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Der Medicus

Электронная книга - «Der Medicus». Краткое содержание книги:

Noah Gordon
Der Medicus
Roman

Titel der Originalausgabe »The Physician«
Copyright © 1986 by Noah Gordon

Aus dem Amerikanische übersetzt
Von Willy Thaler
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Der Platz war von Verkaufsständen umgeben, die Möbel, Lampen und Öl, nach Honig und Gewürzen duftendes Brot, Backwerk, Kleidung, alle Arten von Geräten, Gemüse und Obst, Fleisch, Fische, gerupfte oder noch lebende und gackernde Hühner verkauften - alles, was für das physische Leben erforderlich war. Er sah Gebetsschals, Kleidungsstücke mit Fransen, Gebetsriemen. Im Stand eines Briefstellers beugte sich ein alter Mann mit faltigem Gesicht über ein Tintenfaß und Federn, und in einem offenen Zelt wahrsagte eine Frau. Rob wußte, daß er im Juden viertel war, denn hier gab es Frauen, die an den Ständen verkauften und auf dem überfüllten Markt mit Körben am Arm einkauften. Sie trugen lose, schwarze Kleider, und ihr Haar war mit Tüchern bedeckt. Einige trugen einen Gesichtsschleier wie mohammedanische Frauen, aber die meisten waren unverschleiert. Die Männer waren so gekleidet wie Rob und trugen volle, buschige Barte. Er ging langsam weiter und genoß den Anblick und all die Geräusche. So kam er auch an zwei Männern vorbei, die wie erbitterte Feinde über den Preis eines Paars Schuhe feilschten. Andere riefen einander scherzhaft etwas zu. Man mußte hier laut sprechen, um sich Gehör zu verschaffen.

Auf der anderen Seite des Marktes durchschritt er das ihm beschriebene Torgewölbe und wanderte enge, schmale Gassen hinunter. Dann kam er auf einen gewundenen, abschüssigen Weg, der zu einem Areal mit elenden, unordentlichen Häusern führte. Viele dieser Gebäude waren miteinander verbunden, doch da und dort stand ein Haus einzeln in einem kleinen Garten. Obwohl letztere nach englischen Maßstäben bescheiden aussahen, hoben sie sich von den anderen Bauten ab, als seien sie Schlösser.

Isfahan war alt, aber die Jehuddijeh schien noch viel älter zu sein. Die Häuser und Synagogen waren aus Stein oder aus alten Ziegeln, die zu einem blassen Rosa gebleicht waren. Kinder führten eine Ziege an ihm vorbei. Die Leute standen in Gruppen beisammen, lachten und plauderten. Bald war Zeit für das Abendessen, und die Küchengerüche aus den Häusern ließen ihm das Wasser im Mund zusammenlaufen. Er schlenderte durch das Viertel, bis er einen Stall fand, in dem er die

Tiere einstellen konnte. Bevor er seine Begleiter verließ, reinigte er noch die Kratzspuren an der Flanke des Esels, die gut verheilten. Nicht weit vom Stall fand er einen Gasthof, der von einem hochgewachsenen alten Mann geführt wurde, der freundlich lächelte, einen schiefen Rücken hatte und Salman der Kleinere hieß.

»Warum der Kleinere?« fragte Rob.

»In meinem Geburtsort hieß mein Onkel Salman der Große. Er war ein berühmter Gelehrter«, klärte ihn der Alte auf. Rob mietete sich einen Strohsack in einer Ecke des großen Schlafsaals.

»Wünscht Ihr auch zu essen?«

Kleine, auf Spießen gebratene Fleischstücke, fetter Reis, den Salman pilaw nannte, und kleine, vom Feuer gebräunte Zwiebeln lockten Rob sehr.

»Ist es koscher?« fragte er vorsichtshalber. »Natürlich ist es koscher. Ihr könnt es bedenkenlos essen.« Nach dem Fleisch trug Salman in Honig getränkten Kuchen und ein angenehmes Getränk auf, das er Scherbett nannte. »Ihr kommt von weit her?« fragte er. »Aus Europa.« »Aus Europa. Ah.« »Wie kommt Ihr darauf?«

Der alte Mann grinste. »Nach der Art, wie Ihr unsere Sprache sprecht.« Er sah Robs Gesichtsausdruck. »Ihr werdet sie bestimmt besser sprechen lernen. Wie ist es, in Europa ein Jude zu sein?« Rob wußte nicht, was er darauf antworten sollte, dann dachte er an den Ausspruch Zevis. »Es ist oft schwer, ein Jude zu sein.« Salman nickte ernst.

»Und wie ist es, in Isfahan ein Jude zu sein?«

»Oh, hier ist es nicht übel. Die Menschen werden zwar im Qu'ran angewiesen, uns zu schmähen, und deshalb beschimpfen sie uns, aber sie sind an uns gewöhnt und wir an sie. Es hat in Isfahan schon immer Juden gegeben.

Die Stadt wurde von Nebukadnezar gegründet, der die Juden, so sagt die Legende, hier ansiedelte, nachdem er sie gefangengenommen hatte, als er Judäa eroberte und Jerusalem zerstörte. Dann verliebte sich neunhundert Jahre später ein Schah namens Jas-degerd in eine Jüdin, die hier lebte. Sie hieß Shusha-Dukht, und er machte sie zu seiner Königin. Dank ihrer Hilfe verbesserte sich die Lage ihres Volkes, und es siedelten sich immer mehr Juden an.« Rob sagte sich, er hätte keine bessere Identität wählen können. Hier konnte er untertauchen wie eine Ameise in einem Ameisenhaufen, sobald er die hiesige Lebensweise gelernt hatte.

