
Mirdin nickte. »Du bist ein Jude aus Europa, wie ich höre. Isfahan wird dir merkwürdig vorkommen, aber die meisten von uns kommen aus anderen Ländern.« Unter den Medizinstudenten, berichtete er, gebe es vierzehn Mohammedaner aus Ländern des Östlichen Kalifats, sieben Mohammedaner aus dem Westlichen Kalifat und fünf Ostjuden.
»Dann bin ich also erst der sechste jüdische Student? Ich hätte gedacht, daß wir hier zahlreicher vertreten sind.«
Mirdin sah Rob neugierig an. »Man sagt, du bist ein Baderchirurg. Stimmt das?« »Ja.«
»Ich würde besser nicht darüber sprechen«, riet ihm Mirdin. »Die persischen Ärzte finden, daß Baderchirurgen...« »... nicht gerade bewundernswert sind?« »Sie sind nicht beliebt.«
»Ich kümmere mich nicht darum, wer beliebt ist. Ich entschuldige mich nicht für meinen Stand.«
»Das sollst du auch nicht«, meinte Mirdin. Dann nickte er kühl und verließ das Amphitheater.
Bei der von einem fetten mullah namens Abul Bakr gehaltenen Vorlesung in islamischer Theologie erging es Rob kaum besser als beim Vortrag in Philosophie. Der Qu'ran war in einhundertvierzehn Kapitel unterteilt, die suras hießen. Die Länge der suras variierte von wenigen Zeilen bis zu mehreren hundert Versen, und zu Robs Verzweiflung erfuhr er, daß er die maärassa erst abschließen durfte, wenn er die wichtigen suras auswendig konnte.
Während der nächsten Vorlesung, die der Meisterchirurg Abu Ubaid al'Juzjani hielt, wurde ihm befohlen, die
»Zehn Abhandlungen über das Auge« von Hunam zu lesen. Al-Juzjani war klein, dunkelhäutig und furchterregend. Er sah seine Studenten mit starrem Blick an und schien in der gleichen Stimmung zu sein wie ein aus dem Winterschlaf geweckter Bär. Rob wurde angst und bang, wenn er daran dachte, wie viele wissenschaftliche Bücher er lesen mußte, aber al-Juzjanis Vorlesung über die Trübung, die die Augen so vieler Menschen befiel und ihnen die Sehkraft raubte, gefiel ihm. »Man glaubt, daß diese Blindheit dadurch verursacht wird, daß schädliche Flüssigkeit ins Auge dringt«, dozierte al-Juzjani. »Aus diesem Grund nannten frühe persische Ärzte die Krankheit Nazul-i-ab oder Eindringen von Wasser, was im Volksmund zu Wasserfallkrankheit oder Katarakt wurde.« Rob sah interessiert zu, als al-Juzjani einer toten Katze den Star stach. Bald danach verteilten seine Assistenten Tierleichen an die Studenten, damit sie die Technik an Hunden, Katzen und sogar Hennen üben konnten. Rob erhielt einen scheckigen Köter mit starren Augen und hochgezogenen Lefzen, dem die Vorderpfoten fehlten. Robs Hände zitterten, und er wußte eigentlich nicht, was er tun sollte. Aber er faßte Mut, als er sich daran erinnerte, daß Merlin Edgar Thorpe von seiner Blindheit heilen konnte, weil er diese Operation an dieser Schule, vielleicht sogar in diesem Raum, gelernt hatte. Plötzlich beugte sich al-Juzjani über ihn und betrachtete das Auge seines toten Hundes. »Setz die Nadel an der Stelle an, an der du stechen willst, und mach dort ein Zeichen!« befahl er scharf. »Dann bewege die Nadelspitze zum äußeren Augenwinkel hin, und zwar auf gleicher Höhe mit und nur ein wenig oberhalb der Pupille. Dadurch sinkt die Katarakt unter die Pupille. Wenn du das rechte Auge operierst, hältst du die Nadel in der linken Hand und umgekehrt.« Rob befolgte die Anweisungen und dachte an all die Männer und Frauen, die im Lauf der Jahre mit trüben Augen hinter seinen Wandschirm gekommen waren und denen er nicht hatte helfen können. Zum Teufel mit Aristoteles und dem Qu'ran! sagte er sich frohlok-kend. Dieser Unterricht ist der Grund, weshalb ich die Reise nach Persien gewagt habe.
Am Nachmittag folgte er mit einer Gruppe von diensttuenden Studenten al-Juzjani durch den maristan. Wie Ministranten einem englischen Bischof, dachte er. Al-Juzjani untersuchte Patienten, dozierte, kommentierte und stellte den Studenten Fragen, während er Verbände wechselte und Fäden entfernte. Er war ein geschickter, einfallsreicher Chirurg. Den Patienten, die er an diesem Tag aufsuchte, hatte er entweder den Star gestochen oder einen zermalmten Arm amputiert oder Bubonen geöffnet oder das Glied beschnitten. Im Gesicht eines Jungen, dessen Wange von einem spitzen Stock durchbohrt worden war, hatte er eine Wunde genäht.
Als al-Juzjani fertig war, ging Rob noch einmal durch das Krankenhaus, diesmal hinter hakim Jalal-al-Din, einem Knocheneinrichter, dessen Patienten in komplizierten Apparaten aus Wundhaken, Kupplungen, Seilen und Flaschenzügen steckten, die Rob ehrfürchtig betrachtete.
Er hatte nervös darauf gewartet, aufgerufen oder befragt zu werden, aber die beiden Ärzte hatten seine Existenz nicht zur Kenntnis genommen. Als Jalal fertig war, half Rob den Pflegern, hinfällige Patienten zu füttern und zu reinigen.
Als er mit dieser Beschäftigung im Krankenhaus fertig war, machte er sich auf die Suche nach Büchern. Er fand in der Bibliothek der tnadrassa zahlreiche Exemplare des Qu'ran, und er entdeckte auch das Buch »Über die Seele«. Aber er erfuhr, daß das einzige Exemplar von Hunains »Zehn Abhandlungen über das Auge« schon an jemand ausgeliehen worden war, und eine Anzahl Studenten hatte sich bereits vor ihm angemeldet, um das Buch zu studieren. Der Bibliothekar im Haus der Weisheit war ein freundlicher Mann namens Jussuf-al-Gamal, ein Kalligraph, der seine Freizeit mit Feder