So begleitete er also nach dem Abendessen den Wirt zum Haus des Friedens, wie eine der Dutzend Synagogen hieß. Es war ein quadratisches Gebäude aus alten Steinen, dessen Sprünge mit weichem, braunem Moos ausgestopft waren, obwohl es nicht feucht war. Die Synagoge besaß nur schmale Sehschlitze statt Fenster und eine so niedrige Tür, daß Rob sich bücken mußte, um hindurchzuschlüpfen. Ein dunkler Gang führte ins Innere, wo er im Lampenlicht Säulen erkannte, die einen Dachstuhl trugen, der zu hoch und dunkel war, als daß man ihn ausmachen konnte. Im Hauptraum saßen die Männer, während die Frauen hinter einer Mauer in einem kleinen Alkoven an der Seite des Gebäudes ihre Andacht verrichteten. Rob fand es leichter, die ma'ariiv-Anbetung in der Synagoge zu verrichten als in Gesellschaft nur weniger Juden. Hier gab es einen Vorbeter und eine ganze Gemeinde, die murmelte oder sang, also schloß er sich dem allgemeinen Vor- und Zurückbeugen an, ohne Hemmungen wegen seiner mangelhaften Hebräischkenntnisse und der Tatsache zu haben, daß er bei den Gebeten oft nicht mithalten konnte.

Auf dem Rückweg zum Gasthof lächelte ihn Salman pfiffig an. »Vielleicht wollt Ihr, da Ihr ein junger Mann seid, ein wenig Unterhaltung, wie? Abends erwachen hier die maidans, das sind die Plätze im mohammedanischen Teil der Stadt, zum Leben. Dort gibt es Frauen und Wein, Musik und Unterhaltungen, wie Ihr es Euch kaum vorstellen könnt, Reb Jesse.«

Doch Rob schüttelte den Kopf. »Vielleicht ein andermal«, erwiderte er, »aber heute will ich einen klaren Kopf bewahren, denn morgen habe ich eine Angelegenheit von höchster Wichtigkeit zu erledigen.«

In dieser Nacht schlief er nicht, sondern er warf und wälzte sich unruhig hin und her und hätte nur allzu gern gewußt, ob Ibn Sina ein zugänglicher Mann war.

Am Morgen suchte er das öffentliche Bad auf, einen Ziegelbau, der über einer natürlichen warmen Quelle errichtet war. Mit kräftiger Seife

und sauberen Tüchern schrubbte er den angesammelten Reiseschmutz herunter, und als sein Haar trocken war, nahm er ein chirurgisches Messer und stutzte seinen Bart, wobei er sich in seinem polierten Stahlwürfel betrachtete. Der Bart hatte nun die nötige Fülle, und er fand, daß er wie ein echter Jude aussah.

Er trug den besseren von seinen beiden Kaftanen und setzte seinen Lederhut auf. Auf der Straße ersuchte er einen Mann mit verkrüppelten Gliedmaßen, ihm den Weg zu der Ärzteschule zu zeigen. »Ihr meint die madrassa, den Ort des Lernens. Sie steht neben dem Krankenhaus«, gab der Bettler Auskunft, »an der Straße Alis bei der Freitagsmoschee in der Mitte der Stadt.« Als Gegenleistung für eine Münze segnete der Krüppel Robs Kinder bis ins zehnte Glied. Es war ein langer Weg. Rob erkannte, daß Isfahan eine geschäftige Stadt war, in der überall Männer ihr Handwerk ausübten: Schuhmacher und Schmiede, Töpfer und Stellmacher, Glasbläser und Schneider. Er kam an mehreren Basaren vorbei, in denen Waren aller Art verkauft wurden. Schließlich erreichte er die Freitagsmoschee, ein massives, quaderförmiges Gebäude mit einem herrlichen Minarett, um das Vögel flatterten. Hinter der Moschee lag ein Marktplatz, auf dem es hauptsächlich Bücherstände und kleine Speiselokale gab, und dann sah er die madrassa.

Am äußeren Rand des Schulgeländes befanden sich zwischen weiteren Bücherständen, die den Bedarf der Studenten deckten, langgestreckte, niedrige Gebäude mit Unterkünften. Hier spielten viele Kinder. Überall sah er junge Männer, von denen die meisten grüne Turbane trugen. Die Gebäude der madrassa bestanden nach der Art der meisten Moscheen aus weißen Kalksteinblöcken. Sie waren weitläufig angelegt, und zwischen ihnen gediehen Gärten. Unter einem Kastanienbaum mit noch geschlossenen, stacheligen Früchten saßen sechs junge Männer im Schneidersitz und hörten einem weißbärtigen Mann, der einen himmelblauen Turban trug, aufmerksam zu. Rob näherte sich ihnen. »...Syllogistik des Aristoteles«, dozierte der Vortragende gerade. »Eine Behauptung gilt als logisch richtig, wenn zwei ihrer Prämissen richtig sind. Zum Beispiel aus der Tatsache, daß erstens alle Menschen sterblich sind, und zweitens, daß Sokrates ein Mensch ist, kann logisch geschlossen werden, daß drittens Sokrates sterblich ist.«

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